Don Juan Manuels El conde Lucanor, in anderen Fassungen auch Libro de los ejemplos del conde Lucanor y de Patronio genannt, reiht man ein in die Liste der bedeutendsten Prosawerke des spanischen Hochmittelalters. Das 1330 bis 1335 erstellte Werk galt bereits im 15. Jahrhundert als wahrer Bestseller, die heute erhaltenen Manuskripte sind jedoch unterschiedlichen Umfangs.

Struktur Der bekannteste erste Teil des Werks umfasst 51 Exempla, beispielhafte Erzählungen mit didaktischer und moralisierender Absicht. Strukturell sind die Exempla im Werk Don Juan Manuels in ein einheitliches Schema gebracht: Der Graf ("conde") Lucanor stellt seinem getreuen Berater Patronio ein Problem. Dieser antwortet mit großer Bescheidenheit und erzählt in lebendiger, dialogischer Art eine Geschichte, aus der sich die Lösung der gestellten Aufgabe ergibt, nämlich im Sinne eines Handelns in der Art einer der Hauptpersonen der Erzählung. Dieser populärste Teil des Conde Lucanor ist 1840 in der Übersetzung von Joseph von Eichendorff in Berlin in drei Bänden auf Deutsch erschienen. Auf diese Quelle lässt sich unter anderem Hans Christian Andersens Kunstmärchen Des Kaisers neue Kleider zurückführen.

Der Conde Lucanor verfügt jedoch im Original über insgesamt fünf Teile. Er bedient sich, in seiner Funktion als Traktat zur ständigen Erziehung und Bildung des jungen Adligen, nicht nur der Tradition der Exemplaliteratur, sondern ganz allgemein der moralisch-didaktischen, lehrhaften Tradition des Mittelalters und benutzt unterschiedliche literarische Formen. So folgen den unterhaltenden Beispielen im ersten Teil weitaus theoretischere sententiae (Sentenzen) und proverbios (Sprichwörter), die sich um denselben narrativen Rahmen gruppieren, den der Dialog zwischen dem Grafen Lucanor und seinem Ratgeber Patronio bildet. Das Werk wird dann im letzten Teil durch ein theologisches Traktat beschlossen. Damit ist der Conde Lucanor mehr als nur ein bloßer Rückgriff auf Exemplasammlungen wie zum Beispiel die auf Latein verfasste Disciplina clericalis des 12. Jahrhunderts. In ihm vereinigen sich christliche Vorstellungen der Alltagserfahrung und Tradition mit Abhandlungen der Patristik und Einflüssen des Orients: Indische Fabeln und arabische Erzählungen stehen neben Darstellungen der christlichen Doktrin und mittelalterlichen Weltanschauung. Der Conde Lucanor verfügt somit über ein doppeltes Erbe und versinnbildlicht auf diese Weise ein Spiegelbild der spanischen Gesellschaft des Mittelalters, die wegen der maurischen Präsenz auf der Iberischen Halbinsel eine Sonderstellung innerhalb Europas einnahm.

Der Conde Lucanor ist jedoch nicht nur im Hinblick auf seine Eigenschaft als Sammelbecken für die unterschiedlichen gesellschaftlichen und literarischen Traditionen interessant. Auch im Bereich der schriftlichen Überlieferung spielt er eine bedeutende Rolle. Sein Verfasser, Don Juan Manuel, war sich seiner Pflichten als Autor eindeutig bewusst, eine Tatsache, die nicht nur mit Blick auf die Entstehungszeit des Conde Lucanor erstaunt, sondern zudem auch eine unermüdliche Beschäftigung des Autors mit den eigenen literarischen Texten zur Folge hatte, die sich in Eigenkorrekturen und selbst erstellten bibliographischen Listen manifestierte.

Die literaturwissenschaftlichen Forschungen sind in Bezug auf den Conde Lucanor bereits so gut wie abgeschlossen. Ihre Befunde sind in vielerlei Hinsicht äußerst gegensätzlich und resultieren wohl aus den unterschiedlichen kulturellen und sozialen Strömungen ihrer Zeit. Waren Kritiker des 19. Jahrhunderts dem Autor eindeutig wohlwollend gegenübergestellt (was sich in Lobpreisungen für die moralische Strenge manifestierte), während die Frivolität des etwa gleichaltrigen Libro de buen amor stark verurteilt wurde, so drehte sich dieses Bild in den Forschungsergebnissen von Wissenschaftlern, wie zum Beispiel im Fall von María Rosa Lida de Malkiel, des vergangenen Jahrhunderts ins Negative. Da Don Juan Manuel Enkel und Neffe von Königen war und von Jugendbeinen an über große politische Relevanz verfügte, steht die Literaturwissenschaft im Fall des Conde Lucanor vor der einzigartigen Situation, dass über das Leben dieses Autors, ganz im Gegenteil zum herkömmlichen mittelalterlichen Autor, viel aus zeitgenössischen Quellen zu erfahren ist. Da diese Quellen tendenziell das negative Bild eines machthungrigen und wortbrüchigen Politikers zeichnen, verstrickte sich die Forschung tief in ein Netz von Interpretationen und Vorurteilen, indem sie das Leben des Autors mit seinen propagierten Vorstellungen verglichen und offensichtliche Widersprüche aufzeigten. Der Conde Lucanor war somit zwar als bedeutendes Werk anerkannt, büßte jedoch viel von seiner Popularität unter Wissenschaftlern ein, die sich von seiner rigiden, moralisierenden Botschaft ab- und zu den humorvollen und erotischen Eigenschaften eines Libro de buen amor hinwandten.

Der historische Kontext

Der Conde Lucanor ist zweifelsohne innerhalb eines bedeutsamen historischen Kontexts entstanden. Seine moralisch-didaktischen Eigenschaften sind zudem Ergebnis eines langen literaturhistorischen Prozesses, so dass man bei seiner Betrachtung nicht umhinkommt, den gesellschaftlichen Rahmen, insbesondere die soziale Dimension des Adels, zu beachten.

Die Ständegesellschaft

Die mittelalterliche Gesellschaft in Europa gliederte sich in mehrere Stände. Die Zugehörigkeit zu einem Stand (oder estado im Spanischen) galt als ausschlaggebend für die Definition sowohl von Privilegien als auch von Pflichten jedes Einzelnen. Vereinfacht stellte sich die hierarchische Gesellschaftsstruktur des Mittelalters in drei Ständen dar, deren Angehörige als oratores (Geistliche), bellatores (Krieger, später Adel) oder laboratores (Arbeiter; das übrige, freie Volk) bezeichnet wurden. Die Drei-Stände-Ordnung war zwar insbesondere für Frankreich charakteristisch, trotzdem verfestigte sich dank der kulturellen Einheitlichkeit im mittelalterlichen Europa auch in den Königreichen Kastilien und Aragón eine Einteilung der Bevölkerung in die drei Stände.

Im Gegensatz zur heutigen Klassengesellschaft definierte sich somit eine soziale Gruppe durch ihre gesellschaftliche Stellung und ihren jeweiligen juristischen Status, der auf der Existenz oder Nichtexistenz bestimmter Privilegien und Pflichten basierte. Diese resultierten entweder aus bereits gegebenen Tatsachen (Herkunft, Bildungsgrad, Beruf) oder wurden durch eine höhere gesellschaftliche Instanz, wie zum Beispiel dem König, verliehen. Die Korrelation von Rechten und Pflichten sowie das Bestreben nach Festigung und Erhaltung dieser Privilegien bildeten einen wichtigen Bestandteil des politischen Weltbilds des europäischen Mittelalters: Das Auseinanderbrechen dieser Einheit bedeutete dabei die Auflösung der weltlichen, von Gott gegebenen Ordnung, denn die Existenz unterschiedlicher, nicht einander gleichgestellter sozialer Gruppen galt als Teil des göttlichen Plans, der jedem Einzelnen seinen Platz und seine Funktion innerhalb der Gesellschaft zuwies. In der Regel bestand zwischen den einzelnen Ständen keine Durchlässigkeit. Eine Gleichheit war unter Christen einzig und allein durch ihre Zugehörigkeit zu derselben Glaubensgemeinschaft gegeben. Geburt und Tod als elementare biologische Gesetzmäßigkeiten fungierten dabei als einzige homogenisierende Faktoren.

Die soziale Dimension des Adels

Moralischer Kodex

Der Adel definierte sich durch einen selbst geschaffenen moralischen Kodex. Ein Krieger grenzte sich von anderen Gesellschaftsgliedern primär durch seine Aktion im Kampfe ab. Mit der zunehmenden Hierarchisierung der Gesellschaft sah sich die Realität des Rittertums mit Idealen konfrontiert, die ihm eine neue, religiösere Richtung gaben. So wandelte sich der „einfache Krieger“, der Beschützer der Ärmeren und Schwächeren, zum Beschützer des christlichen Glaubens und der irdischen, von Gott gewollten Ordnung. Dies brachte die Schaffung einer gemeinsamen, abstrahierten Ritterethik mit sich, um die Integrität des Adelsstandes zu erhalten. Diese Ethik bestimmte und schematisierte das Leben eines Adligen trotz oder gerade wegen ihres stark realitätsfernen Charakters, der sich bald auch in der europäischen Literatur niederschlug: Das Ansehen eines Ritters oder Adligen war darin durch unterschiedliche materielle und nicht materielle Faktoren bestimmt, wie die Anreicherung familiären Besitzes, die Vollbringung guter Taten sowie die Bewahrung der eigenen Ehre, die Respekt, Ehrerbietung und Achtung – nicht nur innerhalb des eigenen Standes – zur Folge hatte. Diese Faktoren manifestierten sich bald in persönlichen Ambitionen und in einem Hang zu stetigem Ruhm, wodurch sich Adlige mehr und mehr charakterisieren sollten.

Das Konzept der Ehre und des Ansehens, der so genannten „onra“, sollte weitere bedeutende soziale Entwicklungen erfahren und wesentlich für die Philosophie und Literatur des spanischen Siglo de Oro sein.

Erziehung

Die ethisch-moralischen Grundzüge bildeten die Grundpfeiler des Zugehörigkeitsgefühls und wurden durch eine Erziehung gesichert und erhalten. "Erzogen" wurde einerseits durch das Zusammenleben mit anderen innerhalb desselben Standes (zum Beispiel am Hofe eines Fürsten oder des Königs) andererseits aber auch durch das Aufzeigen von Beispielen und Archetypen der Vergangenheit und der Gegenwart. Neben so genannten Fürstenspiegeln bereicherten Exempla-Sammlungen in lateinischer Sprache die didaktisch-moralische Tradition.

Die Darstellung des historischen oder fiktiven Idealbildes eines Herrschers, seiner Aufgaben und Pflichten, orientierte sich dabei zunächst an Figuren der Antike, wurde mit der Zeit jedoch selbstständiger und erfuhr hinsichtlich der jeweiligen nationalen Realitäten eine große Bedeutung. Geistliche Würdenträger drängten aufgrund einer progressiven Prägung von Königtum und Reich zunehmend danach, eigene Werke didaktisch-moralischer Natur für aktuelle Fürsten oder Könige zu verfassen, die nicht nur politisch-soziale und private Verhaltensregeln enthielten, sondern sich immer mehr auch mit ethischen Interpretationen der Macht sowie dem öffentlichen Wohl befassten.

Familie

Allianzen fanden in der Regel nur zwischen Männern statt, so dass freundschaftliche Bindungen zumeist größere emotionale Bedeutung besaßen als die eheliche Verbindung zwischen Mann und Frau. Beide waren durch einen starken öffentlichen Charakter geprägt. Hochzeiten wurden in den meisten Fällen nur aus politischen Gründen geschlossen, damit war die Beziehung zwischen Mann und Frau innerhalb des familiären Kontexts weit weniger bedeutsam als die zwischen Eltern und Kindern. Sowohl unverheiratete Frauen als auch Ehefrauen zählten rechtlich und innerhalb der sozialen Struktur nicht als eigenständige Persönlichkeiten. Gleichwohl lässt sich jedoch vermuten, dass die adlige Frau praktisch gesehen über weit mehr Rechte verfügte, als es die rechtlichen und sozialen Vorschriften der Gesellschaft, in der sie lebte, vorsahen.

Die Beziehung zwischen Eltern und ihren Kindern definierte sich vor allem über die Erziehung. In den meisten Fällen ging das Familienerbe, zumeist territorialer Besitz, nach dem Ableben seines adligen Besitzers an dessen erstgeborenen Sohn über, so dass im wiederholt Fälle auftraten, in denen Zweit- und Drittgeborene um ein politisches und materielles Recht kämpften, das ihnen ihrer Geburt wegen untersagt worden war. Die Beziehungen zwischen Geschwistern waren in der Regel durch diese Ungleichheit konditioniert. Die einzige Lösung schien hierbei eine Erziehung, die vor allem Gerechtigkeit, Bescheidenheit, Freundschaft und Edelmut propagierte.

Die Erlangung des Seelenheils