mini|Detonation der ersten chinesischen Atombombe am 16. Oktober 1964 Das chinesische Kernwaffentestgelände Lop Nor (), auch bekannt als „21. Basis der chinesischen Volksbefreiungsarmee für Erprobung und Ausbildung“ (中国人民解放军第二十一试验训练基地), kurz „Basis Malan“ (马兰基地), liegt im Norden des Autonomen Bezirks Bayanghool der Mongolen, Provinz Xinjiang, etwa 250 km nordwestlich des ausgetrockneten Salzsees Lop Nor. Dort wurden zwischen 1964 und 1996 insgesamt 45 oberirdische (zuletzt am 16. Oktober 1980) und unterirdische Kernwaffentests durchgeführt. Heute ist dort die Einheit 63650 der Volksbefreiungsarmee (中国人民解放军63650部队) stationiert.
Geschichte Standortsuche Bereits vor der Gründung der Volksrepublik China hatte man beim Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Chinas Interesse an der Kernforschung. Der Kernphysiker Qian Sanqiang wurde im Februar 1949 beauftragt, als Mitglied der Delegation der befreiten Gebiete zum Weltfriedenskongress in Paris zu reisen und dort mit für diesen Zweck zur Verfügung gestellten 50.000 US-Dollar entsprechende Messgeräte und Informationsmaterial zu kaufen. Diese Bemühungen wurden von Qians altem Doktorvater Frédéric Joliot-Curie unterstützt, der Ankauf und Versand organisierte.
mini|Chen Shiju, 1955 Nachdem der amerikanische Präsident Harry S. Truman am 30. November 1950 auf einer Pressekonferenz im Rahmen des Koreakriegs mit dem Einsatz von Kernwaffen gegen die Volksrepublik China gedroht hatte, beschloss das Zentralkomitee formell, ebenfalls Kernwaffen zu entwickeln. In die Praxis umgesetzt werden konnte dies jedoch erst, nachdem Vizepremier Nie Rongzhen am 15. Oktober 1957 in Moskau das „Übereinkommen zwischen der Chinesischen Regierung und der Regierung der Sowjetunion über die Herstellung neuartiger Waffen und militärischer Ausrüstung sowie den Aufbau einer umfassenden Atomindustrie in China“ unterzeichnet hatte. Auf der Basis dieses Übereinkommens kamen rund 1400 sowjetische Berater nach China, darunter 111 Atomexperten, 43 auf den Abbau von Uran spezialisierte Geologen und 340 Militärberater. Unter anderem benötigte man nun ein Kernwaffentestgelände. Nachdem die Zentrale Militärkommission den entsprechenden Beschluss gefasst hatte, wurde im Verteidigungsministerium eine aus sechs Offizieren unter der Leitung von General Chen Shiju (陈士榘, 1909–1995), dem Kommandeur der Heerespioniere (中国人民解放军工程兵), bestehende Standortauswahlkommission gebildet.
Ab Anfang September 1958 machte man sich zusammen mit vier sowjetischen Experten unter der Leitung von A. P. Andrejew auf die Suche nach einem geeigneten Standort. Aus mehreren Möglichkeiten in Nordwestchina einigte man sich zunächst auf ein Wüstenareal in der Provinz Gansu, 100 km westlich von Dunhuang. Bereits Anfang August 1958 war Großoberst Zhang Yunyu (张蕴钰, 1917–2008), seinerzeit Kommandant der mandschurischen Militärbasis Lüda (heute Dalian), zum Kommandanten des zu errichtenden Testgeländes ernannt worden. Anfang September 1958 hatte man unter der Tarnbezeichnung „Einheit 0673“ (0673部队) eine Brigade der Volksbefreiungsarmee unter dem Kommando von Zhang Zhishan (张志善) aufgestellt, bis dahin stellvertretender Direktor der nun nach Qinghai verlegten Infanterieschule Shangqiu (商丘步校), die zunächst Bodenuntersuchungen durchführte und geologische Karten anfertigte. Zhang Zhishan wurde gleichzeitig zum stellvertretenden Kommandanten des zukünftigen Testgeländes ernannt. Am 2. Oktober 1958 kam Zhang Yunyu in Dunhuang an, fand aber, dass der ins Auge gefasste Standort aufgrund der Wasserknappheit und der relativen Nähe zur Stadt nicht geeignet wäre. Nach den Berechnungen der sowjetischen Berater hätte man dort nur Atombomben von bis zu 20 kT testen können, während die USA auf dem Bikini-Atoll am 1. März 1954 bereits eine Wasserstoffbombe mit 15 MT Sprengkraft gezündet hatten.
Zhang Yunyu reiste zurück nach Peking und teilte seine Bedenken mit. Er erhielt die Genehmigung, einen anderen Standort zu suchen. Der westlichste der ursprünglich von Chen Shiju und seinen Kollegen ins Auge gefassten Standorte lag in der Provinz Xinjiang, etwa 200 km nordwestlich des Salzsees Lop Nor. Ende Dezember 1958 inspizierte Zhang Yunyu die Gegend, wo es dank Bergbächen durchaus Wasser gab. Er befand den Ort für geeignet, und Ende Januar 1959 zeigte er ihn Vertretern des Verteidigungsministeriums vom Flugzeug aus. Das Zentrum des zwischen dem Fluss Konqi und dem 60 km nördlich gelegenen Gebirge Kuruk Tagh gelegenen Geländes lag bei 89° 50' östlicher Länge und 41° 50' nördlicher Breite auf einer Höhe von etwa 1000 m über dem Meeresspiegel. Der Wind wehte meist aus westlichen Richtungen, und bis zum 420 km leewärts liegenden Dunhuang gab es keinerlei menschliche Besiedlung, weder Äcker noch Weideland. Tikenlik, das nächstgelegene Dorf (heute eine Großgemeinde), lag 120 km südwestlich des Geländes.
Anfang Februar 1959 reichten Chen Shiju, Zhang Yunyu und Generalleutnant Wan Yi (万毅, 1907–1997), der seit Mai 1958 im Verteidigungsministerium für die Entwicklung der eigentlichen Atombombe zuständig war, bei Verteidigungsminister Peng Dehuai einen Bericht ein, in dem sie empfahlen, das Testgelände an dem Standort nordwestlich des Lop Nor einzurichten. Am 13. März 1959 wurde der Vorschlag gebilligt. Am 25. März 1959 wurde der Militärbezirk Xinjiang (新疆军区, entspricht etwa einem deutschen Wehrkreis) verständigt, dass die Einheit 0673 in die Provinz verlegt würde, um dort ein spezielles Bauprojekt durchzuführen; logistische Unterstützung war vom Militärbezirk zu organisieren, Geheimhaltung war zu wahren.
Aufbauphase Von Ende März bis April 1959 rückte die Brigade in Xinjiang ein, der Stab bezog auf einem aufgegebenen Bauernhof der 2. Division des Xinjiang Produktions- und Aufbau-Korps auf dem Gebiet der Volkskommune Uxatal (heute eine Gemeinde) im Kreis Hoxud Quartier. Als Ort für die zu errichtende Kaserne bestimmten Zhang Yunyu und Zhang Zhishan ein Areal im Süden der Volkskommune, knapp 20 km nördlich des Bosten-Sees und 125 km westlich des Testgeländes. Da dort die Indische Aster (Kalimeris indica, chin. 马兰 bzw. Malan) vorkam, wurde das Gelände von den Einheimischen „Asternstrand“ genannt. Anfang Juni 1959 war die Kaserne – zunächst nicht mehr als ein Feldlager – bezugsfertig. Nach der örtlichen Bezeichnung wurde sie „Asterndorf“ bzw. „Dorf Malan“ (马兰村) genannt. Am 13. Juni 1959 ordnete der Generalstab der Volksbefreiungsarmee an, dass das Gelände im internen Dienstgebrauch „21. Ausbildungsbasis der chinesischen Volksbefreiungsarmee“ (中国人民解放军第二十一训练基地) zu nennen sei. Da dort reichlich Grundwasser vorhanden war, konnten auf dem Stützpunkt bis zu 50.000 Menschen leben. Im Laufe des Jahres 1959 kamen zunächst immer mehr Soldaten, ab 1960 auch Familienangehörige – der Schulunterricht für die Kinder fand in mit Tamariskenzweigen abgedeckten Gruben statt.
Anfang der 1960er Jahre wurde die Basis immer weiter ausgebaut. Man errichtete ein Wasserwerk, eine Maschinenwerkstatt, ein Kraftwerk und eine Traktorenreparaturwerkstatt, dazu Unterkünfte für das Verwaltungspersonal, ein Gästehaus, einen Festsaal und einen Kindergarten. Wasserreservoirs und Felder für die Selbstversorgung des Standorts wurden angelegt, das Gelände begrünt und eine Telefonleitung vom Testgelände über Ürümqi zur 20. Ausbildungsbasis der chinesischen Volksbefreiungsarmee gelegt, dem heutigen Kosmodrom Jiuquan, von wo aus Raketen Atomsprengköpfe zum Testgelände tragen sollten. Außerdem wurden zahlreiche meteorologische Beobachtungsstationen eingerichtet. Vier Pionierregimenter, ein Kraftwagen-Transport-Regiment und ein ABC-Abwehrregiment wurden nach Malan verlegt. Ende 1962 wurde das nach der Nummer der Basis benannte „21. Forschungsinstitut der Kommission für Wehrtechnik der Volksbefreiungsarmee“ unter der Leitung von Zhang Chao (张超, * 1930) gegründet. Dort hielten ein dutzend Professoren wie zum Beispiel der Kernphysiker Cheng Kaijia von der Universität Nanjing für gut 300 in die Volksbefreiungsarmee aufgenommene Studenten Postgraduiertenkurse in Kernwaffentechnik ab.
Die Studenten kamen von der Militärakademie der chinesischen Volksbefreiungsarmee für Ingenieurwissenschaften in Harbin, wo im August 1961 aus dem Institut für Kerntechnik der Fakultät für Raketentechnik eine eigenständige Fakultät für Kerntechnik (原子工程系) gebildet worden war, die ihrerseits aus den Instituten für Kernwaffen (核武器科), Strahlungsmessung (核辐射测试科) und Kernenergie (核动力科) bestand. Der Lehrplan wurde nach Empfehlungen des am 13. Juli 1958 gegründeten Instituts für Kernwaffenforschung des Zweiten Ministeriums für Maschinenbauindustrie (第二机械工业部核武器研究所, auch bekannt als „9. Forschungsinstitut“ bzw. 第九研究所) gestaltet, das am 11. Februar 1958 aus dem Dritten Ministerium für Maschinenbauindustrie hervorgegangen und seitdem für die chinesische Atomindustrie zuständig war.
Atomtests Oberirdische Tests Am 3. Januar 1962 hatte das Zweite Ministerium für Maschinenbauindustrie dem Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Chinas gemeldet, dass man 1964 oder in der ersten Jahreshälfte 1965 den ersten Kernwaffentest durchführen könnte. Dieser Vorschlag wurde von Mao Zedong mit einem auf den Bericht geschriebenen Vermerk gebilligt: „Sehr gut! So machen wir’s.“ (很好!照办。) Auf Anweisung der Kommission für Wehrtechnik machten 45 Studenten der Fakultät für Kerntechnik Anfang April 1963 vorzeitig ihren Abschluss, 38 von ihnen wurden dem Forschungsinstitut 21 zugeteilt. Im Sommer 1963 folgten mehr als 100 weitere Absolventen aus der Fakultät. Das Forschungsinstitut 21 hielt auch für die Soldaten auf der Basis Kurse ab, um sie mit der Theorie der Kernwaffen, der Bedienung der Messgeräte und den zu ergreifenden Schutzmaßnahmen vertraut zu machen. Letzteres war nicht einfach. Im Sommer herrschten auf dem schattenlosen Testgelände sehr hohe Temperaturen. Die Schutzanzüge der Soldaten waren zwar weiß, um das Sonnenlicht besser zu reflektieren, aber wenn sie darin zwei Stunden lang übten, hatten sich am Ende dennoch mehrere Liter Schweiß in den Gummistiefeln angesammelt. Man musste darauf achten, den umgehängten Filter der Gasmaske aus dem Wind herauszuhalten, da er sonst vom feinen Staub verstopft wurde.
mini|Zhang Aiping, 1955 Im September 1959 war General Zhang Aiping, seit September 1954 stellvertretender Chef des Generalstabs, als Nachfolger von Wan Yi, der im Zusammenhang mit der Konferenz von Lushan abgesetzt worden war, zum stellvertretenden Vorsitzenden der Kommission für Wehrtechnik der Volksbefreiungsarmee ernannt worden und hatte von seinem Vorgänger auch die Verantwortung für die Kernwaffenentwicklung übernommen. Die Entwicklung einer Atombombe, wegen der Aufkündigung des Kooperationsabkommens von 1957 durch die Sowjetunion am 20. Juni 1959 intern „Projekt 596“ (596工程) genannt,Stephen Uhalley Jr.: A History of the Chinese Communist Party. Hoover Institution Press, Stanford 1988, S. 124. war damals in der Kommunistischen Partei Chinas nicht unumstritten, aber Feldmarschall Lin Biao, der am 17. September 1959 die Nachfolge von Peng Dehuai als Verteidigungsminister angetreten hatte, welcher ebenfalls im Zusammenhang mit der Konferenz von Lushan abgesetzt worden war, hielt an dem Projekt fest. Zhang Aiping, der den Atomwaffengegnern nicht von vornherein ablehnend gegenüberstand,孟昭瑞: 核工业发展50年的巨变:中国蘑菰云. 辽宁人民出版社, 沈阳 2008, 第26节.