Das Kastell Niederbieber war ein römisches Grenzkastell des Obergermanischen Limes, das seit 2005 den Status eines UNESCO-Weltkulturerbes besitzt. Das frühere Auxiliarkastell, eines der größten am Limes, liegt heute als Bodendenkmal unter einer nach 1945 entstandenen Eigenheimsiedlung von Niederbieber, einem Stadtteil der rheinland-pfälzischen Stadt Neuwied in der Bundesrepublik Deutschland. Niederbieber zählt zu den größten, bedeutendsten und besterforschten römischen Militärlagern am Obergermanischen Limes. Trotz des unersetzbaren militär- und kulturgeschichtlichen Wertes dieser Anlage und seiner dazugehörigen Lagersiedlung konnten die rücksichtslos vorangetriebenen Zerstörungen bis in die jüngste Zeit fortgesetzt werden. In wissenschaftlichen Kreisen wird daher von einem „immensen Verlust“ gesprochen.Cliff Alexander Jost: Überreste eines der größten Limeskastelle – Kastell Niederbieber bei Neuwied. In: Der Limes. 3. Jahrgang 2009, Heft 1. Deutsche Limeskommission, Bad Homburg 2009, S. 8–12; hier S. 10.

Lage mini|links|Die historische Karte aus der Zeit der Reichs-Limeskommission zeigt die Lage des Kastells am Limes (rot) sowie das damals bekannte und/oder vermutete Wegenetz (grün). Das Kastell Niederbieber befindet sich topographisch auf einer flachen Geländeerhebung östlich eines Bogens, den die Wied bildet, unmittelbar nachdem sie den Bereich des Westerwaldes verlassen hat und in das Neuwieder Becken eingetreten ist. Nach Osten und Süden hin wird diese Erhebung durch den Aubach begrenzt.

In römischer Zeit lag die Fortifikation unmittelbar hinter dem nur rund 150 Meter nordöstlich das Lager passierenden Limes an einer Stelle, an der mehrere Wege von Nordwesten und Norden her in das Neuwieder Becken eintraten. Der Kastellbesatzung oblag vermutlich die Überwachung dieser Verkehrswege sowie des Tales der Wied. Darüber hinaus wurden vermutlich die Mannschaften für die Wachtürme und Kleinkastelle des nördlichsten Limesbereichs bis hinauf zum Kleinkastell Rheinbrohl von hier abkommandiert.

Im heutigen Ortsbild wird die Lage des Kastells ungefähr durch das Geviert beschrieben, das von den Straßen Burgstraße, Am Limes, Melsbacher Straße und Ringmauerstraße gebildet wird. Die Ringmauerstraße befindet sich allerdings noch ein Stück weit innerhalb des Lagers, dessen Prätorialfront (Vorderfront) rund 60 Meter weiter südlich parallel zu ihr verläuft.

Forschungsgeschichte Bereits aus dem 17. Jahrhundert stammen die ersten Berichte über RuinenÜberliefert durch Wilhelm Dorow: Römische Alterthümer in und um Neuwied am Rhein, mit Grundrissen, Aufrissen und Durchschnitten des daselbst ausgegrabenen Kastells, und Darstellungen der darin gefundenen Gegenstände. Schlesinger, Berlin 1826. und Funde von Inschriftensteinen und . im Gebiet um das damalige Dorf Niederbieber, dessen alte Gewannnamen, wie „Auf der Altenburg“ und „Auf der Ringmauer“ auf das Kastell hinwiesen und zum Teil noch in den modernen Straßennamen erhalten sind.

mini|Ein historischer Plan von 1851 zeigt die damals bekannten Strukturen und Interpretationen zum Kastell Niederbieber. Im 18. Jahrhundert entstand im Schloss Neuwied der Grundstock einer ersten Antikensammlung mit Funden aus dem Kastell- und Vicusbereich von Niederbieber. Den Anstoß dazu hatte 1759 der damalige Graf Johann Friedrich Alexander gegeben. Auf die gräfliche Anfrage, was an örtlichen Altertümern bekannt sei, berichtete der damalige Pastor Breusing von Niederbieber über einen Palast, der Auf der Altenburg gestanden habe. Der Geistliche begann noch im gleichen Jahr damit, ein Stockwerk tief in dem Gelände zu graben. Dabei fand er nach eigenem Bekunden unter anderem eine Waage, das kupferne Brustbild eines Götzen sowie Dachpfannen, Kohle und Asche. Offensichtlich gingen etliche Funde verloren, bevor sie den Grafen erreichten.Karl August von Cohausen: Caesar am Rhein. In: Jahrbücher des Vereins von Alterthumsfreunden im Rheinlande. Band 47–48, 1869, S. 1–65; hier: S. 45–46. Ab Februar 1791 begannen auf Veranlassung der altertumsbegeisterten Fürstin Luise Wilhelmine zu Wied – die im Sommer desselben Jahres höchstpersönlich den Spaten in Niederbieber ansetzte – planmäßige, allerdings weitgehend undokumentierte Ausgrabungen. Zunächst mit einigen Unterbrechungen unter der Leitung des Ingenieurhauptmannes Christian Friedrich Hoffmann und nach dessen Tod im Jahr 1820 bis 1829 durch den Archivrat Hugo von Knopäus († 1838).Karl August von Cohausen: Caesar am Rhein. In: Jahrbücher des Vereins von Alterthumsfreunden im Rheinlande. Band 47–48, 1869, S. 1–65; hier: S. 47. Während der Zeit nach 1820 interessierte sich auch der pensionierte, altertumsbegeisterte Hofrat Wilhelm Dorow (1790–1845) für das Kastellgelände. Hatte bereits Hoffmann (1819, 1823)Christian F. Hoffmann: Ueber die Zerstörung der Römerstädte an dem Rheine zwischen Lahn und Wied, durch die Deutschen in der Mitte des dritten Jahrhunderts, wie sie in Nachgrabungen bey Neuwied gezeigt haben. 2. Auflage. Lichtfers & Faust, Neuwied 1823. (Digitalisat) über seine Grabungen veröffentlicht, gab Dorow 1826Wilhelm Dorow: Römische Alterthümer in und um Neuwied am Rhein, mit Grundrissen, Aufrissen und Durchschnitten des daselbst ausgegrabenen Kastells, und Darstellungen der darin gefundenen Gegenstände. Schlesinger, Berlin 1826. (Digitalisat Textband 1826 Tafelband 1827 Digitalisat Tafelband 1827)Wilhelm Dorow: Die Denkmale germanischer und römischer Zeit in den rheinisch-westfälischen Provinzen. Schlesinger, Berlin 1823–1826. weitere Forschungsergebnisse und Zusammenstellungen aus dem Nachlass Hoffmanns heraus.Oliver Stoll: Römisches Heer und Gesellschaft. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2001, ISBN 3-515-07817-7, S. 172. Weitere Berichte folgten.Alexander Bertram Joseph Minola: Kurze Uebersicht dessen, was sich unter den Römern seit Julius Cäsar die auf die Eroberung Galliens durch die Franken am Rheinstrome Merkwürdiges ereignete. Mit besonderer Hinsicht auf die vaterländischen Altertümer. Mathieur, Köln 1833. (Digitalisat/PDF-Download) Viele der schönsten und wertvollsten Stücke aus den Grabungen hielten Einzug in die fürstliche Sammlung, die von vielen Gelehrten, wie Goethe 1815 besucht wurde.

Nach der Mitte des 19. Jahrhunderts war von dem damals noch im offenen Gelände gelegenen Kastell bis auf einige Bodensenken, die von Steinraub zeugten, außer Ziegel und Mörtelresten nichts mehr zu sehen. Der Archäologiepionier Karl August von Cohausen (1812–1894) berichtete 1869, von einer damals sichtbaren teilweisen Aufgrabung der Umfassungsmauer, aus der Steinmaterial für den Straßenbau entnommen worden war.Karl August von Cohausen: Caesar am Rhein. In: Jahrbücher des Vereins von Alterthumsfreunden im Rheinlande. Band 47–48, 1869, S. 1–65; hier: S. 45. Wie der Bergbauexperte Ernst Heinrich von Dechen (1800–1889) bereits 1864 berichtet hatte, war die Wehrmauer noch 1861 offen sichtbar gewesen, bevor ihre Reste „als Packlage für die Strasse von Niederbieber nach Oberbieber“ ausgebrochen wurden.Ernst Heinrich Carl von Dechen: Der Tuffstein als Baumaterial der Römer am Rhein. In: Jahrbücher des Vereins von Alterthumsfreunden im Rheinlande. Band 38, 1864, S. 1–26; hier: S. 5.

In den folgenden Jahrzehnten kam es immer wieder zu vereinzelten Untersuchungen,Die Ergebnisse sind zum größten Teil in den Bonner Jahrbüchern dieser Zeit veröffentlicht worden. bis ab 1894 die archäologischen Ausgrabungen wieder aufgenommen wurden. Zunächst unter der Leitung des Altertumsforschers Constantin Koenen (1854–1929), und ab 1897 unter der des Archäologen und Streckenkommissars der Reichs-Limeskommission (RLK), Emil Ritterling (1861–1928). Niederbieber wurde in der Folge zu einem der bedeutendsten Projekte der RLK.Frank Unruh: Kastelle am Ende. Germanen oder Römer. Überfälle auf Pfünz und Niederbieber. In: Hans-Peter Kuhnen (Hrsg.): Gestürmt – Geräumt – Vergessen? Der Limesfall und das Ende der Römerherrschaft in Südwestdeutschland. Württembergisches Landesmuseum, Stuttgart 1992, ISBN 3-8062-1056-X, S. 67–68; hier: S. 67. Weitere Forschungen der Kommission fanden 1898, 1900, 1905 bis 1912 statt. Noch im ersten Kriegsjahr erschien die wegweisende Publikation der Niederbieber Keramik durch Franz Oelmann (1883–1963). Oelmanns Publikation ist in der Forschung bis heute von Bedeutung, da sie einen geschlossenen Fundkomplex des 3. Jahrhunderts und des Limesfalls in der Zeit der Reichskrise darstellt. Zahlreiche Formen sowohl der feinkeramischen Terra Sigillata als auch der Gebrauchskeramik sind nach dem Fundort Niederbieber benannt. In der provinzialrömischen Archäologie werden Funde aus dieser Zeit als Niederbieber-Horizont bezeichnet. Auch ein Helmtyp des 3. Jahrhunderts wird nach dem Fundort als Typ Niederbieber bezeichnet.

Hatte die Reichs-Limeskommission noch weitgehend ungestört auf freiem Feld arbeiten können, wurden die nach dem Zweiten Weltkrieg als Notgrabungen stattfindenden Untersuchungen der Jahre 1963 bis 1968 und 1973/1974 zum Wettlauf mit der Zeit. Damals waren die architektonischen Baureste des bis dahin erhaltenen Kastellareals zum Abbruch freigegeben worden, um Bauland für Eigenheime zu schaffen. Dazu kam – im Bereich des Lagerdorfes – der massiven Abbau der örtlichen Bimsvorkommen. Auf die kulturhistorische Bedeutung dieser über 200-jährigen Grabungsstelle nahmen die Verantwortlichen keine Rücksicht. Hatte bei den Forschungen des 19. Jahrhunderts noch das Kastell selbst im Vordergrund gestanden, so bildete – notgedrungen – das zivile Lagerdorf den Schwerpunkt der Untersuchungen, die durch das damalige Staatliche Amt für Vor- und Frühgeschichte in den Regierungsbezirken Koblenz und Montabaur unter der örtlichen Leitung von Hans Eiden vorgenommen wurden.

Insgesamt kam es in den gut sechs Jahrzehnten seit dem Zweiten Weltkrieg bis in die jüngste Vergangenheit durch moderne Wohnbebauung zu den größten Zerstörungen an den antiken Befunden. Von Archäologenseite wurde das in ihren Augen rücksichtslose Vorgehen der Bauherren und das mangelnde Verständnis der örtlichen Behörden für wissenschaftliche Belange heftig kritisiert.Siehe Cliff Alexander Jost auf der . 1986 konnte nur noch das Kastellbad sowie das heute inmitten der Eigenheimsiedlung verloren wirkende Nordtor gerettet und zugänglich gemacht werden. Waren Behörden und der deutsche Denkmalschutz gegenüber der zügellosen Bauspekulation offensichtlich machtlos, gelang es erst mit dem seit 2005 geltenden Status als Weltkulturerbe, einen Teil des Südtors vor einer drohenden Überbauung zu sichern. Abgerufen am 26. Oktober 2012.

Die verbliebenen Bereiche sind als Grabungsschutzgebiete ausgewiesen. Oberirdisch sind nur die Grundmauern der Porta Decumana und des Kastellbades konserviert und teilrekonstruiert worden. Sie wurden in ein modernes Wohngebiet integriert, mit Ausstellungsvitrinen und Informationstafeln versehen und können besichtigt werden.

Kastell mini|Modell des Kastells