Antizionismus ist ein Sammelbegriff für gegen (griechisch antí) den Zionismus gerichtete politische Ideologien. Seit der Gründung des Staates Israel 1948 richten diese sich als Antiisraelismus gegen den jüdischen Staat. Antizionismus wird sowohl säkular als auch religiös begründet und findet sich im gesamten politischen Spektrum. Nach Einschätzung einer Reihe von Wissenschaftlern bestehen häufig Zusammenhänge mit dem Antisemitismus, andere Wissenschaftler bestreiten diesen Zusammenhang.

Jüdischer Antizionismus Liberales und säkulares Judentum Viele Juden lehnten den im 19. Jahrhundert entstandenen politischen Zionismus ab, da er ihren Zielen der Emanzipation, innerstaatlichen Gleichberechtigung, Assimilation und sozialen Integration in die Zivilgesellschaften der Länder, in denen sie lebten, widersprach, und kritisierten die vorgebliche Übereinstimmung der Ziele von Zionisten und Antisemiten.

Liberale Juden sahen sich als Bürger ihrer Nationalstaaten mit gleichberechtigter Konfession, vergleichbar mit Protestanten und Katholiken. Sie strebten nach voller Anerkennung in den vom Christentum dominierten Gesellschaften und zeichneten sich oft durch besonderen Patriotismus aus. Im Krieg 1870/71 wird namentlich der noch nicht 16-jährige jüdische Schlosserlehrling Michael Stolzenberg († 1913) in Königsberg als jüngster Kriegsfreiwilliger 1932 durch die Jüdische Wochenschrift Die Wahrheit genannt.Jüdische Wochenschrift. Die Wahrheit. (PDF; 2,3 MB), abgerufen am 4. April 2013

Den zionistischen Standpunkt, dass Juden eine „Nation in den Nationen“ seien, den auch die Volkstums-Ideologen vertraten, um Juden auszugrenzen und ihnen die vollen Staatsbürgerrechte zu verweigern, lehnten sie ab, einer Ansiedelung armer osteuropäischer Juden in Palästina standen sie dagegen positiv gegenüber. Im Deutschen Reich wandte sich etwa der 1893 gegründete liberale Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (CV) dagegen, dass die Zionisten die Bindung an das Land Israel als Hauptkennzeichen des jüdischen Glaubens ansahen.

mini|Umzug des Bunds 1917 Innerhalb der jüdischen Arbeiterschaft in Osteuropa war die größte und wichtigste antizionistische Organisation der 1897 in Wilna gegründete Allgemeine Jüdische Arbeiterbund, die größte und bestorganisierte jüdische Arbeiterorganisation der damaligen Zeit.Daniel Blatman: Bund. In: The YIVO Encyclopedia of Jews in Eastern Europe Online. Abgerufen am 25. März 2011 (englisch).

Das Reformjudentum in den USA vertrat vor 1937 eine antizionistische Haltung. In der Pittsburgh Platform von 1885 wurden mehrere Prinzipien festgelegt, darunter, dass sich Juden nicht als eine Nation, sondern als eine religiöse Gemeinschaft auffassen würden, und deshalb „neither a return to [Israel] ... nor the restoration of any of the laws concerning the Jewish state“ wünschen (deutsch: „weder eine Rückkehr nach Israel noch eine Wiederherstellung von Gesetzen bezogen auf einen jüdischen Staat“). Als Antwort auf den Anstieg des Antisemitismus in Deutschland und Europa in den 1930er Jahren sowie auf die Erfahrungen des Ersten Weltkriegs bekannte sich allerdings das Reformjudentum zum Zionismus. In der Columbus Platform von 1937 wurde festgehalten, dass es die Aufgabe jedes Juden sei, beim Aufbau einer jüdischen Heimat zu helfen und einen sicheren Rückzugsort für alle unterdrückten Juden zu schaffen.

Namhafte Zionisten vertraten bis 1947 und darüber hinaus das Konzept eines binationalen Staates mit gleichen Rechten für in Palästina ansässige Araber und Juden. Teile der Linken innerhalb und außerhalb Israels befürworten auch heute einen binationalen Staat, ohne das Existenzrecht Israels in Frage zu stellen. Ein erklärter jüdischer Antizionist ist etwa Uri Davis, Mitglied der Fatah und des Palästinensischen Nationalrats (PNC).Peter Beaumont: Why Israeli Jew Uri Davis joined Fatah to save Palestine. The first Jewish member of the Revolutionary Council of Fatah talks about a unique political journey. The Observer, 23. August 2009 (englisch). Dem Vernehmen nach konvertierte Uri Davis im Jahr 2008 zum Islam.

Der ehemalige Mossad-Agent Victor Ostrovsky begründete in seinem erstmals 1994 veröffentlichten Enthüllungsbuch Geheimakte Mossad seine Ablehnung des Zionismus. Dieser berufe sich auf das Judentum als Religion, obwohl religiöse Juden die Idee eines jüdischen Nationalstaates vor Ankunft ihres Messias ablehnten:Victor Ostrovsky: Geheimakte Mossad. Die schmutzigen Geschäfte des israelischen Geheimdienstes, Bertelsmann, 1994 (The Other Side of Deception, New York, 1994). ISBN 3-570-12174-7, S. 366.

Am 20. November 2018 appellierten 34 israelische Gelehrte (darunter David Harel, Eva Illouz, Paul Mendes-Flohr, Zeev Sternhell und Moshe Zuckermann) in einem offenen Brief an Europa bzw. an die österreichische Bundesregierung, Antizionismus nicht mit Antisemitismus gleichzusetzen, da dies Israel gegen Kritik immun mache.Vermischt Kritik an Israel nicht mit Antisemitismus. Jüdische Stimme für gerechten Frieden in Nahost, 20. November 2018.

Orthodoxes Judentum Das orthodoxe Judentum verurteilte mit Ausnahme der 1902 gegründeten nationalreligiösen Misrachi die Schaffung eines jüdischen Staates als Gotteslästerung und Bruch der Tora. Nur Gott könne die Juden aus der Diaspora befreien, worauf sie bis zur Ankunft des Messias zu warten hätten. Vertreten wurde diese Haltung von der 1912 in Kattowitz gegründeten Agudat Jisra’el, die, obwohl strikt antizionistisch, die Ansiedlung von jungen osteuropäischen Juden in Palästina förderte. Die Agudah ist bis heute weltweit tätig und tritt in Israel als politische Partei auf.Gershon Bacon: Agudas Yisroel. In: The YIVO Encyclopedia of Jews in Eastern Europe Online. Abgerufen am 25. März 2011 (englisch). Diese religiös begründete antizionistische Überzeugung vertreten die meisten ultraorthodoxen aschkenasischen jüdischen Religionsgemeinschaften, sowohl innerhalb wie außerhalb Israels. Aus denselben Gründen lehnt auch die ultraorthodoxe Bewegung Neturei Karta den Staat Israel ab.

Weiterhin hat das Publikationsteam der namhaften orthodox-jüdischen ArtScroll-Gebetbücher festgehalten, dass „die Gründung des weltlichen Staates Israel keine theologische Signifikanz“ hat.

Arabisch-islamischer Antizionismus

Der arabische Antizionismus wurzelt unter anderem im Panarabismus, der vor und während des Ersten Weltkrieges gegen die osmanische Herrschaft, danach als Reaktion auf die durch Großbritannien erlaubte Besiedlung Palästinas gegen jüdische Siedler gerichtet war. Ein jüdischer Staat im Nahen Osten musste den Zielen des Panarabismus widersprechen, vom Atlantik bis zum Persischen Golf einen durchgängigen gemeinsamen Nationalstaat zu errichten.

Die arabischen Staaten bekämpften den Staat Israel u. a. im Israelischen Unabhängigkeitskrieg (1947–1949). Gleichzeitig kam es parallel zur Nakba zu der beinahe totalen Vertreibung und Flucht der Juden aus den arabischen Ländern. Von den fast 900.000 in arabischen Ländern vor 1948 lebenden Juden sind heute nur wenige Tausend übriggeblieben.

In Ägypten wurde die Befreiung Palästinas als ägyptische Angelegenheit, die eng mit nationaler Sicherheit und Würde Ägyptens zusammenhing, betrachtet; auch wurde Israel als gemeinsame Bedrohung aller Araber aufgefasst. Der ägyptische Präsidenten Gamal Abdel Nasser machte mit diesen Ideen Politik, was ihm große Popularität verlieh und Ägypten zeitweise zur führenden Macht in der arabischen Region machte. Sein Nachfolger Anwar Sadat brach mit dieser Politik, orientierte sich an den Vereinigten Staaten und schloss Frieden mit Israel.

Seit 1993 erkennen die meisten Staaten der Arabischen Liga Israel de facto an und haben zum Teil diplomatische Beziehungen zu ihm aufgenommen. Doch gibt es in diesen Staaten oft starke nationalistische und islamistische Oppositionsgruppen wie die Muslimbruderschaften, die die Anerkennung Israels ablehnen und ihre Regierungen deshalb bekämpfen. Andere Staaten wie Syrien und der Iran nach der Islamischen Revolution haben Israel bis heute nicht anerkannt. Das iranische Regime versieht seine antizionistische Rhetorik regelmäßig mit eindeutigen antisemitischen Konnotationen und Bildern, sodass die „immer wieder behauptete Unterscheidung von Zionisten und Juden ad absurdum“ geführt wird. (PDF; 625 kB) Gutachten von Udo Wolter für den Integrationsbeauftragten der Bundesregierung, Berlin im November 2004

Unter dem Einfluss von Nasser und im Zuge des verlorenen Sechstagekriegs von 1967 gründeten sich auch palästinensische antizionistische Gruppen, wie die Fatah (1964), die PFLP (1968) und die DFLP (1969), die sich der 1964 gegründeten PLO anschlossen. Der von der Fatah seit 1993 getragene Oslo-Prozess führte zu einer Spaltung der PLO, wobei sich PFLP und DFLP radikaleren, islamistischen Gruppen anschlossen, welche den teilweisen Verzicht auf bewaffneten Kampf ablehnen.

Auch der Panislamismus und andere islamistische Bewegungen für eine staatliche Einheit aller Muslime in einem Kalifat sind dem Zionismus ideologisch entgegengesetzt. Das historische Palästina, in dem Israel liegt, ist für Islamisten als Dār al-Islām rechtmäßiger und ewiger Besitz der Muslime.Neusner, Jacob: Comparing Religions Through Law. Judaism and Islam, London 1999, S. 201Merkley, Paul Charles: Christian Attitudes Towards the State of Israel, Montreal 2001, S. 122Akbarzadeh, Shahram: Islam And the West. Reflections from Australia, Sydney 2005, S. 4 Die palästinensischen Terrororganisationen Hamas und der mit ihr im Kampf gegen Israel verbündete Islamische Dschihad in Palästina sowie die im Libanon agierende Terrororganisation Hisbollah streben offen die Zerstörung des Staates Israel an; finanziell, militärisch und ideologisch werden sie von den Regierungen Syriens und des Iran unterstützt. Andere militant-islamistische Terrororganisation, welche die Zerstörung Israels anstreben, sind Al-Qaida und der Islamische Staat im Irak und der Levante.Hobbs, Joseph J.: ‘The Geographical Dimensions of Al-Qa'ida Rhetoric’, in: Geographical Review, Bd. 95, Nr. 3, (Juli 2005), S. 301–327, hier besonders 313+314.Wall Street Journal: The Short Answer. Islamic State of Iraq and al-Sham, 12. Juni 2014.

Der Antizionismus ist heute besonders in den islamischen Staaten und vielen Dritte-Welt-Staaten verbreitet und enthält oft Elemente des europäischen Antisemitismus. Dennoch gibt es kritische Gegenbewegungen im arabischen Raum. Sowohl Kurden im Nordirak als auch iranische Oppositionelle und Kommunisten sind oft prozionistisch eingestellt und stehen im Kampf gegen den Islamismus Seite an Seite.

Siehe auch: Antisemitismus nach 1945 – Arabische und islamische Staaten, Antijudaismus im Islam und auch Holocaustleugnung – Naher und Mittlerer Osten.

Christlicher Antizionismus Die europäischen Großkirchen und viele der Freikirchen vertraten bis 1945 fast durchgehend eine Substitutionstheologie, die die Enterbung des erwählten Gottesvolkes Israel und dessen Ersetzung durch die Kirche behauptete, weil Juden Jesus Christus als Messias mehrheitlich abgelehnt hatten. Die biblischen Land-, Volk- und Zukunftsverheißungen an Israel seien seit der Kreuzigung Jesu, an der die Juden kollektiv und ewig schuldig seien, auf die Kirche übergegangen. Eine nationale und territoriale Zukunft könne das Judentum deshalb nicht haben.

Auf dem Hintergrund dieses traditionellen Antijudaismus lehnte die römisch-katholische Kirche ebenso wie die meisten evangelischen Kirchen Europas den Zionismus und sein Ziel eines Judenstaates in Palästina von Beginn an als gegen den Willen Gottes gerichtetes säkulares Vorhaben ab. Theodor Herzl berichtete von einer Privataudienz bei Pius X. im Januar 1904, in der der Papst von der Besiedlung Palästinas Abstand nahm.