Das Stadtgeschichtliche Museum Leipzig als Einrichtung der Stadt Leipzig sammelt, dokumentiert und präsentiert in seinen Ausstellungen Objekte, Informationen und Kontexte des Stadtgeschehens von der Stadtwerdung Leipzigs im frühen Mittelalter bis zur Gegenwart. Mit jährlich etwa 550.000 Besuchern (Stand Ende 2024)Dominic Welters: Stadtmuseum verzeichnet Besucherzuwachs – neue Schau über die BSG Chemie Ende April. In: Leipziger Volkszeitung 131 (2025), Nr. 23 vom 28. Januar, , S. 19. zählt das Stadtgeschichtliche Museum zu den meistbesuchten Sehenswürdigkeiten Leipzigs.
Um die zentralen Positionen Altes Rathaus und Haus Böttchergäßchen (bis 2014 Neubau genannt) liegt der Ring der dezentralen Themenmuseen. Dazu gehören das Völkerschlachtdenkmal und FORUM 1813, das Schillerhaus in Leipzig-Gohlis, das Museum Zum Arabischen Coffe Baum, die Alte Börse sowie das Sportmuseum (derzeit ohne ständige Ausstellung).
Vorgeschichte Im Jahr 1867 gründete sich der Verein für die Geschichte Leipzigs, dessen Hauptziele neben der Erforschung der Stadtgeschichte die Erhaltung historischer Denkmäler sowie die Anbringung von Gedenktafeln an bedeutsamen Leipziger Gebäuden waren. Verbunden mit verschiedenen Publikationen des Vereins und seiner Mitglieder wurden im Laufe der nächsten Jahre zahlreiche Zeugnisse zur Stadtgeschichte zusammengetragen. Die Sammlungen wuchsen so rasch an, dass aus Platzmangel bereits 1873 zum dritten Mal das Domizil gewechselt werden musste: etwa 5.600 Objekte waren zu diesem Zeitpunkt verzeichnet. Im gleichen Jahr erwarb der Verein die äußerst kostbare Büchersammlung des Leipziger Bürgers Johann Cornelius Maximilian Poppe, deren ca. 5.000 Bände später den Grundstock der Bibliothek des Stadtgeschichtlichen Museums bilden sollten.
In der neuen Heimstätte des Geschichtsvereins, dem Alten Johannishospital, wurde im Jahr 1889 eine Ausstellung in zwölf Räumen eröffnet, die interessierten Besuchern eine Auswahl der Sammlungen zeigte.
Am 18. Dezember 1906 beschloss der Verein, seine Sammlungen der Stadt Leipzig für das neu zu gründende Stadtgeschichtliche Museum zu übergeben. Dessen Errichtung wurde bereits im Jahr 1885 durch Gustav Wustmann empfohlen, der 1903 seinen Vorschlag dahingehend konkretisierte, das Museum im zweiten Obergeschoss des Alten Rathauses unterzubringen.Doris Mundus: "... an Geschichte und Sage unserer Stadt Interesse nehmen". Die Gründung des Vereins für die Geschichte Leipzigs. In: Volker Rodekamp (Hrsg.) 2009, S. 14 f.
Geschichte Im November 1908 beschloss der Leipziger Stadtrat, dass das von 1906 bis 1909 umgebaute Alte Rathaus als Stadtgeschichtliches Museum fungieren sollte. Nach Fertigstellung des Umbaus fand im Sommer 1909 mit einer Schau zum 500-jährigen Bestehen der Universität Leipzig eine erste Sonderausstellung statt, allerdings noch ausgerichtet vom städtischen Kunstgewerbemuseum.Doris Mundus: "Das Verständnis der Sammlung erfordert anhaltende Arbeit ...". Die Anfänge des Museums im Alten Rathaus. In: Volker Rodekamp (Hrsg.) 2009, S. 30. Nach der Ende 1909 erfolgten Überführung der Sammlungen des Geschichtsvereins in das Alte Rathaus wurde eine Geschäftsstelle eingerichtet, die Leitung des Museums übertrug man Albrecht Kurzwelly, bis dahin stellvertretender Direktor des Kunstgewerbemuseums. Seine Festlegung, die Sammlungen nicht chronologisch, sondern nach Objekttypen zu ordnen, hat bis heute weitestgehend ihre Gültigkeit.Doris Mundus: Albrecht Kurzwelly. Direktor von 1909 bis 1917. In: Volker Rodekamp (Hrsg.) 2009, S. 31.
Ergänzt wurden die vorhandenen Sammlungen durch Objekte aus der Stadtbibliothek, dem Kunstgewerbemuseum, dem Museum der bildenden Künste sowie dem Völkerkundemuseum. Die offizielle Einweihung des Stadtgeschichtlichen Museums erfolgte Ende 1911, am 11. Dezember konnte das Hauptgeschoss des Alten Rathauses samt Festsaal mit seiner Ausstellung eröffnet werden, ergänzt durch die am 12. Juni 1916 erfolgte Öffnung des Obergeschosses.
Kurzwellys Nachfolger ab 1918 war der politisch liberal eingestellte Historiker, Publizist und bis 1938 Vorsitzende des Geschichtsvereins Friedrich Schulze, er führte das Museum durch die Zeit der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus bis 1945.Doris Mundus: Friedrich Schulze. Direktor von 1918 bis 1945. In: Volker Rodekamp (Hrsg.) 2009, S. 35. Internationales Aufsehen erregte im Jahr 1937 ein Diebstahl, bei dem am 8. Oktober im Alten Rathaus das kleinformatige Gemälde Moses mit den Gesetzestafeln von Lucas Cranach d. Ä. aus dem Rahmen entfernt und entwendet wurde. Einen Tag später wurde das Bild in einem Korb für abzugehende Päckchen im Postamt des Leipziger Hauptbahnhofs entdeckt, der oder die Täter wurden nie ermittelt.Britta Paasche: Ein ungelöster Kriminalfall. In: Volker Rodekamp (Hrsg.) 2009, S. 40 f.
1938/1939 zogen die Verwaltung und Bibliothek des Museums nach Umbauarbeiten in bis dahin privatgeschäftlich genutzte Bereiche des Erdgeschosses links vom marktseitigen Eingang. Im Sommer 1943 wurden kriegsbedingt Großteile der Sammlungen in verschiedene Standorte in einem Umkreis von 50 Kilometer um Leipzig ausgelagert. Nach schweren Bombenangriffen am 4. Dezember 1943 brannten Dachgeschoss und Turm des Alten Rathauses aus, durch bauliche Veränderungen aus früheren Jahren blieben der Festsaal im Hauptgeschoss sowie große Teile der Sammlungen unversehrt.
Von 1946 bis 1950 wurde das Alte Rathaus als eines der ersten öffentlichen Gebäude der Stadt wiederaufgebaut, in dieser Zeit gab es lediglich kleinere Ausstellungen. Die offizielle Neueröffnung des Hauses fand im Mai 1952 statt, sechs Jahre später im Erdgeschoss die der Museumsbibliothek als stadtgeschichtliche Fachbibliothek.
Im Jahr 1960 erfolgte die Vereinigung mit dem Museum für Geschichte der Arbeiterbewegung, das im ehemaligen Georgi-Dimitroff-Museum in den Räumlichkeiten des Reichsgerichtsgebäudes untergebracht war. Ein Jahr später entstand durch den Zusammenschluss mehrerer Einrichtungen das Museum für Geschichte der Stadt Leipzig, ab Anfang der 1970er Jahre auch unter dem Begriff Museumskombinat geläufig. Dazu gehörten das Stadtgeschichtliche Museum, das Schillerhaus, das Völkerschlachtdenkmal, die Lenin-Gedenkstätte (Rosa-Luxemburg-Straße 19–21, ehemaliger Sitz der Leipziger Volkszeitung, wo Lenin mehrmals zu Gast war), die Iskra-Gedenkstätte (Russenstraße 48, Druckort der russischen Revolutionszeitung Iskra) sowie die Karl-Liebknecht-Gedenkstätte (Braustraße 15, Geburtshaus Karl Liebknechts).
Die Alte Börse wurde 1962 der Gebäudeverwaltung des Stadtgeschichtlichen Museums zugeordnet, am 18. Oktober 1963 fand im Wilhelm-Külz-Park die Eröffnung des Ausstellungspavillons zur Völkerschlacht statt. In der Folgezeit wurde die ständige Ausstellung im Alten Rathaus – erweitert auf das Obergeschoss – bis in die 1970er Jahre hinein kontinuierlich erweitert, begleitet durch zahlreiche Sonderschauen. 1974 wurde offiziell die Obergeschoss-Ausstellung, die nun die Stadtgeschichte von 1917 bis 1961 thematisierte, unter dem Namen Leipzig – gestern – heute – morgen dem Publikum geöffnet.
Das Sportmuseum als Einrichtung des Hauses wurde 1977 eröffnet, 1979 erfolgte die Angliederung des Göschenhauses in Grimma (1995 wieder an Grimma abgegeben).
Von 1988 bis 1990 wurde die Dauerausstellung im Alten Rathaus, einhergehend mit überfüllten Depots und strukturellen Schwierigkeiten, im Rahmen von Sanierungsarbeiten geschlossen.
Die Wiedereröffnung fand 1990 unter der alten Bezeichnung Stadtgeschichtliches Museum Leipzig statt, im Obergeschoss des Alten Rathauses entstanden Arbeits- und Magazinräume für die Mitarbeiter des Museums sowie eine Fläche für Sonderausstellungen. Die Direktion, Verwaltung und Fotothek befanden sich zu diesem Zeitpunkt neben der Bibliothek im Erdgeschoss des Gebäudes. 1991 wurden die Iskra- und Lenin-Gedenkstätte geschlossen, gleichzeitig wurden das Torhaus Dölitz (mit einer Ausstellung kulturhistorischer Zinnfiguren, 1999 abgegeben) sowie ein Großteil der Sammlungen des ehemaligen Georgi-Dimitroff-Museums dem Museum zugeordnet. Im gleichen Jahr wurde auch die Ausstellungstätigkeit des Sportmuseums eingestellt, die Einrichtung als solche besteht bis heute – aber lediglich als Sammlungs- und Dokumentationszentrum. Die Karl-Liebknecht-Gedenkstätte wurde 1992 geschlossen.
Neben der Einrichtung der zentralen computergestützten Dokumentation des Museums wurden im Jahr 1999 das Museum Zum Arabischen Coffe Baum sowie das FORUM 1813 am Völkerschlachtdenkmal eröffnet.
Eine neu erarbeitete Gesamtkonzeption für das Museum, ab 1995 konkret werdend, führte letztendlich zur Neustrukturierung und zum Neubau, der im Jahr 2004 eröffnet wurde und heute Teil des Museumsquartiers ist. Zwischenzeitlich wurde von 2001 bis 2002 das Alte Rathaus umgebaut und modernisiert, die Erdgeschosszone für museumsexterne Zwecke abgegeben. Aus diesem Grund mussten Bibliothek und Fotothek, große Teile der magazinierten Sammlungen sowie die museumspädagogische Abteilung bis zur Eröffnung des Neubaus in Übergangsquartiere umziehen, unter anderem in Räumlichkeiten der ehemaligen Bezirksverwaltung des Ministeriums für Staatssicherheit am Matthäikirchhof und in der Großen Fleischergasse.
Aufsehen erregte ein 2016 aufgedeckter Diebstahl. Zwischen 2011 und 2016 entwendete ein ehemaliger Mitarbeiter des Museums aus der numismatischen Sammlung 576 teilweise höchst seltene Münzen und Medaillen, die unter anderem über Auktionshäuser und Online-Verkaufsplattformen angeboten und veräußert wurden. Der dabei entstandene Gesamtschaden bezifferte sich auf fast eine halbe Million Euro.Klaus Staeubert: Museum will gestohlene Münzen zurück. Raubkunst-Experte mit Wiederbeschaffung beauftragt. In: Leipziger Volkszeitung 123 (2017), Nr. 145 vom 24. Juni, S. 15.Steffen Poser: Geld verdirbt den Charakter. Diebstahl in der numismatischen Sammlung. In: Leipzig.Museum 2019, S. 112 f.
Seit 2023 betreibt das Museum gemeinsam mit u. a. mit dem Verlag Hentrich & Hentrich den sogenannten Erinnerungsort Capa-Haus.
Heute bildet das Stadtgeschichtliche Museum Leipzig ein Netzwerk von insgesamt neun Einrichtungen mit jeweils unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten. Insgesamt beinhalten die Sammlungen des Stadtgeschichtlichen Museums Leipzig gegenwärtig über 600.000 Objekte, von denen etwa 340.000 über eine Internet-Datenbank recherchierbar sind.Michael Stephan: Jahrhunderte auf der Festplatte. Die Dokumentation. In: Leipzig.Museum 2019, S. 77.
Einrichtungen Altes Rathaus
mini|Das Alte Rathaus (Frontansicht)
Den Kern des Museums bildet neben dem Neubau im Böttchergäßchen das Alte Rathaus am Markt mit der zentralen ständigen Ausstellung zur Leipziger Stadtgeschichte.
Im Hauptgeschoss des Alten Rathauses ist die ständige Ausstellung zur Geschichte Leipzigs von Beginn der Stadtwerdung bis zur Völkerschlacht im Jahr 1813 zu besichtigen. Den Dreh- und Angelpunkt dieses Bereiches bildet der auch für Empfänge und kulturelle Veranstaltungen genutzte Renaissance-Festsaal mit einem rund 25 m² großen Stadtmodell, das Leipzig im Jahre 1823 zeitgenössisch detailliert darstellt. Neben zwei zu besichtigenden Gemäldegalerien (Fürsten- und Stadtrichterbildnisse) wird hier außerdem die Leipziger Rechtsprechung thematisiert, unter anderem mit einer handschriftlichen Ausgabe des Sachsenspiegels aus dem Jahr 1461 sowie zahlreichen Objekten zu Johann Christian Woyzeck. Ausgehend vom Festsaal gelangt der Museumsbesucher in chronologisch-thematisch gegliederte Bereiche (Frühgeschichte und Stadtwerdung, Mittelalter, Kirche und Universität, Reformation, Messe, Barock, Architektur und Gärten, Städtischer Alltag, Kulturelle Blüte, Krieg und Frieden, Geschichte des Alten Rathauses, Handwerk, Musik). Im südlichen Teil des Hauptgeschosses befinden sich außerdem die Ratsstube sowie das Aerar mit Objekten des Leipziger Kramerschatzes.