mini|175px|Garcia de Resende: „Das Buch der Taten“ (Livro das obras) Garcia de Resende (* um 1470 in Évora; † 1536 ebenda) war ein portugiesischer Höfling, Chronist und Dichter, der sogar als Architekt gearbeitet haben soll. Die besondere Bedeutung Garcia de Resendes liegt nicht allein in seiner Tätigkeit als herausragender Chronist mehrerer Herrscher Portugals, sondern auch in der erstmaligen Zusammenstellung von portugiesischen Gedichten des ausgehenden Mittelalters und der Frühen Neuzeit auf der iberischen Halbinsel, wodurch die Schriftspracheportugiesischlernen.comMilton Mariano Azevedo: Portuguese: a linguistic introduction. Cambridge University Press, 2005, S. 12. und der Buchdruck seines Heimatlandes zusätzliche Impulse erhielt.

Leben

Ein Leben als erster Höfling portugiesischer Könige mini|Torre de Belém, Lissabon Resende wurde in Évora geboren. Der Neffe des Rechtsgelehrten Desembargador und späteren Großkanzlers Rui Boto, diente bereits im Kindesalter am königlichen Hof als Page oder Edelknabe (moço da camara). Resende selbst bezeichnete später in seinen Schlussversen der Miscellanea seine Bildung bescheiden als rudimentär, muss aber als Höfling eine besondere humanistische Bildung genossen haben, da er in Spanien bei Antonio de Nebrija studiert hat.Sandra Sider: Handbook to life in Renaissance Europe. Facts On File, New York 2005, S. 275. Später arbeitete er als Chronist und seit 1491 als Privatsekretär des portugiesischen Königs Johann II. (moço da escrevinha), dessen Vertrauter er als späterer Kammerherr (fidalgo da casa del rey) warMarília Mendes: A lingua portuguesa em viagem: actas do Coloquio Comemorativo do Cinquentenario do Leitorado de Portugues da Universidade de Zurique, 20 a 22 de Junho de 1996. Teo Ferrer de Mesquita, Frankfurt am Main 2003, S. 64 f. und dessen Bündnistreue zum französischen König Karl VIII. er besonders betonte.François Soyer: The persecution of the Jews and Muslims of Portugal: King Manuel I and the end of religious tolerance (1496-7). Brill, Leiden 2007, S. 150. Überraschenderweise nennt man ihn in dieser Phase vereinzelt auch als entwerfenden Architekten des Festungsturms von São Vincente, die so genannte Torre de Belém, der aufgrund des Todes des Monarchen erst zwischen 1514 und 1521 durch Francisco de Arruda ausgeführt wurde.Barbara Hüttel, Richard Hüttel, Jeanette Kohl: Re-Visionen: zur Aktualität von Kunstgeschichte. Akademie Verlag, Berlin 2002, S. 89 ff.Jean-Denis Lepage: Castles and fortifed cities of medieval Europe: an illustrated history. McFarland, Jefferson NC 2002, S. 215.

Er blieb Höfling während der Herrschaft der Könige Manuel I. und Johann III. und begleitete 1514 den portugiesischen Gesandten Tristão da Cunha auf einem Besuch zu Papst Leo X. Resende galt als sprach- und kulturgewandter Höfling, der dank seiner Verdienste, Jovialität und Vielseitigkeit zum Ritter des Christusordens und Fidalgo des königlichen Hofes ernannt wurde. Interessanterweise war Resende einer der ersten Autoren, der den Begriff Policia in seinen Schriften Crónica de D. João II und Miscelânea e Variedade de Histórias erwähnte,Airton L. Cerqueira-Leite Seelaender: Polizei, Ökonomie und Gesetzgebungslehre: ein Beitrag zur Analyse der portugiesischen Rechtswissenschaft am Ende des 18. Jahrhunderts. Klostermann, Frankfurt am Main 2003, S. 66. die er bereits zwischen 1530 und seinem Tode verfasste, aber erst posthum gedruckt wurden.

In einer neueren Studie über „Schwarzafrikaner“ in der europäischen Renaissance wird ein markantes Gedicht Resendes aus Miscelânea e Variedade de Histórias als Beleg dafür genannt, dass manche portugiesischen Adeligen sich aufgrund des florierenden Sklavenhandels auf der iberischen Halbinsel und der gleichzeitigen Emigration nahezu entfremdet vorkamen.Thomas Foster Earle, K. J. P. Lowe: Black Africans in Renaissance Europe. Cambridge Univ. Press, Cambridge 2005, S. 114. Andererseits glorifizierte de Resende in einem weiteren Gedicht die Christianisierung der Bevölkerung des heutigen Guinea, da angeblich deren König darum gebeten habe.Sylvia R. Frey, Betty Wood: From slavery to emancipation in the Atlantic world. Routledge 1999, S. 12f.

Resendes „Crónica de D. João II“ (1545) bezieht sich auf eine frühere, die „Riu de Rina“ verfasste. Allerdings enthält sie persönliche Anekdoten und einige Beschreibungen von Resendes Zeitalter. Seine „Miscelânea e Variedade de Histórias“ (1554) geben einen Überblick über das gesellschaftliche LebenManche nennen es eine der Primärquellen für die Alltagsgeschichte Portugals seiner Ära; António Henrique R. de Oliveira Marques, Vitor André: Daily Life in Portugal in the Late Middle Ages. Univ. of Wisconsin, Madison 1971, S. 329. und über wichtige zeitgenössische Ereignisse, wie z. B. den Abschluss der Reconquista, die überseeische ExpansionWird u. a. als eine der wichtigen Quellen für den ambivalenten Handel zwischen Venedig und den Mameluken genannt, die damit den Einfluss Portugals auf den Gewürzhandel zurückdrängen wollten. Vgl.: Albrecht Fuess: Verbranntes Ufer. Auswirkungen mamlukischer Seepolitik auf Beirut und die syro-palästinensische Küste (1250–1517). Brill, Leiden 2001, S. 56.Josiah Blackmore: Moorings: Portuguese expansion and the writing of Africa. University of Minnesota Press, Minneapolis 2009, S. 70. und die Reformation. Die Chroniken sind zudem eine der Primärquellen zu den letztendlich gescheiterten Verhandlungen des Christoph Kolumbus mit der portugiesischen KroneArthur Percival Newton: The great age of discovery. B. Franklin, New York 1970, S. 84. und dem damaligen Handel in Übersee.Fernand Braudel: Civilization and capitalism, 15th-18th century. The Structures of Everday Life. University of California Press, Berkeley 1992, S. 435.

Die erste portugiesische Liedersammlung – Der Cancioneiro Geral mini|„Cancioneiro Geral“, Titelvorsatzblatt und erste Seite, 1516 Im „Cancioneiro Geral“ (dt. Allgemeines Liederbuch) (1516) sammelte Resende eigene und andere Gedichte von 286 Poeten, die in der Zeit zwischen 1449 und 1516 entstanden waren. Das Erscheinen dieser Kompilation als gedrucktes Buch zu jenem Zeitpunkt ist an sich schon etwas Besonderes, da in Portugal bis 1536 insgesamt lediglich acht Werke in Druck vorgelegt wurden. Garcia de Resende orientierte sich bei der Zusammenstellung der Liedersammlung an den älteren, aber weniger umfangreicheren kastilischen Vorbilder von Baena (1445), Stuñiga (1458) und der maßgeblichen Vorgabe des Hernando de Castillo von 1511. Dieses Werk ist heute eine Hauptquelle für die Renaissance der portugiesischen Poesie, da sie Resende gewissermaßen eben nicht nur zum Vergnügen des Kronprinzen Johann, sondern eben auch „als Vermächtnis der zu Ende gehenden mittelalterlichen Kulturepoche“Gustav Gröber: Grundriss Der Romanischen Philologie. Band 2, Teil 3. 1. Auflage. 1888, hier BiblioBazaar 2009, S. 265. angelegt hatte. Bei der Sammlung hatte Resende nicht allein auf bereits bekannte oder veröffentlichte Gedichte zurückgegriffen. So schrieb er die adeligen oder höfischen Amateurdichter seiner Zeit oder Nachfahren derselben an, um an eventuell sonst verloren gegangenes Dichtgut zu gelangen. Eine systematische Anordnung oder Redigierung der Lyrik, die man bezeichnenderweise zuvor noch arte de trovar genannt hatte, nahm er jedoch nicht vor. Der Dichter, der ebenso zum ausgehenden Mittelalter passend noch Trovador genannt wird, dichtete zuvor meist Liebes- (cantigas de amor) oder Spottlieder (cantigas de escarnho e maldiver), die den Hauptteil früherer Sammlungen ausmachten. Resende hatte offenbar die Manuskripte nach dem Zufall der Einsendung an die Druckerei des aus Deutschland stammenden Hermann aus Kempten am Rhein weitergesandt. Neuere Gruppierungen seines Werkes sind die geselligen Scherz- und Spottgedichte, cousas del folgar, wie ihr Gegenstück, die Lob- und Huldigungslieder auf dei Damen, louvores.Gustav Gröber: Grundriss der Romanischen Philologie. S. 267. Da Resende weder ein Inhaltsverzeichnis noch ein Register dem Leser an die Hand gab, ist die Übersicht erschwert.

Dennoch steht seine Arbeit aufgrund ihres Umfangs und Ansatzes im iberischen Raum lange Zeit ohne Nachfolger dar, da sie für die nachfolgenden Generationen von Sprach- und Literaturwissenschaftlern eine Fülle von Analyse- und Interpretationsmaterial bereitstellte.Vgl. Maria Ana Ramos: Ciganos literáios do sécula XVI. In: Marília Mendes: A lingua portuguesa em viagem: actas do Coloquio Comemorativo do Cinquentenario do Leitorado de Portugues da Universidade de Zurique, 20 a 22 de Junho de 1996. Teo Ferrer de Mesquita, Frankfurt am Main 1996, S. 57ff., hier S. 64f.

So bietet der „Cancioneiro Geral“ das erste überlieferte Beispiel der iberoromanischen Kreolsprache Papiamento in der Veröffentlichung eines Lobgedichts des Fernão da SilveiraCancioneiro Geral. I, 204–205.Caroline R. Wiltshire, Joaquim Camps: Romance phonology and variation: selected papers from the 30th Linguistic Symposium on Romance Languages, Gainesville, Florida, February 2000. Benjamins, Amsterdam 2002, S. 119. für einen fiktiven König von Sierra Leone aus Anlass einer königlichen Hochzeit, das zwischen 1455 und 1493 entstanden sein muss.Johannes Kramer: Die iberoromanische Kreolsprache Papiamento: eine romanistische Darstellung. Buske, Hamburg 2004, S. 126f.John Kelly Thornton: Africa and Africans in the making of the Atlantic world, 1400-1800. Cambridge Univ. Press, Cambridge 2006, S. 214.John M. Lipski: A history of Afro-Hispanic language: five centuries, five continents. Cambridge University Press 2005, S. 52f. Obwohl Resende selbst völlig frei von der übrigen portugiesischen Begeisterung für die Erschließung überseeischer Handelswege war, finden sich darüber etliche Gedichte seiner Epoche, die wie Francisco de Sousa die Liebe zur See oder das Sehnen nach fernen Ländern in Indien oder Asien illustrierte.Donald Frederick Lach: Asia in the making of Europe. A century of wonder. The literary arts. The scholarly disciplines. University of Chicago Press, NA Chicago 1994, S. 118ff. Dabei feierten die Dichter allgemein die vermeintlichen Helden der überseeischen Eroberungszüge in ihren Versen. Aufgrund ihrer persönlichen Bekanntschaft mit einem Vasco da Gama,Glenn Joseph Ames: Em nome de Deus: the journal of the first voyage of Vasco da Gama to India, 1497-1499. Brill, Leiden 2009, S. 7. Francisco de Almeida, Afonso de Albuquerque oder Diogo Lopes de Sequeira ergeben sich für die heutige Analyse Rückschlüsse auf biografische Details, die in zeitgenössischen Berichten jener Zeit oft unerwähnt blieben. So betonte Resende als Kenner des Hofes die enge Beziehung da Gamas zum König deutlicher als die offiziellen Quellen in seinen Gedichten.Sanjay Subrahmanyam: The career and legend of Vasco da Gama. Cambridge University Press, Cambridge/New York, S. 63.