Die Weltfinanzkrise (oder globale Finanzkrise) war eine globale Banken- und Finanzkrise als Teil der Weltwirtschaftskrise in den Jahren 2007 bis 2009. Die Krise war unter anderem Folge eines spekulativ aufgeblähten Immobilienmarkts (insbesondere Subprime-Markt) in den USA.
Als Beginn der Finanzkrise wird der 9. August 2007 datiert, denn an diesem Tag stiegen die Zinsen für Interbankfinanzkredite sprunghaft an.Dorothea Schäfer: Geborgtes Vertrauen auch nach zehn Jahren Dauerfinanzkrise, in: diw-Wochenbericht 9. August 2017 diw.de (PDF; 113 kB) Ihren Höhepunkt erreichte die Krise mit dem Zusammenbruch der US-amerikanischen Großbank Lehman Brothers am 15. September 2008. Die Finanzkrise veranlasste mehrere Staaten, die Existenz großer Finanzdienstleister durch Kapitalerhöhungen und Rekapitalisierungen von enormer Größenordnung durch vor allem staatliches Fremdkapital, aber auch Eigenkapital zu sichern. Einige Banken wurden verstaatlicht und später geschlossen. Die Staatsverschuldung vieler Staaten stieg krisenbedingt stark an, vor allem in den USA (Kabinett George W. Bush).
Zentralbanken westlicher Länder hielten die Leitzinsen niedrig oder senkten sie noch weiter, um eine Kreditklemme zu verhindern bzw. abzumildern und um den Schuldendienst ihrer Staaten zu verringern. Die Europäische Zentralbank (EZB) senkte auf gleiche Weise den Schuldendienst der Länder der Eurozone. Die Finanzkrise wirkte sich trotzdem auf die Realwirtschaften aller Länder aus: viele Unternehmen reduzierten ihre Produktion; es kam zu Unternehmenskrisen, Entlassungen und Insolvenzen (darunter der Autohersteller General Motors).
Am 3. April 2009 schätzte der Internationale Währungsfonds (IWF) die Kursverluste der Wertpapiere infolge der Krise auf vier Billionen US-Dollar.IMW: International Financial Stability Report, April 2009, Chapter 1: Stabilizing the Global Financial System and Mitigating Spillover Risks (PDF; 1,8 MB), Tabelle 1.3.
2010 begann die Eurokrise.
Ursachen
Die Ursachen für die Subprime-Krise wurden kontrovers diskutiert, wobei unterschiedliche Ursachen für die Krise benannt wurden. Die vom Kongress der Vereinigten Staaten bestellte Financial Crisis Inquiry Commission erstellte 2011 nach einem Verhör von Beteiligten und Sichtung umfangreicher Beweismittel einen Bericht über die Ursachen.The Financial Crisis Inquiry Report, FCIC, Januar 2011 Laut dem Mehrheitsvotum der US-Kommission waren in erster Linie die Immobilienblase, begünstigt durch die Niedrigzinspolitik, die laxe Regulierung des Bankensektors sowie die fehlende Regulierung der Schattenbanken entscheidende Faktoren für Eintritt und das Ausmaß der Krise. Die Ratingagenturen werden als entscheidendes Stellglied angesehen, dass das Krisenpotential ganz erheblich erhöhte. Unter Makroökonomen werden zudem u. a. die steigende Ungleichheit der Einkommensverteilung und die außenwirtschaftlichen Ungleichgewichte als strukturelle Ursachen der Krise diskutiert.
Preisblase am US-Immobilienmarkt mini|Von 1997 bis 2006 kam es zu einer starken Erhöhung der Immobilienpreise, ab 2007 zu einem starken Rückgang der Preise.
Der „Case-Shiller National Home Price Index“ verzeichnete einen sehr starken Anstieg der Immobilienpreise zwischen Ende der 1990er Jahre und dem Höchststand im Jahr 2006; ein Indiz für eine Immobilienblase. Die Finanzakteure übersahen die Preisblase und nahmen fälschlich an, Immobilienpreise könnten nicht über einen längeren Zeitraum sinken.Robert J. Shiller, The Subprime Solution: How Today’s Global Financial Crisis Happened, and what to Do about it, Princeton University Press, 2012, ISBN 978-0-691-15632-3, Einleitung, S. xii Die Hauseigentümerquote war in den USA bereits 1997 vor der Immobilienblase mit 65,7 % relativ hoch. Bis 2005 stieg die Quote auf 68,9 %. Die Zahl der Eigenheimbesitzer stieg dabei um 11,5 %. Der Anstieg war am größten im Westen der USA, bei Menschen unter 35 Jahren, bei Menschen mit unterdurchschnittlichem Einkommen und bei Hispanics und Afroamerikanern.Robert J. Shiller: The Subprime Solution: How Today’s Global Financial Crisis Happened, and what to Do about it, Princeton University Press, 2012, ISBN 978-0-691-15632-3, S. 5 Die steigenden Immobilienpreise sorgten dafür, dass selbst Fehlinvestitionen zu keinen größeren Verlusten führten. Nach und nach stieg die Bereitschaft, immer riskantere Kredite zu vergeben.Kristopher S. Gerardi, Andreas Lehnert, Shane M. Sherland, Paul S. Willen, Making sense of the subprime crisis, Working Paper, Federal Reserve Bank of Atlanta, No. 2009-2, S. 48 Nach der über Jahre hinweg stattfindenden Aufweichung der Kreditvergabestandards erfolgte dann nach plötzlich einsetzender Erkenntnis der tatsächlichen Situation die Umkehr (der „Minsky-Moment“), nach der die Liquidität am Markt versiegte und eine Refinanzierung in vielen Fällen unmöglich wurde.Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, 78. Jahresbericht, S. 8
Carmen Reinhart und Kenneth S. Rogoff sahen gewisse Parallelen zu den Immobilienblasen in Spanien, Großbritannien und Irland. Ihrer Ansicht nach waren in allen Fällen Preisblasen die Ursache für die übermäßige Schuldenanhäufung. Im Falle der Vereinigten Staaten komme noch die unterlassene Regulierung neuartiger Finanzinstitute hinzu; diese habe die Investitionen in die Preisblase hinein noch vereinfacht.Carmen M. Reinhart, Kenneth S. Rogoff: Is the 2007 US sub-prime financial crisis so different? An international historical comparison, 2008, American Economic Review 98, Nr. 2, S. 339–344, hier S. 342–344 doi:10.1257/aer.98.2.339
Steigende Einkommensungleichheit Als eine makroökonomische Ursache haben mehrere Ökonomen den Anstieg der Einkommensungleichheit in den USA seit Beginn der 1980er-Jahre bezeichnet.How income inequality contributed to the Great Recession The Guardian, Till van Treeck vom 9. Mai 2012Leveraging Inequality International Monetary Fund, Michael Kumhof und Romain Rancière vom Dezember 2010 Die Einkommen unterer und mittlerer Einkommensgruppen stagnierten; ein Teil von ihnen finanzierte seine Ausgaben durch eine zunehmende Verschuldung. Die Verschuldung der unteren Einkommensgruppen wurde dabei durch die Deregulierung der Kreditmärkte und durch direkte staatliche Förderung von Wohnungsbaukrediten politisch gefördert.Vgl. Robert Reich: Nachbeben – Amerika am Wendepunkt Campus-Verlag, Frankfurt New York 2010, ISBN 978-3-593-39247-9.Vgl. Raghuram Rajan: Verwerfungen, Finanzbuch Verlag, München 2012, ISBN 978-3-89879-685-9. Die Subprime-Krise war nach dieser Sichtweise das Ergebnis einer seit längerem bestehenden makroökonomischen Instabilität, hervorgerufen durch die zunehmende Ungleichverteilung der Einkommen.Vgl. Joseph Stiglitz: Der Preis der Ungleichheit. Wie die Spaltung der Gesellschaft unsere Zukunft bedroht. Siedler, München 2012, ISBN 3-8275-0019-2.
Die steigende Verschuldung der privaten Haushalte in den USA musste durch Kredite aus dem Ausland finanziert werden. Außerhalb der USA stieg die Einkommensungleichheit ebenfalls stark (z. B. China, Deutschland), jedoch war hier das Kreditsystem weniger entwickelt oder stärker reguliert, so dass die unteren Einkommensgruppen ihre Ausgaben nicht im selben Ausmaß über Kredite finanzieren konnten wie die Haushalte in den USA.Till van Treeck, Simon Sturn (2012): Income inequality as a cause of the Great Recession? A survey of current debates (PDF) ILO Conditions of Work and Employment Series No. 39 Somit wurden die Ersparnisse der oberen Einkommensgruppen in diesen Ländern auf dem internationalen Kapitalmarkt angelegt und finanzierten so unter anderem die steigende Verschuldung der privaten Haushalte in den USA.Unequal = Indebted International Monetary Fund, Michael Kumhof und Romain Rancière vom September 2011
Eigenheimförderung durch die Regierung Nach dem Minderheitsvotum von einem der vier von den Republikanern benannten Sachverständigen für die Financial Crisis Inquiry Commission seien die Änderungen unter den Präsidenten George H. W. Bush, Bill Clinton und George W. Bush am Community Reinvestment Act sowie die Aufforderungen an Fannie Mae und Freddie Mac, mehr Kredite an Menschen mit unterdurchschnittlichem Einkommen zu vergeben, ein wesentlicher Grund für die Subprime-Krise gewesen.
Nach Ansicht der Mehrheit der benannten Sachverständigen waren die politischen Vorgaben an Fannie Mae und Freddie Mac kein wesentlicher Grund für die Subprime-Krise, da die notleidenden Subprime-Kredite ganz überwiegend von Finanzinstitutionen vergeben wurden, die keinen staatlichen Weisungen unterlagen. Die von staatlich finanzierten Kreditbanken wie Fannie Mae und Freddie Mac vergebenen Hypothekenkredite hatten ein deutlich geringeres Ausfallrisiko als die von unabhängigen Banken vergebenen Hypothekenkredite (6,2 % gegenüber 28,3 %).The Financial Crisis Inquiry Report: Final Report of the National Commission on the Causes of the Financial and Economic Crisis in the United States, Financial Crisis Inquiry Commission, S. xxvi Auch der 'Community Reinvestment Act’ (CRA) in seiner heutigen Fassung könne keinen wesentlichen Beitrag zur Finanzkrise geleistet haben, da nur 6 % der hochverzinslichen Kredite, also der Subprime-Kredite, von Finanzinstitutionen ausgegeben wurden, die der Regulierung durch den CRA unterlagen. Zudem wurden solche Hypothekenkredite nur halb so oft notleidend wie solche, die nicht dem CRA unterlagen.The Financial Crisis Inquiry Report: Final Report of the National Commission on the Causes of the Financial and Economic Crisis in the United States, Financial Crisis Inquiry Commission, S. xxvii
Präsident Bush äußerte 2002 auf einer Konferenz über die niedrigen Anteile an Wohneigentum der US-Bevölkerung:
Bush förderte und festigte damit die Ansicht, der Besitz eines Eigenheims sei Teil des Amerikanischen Traums. Präsident Obama vertrat 2013 die gleiche Ansicht:
Falsche Kreditbewertungen der Ratingagenturen Nach Ansicht der Mehrheit der Sachverständigen der 'Financial Crisis Inquiry Commission' haben die Ratingagenturen einen entscheidenden Beitrag zu der Finanzkrise geleistet. Ohne die falschen Top-Ratings hätten die verbrieften Subprime-Kredite nicht verkauft werden können.The Financial Crisis Inquiry Report: Final Report of the National Commission on the Causes of the Financial and Economic Crisis in the United States, Financial Crisis Inquiry Commission, S. xxv Joseph Stiglitz bezeichnete die Transformierung von Krediten mit F-Rating in Anlageprodukte mit A-Rating durch die Banken in „Komplizenschaft“ mit den Ratingagenturen als mittelalterliche Alchemie. E-Mails von Standard-&-Poor’s-Angestellten, die von der Financial Crisis Inquiry Commission ausgewertet wurden, legen nahe, dass zumindest ein Teil der Mitarbeiter die Krise kommen sah:Rupert Neate: Ratings agencies suffer „conflict of interest“, says former Moody’s boss, The Guardian, 22. August 2011
Kathleen Casey von der United States Securities and Exchange Commission plädierte 2009 für eine Regulierung der Ratingagenturen mit der Begründung:Kathleen L. Casey: In Search of Transparency, Accountability, and Competition: The Regulation of Credit Rating Agencies, sec.gov, 6. Februar 2009
Am 14. Januar 2017 einigte sich die US-amerikanische Ratingagentur Moody’s im Rechtsstreit um geschönte Kreditbewertungen mit dem US-Justizministerium und 21 Bundesstaaten; sie akzeptierte eine Mitverantwortung an der weltweiten Finanzkrise 2008 und eine Strafzahlung in Höhe von 864 Millionen US-Dollar.
Schattenbanken