Dorfkirche ist die kunstgeschichtliche und volkskundliche Bezeichnung für das Kultgebäude einer dörflichen Gemeinde; kirchliche und staatliche Verwaltungskategorien verwenden diesen Begriff nicht. Entscheidend für die Begriffsbestimmung der Kunstgeschichte und der Volkskunde ist nicht der Rang der Kirche (Pfarr-, Mutter- oder Filialkirche, Kapelle), sondern die Gestaltung aus dem Wesen dörflicher Lebensweise. Sie ist in der Regel mittelalterlichen bis frühneuzeitlichen Ursprungs und oft Siedlungskern des Dorfes. Nicht alle Kirchen auf dem Land sind daher Dorfkirchen; abgesehen von Kloster- und Wallfahrtskirchen können auch die meisten ländlichen Kirchen der späteren Neuzeit nur mit Einschränkungen als solche bezeichnet werden.Erich Bachmann: Dorfkirche. In: Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte. Band 4, Stuttgart 1958, S. 245–274 (rdklabor.de).
Datierungen, Baustile und Schmuckformen Dorfkirchen sind oft die ältesten baulich erhaltenen Zeugnisse der Besiedlung einer Landschaft. Betrachtet man die Entstehungszeiten, kann man teilweise die Wege der Christianisierung nachvollziehen, wie zum Beispiel an der Straße der Romanik in Sachsen-Anhalt.
Beginnend in der Romanik war die räumliche und gestalterische Weiterentwicklung der Dorfkirche gekoppelt an die Entwicklung des Dorfes und der landwirtschaftlichen Produktionsverhältnisse im Allgemeinen und an regionale Aufschwünge und Krisen im Besonderen. Zu allen Zeiten erfuhren Dorfkirchen Um- und Erweiterungsbauten.
Da es nur im Ausnahmefall Schriftquellen zur Baugeschichte einer Dorfkirche gibt, sind Datierungsversuche mit erheblichen Problemen verbunden.
Baugestalt: Baumaterial und Grundrisstypen mini|Grundrisstypen nach Stilepochen (problematisch) mini|Grundrisstypen nach ökonomischem Aufwand, der auch eine frühere Bauzeit bedingt Zumindest für die neuen Bundesländer wird, vor allem aufgrund der archäologischen Funde in der Niederlausitz, inzwischen davon ausgegangen, dass in den Gebieten des hochmittelalterlichen Landesausbaus in der Germania Slavica von den zuziehenden Neusiedlern zunächst Holzkirchen erbaut wurden.
Erst nach einem Abstand von 20 bis 30 Jahren, also etwa einer Generation, wurden die Holzkirchen durch Steinbauten ersetzt, vor allem um die beträchtlichen Baukosten anzusparen, denn die frisch gerodeten Felder brauchten erst einmal einen Vorlauf bis zum vollen Ertrag. Dabei wurde das Material verwendet, welches vor Ort zur Verfügung stand. So kann man heute unterscheiden zwischen den Feldsteinkirchen und den Dorfkirchen aus Backstein. Die Wahl des Baumaterials und des Grundrisstyps war aber auch stark abhängig von der ökonomischen Leistungsfähigkeit des Dorfes, die sich vor allem aus der Gemarkungsgröße und der Bodenqualität ergibt (Ernteertrag).Ulrich Waack: Dorfkirchenbau und Ökonomie. Über den Zusammenhang der baulichen Gestalt mittelalterlicher Dorfkirchen auf dem Barnim mit Siedlungsmerkmalen. In: Kirchen des Mittelalters in Brandenburg und Berlin. Archäologie und Bauforschung. Hrsg. vom Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege. Petersberg 2007, S. 26–37; derselbe: Kirchenbau und Ökonomie. Zur Beziehung von baulichen Merkmalen mittelalterlicher Dorfkirchen auf dem Barnim und dessen Wirtschafts- und Siedlungsgeschichte. Berlin 2009. Dabei ist der Backstein gegenüber dem Feldstein offenbar das teurere Baumaterial. Deswegen begegnen z. B. in Brandenburg Dorfkirchen aus Backstein nicht nur auf den findlingsarmen Talsandböden des Havellandes, sondern auch in klostereigenen Dörfern (z. B. die Dörfer im Umkreis des Klosters Dobrilugk). Wegen der Baukosten sind nicht wenige Dörfer im Mittelalter ohne Steinkirche geblieben, sondern mussten sich mit Holzkirchen oder Fachwerkkirchen begnügen.
Mangels Schriftquellen zum Baugeschehen werden meist Baumaterial und Grundrisstyp als Kriterien zur Datierung herangezogen. Dabei wird von einem prozesshaften Verlauf ausgegangen: vom sorgfältig gequaderten Feldstein zum einfach gespaltenen, ungequaderten Findling (Backsteinbauten sind meist jünger), vom vielfach gestaffelten Grundriss zum einfachen Saal. Diese Kriterien werden in die geläufigen Stilepochen eingepasst. Jedoch hat schon Erich Bachmann darauf hingewiesen, dass die von ihm gebildeten vier Dorfkirchen-Grundrisstypen „vollständige Anlage“, „Chorquadratkirche“, „Chorturmkirche“ und „Apsissaal“ innerhalb derselben Stilepoche, nämlich der „Spätromanik“, vorkommen.Erich Bachmann: Kunstlandschaften im romanischen Kleinkirchenbau Deutschlands. In: Zeitschrift des Deutschen Vereins für Kunstwissenschaft. Band 8, 1941, S. 159–172. Inzwischen werden allerdings die Stilbegriffe problematisiert.Robert Suckale: Die Unbrauchbarkeit der gängigen Stilbegriffe und Entwicklungsvorstellungen. Am Beispiel der französischen gotischen Architektur des 12. und 13. Jahrhunderts. In: Friedrich Möbius, Helga Sciurie (Hrsg.): Stil und Epoche. Periodisierungsfragen. Dresden 1989, S. 231–250: „Daß die Gleichung Romanik = Rundbogen, Gotik = Spitzbogen nicht stimmt, ist lange bekannt und sollte zum gesicherten Wissen aller gehören.“ (S. 232).
Gruppiert man die Grundrisstypen nach ihrem Kostenaufwand (sorgfältige Quaderung und vielfach gestaffelter Grundriss sind teurer, vor allem ein schiffsbreiter Turm), so zeigt sich auch hier ein (nicht stilistisch orientierter) zeitlicher Verlauf: Bauherren, die genug Einkünfte haben, um sich den kostenaufwändigsten Typ zu leisten, sind auch diejenigen, die als erste die Holzbauten ablösen können. Unter dem Gesichtspunkt des „ökonomischen Faktors“ im Dorfkirchenbau zeigt sich, dass die Chorquadratkirche nicht eine prozesshaft um die Apsis reduzierte Saalkirche darstellt, sondern offenbar zeitgleich auftritt (vgl. Erich Bachmann). Dass Dorfkirchen mit ungequaderten Findlingen oder Mischmauerwerk (geringerer Kostenaufwand) erst im Spätmittelalter gebaut wurden, ist ohnehin unumstritten.
Kirchturm Die Dorfkirche besitzt in der Regel einen Turm mit einer oder zwei Glocken und der Turmuhr mit Zifferblättern. Die Bauart des Kirchturms beeinflusst den Bauaufwand der Dorfkirche beträchtlich. Man unterscheidet in dieser Hinsicht fünf Bauarten:
Kirchturm mit eigenem Fundament, an einer Langhausseite angebaut.
Kirchturm mit eigenem Fundament, der in seinem unteren Teil den meist eingezogenen Chor oder die Apsis enthält (Chorturm).
Turm, der meist über dem Eingangsbereich auf das Dach des Langhauses aufgebaut ist und zweckmäßig unterstützt ist (Dachturm). Kleiner Turm, der irgendwo auf dem Dach des Langhauses angebracht ist (Dachreiter).
Überdachtes Gerüst für die Glocken, das meist neben der Kirche steht und baulich nicht mit ihr verbunden ist (Glockenstapel).
Liste der höchsten Türme von Dorfkirchen in Deutschland Die Liste enthält Bauten mit einer Höhe von mindestens 48 Metern. Die Liste ist unvollständig. Höhe in mBauwerkVollendungOrtBundeslandBemerkungen79,3Artländer Dom1900AnkumNiedersachsengilt als höchste Dorfkirche Deutschlands78,0St. Ägidius1531SchildthurnBayern59,4St.-Mauritius-Kirche1907WinzelnBaden-Württemberggilt als höchste Dorfkirche in Baden-Württemberg57,0St. Martinus1537BierlingenBaden-Württemberg56,0Marienkirche Suhlendorf1905SuhlendorfNiedersachsenauch „Bauerndom“ genannt53,5Hoffnungskirche1848/1886WestrhauderfehnNiedersachsengilt als der höchste Kirchturm in Ostfriesland52,0St. Leonhard1496WonnebergBayernWallfahrtskirche50,12Sankt Laurentius1694Leonberg-HöfingenBaden-Württemberg50,0St. Johann Baptist1868GehofenThüringen50,0Evangelische Kirche 1864SeulbergHessenauch „Seulberger Dom“ genannt48,0Evangelische Kirche1625/1860CrainfeldHessenauch „Vogelsberger Bleistift“ genannt48,0Sankt Bonifatius1896WollbachBayern
Anbauten (Sakristeien, Totenhallen, Grüfte) In den allermeisten Fällen zählen die Sakristeien nicht zum ersten Steinbau der Kirche, wurden aber oft noch im Mittelalter angebaut. Grüfte entstanden meist im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit, Totenhallen in der Neuzeit.
Die Dorfkirchenbewegung
Anfang des 20. Jahrhunderts entstand aufgrund umfassender Veränderungen auf dem Land die sogenannte Deutsche Dorfkirchenbewegung. Ein wichtiger Vertreter dieser Bewegung war Hans von Lüpke, der ab 1907 die Zeitschrift Die Dorfkirche mit dem anfänglichen Zusatz Illustrierte Monatsschrift zur Pflege des religiösen Lebens in heimatlicher und volkstümlicher Gestalt herausgab., Titelaufnahme bei der Zeitschriftendatenbank, sowie bei der Deutschen Nationalbibliothek. Der Untertitel weist auf die inhaltliche Ausrichtung der Bewegung hin.
Liste bekannter Beispiele Dänemark mini|Typisch dänische Dorfkirche, weiß verputzt (Sandby) Hald Kirke Landkirchen von Ravnsborg
Deutschland
Baden-Württemberg: Dorfkirche Nüstenbach Dorfkirche Bernbach Dorfkirche Wittendorf Dorfkirche Londorf Dorfkirche Altensteigdorf Dorfkirche Zang Berlin: Dorfkirchen in Berlin Brandenburg: Liste von Dorfkirchen in Brandenburg Liste der Feldsteinkirchen im Fläming Hessen: mini|Alte Kirche Wommelshausen, reines Bruchsteinmauerwerk ungequadert, mit ehemals querrechteckigen eingezogenen Chor und mittigem Dachreiter, Bauzeit 10./11. Jh. Liste der Kirchen im Landkreis Marburg-Biedenkopf Liste der denkmalgeschützten Kirchen im Landkreis Gießen Mecklenburg-Vorpommern: Liste der Kirchen in Mecklenburg-Vorpommern Niedersachsen: Kreuzkirche (Braunschweig-Lehndorf) Dorfkirche Bettmar Dorfkirche Dörnten Dorfkirche Kapern St.-Marcus-Kirche (Marx) St.-Annen-Kirche (Wolfsburg) Marienkirche Suhlendorf Dorfkirche Uchte Nordrhein-Westfalen: St.-Vinzentius-Kirche (Harpen), Bochum Stiepeler Dorfkirche, Bochum Marienkirche (Wallenbrück), Spenge Sachsen: Dorfkirche Eschefeld Dorfkirche Pretzschendorf Dorfkirche Radefeld Dorfkirche Reichstädt Dorfkirche Rödern Dorfkirche Rossau Dorfkirche Sadisdorf Dorfkirche Schellenberg Dorfkirche Selben Dorfkirche Skassa Dorfkirche Wallroda Dorfkirche Waltersdorf (Großschönau) Dorfkirche Wolteritz Dorfkirche Zschorlau Dorfkirche Zschortau Schleswig-Holstein Liste der romanischen Kirchen in Angeln Vicelinkirche Sachsen-Anhalt: Liste von Dorfkirchen in Sachsen-Anhalt Thüringen Dorfkirche Allendorf (Thüringen) Dorfkirche Braunsdorf (Auma-Weidatal) Dorfkirche Braunsdorf (Saalfeld) Dorfkirche Wilhelmsdorf (Saale) Dorfkirche Großengottern
Niederlande Dorfkirche in Biggekerke Dorfkirche Eenum Dorfkirche Grootschermer Dorfkirche Godlinze Kirche Harkstede Dorfkirche Persingen Kirche Uithuizen Dorfkirche Wijk aan Zee
Österreich In Österreich sind die Dorfkirchen durchwegs die katholischen Pfarrkirchen und Filialkirchen, viele kleine Weiler des Landes haben nur eine Ortskapelle.So ist bis heute der siedlungskundliche Begriff des Dorfes an eine vorhandene Infrastruktur wie Kirche oder Gasthaus gebunden, vergl. etwa Die heute evangelischen Kirchen sind fast ausnahmslos sekundär.
Die Listen siehe :Kategorie:Römisch-katholisches Dekanat (Österreich)
Polen mini|hochkant|Die pommerschen Dorfkirchen (hier: Iwięcino/Eventin) sind den mecklenburgischen ähnlich. Dorfkirche in Bukowo Morskie/See Buckow Krs. Schlawe/Pommern Dorfkirche in Dobiesław/Abtshagen Krs. Schlawe/Pommern Dorfkirche in Iwięcino/Eventin Krs. Schlawe/Pommern Dorfkirche in Łącko/Lanzig Krs. Schlawe/Pommern Dorfkirche in Niemica/Nemitz Krs. Schlawe/Pommern Dorfkirche in Ostre Bardo/Wusterbarth Krs. Belgard/Pommern
Russland Dorfkirche in Gwardeiskoje/Mühlhausen Krs. Preußisch Eylau/Ostpreußen
Schweden Landkirche in Gotland
Schweiz Dorfkirche Riehen, Kanton Basel-Stadt Dorfkirche Adelboden, Kanton Bern Kirche Amsoldingen, Kanton Bern Dorfkirche Langnau, Kanton Bern Kirche Saanen, Kanton Bern Dorfkirche Arosa, Kanton Graubünden
Siehe auch Alte Dorfkirche Dorfkapelle Landkirche Wehrkirche Stadtkirche
Literatur (chronologisch) Siegfried Scharfe: Deutsche Dorfkirchen. Königstein/Leipzig 1941. ()