Tuvaluisch (Eigenbezeichnung oder ) ist eine polynesische SpracheBesnier 2000: xxi, die von den etwa 11.000 Bewohnern Tuvalus gesprochen wird.http://www.ethnologue.com/show_language.asp?code=tvl Sie ist neben Englisch Amtssprache des Staates Tuvalu und wird außerdem von Migrantengemeinschaften auf Fidschi, Kiribati, Nauru und Neuseeland gesprochen.Besnier 2000: xx Sie ist eng verwandt mit Tokelauisch; Tuvaluisch und Tokelauisch sind untereinander verständlich.

Geographische Verteilung Tuvaluisch wird von etwa 11.000 Sprechern (Zählung von 1998) auf den insgesamt nur 26 km² großen neun Atollen des pazifischen Inselstaates Tuvalu gesprochen, der sich in den Ausläufern des polynesischen Dreiecks befindetBesnier 2000: xvii, sowie von tuvaluischen Migranten auf Fidschi, Kiribati, Nauru und Neuseeland.

Dialekte Tuvaluisch hat sieben Dialekte, deren Sprachgebiet den sieben traditionell besiedelten Atollen entspricht, die einander jedoch derart ähnlich sind, dass sich die Bewohner der Inseln ohne besondere Schwierigkeiten untereinander verständigen können.Gerd Koch: Die materielle Kultur der Ellice-Inseln. Museum für Völkerkunde, Berlin 1961, S. 11. Zwei Dialektgebiete (mundartliche Einheiten) haben sich herausgebildet: Die nordtuvaluischen Dialekte werden auf den Inseln Nanumanga, Nanumea und Niutao, die südtuvaluischen Dialekte auf den Inseln Nukufetau, Vaitupu, Funafuti und Nukulaelae gesprochen.Besnier 2000: xxiii Niulakita ist erst seit dem 20. Jahrhundert dauerhaft besiedelt. Auf Nui wird ein Dialekt des Kiribatischen gesprochen. Die sieben Dialekte unterscheiden sich vor allem in Phonologie und Wortschatz.Besnier 2000: xxi-xxiii Die Dialekte von Funafuti und Vaitupu haben eine Hegemonialstellung, da sich auf Funafuti der Regierungssitz und Radio Tuvalu und auf Vaitupu die bis vor kurzem einzige Sekundarschule befindet.

Phonetik und Phonologie Das Lautsystem Wie die meisten polynesischen Sprachen hat Tuvaluisch ein relativ kleines Phoneminventar. Es besitzt zehn bis elf Konsonanten und fünf Vokale.Besnier 2000: 608 Sowohl Konsonanten als auch Vokale können als Geminaten auftreten.

bilabial labiodental alveolar velar glottal Plosiv Nasal g Frikativ / Lateral

Die Plosive sind stimmlos und in ungeminiertem Gebrauch nicht aspiriert. Sie können jedoch auch als leicht stimmhafte Plosive, oder als stimmlose oder leicht stimmhafte Frikative auftreten. Geminierte Plosive sind stark aspiriert.Besnier 2000: 608-609 Der glottale Frikativ [h] hat nur in den Dialekten von Nanumea und Nanumanga Phonemstatus. Im Nukulaelae-Dialekt tritt es nur in einigen Wörtern morpheminitial als Allophon von /s/ oder /f/ auf. In den südlichen Dialekten steht an seiner Stelle immer /s/ oder /f/.Besnier 2000: 609-610 Das Phonem /l/ kann im Nukulaelae-Dialekt auch als Flap realisiert werden.Besnier 2000: 610

vorne zentral hinten hoch mittel tief

Geminierte Vokale werden als lange Vokale realisiert.Besnier 2000: 612-613

Phonotaktik Wie in den meisten polynesischen Sprachen gibt es auch im Tuvaluischen nur offene Silben.Besnier 2000: 610-611 Die häufigste Morphemstruktur ist KVKV.Besnier 2000: 611

Es gibt keine Konsonantencluster außer den Geminaten, die durch Vokaltilgung entstehen. Diese tritt auf, wenn zwei KV-Sequenzen in einem Wort identisch sind und die zweite den Hauptakzent trägt. Vokaltilgung kann Morphemgrenzen überschreiten. Sie ist in den nördlichen Dialekten optional.Besnier 2000: 618

Alle möglichen Cluster von zwei Vokalen sind belegt. Cluster von drei Vokalen treten seltener auf. Die Kombinationen /eua/ und /uau/ sind nicht belegt. Es gibt einige Cluster von vier Vokalen und zwei Cluster von fünf Vokalen, in den Interjektionen eiauee und oiauee, die Leid und Schmerz zum Ausdruck bringen.

Die Sequenz /vu/ ist nur in Fremdwörtern belegt und /vo/ tritt nur in einem Wort auf.Besnier 2000: 612

Wortbetonung Die Wortbetonung ist morenabhängig. Wörter mit einer More sind unbetont.Besnier 2000: 614 Wörter mit zwei oder mehr Moren haben Betonung auf der Penultima-More, wie z. B. ave ['ave] „schicken“ oder maafatia [ma:fa'tia] „betrübt“. Wird dadurch einem nicht-geminierten hohen Vokal die Betonung zugewiesen, der unmittelbar auf einen nicht-hohen Vokal folgt, verlagert sich die Betonung auf den nicht-hohen Vokal und der hohe Vokal wird als Approximant realisiert, wie in fetaui [fe'tawi] „treffen“, faiva ['fayva] (eine Fischfangmethode).

Reduplikation Die tuvaluische Sprache nutzt sowohl totale als auch partielle Reduplikation.Besnier 2000: 619

Totale Reduplikation existiert nur für zweimorige Wurzeln und ist nur noch für Verben produktiv, die dadurch eine iterative Bedeutung bekommen, z. B. teletele aus tele „rennen“.

Partielle Reduplikation ist sehr produktiv und kann verschiedene Funktionen erfüllen. Man kann zwischen externer und interner partieller Reduplikation unterscheiden.Besnier 2000: 620

Bei der externen partiellen Reduplikation kann das reduplizierte Element als Präfix oder Suffix behandelt werden. Bei zweimorigen Wörtern wird die betonte More redupliziert, wie bei oola von ola „lebend“. Steht vor der betonten More ein Konsonant, wirkt sich die Reduplikation auch auf ihn aus. Der Vokal wird dann getilgt, da zwei identische KV-Sequenzen aufeinander folgen, wie in ttula von tula „kahl“. Bei Wörtern mit drei oder mehr Moren sind die letzten zwei Moren und die ihnen vorangehenden Konsonanten betroffen, wie in uateetee von uatee „laut“ oder foolikiliki von fooliki „klein“.Besnier 2000: 620-621

Bei der internen partiellen Reduplikation muss das reduplizierte Element als Infix behandelt werden. Sie betrifft nur Wörter mit drei oder mehr Moren. Wenn dem betonten Vokal eines Wortes mit drei Moren ein Konsonant direkt vorangeht, wirkt sich die Reduplikation auf diesen Konsonanten und den ihm vorangehenden Vokal aus, jedoch separat auf jedes Segment, wie in siinnaa von sinaa „weiß (Haare)“.Besnier 2000: 621 Wenn dem betonten Vokal kein Konsonant direkt vorangeht, wirkt sich die Reduplikation auf den betonten Vokal selbst und den ihm vorangehenden Vokal aus, wie in gaaoofe von gaofe „gekrümmt“. Ist bei dem dreimorigen Wort ein zu reduplizierendes Segment bereits geminiert, wirkt sich die Reduplikation lediglich auf das andere Segment aus, wie in maauu von mauu „gebissen“.Besnier 2000: 622 Bei Wörtern mit vier oder mehr Moren wird nur der Konsonant, der dem betonten Vokal direkt vorangeht, redupliziert, oder, wenn kein Konsonant direkt vorangeht, der betonte Vokal selbst, wie in foollloki von fooliki „klein“ und fakaeeke von fakaeke „sich auf etwas Erhöhtem abstützen“. Durch interne partielle Reduplikation wird bei intransitiven Verben die Numeruskongruenz mit dem Subjekt markiert.Besnier 2000: 515, 517

Grammatik Syntax Tuvaluisch ist eine Ergativsprache. Absolutive sind in der Regel nicht markiert, können jedoch optional durch den Absolutiv-Kontrastiv-Marker a gekennzeichnet werden. Ergative werden durch den Kasusmarker nee gekennzeichnet.Besnier 2000: 131

Die Wortstellung intransitiver Sätze ist VS oder SV: VS: Koo fano | Niu INCH gehen | Niu Niu ist gegangen. SV: Niu koo fano Niu | INCH gehen Niu ist gegangen.

Die Grundwortstellung transitiver Sätze ist VSO. VOS und OVS sind ebenfalls belegt, genauso wie SVO. Allerdings kann das Subjekt in präverbaler Position keine Ergativmarkierung bekommen. An ihre Stelle kann optional der Absolutiv-Kontrastiv-Marker treten. VSO: Ne ffuti | nee Niu | te atu teelaa PST ziehen | ERG Niu | ART Bonito DEM Niu zog jenen Bonito(-Fisch) an Land. VOS: Ne ffuti | te atu teelaa | nee Niu PST ziehen | ART Bonito DEM | ERG Niu Niu zog jenen Bonito(-Fisch) an Land. OVS: Te atu teelaa | ne ffuti | nee Niu ART Bonito DEM | PST ziehen | ERG Niu Niu zog jenen Bonito(-Fisch) an Land. SVO: Niu | ne ffuti | te atu teelaa Niu | PST ziehen | ART Bonito DEM Niu zog jenen Bonito(-Fisch) an Land.

In ditransitiven Sätzen muss das indirekte Objekt immer postverbal realisiert sein; die unmarkierte Reihenfolge ist VSdOiO. Indirekte Objekte werden durch die direktionale Präposition ki (in Schriftsprache auch ki luga), seltener auch durch die benefaktive Präposition moo markiert.Besnier 2000: 130

Sonderklassen intransitiver Verben Einige intransitive Verben nehmen zwei Argumente. Darunter fallen a) Verben des Bringens, Nehmens, Begegnens und einige Verben, die Besitzverhältnisse beschreibenBesnier 2000: 267-271, b) Verben mit einem Experiencer-ArgumentBesnier 2000: 271-275 und c) Verben, die ein Ursache-Wirkungs-Schema (engl.: cause-target) beschreiben.Besnier 2000: 275-279 Diese Verben nehmen ein Patiensargument im Absolutiv und a) ein Agensargument, das durch die komitative Präposition mo als Oblique gekennzeichnet ist, b) ein Experiencer-Argument, das durch die lokationale Präposition i als Oblique gekennzeichnet ist, oder c) ein Agens- oder Cause-Argument, das durch die lokationale Präposition i als Oblique gekennzeichnet wird.

Außerdem hat die tuvaluische Sprache Mittelverben, die ein Subjekt im Absolutiv und ein Mittelobjekt, das durch direktionale Präposition ki oder lokationale Präposition i markiert ist, regieren.Besnier 2000: 293 Mittelverben sind grundsätzlich lexikalisch definiert, für das Tuvaluische lässt sich jedoch feststellen, dass viele Verben, die Emotionen oder willensmäßige Sinneswahrnehmungen (so z. B. fakalogo „anhören“ im Gegensatz zu „hören“) kodieren, zu den Mittelverben gezählt werden. Besnier rechnet die Mittelverben zu den intransitiven Verben, da sie sich in verschiedenen morphologischen Prozessen wie intransitive Verben verhalten.Besnier 2000: 295-297 Mittelverben kommen in verschiedenen polynesischen Sprachen vorBesnier 2000: 292, u. a. auch im Samoanischen.

Die Einkonstituentenneigung Das Tuvaluische zeigt in natürlichem Diskurs eine Tendenz zu Sätzen (im Sinne von engl. „clause“), die aus einem Verb und einer einzigen NP bestehen. Dies hat Einfluss auf intransitive und transitive Sätze.Besnier 2000: 134

Für intransitive Sätze gilt, dass keine subjektlosen Konstruktionen erlaubt sind. Ebenso weist das Tuvaluische keine semantisch leeren Subjekte auf.Besnier 2000: 135 Wie im Russischen und in den semitischen Sprachen nehmen Wetterverben beispielsweise immer ein Subjekt, das ein Wetterphänomen enkodiert.Besnier 2000: 128-129 Koo ppaa | fattili INCH explodieren | Donner Es donnert. (wörtlich: Donner explodiert.)Besnier 2000: 129

Auf transitive Sätze wirkt die Einkonstituentenneigung, indem, wo möglich, Argumente reduziert werden. Subjekte müssen nicht realisiert werden, wenn sie ein generisches, unidentifizierbares oder nicht-referentielles Agens kodieren, oder wenn es für den Kontext nicht wichtig ist, das Agens zu identifizieren.Besnier 2000: 126-127 Subjekte und Objekte müssen nicht realisiert werden, wenn ihre Identität durch den linguistischen oder außerlinguitischen Kontext ersichtlich ist. Auch können bestimmte Verben, die Equi-NP-Tilgung erlauben, oder Anhebungsverben verwendet werden. Diese bewirken, dass eine Konstituente des zugrundeliegenden transitiven Satzes zum Argument des Equi- oder Anhebungsverbs wird und die andere Konstituente zum Argument des eingebetteten transitiven Verbs. Equi- und Anhebungsverben haben in einem solchen Kontext einen geringen oder gar keinen semantischen Gehalt. Oft wird das Agens eines transitiven Verbs als Possessor des Patiens ausgedrückt.Besnier 2000: 134, 283 Eine OV-Stellung ist dann, im Gegensatz zum Ausdruck „echter“ Besitzverhältnisse, nicht möglich.Besnier 2000: 285 Die Kodierung des Agens als Possessor des Patiens ist in der Tat die unmarkierte Form, der Ergativkasus wird eigentlich nur dann benutzt, wenn das Agens eine hohe Verantwortlichkeit für die beschriebene Aktion trägt.Besnier 2000: 283

Ne kkati | telotou niu. PST fällen | ihre Kokospalme Sie fällten eine Kokospalme. (wörtl.: Fällten ihre Kokospalme.) Ne kkati | nee laatou | niu. PST fällen | ERG sie | Kokospalme