Der Bund Entschiedener Schulreformer (BESch) war eine Vereinigung zur Erneuerung des Erziehungs- und Bildungswesens in der Weimarer Republik.
Vorgeschichte Nach der Novemberrevolution wurden im Dezember 1918 vom preußischen Ministerium für „Wissenschaft, Kultur und Volksbildung“ unter den Ministern Konrad Haenisch (SPD) und Adolph Hoffmann (USPD) umwälzende kultur- und bildungspolitische Veränderungen ins Auge gefasst, die auch im Reformausschuss des Berliner PhilologenvereinsDer Berliner Philologenverein war Mitglied im „Vereinsverband der akademisch gebildeten Lehrer Deutschlands“, 1903 gegründet und 1920 umbenannt in Deutscher Philologenverband zu Diskussionen über die Gestaltung des zukünftigen Erziehungs- und Bildungswesens führten. Dabei zeigte sich bereits in den Weihnachtsferien 1918/19, dass die im Dienst belassene, kaisertreue Schulverwaltung und die konservative, teils reaktionäre Mehrheit im Philologenverein keine Veränderungen im Erziehungs- und Schulwesen zulassen wollten. Die Reformer stießen zuerst mit der Idee, die Hochschulen für Erzieher, Volksschullehrer und sonstige Ausbilder zu öffnen und akademische Studiengänge dafür einzurichten, auf Widerstand bei Lehrern höherer Lehranstalten. Deshalb schlossen sich die Reformer im Philologenverein 1919 zum „Bund Neue Hochschule“ zusammen, für den die Zeitschrift Die Neue Erziehung herausgegeben wurde.
Gründung Nachdem bis zum Sommer 1919 die Arbeitsbedingungen für diese kleine Gruppe innerhalb des Philologenvereins wegen unvereinbarer Reformvorstellungen unerträglich geworden waren, spalteten sich zunächst 24 Pädagogen ab – unter ihnen Franz Hilker, Fritz Karsen, Siegfried Kawerau, Otto Koch, Theodor Lessing, Paul Oestreich, Elisabeth Rotten, Anna Siemsen und Arno Wagner. Bei einem Treffen am 18. September 1919 im Konferenzzimmer des Werner-Siemens-Realgymnasiums in Berlin-Schöneberg gründeten sie den „Bund Entschiedener Schulreformer“. Der Name knüpfte an den Bund für Schulreform an, der um die Zeitschrift Der Säemann Hamburger und Bremer Reformpädagogen von 1908 bis 1915 unter Ernst Meumann, Peter Petersen und Gertrud Bäumer vereinte und mehrere Schulkongresse veranstaltet hatte. Das Wort „Entschiedene“ verweist darauf, dass die Schulreformer nach dem „Weimarer Schulkompromiss“ den kultur- und bildungspolitischen Boden für ein letztlich entscheidendes „Reichsgesetz“ bestellen wollten, das als Voraussetzung zur Reform des aus der Kaiserzeit überkommenen Schulwesens in der Weimarer Reichsverfassung zwar vorgesehen, aber inhaltlich noch völlig offen gelassen worden war. Der „Bund Entschiedener Schulreformer“, der anfangs ein Zusammenschluss akademisch gebildeter Reformpädagogen war, verstand sich zwar als kulturpolitische, keinesfalls aber als partei- oder standespolitische Vereinigung. 1920 öffnete sich der Bund für alle Lehrer und Erzieher und ab 1921 konnten ihm auch pädagogisch interessierte Laien beitreten. Der Gründungsvorstand des Bundes bestand aus Hildegard Wegscheider und den ehemaligen Mitgliedern des Philologenvereins Fritz Karsen, Siegfried Kawerau, Paul Oestreich und Arno Wagner.
Ziele „Gegenüber der bis dahin überwiegend verfolgten ‚inneren‘ Schulreform zeigte das Programm des Bundes, dass es jetzt vor allem auch um die ‚äußere‘ Schulreform ging, um eine umfassende ‚Erneuerung des Erziehungs- und Bildungswesens‘, wie es in § 1 der Satzung des Bundes hieß.“Wolfgang Scheibe: Die reformpädagogische Bewegung: Eine einführende Darstellung. Beltz Taschenbuch, Weinheim/Basel, 1999, S. 318 „In der Satzung bekannte sich der Bund zur neuen Demokratie: ‚Allgemeine Voraussetzung für die Mitgliedschaft ist ein entschiedenes Bekenntnis zur Idee des freien Volksstaates und zum Geist sozialer menschheitsumfassender Gemeinschaft.‘ Werte und Parolen wie ‚Gemeinschaftssinn‘, ‚genossenschaftliche Zusammenarbeit‘, ‚Menschenwürde‘, <…> ‚Völkerachtung‘ [oder] ‚brüderliches Denken und Handeln im Verkehr der Menschen und Völker‘ bezeichneten die weltanschauliche Willensrichtung und die Zielsetzungen der angestrebten Schulreform.“Wolfgang Scheibe: Die reformpädagogische Bewegung: Eine einführende Darstellung. Beltz Taschenbuch, Weinheim/Basel, 1999, S. 319 Mit seinen kultur- und sozialkritischen Ideen zur Reform des Erziehungs- und Bildungswesens bezog der Bund Stellung „gegen eine mit altem Gedanken- und Gefühlswerk mühsam gestützte Zivilisation, gegen den Geist des Militarismus, gegen Völker-, Rassen- und Konfessionsverhetzung,Der Bund Entschiedener Schulreformer gehörte 1924 zu den Gründungsmitgliedern des von Ludwig Quidde geführten Deutschen Friedenskartells. gegen alle Ungerechtigkeiten sozialer Privilegierungen und willkürlicher Machtansprüche.“Wolfgang Scheibe: Die reformpädagogische Bewegung: Eine einführende Darstellung. Beltz Taschenbuch, Weinheim/Basel, 1999, S. 319
Das vom Bund als grundlegend angesehene Schulmodell war das einer sozial ausgerichteten, demokratischen und weltlichen Einheitsschule, die „elastisch“ die individuellen Begabungen und Interessen der Schüler fördern sollte und im Sinne einer Arbeitsschule Theorie und Praxis im Unterricht zusammenführt.
Tätigkeit und Wirkung Der „Bund Entschiedener Schulreformer“, der sich unter der Führung von Paul Oestereich ab 1921 zu einem „Volksbund“ ausweitete, stieß mit seinen Zielen zur Erneuerung des Erziehungs- und Bildungswesens nicht bei allen reformfreudig Gesinnten auf Zustimmung. Hauptgegensatz war die vom Bund geforderte Einführung der weltlichen Einheitsschule und deren Weiterentwicklung zur Produktionsschule. Im Rückblick erscheinen diese Reformvorstellungen heute utopisch, 1919 jedoch lagen sie durchaus in politischer Reichweite. Das Zeitfenster für grundlegende Reformen des Bildungssystems in der Weimarer Republik begann sich aber schon im „Weimarer Schulkompromiss“ zu schließen, als die Schule zum Spielball parteipolitischer und kirchlicher Interessen wurde.
Diese Entwicklung setzte sich im Reichsgrundschulgesetz vom 28. April 1920 und auf der Reichsschulkonferenz im Juni 1920 fort. Der „Bund Entschiedener Schulreformer“ beteiligte sich an der Reichsschulkonferenz, konnte sich aber in entscheidenden Punkten nicht durchsetzen. Heinrich Schulz, SPD-Politiker und Initiator der Konferenz, musste sich vorwerfen lassen, die grundlegende Forderung nach einer sozialen, demokratischen und weltlichen Einheitsschule und Produktionsschule mit Rücksicht auf die Kirchen und die Zentrumspartei preisgegeben zu haben, um diese Koalitionsoption für die SPD offen zu halten. Den Anhängern des „Philologenvereins“ gelang es, die Einheitsschulbestrebungen der entschiedenen Schulreformer zu Gunsten eines gegliederten Schulwesens zurückzuweisen. Paul Oestereich fasste das Ergebnis der Reichsschulkonferenz in Abwandlung eines Zitats aus Goethes Faust II so zusammen: „Ein großer Aufwand, schmählich! ist vertan.“Paul Oestreich: Ein großer Aufwand, schmählich! ist vertan: Rund um die Reichsschulkonferenz (Gesammelte Aufsätze). (=Entschiedene Schulreform Heft 23), Ernst Oldenburg Verlag, Leipzig 1924
Die Tätigkeit des Bundes bestand in der Behandlung grundlegender Themen in Arbeitsgemeinschaften, Konferenzen, Aufrufen, Eingaben an Behörden und in pädagogischen Schriften zur fachwissenschaftlichen sowie kultur- und bildungspolitischen Diskussion und Öffentlichkeitsarbeit. Die Jahrestagungen des Bundes waren Höhepunkte und besonders geeignet, die Augen das Fachpublikums und der interessierten Öffentlichkeit auf Problemstellungen und Entwicklungsmöglichkeiten des Erziehungs- und Bildungswesens zu lenken. Dazu wurden Vorträge unter folgenden Themensetzungen gehalten und in Berichten und Resolutionen der Tagungen publiziert: 1919: „Entschiedene Schulreform“„Entschiedene Schulreform:“ Vorträge gehalten auf der Tagung entschiedener Schulreformer am 4. und 5. Oktober 1919 im „Herrenhause“ zu Berlin. (=Entschiedene Schulreform I; Hrsg. Paul Oestreich) Verlagsbuchhandlung Reiß, Berlin 1920 1920: „Schöpferische Erziehung“„Schöpferische Erziehung:“ Vorträge gehalten auf der freien Reichsschulkonferenz des Bundes Entschiedener Schulreformer im „Herrenhause“ zu Berlin vom 31. März bis 2. April 1920. (=Entschiedene Schulreform II; Hrsg. Paul Oestreich/Bund Entschiedener Schulreformer) Verlag Gesellschaft und Erziehung, Berlin 1920; „Zur Produktionsschule“„Zur Produktionsschule:“ Abrisse und Leitsätze nach Vorträgen der dritten Tagung des Bundes Entschiedener Schulreformer vom 2. bis 6. Oktober 1920 in der Gemeindefesthalle zu Berlin-Lankwitz. (=Entschiedene Schulreform III; Hrsg. Paul Oestreich/Bund Entschiedener Schulreformer) Verlag für Sozialwissenschaft, Berlin 1922 1921: „Frauenbildung und Wirtschaftsreform“; „Pazifismus und Erziehung“ 1922: „Menschenbildung und Lebensgestaltung“„Menschenbildung – Ziele und Wege der entschiedenen Schulreform.“ Vorträge entschiedener Schulreformer gehalten im Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht zu Berlin von Januar bis März 1922. (=Entschiedene Schulreform VIII; Hrsg. Paul Oestreich/Bund Entschiedener Schulreformer) Verlag C.A. Schwetschke & Sohn, Berlin 1922; „Kunst und Schule“„Kunst und Schule:“ Wege und Ziele schöpferischer Gestaltung, festgelegt auf der Kunsttagung des Bundes Entschiedener Schulreformer in Berlin-Lankwitz. (= Entschiedene Schulreform IV; Hrsg. Franz Hilker/Bund Entschiedener Schulreformer) Verlag C.A. Schwetschke & Sohn, Berlin 1922; „Jugendnot“„Jugendnot.“ Vorträge gehalten auf der neunten öffentlichen Tagung des Bundes Entschiedener Schulreformer im Neuen Rathaus von Berlin/Schöneberg am 1., 2. und 3. Oktober 1923. (=Entschiedene Schulreform IX; Hrsg. Gerhard Danziger/Siegfried Kawerau/Bund Entschiedener Schulreformer) Ernst Oldenburg Verlag, Leipzig 1923 1923: „Die Produktionsschule“„Die Produktionsschule als Nothaus und Neubau: Elastische Einheits-, Lebens-, Berufs- und Volkskultur-Schule“. Vorträge gehalten von Robert Adolph, Rudolf Bode, Gerhard Danziger [u. a.] auf der öffentlichen Tagung des Bundes Entschiedener Schulreformer in der Berliner Universität vom 30. September bis 4. Oktober 1923. (Hrsg. Paul Oestreich/Bund Entschiedener Schulreformer) Verlag C.A. Schwetschke & Sohn, Berlin 1924 1924: „Internationale Geschichtstagung“„Die ewige Revolution.“ Ergebnisse der internationalen Geschichtstagung des Bundes Entschiedener Schulreformer vom 2.-4. Oktober 1924. (Hrsg. Siegfried Kawerau), Verlag C.A. Schwetschke & Sohn, Berlin 1925 1925: „Der neue Lehrer“„Der neue Lehrer: Die notwendige Lehrerbildung.“ Beiträge zur entschiedenen Schulreform. (Hrsg. Paul Oestreich/Otto Tacke), Verlag A. W. Zickfeldt, Osterwieck a. Harz 1926 1926: „Strafrechtspflege“, „Der Jugendhelfer“ 1927: „Großstadt und Erziehung“ 1928: „Beruf, Mensch, Erziehung“ 1929: „Eugenik und Erziehung“„Erziehung zur Liebe.“ Bericht des Bundes Entschiedener Schulreformer von der Jahrestagung 1929. (Hrsg. Paul Oestreich/Wilhelm Hoepner), Man Verlag, Berlin 1930 1930: „Frauenbildung und Kultur“„Frauenbildung und Kultur“. Beiträge zur Problematik der „Entschiedenen Schulreform“ als Neubau der Gesellschaft. Tagungsbericht des Bundes Entschiedener Schulreformer über den Kongress vom 1. Bis 4. Oktober 1930. (Hrsg. Irmgard Bär/Wilhelm Hoepner/Paul Oestreich) Verlagsbuchhandlung Karl Zwing, Jena 1930 1931: „Jugend, Erziehung und Politik“„Jugend, Erziehung und Politik: Die Problematik und das Gebot.“ Beiträge auf dem Jahreskongress 1931 des Bundes Entschiedener Schulreformer. (Hrsg. Paul Oestreich/Wilhelm Hoepner), Verlagsbuchhandlung Karl Zwing, Jena 1931 1932: „Das Kleinkind, seine Not und seine Erziehung“„Das Kleinkind, seine Not und seine Erziehung.“ Vorträge vom Kongress für Kleinkinderziehung de Bundes Entschiedener Schulreformer vom 1.-5. Oktober 1932 im Neuen Rathaus zu Berlin-Schöneberg. (Hrsg. Paul Oestreich), Verlagsbuchhandlung Karl Zwing, Jena 1932