mini|Lebensmittelkarte aus Niedersachsen, 1950 mini|Lebensmittelkarte der DDR, 1958 Eine Lebensmittelkarte ist eine von einer Behörde ausgegebene Bescheinigung, dass der Inhaber ein bestimmtes Lebensmittel in einer bestimmten Menge kaufen darf. Lebensmittelkarten werden in der Regel in Notzeiten, vor allem im Krieg, an die Bevölkerung ausgegeben, um den allgemeinen Mangel an Konsumgütern besser verwalten zu können. Außer Lebensmitteln werden häufig auch andere Konsumgüter, z. B. Heizmaterial (Kohlen), Kleidung, Genussmittel wie Zigaretten und Alkohol sowie Benzin rationiert. Die Erlaubnisscheine heißen dann gewöhnlich Bezugsscheine. Für die Erteilung eines Bezugsscheins musste ein besonderer Anlass – wie die Geburt eines Kindes – vorliegen oder ein Antrag gestellt werden.
Die Lebensmittelkarte berechtigte nur zum Kauf des jeweiligen Lebensmittels: Dieser war nur möglich, wenn die Ware im Geschäft vorrätig war."Wobei weder Geld noch Lebensmittelmarken etwas nutzten, wenn die Ware nicht vorrätig war, dann galt es am Herd zu improvisieren." Rationierung bei Haus Schlesien, Königswinter; "Auch im Winter 1947 bleiben viele Lebensmittelmarken ungenutzt. Nach wie vor gibt es kaum Fett, Fleisch, Gemüse oder Obst." Stichtag 30. Dezember 1947 - Kälte- und Hungerwinter in Deutschland, auf wdr.de; "Die 1939 eingeführten Lebensmittelkarten sollen auch in der Nachkriegszeit die Versorgung sichern. Doch häufig sind in den Geschäften nicht einmal die aufgedruckten Mengen zu erhalten." LeMO-Objekt Lebensmittelkarte bei Lebendiges Museum Online.
Geschichte in Deutschland Erster Weltkrieg In Deutschland wurde im Ersten Weltkrieg am 25. Januar 1915 zunächst Brot rationiert, später auch Milch, Fett, Eier und andere Nahrungsmittel. So gab es z. B. die „Karte zur Empfangnahme von Butter, Margarine – Pflanzenfett“ (es gab bis in die 1950er Jahre eine Fettlücke), aber auch eine Seifenkarte.
Notwendig wurden die Rationierungen, weil wegen der britischen Seeblockade kaum noch Lebensmittelimporte möglich waren. Die Binnenproduktion wiederum ging zurück, weil viele Bauern zum Kriegsdienst eingezogen worden waren. Seit dem 1. August 1916 galt in Deutschland überdies eine Verordnung über die Regelung des Verkehrs mit Web-, Wirk- und Strickwaren. Die hierin eingeführte Bezugsscheinpflicht wurde im Dezember 1916 auf Schuhwaren ausgedehnt.
Zweiter Weltkrieg mini|„Reichsfettkarte“ für Jugendliche aus dem Jahr 1941 mini|hochkant|NS-Erlass (Operationszone Alpenvorland) für Lebensmittelkarten in Bozen, Oktober 1944 Rückblickend auf die Erfahrungen des Ersten Weltkriegs befürchtete die NS-Führung eine unzureichende Nahrungsversorgung der Bevölkerung und eine damit einhergehende Hungersnot. Am 27. August 1939, vier Tage vor Beginn des Zweiten Weltkrieges (und drei Tage nach dem ursprünglichen Angriffsbefehl für den Überfall auf Polen), wurde deshalb die Verordnung zur vorläufigen Sicherstellung des lebenswichtigen Bedarfs des deutschen VolkesRGBl. I, S. 1498 erlassen, mit der die Rationierung und Bezugsscheinpflicht für eine große Anzahl an Verbrauchsgütern eingeführt wurde.Martin Psonka: Strafverfahren gegen Minderjährige im Dritten Reich am Beispiel des Sondergerichts Dortmund TU Dortmund, Univ.-Diss. 2019, S. 100 ff. Als Bezugsscheine wurden von den unteren Verwaltungsbehörden einheitliche Ausweiskarten auf rosa Wasserzeichenpapier ausgegeben, die neben einem Stammabschnitt 72 Teilabschnitte enthielten, auf denen die bezugsfähigen Verbrauchsgüter verzeichnet waren (§ 3 Abs. 1 VO vom 27. August 1939).
Im November 1939 folgte die Reichskleiderkarte.
Anfangs wurde für Lebensmittel eine „Einheitskarte“ ausgegeben, die vier Wochen galt. Zuerst war der Händler frei wählbar und an den Karten befanden sich Bestellscheine für bestimmte Waren. Diese Bestellscheine trennte der Händler ab, stempelte sie und reichte sie gesammelt beim Reichsernährungsamt ein. Dafür erhielt er von diesem Amt einen Bezugsschein, mit dem der Kaufmann eine entsprechende Menge vom Großhändler bestellen konnte. Dieses System erwies sich bald als wenig praktikabel.Michael Wildt: Der Traum vom Sattwerden. Hamburg 1986, ISBN 3-87975-379-2, S. 15–17. Im Laufe des Krieges wurde das Bestellschein-System durch ein sogenanntes „durchlaufendes Bezugsrecht“ ersetzt: Händler schnitten beim Verkauf der Ware die entsprechende Marke ab, klebten sie auf Sammelbögen und erhielten dafür dann einen Bezugsschein, den sie beim Großhändler oder Importeur vorlegten.
Kartoffeln, Obst und Gemüse wurden in den ersten Monaten noch frei verkauft. Die anfangs ausgeteilte „Einheitskarte“ wurde bald durch unterschiedliche Karten ergänzt oder ersetzt. Ende 1939 gab es Karten für Schwer- und Schwerstarbeiter und eine für Lang- und Nachtarbeiter. Es gab Karten für Brot und Mehl (Reichsbrotkarte)Stadtarchiv Augsburg (Hrsg.): Trümmer, Jeeps und leere Mägen. Wißner-Verlag, Augsburg, 1995, ISBN 3-928898-81-7, Seite 22. sowie für Fleisch, Fett, Eier und Marmelade/Zucker. Außerdem wurden unterschiedliche Karten für Kleinst- und Kleinkinder, für Kinder bis zu sechs Jahren, für Jugendliche und Erwachsene ausgeteilt. Auch Soldaten auf Urlaub (die sich bei ihren Familien aufhielten) bekamen entsprechende Urlaubskarten. Die Landbevölkerung, die sich zumindest teilweise selbst versorgen konnte, erhielt geringere Rationen. Sogenannte Normalverbraucher machten 55 % der Empfänger aus, Kinder und Jugendliche 31 %, und 14 % waren als Lang-, Schwer- oder Schwerstarbeiter eingestuft. Bezugsberechtigte, die nach den Nürnberger Rassegesetzen als Juden eingestuft wurden, erhielten mit einem roten „J“ markierte Karten mit geringeren Bezugsmengen für viele Grundnahrungsmittel und waren von allen Sonderzuteilungen ausgeschlossen. Ab Oktober 1942 erhielten sie keinerlei Fleisch- und Kleiderkarten mehr.Christoph Buchheim: Der Mythos vom ‚Wohlleben‘. Der Lebensstandard der deutschen Zivilbevölkerung im Zweiten Weltkrieg. In: VfZ 58 (2010), H. 3, S. 307. Die Rationierung der Lebensmittel verschärfte auch die Situation von Personen, die untergetaucht waren, um der Verhaftung oder Deportation zu entgehen: Ohne Karten war ihnen die Beschaffung von Lebensmitteln kaum möglich; eventuell vorhandene Helfer konnten ihnen so gut wie nichts abgeben, da die Rationen zu knapp bemessen waren, um versteckte Personen mitzuversorgen.
Mit Beginn des Angriffskriegs gegen die Sowjetunion im Juni 1941 wurde die Qualität der Lebensmittel merklich schlechter. Tabakwaren und Alkohol waren ebenfalls betroffen, auch diese wurden gestreckt. Ersatzstoffe kamen auf. Die Seifen gaben von Mal zu Mal weniger Seifenschaum her, die Waschwirkung sank, die oft überfüllten Züge des Berliner Nahverkehrs waren in der Hitze des Sommers 1941 unangenehm von Körperausdünstungen durchzogen. Bis zum Beginn des Angriffskriegs im Osten war die Lebensmittelversorgung – abgesehen von regionalen und saisonbedingten Engpässen – auch in den Städten und Ballungsgebieten noch als befriedigend rezipiert worden. Die Mengen pro Person wurden reduziert, dies betraf zum Beispiel die Fleischrationen. In den Schaufenstern der Geschäfte wurden die leere Pappschachtel und andere Attrappenformate zum gängigen Muster. In den Restaurants gab der Küchenchef für eine 100-Gramm-Fleischmarke nurmehr ein 80-Gramm-Stück heraus.Howard K. Smith: Feind schreibt mit. Ein amerikanischer Korrespondent erlebt Nazi-Deutschland, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt 1986 (Neuauflage des Originals von 1942), ISBN 3-596-24371-8, S. 105. Im April 1942 kam es zu weiteren drastischen Einschnitten: Die Brotration für Normalverbraucher wurden von 9,6 kg auf 6,4 kg, die Fleischzuteilung von 1600 g auf 1200 g und die Fettration von 1053 g auf 825 g im Monat gekürzt.Michael Wildt: Der Traum vom Sattwerden. Hamburg 1986, ISBN 3-87975-379-2, S. 17. In den „Geheimen Lageberichten“ des Sicherheitsdienstes der SS wurde gemeldet, die starken Kürzungen hätten auf einen großen Teil der Bevölkerung „niederschmetternd“ gewirkt wie kaum ein anderes Ereignis des Krieges.Meldungen aus dem Reich hrsg. von Heinz Boberach, Herrsching 1984, ISBN 3-88199-158-1, Bd. 9, S. 3505. Im kollektiven Gedächtnis war die Erinnerung an die Hungerwinter 1916/17 (Steckrübenwinter) und 1918/19 sehr präsent.
Die wöchentlichen Rationen eines „Normalverbrauchers“ (z. B. Hausfrauen, Angestellte)Wolfgang Schneider (Hrsg.) Alltag unter Hitler, 2000 Rowohlt Berlin, S. 186; ISBN 3 87134 404 4 / Vollständige Tabelle bei Christoph Buchheim: Der Mythos vom „Wohlleben“ – Der Lebensstandard der deutschen Zivilbevölkerung im Zweiten Weltkrieg. In: Vierteljahrsheft für Zeitgeschichte 58 (2010) H. 3, S. 307. beliefen sich im Zweiten Weltkrieg auf: Zeitpunkt Brot Fleisch Fett September 1939 2400 gr. 500 gr. 270 gr. April 1942 2000 gr. 300 gr. 206 gr. Juni 1943 2325 gr. 250 gr. 218 gr. Oktober 1944 2225 gr. 250 gr. 218 gr. März 1945 1778 gr. 222 gr. 109 gr.
Beachtet werden muss dabei, dass die Lebensmittelmarken und die Bezugsscheine lediglich eine Berechtigung zum Kauf bedeuteten, eine etwa geartete Pflicht zum Angebot oder zum Verkauf der Ware durch Händler war damit nicht verbunden: Gelang es den Inhabern nicht, die Ware zu erwerben (z. B. mangels Angebot) verfielen diese, ohne Übertragung auf folgende Bezugszeiträume. Das heißt vereinfacht: Wer seine Karte (oder den Bezugsschein) nicht ausschöpfen konnte, aus welchem Grund auch immer, hatte weniger zur Verfügung. Die verkündeten Rationierungen waren keineswegs Garantie, die rationierten Güter auch erwerben zu können. Folglich lag der tatsächliche Verbrauch immer unter den durch die Rationierungen angegebenen Mengen.Wolfgang Schneider (Hrsg.) Alltag unter Hitler, Rowohlt, Berlin 2000, ISBN 3 87134 404 4.
Nachkriegszeit Nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges gaben die Alliierten Besatzungsmächte ab Mai 1945 in ihren jeweiligen Besatzungszonen neue Lebensmittelkarten (auch Nährmittelkarten genannt) aus, die entsprechend der Schwere der Arbeit in Verbrauchergruppen (Kategorien) im Allgemeinen von I bis V eingestuft wurden.
Sowjetische Besatzungszone und Groß-Berlin In der SBZ und späteren DDR gab es ab dem 12. Juni 1945 ein von den westlichen Besatzungszonen abweichendes System mit folgenden Gruppen:Die Einstufungen in die Lebensmittelkartengruppen. In: Berliner Zeitung, 6. November 1945, S. 4; online. Gruppe I: Schwerstarbeiter Gruppe II: Schwerarbeiter Gruppe III: Arbeiter Gruppe IV: Angestellte Gruppe V: Kinder Gruppe VI: Personen ohne regelmäßige Beschäftigung (darunter Hausfrauen und Rentner)
Ab 1. Februar 1947 wurde die Gruppe VI aufgehoben, die Bezieher wurden in die Gruppe IV übernommen.Ende der Lebensmittelkarte VI. In: Neues Deutschland, 17. Januar 1947, S. 3; online.
Was man für die Lebensmittelkarte erwerben konnte, kostete nach Berichten einer Trümmerfrau etwa 30 Mark.
Ab 1949 wurden einheitliche Zusatzkarten eingeführt, die zusätzlich zur Lebensmittelgrundkarte an Beschäftigte mit schwerer und besonders schwerer Arbeit und an die ihnen gleichgestellte Intelligenz ausgegeben wurden.Lebensmittel-Verordnung vom 3. Nov. 1949, abgerufen am 22. Juni 2016
Die Rationen an Brot, Fleisch, Fett, Zucker, Kartoffeln, Salz, Bohnenkaffee, Kaffee-Ersatz und Tee wurden entsprechend den Möglichkeiten festgelegt. Durch öffentliche Aushänge wurden an den Wochenenden die für die jeweils nächste Woche erhältlichen Waren „aufgerufen“. Schwerkranke, die einen höheren Bedarf an Nahrungsenergie hatten, bekamen auf ärztliche Anweisung eine „Schwerarbeiterzulage“, die ansonsten nur körperlich schwer arbeitenden Menschen zustand.
Westzonen mini|Kohlen-Kontrollkarte in der Britischen Besatzungszone, 1948