mini|Sutermeister in Bern (1961) rahmenlos|rechts|klasse=skin-invert-image|Unterschrift von Hans Martin Sutermeister
Hans Martin Sutermeister (* 29. September 1907 in Schlossrued; † 4. Mai 1977 in Basel; Pseudonym Hans Moehrlen oder Hans Möhrlen) war ein Schweizer Schriftstellerarzt, Privatgelehrter und Politiker (LdU).
Neben der autobiographischen Novelle Zwischen zwei Welten veröffentlichte Sutermeister Prosa zu medizinischen, historischen und ästhetischen Themen, unter anderem Psychologie und Weltanschauung. Von 1945 bis 1968 führte er eine allgemeinmedizinische Praxis in Bern. In den 1950er Jahren versuchte er dreimal erfolglos, zu habilitieren, unter anderem mit Schiller als Arzt. Als Mitglied der Gefangenengewerkschaft und des Büros gegen Amts- und Verbandswillkür setzte er sich ab 1960 für strafrechtlich Verurteilte ein; auf seinen Erfahrungen basiert das 1976 erschienene Buch Summa Iniuria: Ein Pitaval der Justizirrtümer. Von 1968 bis 1971 war Sutermeister LdU-Gemeinderat in Bern und prägte die dortige Schulreform mit. Als Gemeinderat liess er das kleine rote schülerbuch medienwirksam verbieten, wodurch er landesweite Bekanntheit erlangte. Nach seiner Abwahl zog er mit seiner Familie nach Basel, wo er noch rege publizistisch tätig war. Sein Nachlass befindet sich in der Burgerbibliothek Bern.
Leben Jugend und Ausbildung 1907–1942 mini|hochkant|Sutermeisters Eltern Maria Hunziker und Friedrich Sutermeister
Sutermeister entstammte einer evangelischen Pfarrerfamilie und war heimatberechtigt in Zofingen. Seine Mutter Maria Hunziker (1875–1947) war vermögend. Sein Vater, der religiöse Sozialist Friedrich Sutermeister (1873–1934), Sohn des Schriftstellers Otto Sutermeister, arbeitete als Pfarrer. Zu seinen fünf Geschwistern zählten der Komponist Heinrich Sutermeister und der Schriftsteller Peter Sutermeister. Von Schlossrued zog die Familie nach Feuerthalen. Dort besuchte Sutermeister die Primarschule, danach das Gymnasium im benachbarten Schaffhausen. Anschliessend zog die Familie nach Binningen, von wo aus er das Humanistische Gymnasium in Basel besuchte, an dem er 1926 die Matura bestand.
Dem Wunsch seines Vaters folgend, begann Sutermeister Theologie an der Universität Basel zu studieren. Nach fünf Semestern bestand er das Examen und sollte zur Erlangung eines Stipendiums eine Arbeit über René Descartes verfassen. Da er während dieses Examens in Gewissenskonflikte geriet, brach er das Studium, das er in Deutschland fortgesetzt hatte, ab. Die Gewissenskonflikte beruhten darauf, dass er «nicht für den Pfad der Autoritätsgläubigkeit bestimmt» war, wie Gerhard Mauz (1965) schrieb, und dass sich die Beziehung zu seinem Vater, dem Pfarrer, zunehmend verschlechterte.
Er entfernte sich von seinem protestantischen Herkunftsmilieu und interessierte sich zunehmend für Naturwissenschaften. In Basel begann er ein Medizinstudium und setzte es in Deutschland fort. Bis 1933 war er im Kieler Republikanischen Studentenbund tätig. Dann kehrte er in die Schweiz zurück, wo er sich an verschiedenen, meist dermatologischen Kliniken ausbildete. Er promovierte 1941 unter seinem Onkel Hans Hunziker an der Universität Basel mit einer Arbeit über das Schweizerische Tuberkulosegesetz; das Thema wurde ihm von Stavros Zurukzoglu zugewiesen.
1942 veröffentlichte Sutermeister unter dem Pseudonym Hans Moehrlen, in Anlehnung an seinen Urgrossvater Christoph Möhrlen, die autobiografische Novelle Zwischen zwei Welten. Darin beschreibt er seine Kindheit, Jugend sowie seine Studien- und Junggesellenzeit. Etappen dieser Jahre umfassen: die strenge Erziehung durch seine frommen gutbürgerlichen Eltern; den möglichen Suizid seines Bruders Adrian, der 1931 unter ungewissen Umständen in den Bergen starb – ein Ereignis, das den Vater in den Wahnsinn trieb; den Bruch mit seiner Familie und seinen Auszug vom Land in die Stadt; seine Erfahrungen mit «Wein, Weib und Gesang», wie Anton Schaller (2012) schrieb, aus denen er seine Lehren zieht und reifer wird; und schliesslich seine Rückkehr ins gutbürgerliche Milieu. Im Verlauf der Geschichte legt der Erzähler seinen als elitär empfundenen Vornamen «Martin» ab und ersetzt ihn durch das volkstümlichere «Hans». Die Novelle liest sich wie eine Abrechnung mit der protestantischen Erziehung und seiner bildungsbürgerlichen Herkunft: Der Schweizer Schriftsteller Fredi Lerch (2012) spricht ihr eine «weltanschauliche Ambition» zu, die damals typisch gewesen sei: Sutermeister wolle aus seinem «konservativen, steifen, unechten, unfrohen intellektuellen» Herkunftsmilieu ausbrechen und Teil «einer fortschrittlichen, derbfreundlichen Nichtintellektuellenschicht» werden. Dass es bei dem Ausbruchsversuch bleiben soll, zeigen die letzten zwei Seiten der Novelle, in denen er in sein Herkunftsmilieu zurückkehrt und sein Medizinstudium fortsetzt.
Psychologische Schriften 1942–1945
Monist mini|Anzeige des Hans Huber Verlags im Organ Der Freidenker, 1945
Während des Zweiten Weltkriegs absolvierte Sutermeister seinen Militärdienst als HD-Arzt. Im Frühjahr 1945 studierte er in der Militärsanitätsanstalt in Flüelen mit Étienne Grandjean und Walter Mörikofer an Versuchspersonen die physiologischen Föhnwirkungen, wobei ihn die Psychosomatik der Wetterfühligkeit interessierte.
Unter dem Eindruck des Krieges veröffentlichte Sutermeister zwischen 1942 und 1945 eine Aufsatzreihe zur physiologischen Psychologie. Er suchte Gründe dafür, was er «geistige Gegenwartskrise» nannte, und fand die Antworten in den Naturwissenschaften. Dabei liess er sich vom Neopositivismus und vom Wiener Kreis beeinflussen und setzte sich für eine naturwissenschaftliche, sogenannte erklärende Psychologie als Gegensatz zur verstehenden Psychologie von Wilhelm Dilthey ein. Zur Aufsatzreihe gehören unter anderem seine Werke Alte und neue Logik (1942), Verstehende und erklärende Psychologie? (1942), Nomen atque omen (1942) und Psychologie und Weltanschauung (1944). In ihnen trat er «für eine rein logische, metaphysikfreie, allen ‹geisteswissenschaftlichen Verdunkelungsversuchen› feindliche Weltanschauung» ein, wie Mario von Galli (1945) schrieb.
Seine Thesen hatten, wie schon seine autobiografische Novelle, eine weltanschauliche Ambition: Die Hauptursache der damaligen Weltkrise sei gemäss Sutermeister, wie Mario von Galli (1945) über Psychologie und Weltanschauung schrieb, «darin zu suchen, dass der Mensch die eigentlich logischen, naturwissenschaftlichen Erkenntnisse in seinem Leben nicht anwendet, sondern immer wieder zurückfällt (regrediert) in praelogische Verhaltensweisen». So schrieb Sutermeister in Psychologie und Weltanschauung über den Krieg: «Man spricht heute viel davon, ob nach diesem zweiten und hoffentlich letzten Weltkrieg das ‹Licht der Welt› von Amerika oder von Rußland kommen werde.»Hans Martin Sutermeister: Psychologie und Weltanschauung. Hans Huber, Bern 1944, S. 163. An anderer Stelle schrieb er: «In gewissem Sinne ist die Divergenz eine solche zwischen der alten und der neuen Welt, dem müden, ‹sentimentalen› Europa und dem vital-optimistischen Amerika.» Sowie: «Wir finden eben heute eine ideologische Zäsur zwischen zwei Generationen, wie sie die Weltgeschichte bisher noch nicht kannte!» Die «zwei Generationen» sind im Buchtitel Alte und neue Logik (1942) versinnbildlicht: die «alte Welt» sei der «neuen Welt» unterlegen, was Sutermeister in den genannten Schriften naturwissenschaftlich, «psychologisch» erklären wollte.
In der sozialistischen Monatsschrift Rote Revue veröffentlichte Sutermeister zwischen 1944 und 1945 einen Artikel zu Gunsten des VölkerbundsHans Martin Sutermeister: Zur Geschichte der Völkerbundsidee. In: Rote Revue. Sozialistische Monatsschrift. Band 24, 1944–1945, Heft 2, S. 60–64, doi:10.5169/seals-335090. und einen zu Gunsten des Fabianismus.Hans Martin Sutermeister: Fabianismus. In: Rote Revue. Sozialistische Monatsschrift. Band 24, 1944–1945, Heft 9, S. 311–314, doi:10.5169/seals-335115. 1945 widmete er in der Zeitschrift der Freigeistigen Vereinigung der Schweiz Der Freidenker dem Neopositivismus als «kommende Einheitsweltanschauung» einen Artikel. Das Freidenkertum und der Neopositivismus richteten sich mit ihrer Ablehnung von allem Irrationalen gegen die damaligen ideologischen, faschistischen Massenphänomene.
Freidenker Sutermeister pries seine Bücher als «Gewinn für jeden Freidenker» an.
Der Schriftsteller Jakob Bührer stimmte Sutermeisters in seinen Schriften Verstehende oder erklärende Psychologie? (1942) und Alte und neue Logik (1942) verflochtener «geistiger Gegenwartskrise» zu. Bührer würdigte seine Erklärung der «wirtschaftlichen Grundlagen der geistigen Entwicklung» und interpretierte: «Das verpfuschte Instrument Kapital, das zur Bildung der Nation führte, zum Machtinstrument auch des einzelnen, der vielen Bürgern wurde, ist zu einer tödlichen Gefahr für die Art, die Menschheit, geworden, und dieses Entgegenhandeln zum Arttrieb ist die Ursache der seelisch geistigen Not und damit der geistigen Krankheit.» Bührer zeigte sich mit Sutermeister darüber einig, dass «gegen die Zauberer und Vernebler der wirklichen psychologischen Tatsachen zu Felde [gezogen werden müsse]». Für den sozialdemokratischen Wissenschaftsphilosophen Emil J. Walter (1943) war Sutermeisters Buch Nomen atque omen von 1942 der «Einbruch modernsten wissenschaftlichen Denkens in den Bereich stagnierender ‹geisteswissenschaftlicher› Forschung und verdient daher als erster Anzeichen einer Art helvetischer Kulturrebellion oder vielleicht auch einer kulturellen Gesundungskrise unserer helvetischen Intellektuellen alle Beachtung ernsthaft denkender und fortschrittlich gesinnter Menschen».Emil J. Walter: Kulturelle Gesundungskrise? In: Rote Revue. Sozialistische Monatsschrift. 22. Jahrgang, Mai 1943, Heft 9, S. 305–308. doi:10.5169/seals-334642.
Der Schweizer Psychoanalytiker Gustav Bally andererseits war (1943–1944) geneigt, über Sutermeisters Buch Nomen atque omen eine «Satire» zu schreiben. Er bezeichnete das Buch als «Dokument privater Schwierigkeiten»; er lehnte es ab, dass Sutermeister die Geisteswissenschaften «als unwissenschaftlich» bezeichnete, da sie nicht auf der «sichtbaren Wirklichkeit» beruhten, und dass Sutermeister «die griechische Philosophie, […] Christus und [das] Christentum [und die] Kunst» verurteilte. Bally entdeckte in Sutermeisters Buch «den historischen Materialismus von Marx in der These von der den Fortschritt zur Zerebration demagogisch hindernden herrschenden Klasse […], der Klasse, die die Massen in der Sklavenperspektivenmoral» zurückhalten wolle und dies vor allem durchführe mit ihren Dienern, den Dichtern, die «eine prälogische Sprache im Dienste der Sklavenperspektivenpropaganda» verwenden und «darum bis heute von der Regierungsschicht protegiert werden […]». Er schloss seine Kritik an Sutermeister mit folgenden Worten ab: «Keiner noch hat die Tabula Rasa dadurch geschaffen, daß er wie der Zappelphilipp sich mit der väterlichen Suppe bekleckerte, statt sie – auszulöffeln.»
Sutermeisters Neue Gesichtspunkte in der Psychologie in derselben Ausgabe der Schweizerischen Zeitschrift für Psychologie und ihre Anwendungen stellte eine Replik auf Ballys Kritik dar. Darin schrieb er, er könne Ballys «affektive Ablehnung [seiner] in Wirklichkeit weder sachlich noch logisch anfechtbaren Gedankengänge» nur unter Berücksichtigung «soziologisch-weltanschaulicher Faktoren» verstehen.