mini|Das Wappen des „Tribun Tribun“, wie man es sich im frühen 17. Jahrhundert vorstellte. Bei den Wappen frühmittelalterlicher Dogen handelt es sich um bloße Rückprojektionen sehr viel jüngerer Familienwappen. Die Heraldik setzte erst im 3. Viertel des 12. Jahrhunderts ein. Später wurden auch Wappen an die frühen Dogen vergeben, die nie ein Wappen geführt hatten („fanta-araldica“); dies diente dazu, die Familien dieser Epoche mit möglichst frühen Dogen in ein verwandtschaftliches Verhältnis zu setzen, was ihnen Ansehen sowie politischen und gesellschaftlichen Einfluss verschaffte. Es wurden also die Wappen der sehr viel späteren Nachfahren dieser Dogen auf die angeblichen oder tatsächlichen Mitglieder der (angeblich) seit 697 in Venedig herrschenden Familien zurückprojiziert.„Il presupposto di continuità genealogica su cui si basava la trasmissione del potere in area veneziana ha portato come conseguenza la già accennata attribuzione ai dogi più antichi di stemmi coerenti con quelli realmente usati dai loro discendenti.“ (Maurizio Carlo Alberto Gorra: Sugli stemmi di alcune famiglie di Dogi prearaldici, in: Notiziario dell’associazione nobiliare regionale veneta. Rivista di studi storici, n. s. 8 (2016) 35–68, hier: S. 41).
Tribuno Memmo († 991 in Venedig), auch Tribuno Menio genannt, war nach der Zählweise der staatlich gesteuerten Historiographie der späten Republik Venedig ihr 25. Doge. Er regierte von November 979 bis zu seiner Absetzung kurz vor seinem Tod. In den Quellen erscheint er als Tribunus Memus oder Menius. Die älteste Chronik, die Istoria Veneticorum des Johannes Diaconus, verzeichnet ihn um 1000 als „Tribunus, cognomento Menius“ (Liber IV, 20).
Tribuno Memmo war ein Kompromisskandidat, auf den sich die beiden verfeindeten Lager der Candiano und der Orseolo, die nach Byzanz orientiert waren, einigten. Die zwölf Jahre seiner Herrschaft gehörten zu den schwierigsten der Lagunenstadt: Von außen den Bedrohungen und Annektionsgelüsten des römisch-deutschen Kaisers ausgesetzt, an dessen Hof sich die einflussreichen Caloprini nach dem Mord an einem der Morosini flüchteten, in Auseinandersetzungen mit dem Papst um strittige Rechtstitel verwickelt, tobten in der Stadt selbst erbitterte Kämpfe zwischen den Adelsfamilien, allen voran der Caloprini und der Morosini. Derlei Kämpfe hatten schon 976 zur Ermordung des Dogen und einem verheerenden Stadtbrand geführt. Tribuno Memmo wurde gestürzt, als er den Anschein erweckte, in diesen Kämpfen parteiisch zu sein. Er starb als Mönch.
Familie Die Memmo zählten zu den ältesten venezianischen Adelsfamilien, den zwölf so genannten apostolischen Familien. Der Familie entstammt der Doge Tribuno Memmo, und einem Seitenzweig der Doge Marcantonio Memmo.
Tribuno Memmo war mit Marina verheiratet, Tochter des 976 ermordeten Dogen Pietro IV. Candiano. Das Paar hatte einen Sohn mit Namen Mauritius (Maurizio).
Das Dogenamt Als Memmo im November 979 gewählt wurde, war der Dogenpalast, der 976 durch einen Stadtbrand schwer beschädigt worden war, noch im Wiederaufbau. Der Doge musste bis zu dessen Vollendung kurz vor Ende seiner Amtszeit in seinem eigenen Haus wohnen bleiben.
Eine seiner wichtigsten und für das Verhältnis Venedigs zur päpstlichen Macht in Rom symptomatischen Aktionen war die Deklaration der Markusbasilika als Palastkapelle der Dogen „libera dall’asservimento alla Santa Madre Chiesa“ (‚frei von der Hörigkeit gegenüber der Heiligen Mutter Kirche‘).Zitiert nach Claudio Rendina: I Dogi. Storia e segreti, 2. Aufl., Rom 2003, S. 77. Für die sakralen Handlungen wurde von Venedig ein Priester eingesetzt. Alle Versuche Roms, San Marco wieder unter päpstliche Oberhoheit zu bringen (subdita papae) scheiterten.Andrea Galante: Per la storia giuridica della Basilica di S. Marco, in: Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte: Kanonistische Abteilung 2,1 (1912) 283–298. mini|links|Luftbild der heutigen Insel San Giorgio Maggiore, Blick nordwärts mini|Büste des Dogen an der von Andrea Palladio entworfenen Fassade von San Giorgio Maggiore, geschaffen durch Giulio Angolo del Moro (bl. 1555–1618), spätestens 1618 Im Dezember 982 erhielt der inzwischen zum Benediktiner gewordene Giovanni Morosini, der mit seinem Schwiegervater und ehemaligen Dogen Pietro Orseolo 978 nach Katalonien in ein Kloster geflohen und nunmehr zurückgekehrt war, vom Dogen die Erlaubnis, auf der Insel San Giorgio Maggiore ein Kloster zu gründen. Die Insel gehörte der Markuskirche, die der Kirchenhoheit entzogen war. Damit gehörte auch der Grund, auf dem das Kloster entstehen sollte, dem Dogenpalast.
Äußerst schwierig gestalteten sich die Verhandlungen mit Kaiser Otto II., der sich wenig geneigt zeigte, Venedigs Verträge mit dem Römisch-deutschen Reich zu verlängern. Erst nach Intervention seiner Mutter Adelheid bestätigte der junge Kaiser widerwillig Venedigs Privilegien. Als es kurze Zeit später in Venedig zu einem gewaltsamen Ausbruch der Spannungen zwischen den Caloprini und den Morosini kam und Dominicus, ein Angehöriger der Morosini, dabei ermordet wurde, flüchtete sich die Familie Caloprini an den Hof des Kaisers in Verona. Ihr Oberhaupt Stefano Caloprini bot dem Kaiser an, ihm Venedig zu unterstellen, wenn er selbst Doge würde. Otto nahm dies zum willkommenen Anlass, eine Handelsblockade gegen die Stadt einzurichten, die, wie behauptet wird, zwei Jahre andauerte. Um ein Gegengewicht gegen das Reich zu bilden, schickte der Doge seinen Sohn Mauritius nach Konstantinopel, doch konnte er dort nicht die üblichen Titel und Auszeichnungen erlangen. Der Versuch Ottos, Venedig auszuhungern endete erst nach dem Tod des Kaisers am 7. Dezember 983. Die Caloprini, deren Oberhaupt inzwischen ebenfalls gestorben war, kehrten nach Venedig zurück. Dort wurden drei seiner Söhne von vier Morosini auf dem Heimweg vom Dogenpalast überfallen und aus Rache ermordet.
Als Tribuno Memmo erkrankte, nahm die Volksversammlung dies zum Anlass, den Dogen abzusetzen, der im Verdacht stand, in die Fraktionskämpfe verwickelt zu sein. Er zog sich als Mönch in das Kloster San Zaccaria zurück, wo er sechs Tage später starb, wie schon Johannes Diaconus (Liber IV, 29) vermerkt und von Andrea Dandolo übernommen worden ist. Er wurde in San Giorgio Maggiore bestattet, wo sich sein Epitaph links außen an der Fassade befindet. Sein Grab ist nicht erhalten. Bei seiner Rückkehr wurde sein Sohn Mauritius gleichfalls gezwungen, ins Kloster zu gehen. Der Doge schrieb nicht selbst, Dokumente wurden anstatt mit seiner Unterschrift mit seinem signum manus (= Zeichen der Hand) und der Unterschrift eines Notars signiert.
Rezeption Bis gegen Ende der Republik Venedig Für das Verhältnis zu den Ottonen war die vergleichsweise lange Herrschaft des Tribunus Memmus von erheblicher Bedeutung, wenn auch die entscheidenden Weichenstellungen erst seinem Nachfolger gelangen. Für das Venedig des 14. Jahrhunderts war die Deutung, die man seiner Herrschaft gab, dementsprechend von höchster symbolischer Bedeutung im Kontinuum der äußeren Auseinandersetzungen, aber auch der inneren, die beide zu dieser Zeit einen Höhepunkt fanden. Das Augenmerk der Chronik des Dogen Andrea Dandolo repräsentiert dabei in vollendeter Form die Auffassungen der Mitte des 14. Jahrhunderts längst fest etablierten politischen Führungsgremien, die vor allem seit diesem Dogen die Geschichtsschreibung steuerten. Sein Werk wurde von späteren Chronisten und Historikern immer wieder als Vorlage benutzt, daher wurde es überaus dominant für die Vorstellungen von der venezianischen Geschichte vor seiner Zeit. In seinem Werk standen die Fragen nach der politischen Unabhängigkeit gegenüber dem römisch-deutschen Kaiserreich, wie überhaupt des Rechts aus eigener Wurzel, mithin der Herleitung und Legitimation ihres territorialen Anspruches, im Mittelpunkt. Daher war immer wieder die Anerkennung der „alten Verträge“ durch die westlichen Kaiser (und Könige) von Bedeutung. Die Frage der Erbmonarchie, die die Candiano seinerzeit durchzusetzen versuchten, und die trotz der Katastrophe von 976 bald wieder virulent wurde, war zur Zeit Andrea Dandolos in keiner Weise mehr mit den Interessen der zu dieser Zeit herrschenden Familien, vor allem aber nicht mehr mit dem Stand der Verfassungsentwicklung in Übereinstimmung zu bringen. Zugleich blieb der Ausgleich zwischen den ehrgeizigen und dominierenden Familien – in diesem Falle der Caloprini und Morosini, aber auch noch immer der Candiano – eines der wichtigsten Ziele, die Herleitung der herausgehobenen Position der ‚nobili‘ im Staat von großer Bedeutung. Die Etappen der politischen Entwicklungen, die schließlich zur Entmachtung des Dogen, dem man zunehmend Repräsentationsaufgaben zuwies, aber keine eigenständigen Entscheidungen mehr zugestand, war ein weiteres Darstellungsziel. Dessen Verwirklichung war im 14. Jahrhundert vergleichsweise weit vorangeschritten. Im Übrigen hieß die Ehefrau des dogalen Chronisten Francesca Morosini, was möglicherweise seine Haltung zu den bürgerkriegsartigen Kämpfen zwischen den beiden Großfamilien beeinflusst hat. mini|San Giorgio Maggiore, Ausschnitt aus der Darstellung Venedigs aus der Vogelperspektive des Jacopo de’ Barbari, 1497–1500, Museo Correr Die älteste volkssprachliche Chronik Venedigs, die Cronica di Venexia detta di Enrico Dandolo aus dem späten 14. Jahrhundert, stellt die Vorgänge ebenso wie Andrea Dandolo auf einer in dieser Zeit längst geläufigen, von Einzelpersonen, vor allem den Dogen beherrschten Ebene dar. Diese bilden sogar das zeitliche Gerüst für die gesamte Chronik.Roberto Pesce (Hrsg.): Cronica di Venexia detta di Enrico Dandolo. Origini–1362, Centro di Studi Medievali e Rinascimentali «Emmanuele Antonio Cicogna», Venedig 2010, S. 46. Sie berichtet über „Tribun Memo“ schlicht, er sei nach dem Tod des „Vidal“ zum „dominio del ducado“ gekommen. Zu seiner Zeit sei „gram discordia“ aufgekommen zwischen „Morexin et Caloprini“. Nach dem Mord an „Domenego Morexini“ konnten die Caloprini ihren Gegnern nichts entgegensetzen und sie mussten die Stadt verlassen. Sie wichen an den kaiserlichen Hof aus. In „Alemagna da Octo imperador“ – in Deutschland bei Kaiser Otto also – versprachen sie ihm („proferando a quello“) „el ducado de Venesia“. Der Kaiser ließ Venedig daraufhin blockieren. Die Venezianer fürchteten ihn auch, doch „passado puoco tempo elo morì“ – der Kaiser starb also nach kurzer Zeit. Die mit ihrem Plan gescheiterten Caloprini baten Adelheid darum, dass sie sie nach Venedig zurückgehen lasse, doch starb Stefano zu dieser Zeit. Die übrigen Caloprini fielen der „vendetta“ der Morosini für den ermordeten Domenico zum Opfer. Der Doge musste, „constrecto dal povolo“, also ‚vom Volk gezwungen‘, abtreten, und ins Kloster San Zaccaria gehen, wo er, der 14 Jahre geherrscht hatte, auch beigesetzt wurde.
mini|Seite aus einer Ausgabe der Vite de’prencipi di Vinegia des Pietro Marcello, die den (angeblichen) ersten Dogen darstellt.