Das Corps Palaiomarchia Halle ist eine 1844 an der Friedrichs-Universität Halle gestiftete studentische Korporation im Hallenser Senioren-Convent (SC) und Mitglied des Kösener Senioren-Convents-Verbandes (KSCV). Innerhalb des Verbandes ist es dem sogenannten Blauen Kreis zugeordnet. Der Name Palaiomarchia ist ein Kunstwort für Altmark. Das Corps vereint Studenten und Alumni der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und bekennt sich zu den Prinzipien von Couleur und Mensur. Die Mitglieder des Corps werden als Altmärker bezeichnet.

Nach der Gründung als altmärkisches Kränzchen etablierte sich Palaiomarchia im 19. Jahrhundert bald als Bestandteil des Hallenser Korporationswesens. 1874 kam es zu einer langen Suspension, die erst 1882 überwunden werden konnte. In der Phase der Konsolidierung errichtete die Korporation 1890 ein eigenes Corpshaus; zugleich wurde in diesem Jahr der Ausschluss jüdischer Studenten von der Aufnahme in das Corps beschlossen, wodurch antisemitische Prinzipien institutionell verankert wurden. Nach dem Ersten Weltkrieg beteiligte sich Palaiomarchia an der Niederschlagung revolutionärer Unruhen und schloss sich in der Weimarer Republik nationalistisch-völkischen Hochschulorganisationen an. Ab 1919 wurde die antisemitische Praxis weiter verschärft: Nicht mehr nur Juden, sondern auch Personen jüdischer Abstammung wurden von der Rezeption ausgeschlossen.

Die nationalsozialistische Machtübernahme wurde zunächst begeistert als nationales Erwachen begrüßt, die Gleichschaltung führte allerdings zu Auseinandersetzungen, die 1935 maßgeblich zur Ausschaltung des KSCV beitrugen. Nach der Auflösung des KSCV suspendierte sich das Corps. Im Jahr 1938 entstand auf Initiative der Altherrenschaft der Altmärker und unter Beteiligung der Altherrenschaften weiterer suspendierter Corps auf dem Altmärkerhaus die Kameradschaft „Gustav Nachtigal“, die 1944 vom NSDStB aufgelöst wurde. Anfang 1950 Rekonstituierte sich Palaiomarchia in Kiel gemeinsam mit dem Corps Masovia als Palaiomarchia-Masovia. 1991 wurde Palaiomarchia durch Palaiomarchia-Masovia in Halle rekonstituiert und erhielt das Corpshaus nach einem langjährigen Verfahren rückübertragen. Die Tradition ruht seitdem wieder bei Palaiomarchia und nicht bei Palaiomarchia-Masovia.

Name, Couleur, Sprüche und Wappen Der Name Palaiomarchia ist ein Kunstwort für Altmark (griech. παλαιός = alt und lat. marchia = die Mark) und verweist auf die Herkunft der Gründungsstudenten. Die Couleur der Altmärker ist orange-weiß-schwarz (von unten gelesen) mit silberner Perkussion; Füchse tragen ein orange-weiß-oranges Fuchsenband. Die Mütze ist orange. Das Wappen ist geviert mit einem Herzschild, in welchem der Zirkel des Corps dargestellt ist. Im ersten Feld (oberes Schildhaupt, dexter) werden die Corpsfarben geführt. Das zweite Feld (oberes Schildhaupt, sinister) zeigt auf schwarzem Grund einen Sternenkranz als Symbol der neun Gründungsstudenten. Im dritten Feld (unteres Schildhaupt, dexter) befindet sich ein grüner Eichenkranz, in dessen Mitte zwei gekreuzte Schläger und das Stiftungsdatum eingeschrieben sind. Das vierte Feld (unteres Schildhaupt, sinister) zeigt einen halben schwarzen Adler, einen Schlüssel und vier Steine aus den Wappen von Salzwedel und Stendal. Der Wahlspruch lautet Concordia fidesque per vitam mortemque!;Wilhelm Scheffler: Wahl- und Waffensprüche deutscher Studenten. Ein Beitrag zur geistigen Eigenart deutschen Studententhumes, Leipzig 1896, S. 38, 93; Paulgerhard Gladen: Die Kösener und Weinheimer Corps. Ihre Darstellung in Einzelchroniken, Hilden 2007, S. 121; Georg Prick: Rechtsanwalt Bernhard Hofmann (1889–1954). Ein Streiter für die Bekennende Kirche im Kirchenkampf gegen die Deutschen Christen. In: Jahrbuch für deutsche Kirchengeschichte 40–41 (2016/17), S. 183–210, hier: S. 186. der Zirkelspruch Vivant Palaiomarchiae fratres conjuncti!Martin Dossmann: Ein Bonner Corps in der Zeit zwischen den Karlsbader Beschlüssen und dem Ende der Weimarer Republik. Geschichte der Guestphalia Bonn 1820–1933, Göttingen 2025, S. 25f.

Corpsgeschichte Von der Gründung 1844 bis zur Revolution 1918 Der Altmärkischen Kneipgesellschaft wurde am 28. Oktober 1844 von Absolventen der altmärkischen Gymnasien in Salzwedel und Stendal gegründet. Bereits im Februar 1845 änderte sie im Zuge von Auseinandersetzungen zwischen der nichtkorporierten Studentenschaft und den Corps ihren Namen in „Kränzchen der Altmärker“ und nahm Statuten an, die sich allerdings nicht erhalten haben. Getragen wurden zunächst violette Samtmützen mit goldener Paspel; jedoch keine Bänder. Das Tragen der Mütze war nicht obligatorisch. Die Farben des Bundes waren veilchenblau-weiß-gold.Fritz König: Geschichte des Corps Palaiomarchia zu Halle, 2. Aufl., Halle a.S. 1903, S. 8–10; Michael Doeberl (Hrsg.): Das akademische Deutschland. Bd. 2: Die deutschen Hochschulen und ihre akademischen Bürger, Berlin 1931, S. 815. Im WS 1845/46 nahm die Verbindung – unter der falschen Annahme, dies seien die Farben der Altmark – die Farben orange-weiß-schwarz von unten an; die Renoncenfarben waren zunächst weiß-orange-weiß. Die Farben führten in den folgenden Jahren zu Konflikten mit den Märkern, die ähnliche Farben trugen. Fritz König: Aus zwei Jahrhunderten. Geschichte der Studentenschaft und des studentischen Korporationswesens auf der Universität Halle, Halle a.S. 1894, S. 204; ders.: Geschichte des Corps Palaiomarchia zu Halle, 2. Aufl., Halle a.S. 1903, S. 10; Paulgerhard Gladen: Die Kösener und Weinheimer Corps. Ihre Darstellung in Einzelchroniken, Hilden 2007, S. 121. Am 6. September 1847 erfolgte die Konstituierung als Corps Palaiomarchia, wobei – so Paulgerhard Gladen – die bisherigen Farben beibehalten, die Renoncenfarben jedoch in orange-schwarz geändert wurden. Vier Tage nach der Rekonstitution erfolgte die Aufnahme in den von Pomerania und Borussia gebildeten SC.Fritz König: Aus zwei Jahrhunderten. Geschichte der Studentenschaft und des studentischen Korporationswesens auf der Universität Halle, Halle a.S. 1894, S. 206; ders.: Geschichte des Corps Palaiomarchia zu Halle, 2. Aufl., Halle a.S. 1903, S. 12; Reinhold Brode: Studentische Korporationen. In: Halle in der Gegenwart, hrsg. v. Max Reinus, Halle a.S. 1907, S. 129–68, hier: S. 132f.; Paulgerhard Gladen: Die Kösener und Weinheimer Corps. Ihre Darstellung in Einzelchroniken, Hilden 2007, S. 121. Die Korporation bestand aus einem engeren und einem weiteren Kreis, wobei der weitere Kreis über weitaus weniger Rechte verfügte als der engere und auch nur die Farben orange-schwarz tragen durften.Fritz König: Geschichte des Corps Palaiomarchia zu Halle, 2. Aufl., Halle a.S. 1903, S. 14f.

Palaiomarchia gehörte 1848 dem progressivistischen SC um Saxonia und Borussia, Cheruscia und Franconia an. Dieser wurde von der Jenenser Senioren-Convents-Deputiertenversammlung nicht als rechtmäßig anerkannt und besaß – im Gegensatz zum konservativen SC um Marchia, Pomerania und Guestphalia – lediglich beratende Funktion. Bereits im Folgejahr setzte der allmähliche Zerfall des progressivistischen SC ein; Franconia und Cheruscia gingen ein. Palaiomarchia wurde schließlich als letztes Corps dieses Zusammenschlusses in den konservativen SC rezipiert;Sebastian Sigler: Bemerkungen zum Hallenser SC im 19. Jahrhundert. In: Die Vorträge der 77. deutschen Studentenhistorikertagung Halle an der Salle 2017, hrsg. v. dems., München 2018, S. 59–68, hier: S: 64f. zugleich wurden Teile der Aktivitas des suspendierten Corps Cheruscia übernommen. Entsprechendes erfolgte im SS 1850 mit der Aufnahme von Mitgliedern der suspendierten Magdeburgia. Fritz König: Geschichte des Corps Palaiomarchia zu Halle, 2. Aufl., Halle a.S. 1903, S. 17f, 20. Gemeinsam mit den übrigen Hallenser Corps war Palaiomarchia im Mai 1855 an der Gründung des Kösener Senioren-Convents-Verbandes beteiligt.Reinhold Brode: Studentische Korporationen. In: Halle in der Gegenwart, hrsg. v. Max Reinus, Halle a.S. 1907, S. 129–68, hier: S. 132f.; Paulgerhard Gladen: Die Kösener und Weinheimer Corps. Ihre Darstellung in Einzelchroniken, Hilden 2007, S. 121. In dieser Frühzeit des Verbindungswesens kam es häufiger zu heftigen Auseinandersetzungen mit der Polizei, die von der Universität für die Unterdrückung illegaler Duelle bezahlt wurde. Fritz König: Geschichte des Corps Palaiomarchia zu Halle, 2. Aufl., Halle a.S. 1903, S. 31–33. Mensuren führten in dieser Zeit immer wieder zu schwersten Verletzungen, sodass 1859 vom SC der Gebrauch einer Paukbrille gestattet wurde. Fritz König: Aus zwei Jahrhunderten. Geschichte der Studentenschaft und des studentischen Korporationswesens auf der Universität Halle, Halle a.S. 1894, S. 232; ders.: Geschichte des Corps Palaiomarchia zu Halle, 2. Aufl., Halle a.S. 1903, S. 41.

Die Geschichte des Corps war durch wiederholte Suspensionen geprägt. Palaiomarchia war so von Ende Juni bis Ende Juli 1859 sowie erneut von Mitte Mai bis Anfang August 1862 suspendiert. Fritz König: Geschichte des Corps Palaiomarchia zu Halle, 2. Aufl., Halle a.S. 1903, S. 40, 45. Im Zusammenhang mit den Feierlichkeiten zum fünfzigjährigen Jubiläum der Vereinigung der Universitäten Halle und Wittenberg im Sommer 1867 kam es zu einem offenen Konflikt zwischen dem SC und der Universitätsleitung. Der SC eignete sich den für den offiziellen Festkommers vorgesehenen Saal der „Weintraube“ in Giebichenstein an und wies den vom Rektor angeführten Festzug aus Senat und Studentenschaft unter Anwendung von Gewalt zurück. Grund für diese Aktion war, dass die Universitätsverwaltung dem Wunsch der Corps auf Bevorzugung nicht entsprochen hatte. Die Universitätsleitung sah sich daraufhin genötigt, auf eine andere Veranstaltungsstätte auszuweichen. Als unmittelbare Konsequenz wurden die Hallenser Corps, darunter auch Palaiomarchia verboten; das Verbot wurde jedoch bereits im Wintersemester 1867/68 aufgehoben. Der Vorfall trug – neben tiefgreifenden Veränderungen der universitären Rahmenbedingungen – entscheidend dazu bei, dass der SC seiner dominanten Stellung innerhalb der Studentenschaft verlustig ging.Fritz König: Aus zwei Jahrhunderten. Geschichte der Studentenschaft und des studentischen Korporationswesens auf der Universität Halle, Halle a.S. 1894, S. 79–81; ders.: Geschichte des Corps Palaiomarchia zu Halle, 2. Aufl., Halle a.S. 1903, S. 50f.; Jürgen Kloosterhuis: Pudel und Partien. Studentisches Fechten und staatliches Mensurverbot im korporationsgeschichtlichen Wandel, untersucht am Beispiel der Hallenser Neoborussia von 1849 bis 1936. In: Beiträge zur Geschichte der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. 1502–2002, hrsg. v. Hermann-Josef Rupieper Halle a.S. 2002, S. 340–76, hier: S. 349. Zu Pfingsten 1869 wurden die Renoncenfarben in orange–weiß–orange geändert. Fritz König: Geschichte des Corps Palaiomarchia zu Halle, 2. Aufl., Halle a.S. 1903, S. 52. Weitere Suspensionen folgten von Mitte Juli 1870 bis Mitte Oktober 1871 sowie von Anfang November 1874 bis Anfang Mai 1882. Die Rekonstituierung erfolgte durch Alte Herren der Verbindung. Fritz König: Geschichte des Corps Palaiomarchia zu Halle, 2. Aufl., Halle a.S. 1903, S. 54; 56ff. König glaubt, dass 1874 eigentlich keine Suspension stattgefunden hat und die Corpsmitglieder lediglich auseinandergelaufen sind. Zwischenzeitlich hatte sich 1879 ein akademischer Verein Palaeomarchia gegründet, der sich später als Landsmannschaft rekonstituierte. Eckhard Oberdörfer: Aus der Geschichte der Studentenverbindung der Altmärker. In: Magdeburger Blätter. Jahresschrift für Heimat- und Kulturgeschichte in Sachsen-Anhalt 1988, S. 48–56, hier: S. 50; 1904 errichtete sich die Landsmannschaft ein eigenes Corpshaus. Zu diesem vgl. Gerhard Richwien: Akademische „Bierburgen“. Häuser studentischer Korporationen in Halle. In: Denkmalpflege in Sachsen-Anhalt 8 (2000), S. 152–63, hier: S. 157.mini|320x320px|Das alte Corpshaus der Palaiomarchia am Jägerplatz 20, vormals 16, später von der KStV Hansea genutzt.