mini|300px|Die Goldenen Bronzen von Cartoceto di Pergola
Die Goldenen Bronzen von Cartoceto di Pergola sind die einzige römische vergoldete bronzene Reitergruppe, die bis heute überdauert hat. Die überlebensgroße Gruppe besteht aus zwei Pferden mit zwei Rittern und zwei stehenden Frauen, wobei je eine der Reiter- und der Frauenfiguren nur fragmentarisch erhalten sind. Wahrscheinlich waren die dargestellten Personen Mitglieder einer der römischen Senatsfamilien aus der Zeit der späten Republik. Eine eindeutige Identifikation steht noch aus, obwohl verschiedene Deutungen vorgeschlagen wurden.
Entdeckung, Restaurierung und Ausstellung Im Juni 1946 fanden zwei Landwirte in Santa Lucia di Calamello nahe Pergola in der Provinz Pesaro und Urbino, Italien, mehr als dreihundert vergoldete Bronzestücke mit einem Gesamtgewicht von über 900 kg. Der Kanonikus Giovanni Vernarecci, zu dieser Zeit der archäologische Inspekteur des Bistums Fossombrone, erkannte den Wert des Fundes, verhinderte den Verkauf durch die Finder und ließ die Bronzestücke durch Nereo Alfieri, den damaligen Regionalinspekteur der Oberaufsicht für Antiquitäten in Marken, sichern. Die Umstände der Entdeckung sind durch seinen maschinengeschriebenen Bericht überliefert.
Die Restaurierung wurde in mehreren Phasen durchgeführt und dauerte insgesamt vierzig Jahre. In einem zehn Jahre dauernden Prozess wurden die Bruchstücke zu vier Figuren zusammengesetzt und ab 1959 im Nationalen Archäologischen Museum von Marken in Ancona ausgestellt. Ein Erdbeben 1972 machte eine erneute Renovierung 1975 bis 1987 notwendig, durch die der gegenwärtigen Zustand hergestellt wurde. 1987 wurden die Bronzefiguren mit einer Ausstellung in Florenz der Öffentlichkeit vorgestellt und kamen anschließend für die folgenden fünf Jahre in das Städtischen Museum in Pergola. Aufgrund der unfachgemäßen Aufbewahrung in den unklimatisierten Räumen im ehemaligen Kloster San Giacomo war anschließend eine erneute Renovierung nötig.
Wegen seiner außergewöhnlichen archäologischen Bedeutung entspann sich eine lange Kontroverse über die Eigentumsfrage und den Aufenthaltsort zwischen der Oberaufsicht für archäologische Güter der Region Marken (Soprintendenza per i Beni Archeologici delle Marche) und der Stadt Pergola. Der über mehrere Jahre geführte Streit, ob die Statuen in Ancona oder in Pergola ausgestellt werden sollen, führte dazu, dass die Figuren mehrere Jahre lang gar nicht ausgestellt wurden, ehe er 2001 mit einem Kompromiss gelöst wurde: Die Originalstatuen bzw. Kopien derselben sollten abwechselnd für je ein halbes Jahr in beiden Museen ausgestellt werden. Da aber Pergola inzwischen sein Stadtmuseum zum Museo dei Bronzi Dorati e della Città di Pergola umgebaut und um einen 1999 eingeweihten Ausstellungsraum mit idealem Mikroklima für die Erhaltung der Bronzen ergänzt hatte, blieben die Originale in Pergola. Im Museo archeologico nazionale delle Marche di Ancona sind die Kopien ausgestellt. 2019 wurde in Pergola die von dem Physiker Paco Lanciano kuratierte Sala Immersiva, eine multimediale Ausstellung zu den Bronzen und ihrer Geschichte, eröffnet. mini|Repliken Repliken, die die Statuen in ihrem vermutlichen Originalzustand zeigen, stehen auf dem Dach des Palazzo Ferretti, dem Gebäude des Nationalen Archäologischen Museums von Marken in Ancona, als Symbol für die Archäologie in Marken.
Fundort und ursprünglicher Standort Die Bruchstücke der Statuen wurden nicht weit entfernt von der Kreuzung der Via Flaminia und der Via Salaria Gallica gefunden. Dieser Fundort, fernab jedes urbanen Zentrums, lässt annehmen, dass die Statuen von ihrem eigentlichen Standort entfernt wurden und in der Spätantike oder während der byzantinischen Herrschaft an diesen Ort überführt wurden. Bei einer Nachuntersuchung des Fundortes 1958 konnte festgestellt werden, dass die Bruchstücke in einer eigens dafür ausgehobenen Grube verscharrt waren. Einige Hypothesen gehen deshalb davon aus, dass die Entfernung vom ursprünglichen Standort auf eine damnatio memoriae zurückzuführen sei, die dargestellten Personen also in Ungnade gefallen seien. Da aber vor allem die Reiter und die Pferde in sehr kleine Stücke zerlegt wurden, die zudem in der Grube sorgfältig gestapelt waren, ist es auch möglich, dass die Figuren erbeutet oder geraubt wurden – möglicherweise bereits aus der Werkstatt oder auf dem Transport zum Aufstellungsort – und das Material für den Transport auf Wagen passend gemacht wurde.
Die Statuen dienten vermutlich eher der öffentlichen Ehrung beziehungsweise Repräsentation und nicht als private Grabdenkmäler. Es wird angenommen, dass die Figurengruppe ursprünglich auf einem Sockel an einem öffentlichen Platz stand, vermutlich auf dem Forum einer Stadt nahe dem jetzigen Fundort. Als die wahrscheinlichsten Orte gelten dabei die am nächsten gelegenen Stadt Forum Sempronii, das heutige Fossombrone, Sentinum, heute Sassoferrato, wo die Existenz einer Gießerei für große Statuen belegt werden konnte, oder Suasa, wo große Fragmente eines ähnlichen vergoldeten Bronzepferds gefunden wurden, die heute im Walters Art Museum in Baltimore aufbewahrt werden. Die Hypothesen des ursprünglichen Standorts sind dabei eng mit der Identifizierung der Figuren verbunden.
Beschreibung Die Figurengruppe besteht aus zwei Reitern zu Pferde und zwei stehenden Frauen. Die Gruppe war symmetrisch angeordnet, wobei die Köpfe der Pferde einander zugewandt waren. Ob weitere Statuen zu der Gruppe gehörten, ist nicht nachzuweisen.
Die Statuen wurden im Wachsausschmelzverfahren auf Basis einer Kupferlegierung mit einem hohen Anteil von Blei hergestellt. Es konnte festgestellt werden, dass das Metall in der Campania-Lazio-Region gewonnen worden war. Nach der Fertigung und Zusammensetzung der Einzelteile wurden die Statuen mit Blattgold überzogen. Allein der Materialwert des verwendeten hochkarätigen Goldes, insgesamt mehr als ein Kilogramm, entsprach mehr als 140 Aurei. Die Bruchstücke weisen Merkmale absichtlicher Zerstörung auf.
Die Reiter Der besser erhaltene Reiter ist ein Mann im mittleren Alter von ca. 40 Jahren. Er trägt über der Tunika entweder das Paludamentum, den Militärmantel, oder eine Toga, deren Drapierung eine Datierung auf die Zeit vor der Kleidungsreform unter Augustus 18 v. Chr. erlaubt. Diese Kleidung weist ihn als hochrangigen Offizier zu Friedenszeiten aus. Diese Annahme wird auch durch seine Armhaltung unterstützt, der Arm ist zum Zeichen des Friedens erhoben. Da auf seiner Tunika der breite Purpurstreifen (latus clavus), den die Senatoren an ihrer Kleidung tragen durften, nicht zu erkennen ist, nehmen Hans Beck und Michael Fonda an, dass er dem Stand der Eques angehörte. Seine Beine sind nur fragmentarisch erhalten.
Von dem zweiten Reiter sind nur die Unterschenkel und Fragmente des ebenfalls erhobenen rechten Arms erhalten. Er trägt calcii senatorii, was ihn als Senator auszeichnet.
Die Frauen mini|Oberkörper der erhaltene Frauenstatue Eine der beiden stehenden Frauenfiguren ist fast vollständig und größtenteils unzerstört erhalten. Sie wurde aus nur 23 großflächigen Fragmenten zusammengesetzt. Die mit 195 cm überlebensgroße Statue stellt eine ältere Frau dar. Die im Pudicitia-Typus dargestellte Matrona ist mit einer Stola und einer über den Kopf gezogenen und fast den ganzen Körper verhüllenden Palla bekleidet; sie trägt Calcei, den römischen Bürgern vorbehaltene geschlossene Schuhe, und Ringe an der linken Hand. Ihre Haare sind in der Mitte gescheitelt und am Hinterkopf zu einem Knoten zusammengefasst. Diese relativ schlichte hellenistische Haartracht ist für die zweite Hälfte des 1. Jahrhunderts v. Chr. charakteristisch und ermöglicht eine Datierung der Gruppe.
Von der anderen weiblichen Figur sind nur die unteren Körperteile erhalten. Auch sie ist in Stola, Palla und geschlossenen Schuhen gekleidet.
Ehrenstatuen von Frauen waren in der Zeit der Republik sehr selten; erst in der frühen Kaiserzeit wurden Frauen häufiger auf diese Weise geehrt. Dass eine Familie einschließlich Frauen dargestellt wurde, repräsentiert die Hochschätzung der traditionellen römischen Werte in der römischen Aristokratie der späten Republik.
Die Pferde Die lebensgroßen Pferde sind mit einem erhobenen Vorderhuf dargestellt. Das Geschirr ist mit Tritonen und Nereiden, Seepferdchen und Delfinen dekoriert. Das Zaumzeug zieren Phalerae, auf denen Gottheiten abgebildet sind: Jupiter, Venus, Mars, Juno, Minerva, und Mercurius. Ähnliche Medaillons am Zaumzeug schmücken auch den Pferdekopf von Waldgirmes.
Identifizierung In einer der ersten Veröffentlichungen zu den Bronzen beschrieb Sandro Stucchi 1988 die Gruppe als Mitglieder der kaiserlichen Familie der Julisch-Claudischen Dynastie. Die Reiter identifizierte er als Nero Caesar und Drusus III, die Söhne von Germanicus, und die erhaltene ältere Frau als Germanicus’ Mutter Livia Drusilla und die unvollständig erhaltene entweder als Germanicus’ Ehefrau Agrippina die Ältere oder Iulia Livia, die Ehefrau des Nero Caesar. Damit ergab sich für die Datierung der Zeitraum in den Jahren zwischen 23 n. Chr., als die Söhne des Germanicus von Kaiser Tiberius zu Nachfolgern ernannt wurden, bis zum Tod der Livia 27 n. Chr. Zwei Jahre später fielen die Brüder und ihre Mutter in Ungnade.
In der Folgezeit setzte sich, ausgehend von stilistischen Details der Porträts und der Kleidung, die frühere Datierung in die Zeit der späten Republik, etwa zwischen 50 v. Chr. und 30 v. Chr., durch. Die Personen wurden zumeist als Mitglieder einer angesehenen Legatenfamilie aus dem Umland des Fundortes, des Ager Gallicus, gedeutet. Die Zerstörung der Statuen wird zumeist im Zusammenhang der Bürgerkriege nach Caesars Ermordung gesehen.
Es wurden einige in Frage kommende Personen samt Familienangehörigen vorgeschlagen.
John Pollini identifizierte die Gruppe als Gnaeus Domitius Ahenobarbus, den fälschlich als Caesarmörder verdächtigten Konsul von 32 v. Chr., mit seinen Eltern Lucius Domitius Ahenobarbus und Porcia und seiner namentlich nicht bekannten Ehefrau. Möglich sei auch, dass Lucius Domitius Ahenobarbus, der Sohn des vorherigen, als einer der Reiter dargestellt sei.
Filippo Coarelli nahm an, dass es sich um Marcus Satrius handelte.So Filippo Coarelli (vergl. ) Der Legat von Julius Caesar in Gallien war Senator und Patron von Sentinum, was durch verschiedene Inschriften belegt ist. Lucius Minucius Basilus, sein Onkel mütterlicherseits und Adoptivvater, war Gründer von Cupra Maritima und ebenfalls Legat von Caesar in Gallien, wandte sich aber später gegen ihn und wurde einer seiner Mörder. Die beiden Männer seien zusammen mit ihren Ehefrauen dargestellt. Sentinum wurde im Perusinischen Krieg gegen Lucius Antonius 41 v. Chr. durch Quintus Salvidienus Rufus Salvius zerstört. Dabei wurden die Statuen möglicherweise zerschlagen und als Beute mitgenommen und im Verlauf des weiteren Feldzugs vergraben.