Mobile Jugendarbeit ist ein Arbeitsfeld der Jugendhilfe, das unterschiedliche Handlungsansätze und -prinzipien der Sozialarbeit in einem sozialpädagogischen Handlungskonzept vereint; nämlich: Streetwork, Einzelfallhilfe, Gruppenarbeit und Gemeinwesenarbeit.
Geschichte
Entwicklungslinien
Die Entstehung von Mobiler Jugendarbeit (MJA) geht unter anderem zurück auf das Jahr 1967, als dieses Konzept deutscher Sozialarbeit und Sozialpädagogik erstmals in Stuttgart-Freiberg von der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart praktisch umgesetzt wurde. Walther Specht war in Deutschland der erste Sozialarbeiter, der mit dieser Aufgabe betraut wurde.
In Ostdeutschland wurde das Konzept nach der Wende mit dem AGAG-Programm (Das Aktionsprogramm gegen Aggression und Gewalt) eingeführt und verankert, nachdem es zu massiven Ausschreitungen von rechtsorientierten Jugendlichen kam.
Zentrale theoretische Bausteine des Grundkonzeptes Mobiler Jugendarbeit sind die Lebensweltorientierte Soziale Arbeit (Lebensweltorientierung) nach Hans Thiersch sowie die Gemeinwesenarbeit.Wolfgang Hinte, Maria Lüttringhaus, Dieter Oelschlägel: Grundlagen und Standards der Gemeinwesenarbeit. Ein Reader für Studium, Lehre und Praxis. Votum, Münster 2001. Diese werden ergänzt mit theoretischen Ausarbeitungen von Franz Josef Krafeld zur akzeptierenden bzw. gerechtigkeitsorientierten Jugendarbeit. Weitere theoretische Bausteine sind ebenso die Sozialraumorientierung sowie die verschiedenen Aneignungs- und Raumkonzepte.Ulrich Deinet (Hrsg.): Sozialräumliche Jugendarbeit. Grundlagen, Methoden und Praxiskonzepte. VS Verlag, 2005.
Der Sozialwissenschaftler Thomas Meyer unterscheidet drei verschiedene Entwicklungslinien innerhalb des Arbeitsfeldes. Die Mobile Jugendarbeit, die Straßensozialarbeit und die aufsuchende Jugendarbeit Krafeld’scher Prägung. Die MJA ist demnach das von Walter Specht entwickelte Konzept, das sich aus den vier Arbeitsweisen Einzelfallhilfe, Gruppenarbeit, Gemeinwesenarbeit und Streetwork zusammensetzt.
Begrifflichkeiten
Die Bundesarbeitsgemeinschaft dieses Arbeitsfeldes führt diese Doppelbezeichnung Streetwork/Mobile Jugendarbeit „wohl auch deshalb, um ganz pragmatisch unterschiedlichen Verständnissen gerecht zu werden und nicht dem Feld eine begriffliche Eindeutigkeit überzustülpen“. Dies würde dem Facettenreichtum des Arbeitsansatzes auch kaum gerecht werden. Es finden sich in den Standardwerken der Bundesarbeitsgemeinschaft Streetwork / Mobile Jugendarbeit e. V. daher auch keine deutlichen Definitionen oder Unterscheidungen zu den Begrifflichkeiten, da in der Praxis beides gefunden wird.
Der Dachverband Mobile Jugendarbeit Stuttgart, „das bis heute unstrittige Zentrum Mobiler Jugendarbeit“, spricht ausdrücklich von Streetwork als eines von vier Handlungsfeldern. Walther Specht unterscheidet in seinen Publikationen zwischen einer gemeinwesenorientierten Mobilen Jugendarbeit und einer szene- oder zielgruppenorientierten Streetwork-Arbeit.
Die Pädagogin Christiane Bollig versteht unter Streetwork einen eigenen Ansatz Sozialer Arbeit und unter Mobiler Jugendarbeit ein eigenständiges Arbeitsfeld innerhalb der Jugendhilfe. Die „aufsuchende Arbeit“ definiert sie als Methode, die innerhalb der Arbeitsfelder Streetwork und MJA eingesetzt wird.
Gesetzliche Grundlagen & Fachstandards
Die gesetzlichen Grundlagen Mobiler Jugendarbeit leiten sich aus in Verbindung mit ab und finden ihre Konkretisierung in den und SGB VIII.
Mobile Jugendarbeit umfasst also sowohl Leistungen der Jugendarbeit als auch der Jugendsozialarbeit. Sie ist ein lebenswelt- und adressatenorientiertes Angebot der Jugendarbeit nach § 11 mit dem Schwerpunkt präventiver, alltagsorientierter Beratung (§ 11 Abs. 3 Nr. 6 SGB VIII) in Verbindung mit Angeboten, die sich auf Entwicklungsaufgaben und -probleme beziehen, die junge Menschen in Familie, Schule und Arbeitswelt zu bewältigen haben. Ferner ist Mobile Jugendarbeit eine Form der Jugendsozialarbeit gemäß § 13 SGB VIII zur sozialen Integration junger Menschen, die zum Ausgleich sozialer Ungleichheit oder zur Überwindung individueller Beeinträchtigungen in erhöhtem Maße auf Unterstützung angewiesen sind.
Ihre Spezifizierung finden die gesetzlichen Grundlagen in Fachstandards, welche von der Bundesarbeitsgemeinschaft Streetwork / Mobile Jugendarbeit e. V. sowie seitens diverser Landesarbeitsgemeinschaften (LAG) erarbeitet wurden.
Die LAG Mobile Jugendarbeit/Streetwork Baden-Württemberg forderte im Jahr 2019 die Mobile Jugendarbeit im §13 SGB VIII zu verankern, da es sich um ein etabliertes Arbeitsfeld innerhalb der Jugendsozialarbeit handele.
Adressaten
Die Adressaten nach § 13 SGB VIII werden von Struckin Wiesner u. a., SGB VIII/KJHG, 2. Auflage. München 2000, § 13 RdNr. 4 beschrieben als:
Junge Menschen, die auch bei günstiger Lage auf dem Ausbildungsstellen- und Arbeitsmarkt wegen individueller und/oder sozialer Schwierigkeiten, häufig einhergehend mit unzureichender schulischer Ausbildung, nach wie vor keine Ausbildungs- und Arbeitsstellen finden Junge Menschen aus Familien ausländischer Arbeitnehmer sowie junge Aus- und Übersiedler aus Osteuropa und Asylbewerber Junge Menschen, deren Familien in sozialen Brennpunkten räumlich konzentriert leben und deren Sozialisationschancen reduziert sind Junge Menschen, die in finanziellen, persönlichen und sozialen Schwierigkeiten leben und Probleme bei der Wohnraumbeschaffung und -erhaltung haben und Mädchen und junge Frauen, die erheblich stärker von Arbeitslosigkeit betroffen sind und spezieller Förderung bedürfen.
In Deutschland können gegenwärtig zwei Typen von Mobiler Jugendarbeit unterschieden werden:
Ansätze, die sich an Grundsätzen von Stadtteil- und Gemeinwesenarbeit orientieren (können) und lokalspezifisch stark mitgetragen und verwurzelt sind. Ansätze, die stadtteilübergreifende, regionale oder city-zentrierte Dimensionen und Bedeutungen besitzen.
Beim ersten Ansatz liegt der Schwerpunkt auf der Verhinderung oder Rückgängigmachung von Ausgrenzungs- und Stigmatisierungsprozessen aus einem noch einigermaßen intakten und mobilisierbaren Familien-, Peergroup-, Nachbarschafts- und Wohnviertelmilieu.
Der zweite Ansatz ist wesentlich facettenreicher, spezialisierter und soll durch die Benennung bestimmter Zielgruppen und problematischer Lebenslagen etwas näher gekennzeichnet werden:
Straßenkinder, Ausreisserkinder aus Familien, Heimen, fremden Städten und Ländern; Obdach- und arbeitslose Jugendliche und junge Erwachsene; Drogenkonsumierende Jugendliche; City-zentrierte Street Gangs, Cliquen, Punks, Skinheads und andere sogenannte Hardliner; Fußballfans/Hooligans
Franz Josef Krafeld unterscheidet in seinen Publikationen zwischen verschiedene Formen aufsuchender Jugendarbeit, welche dann jeweils unterschiedliche Adressaten ansprechen.Krafeld 2004, S. 24 ff; siehe Tabelle
Problemorientierter Typus jugendkulturell orientierter Typus Gemeinwesen-orientierter Typus hinausreichender oder mobiler Typus Adressaten sind Menschen mit gleichen Problemlagen: Drogenabhängige, Prostituierte, Obdachlose … Adressaten sind auffällige, meist anstoßerregende Cliquen und Szene Adressaten sind soziale Brennpunkte oder Problemgebiete mit besonderer Konzentration auf dort lebende Kinder und Jugendliche Adressaten sind Jugendliche, die ergänzend zu jugendhaus-bezogener Arbeit oder in deren Vorfeld erreicht werden sollen Geschichtlich der älteste Ansatz; 1927 Chicago (Banden-kriege) Steht in Deutschland seit Ende der 1980er Jahre im Mittelpunkt; Ursprung in der Rockerarbeit in den 1960er und 1970er Jahren bzw. Chicago (s. l.) Entstand in der Blütezeit der Gemeinwesenorien-tierung in den frühen 1970er Jahren, erlebte dann ein „Schatten-dasein“ und wurde Mitte der 1990er Jahre „wiederbelebt“ Entstand Ende der 1980er/Anfang der 1990er Jahre in den USA (Outreach) Adressaten haben i. d. R. gleiche Problemlagen; Einzelfallarbeit hat besondere Bedeutung Adressaten haben i. d. R. unterschiedliche Problemlagen; Einzelfallarbeit nach Vertrauensaufbau; aktivitätsbezogene Angebote Lebenswelten und -bedingungen verbessern; Kinder & Jugendliche beteiligen Angebotserweiterung von bestehenden Jugendeinrichtungen
Welcher Ansatz vor Ort praktiziert wird, regelt die Bedarfsbestimmung und Zielsetzung innerhalb der Sozialraum- & Lebensweltanalyse in Abstimmung mit der örtlichen Jugendhilfeplanung.
Aufträge und Ziele
Die Aufträge und Ziele lassen sich auch aus den genannten gesetzlichen Grundlagen ableiten.
Mobile Jugendarbeit/Streetwork als dauerhaftes, belastbares und verlässliches Kontaktangebot in der Lebenswelt junger Menschen hat zum Ziel, die Teilhabe an der Gesellschaft zu fördern sowie ggf. soziale Benachteiligungen abzubauen.
Mobile Jugendarbeit verfolgt somit das Ziel, die Lebenssituation der jungen Menschen nachhaltig zu verbessern und sie in ihrer Entwicklung zu fördern. Ansatzpunkte sind dabei die:
Lebenssituation jeder/jedes Einzelnen – mit dem Ziel, individuelle Ressourcen zu erschließen, Handlungsspielräume zu erweitern, die Persönlichkeitsentwicklung und Selbstbewusstsein zu fördern und bei der Alltagsbewältigung zu unterstützen Spezifischen Situation von Cliquen und Gleichaltrigengruppen – mit dem Ziel, gruppenbezogene Lernprozesse solidarischen Handelns und gegenseitiger Unterstützung auszulösen und zu begleiten Strukturellen Lebensbedingungen – mit dem Ziel, die Rahmenbedingungen, die die jungen Menschen vorfinden, zu verbessern.Landesarbeitsgemeinschaft Mobile Jugendarbeit/Streetwork Baden-Württemberg 2005.
Grundsätzlich geht es dabei um das Erschließen, Erhalten und Zurückgewinnen von Räumen. Mobile Jugendarbeit/Streetwork setzt dabei auf einen erweiterten Raumbegriff. Räume sind z. B.:
Handlungsspielräume und Entfaltungsspielräume jeder/jedes Einzelnen Öffentliche/materielle Räume (Plätze, Institutionen, Einrichtungen, Spielplätze etc.) Metaphorische Räume (Soziale Netzwerke, Beziehungsräume, virtuelle Räume)
Handlungsfelder und Leistungen
Mobile Jugendarbeit/Streetwork vereint unterschiedliche Handlungsfelder und -prinzipien von sozialer Arbeit, nämlich
Streetwork, Soziale Gruppenarbeit, Einzelfallhilfe und Gemeinwesenarbeit
innerhalb eines sozialpädagogischen Gesamtkonzeptes.
Ebenso sind Aktivitäten bezüglich der Qualitätssicherung erforderlich.
Die hier genannten Tätigkeitsfelder und Methoden müssen auf Basis einer Sozialraum- und Lebensweltanalyse konzipiert werden.
Unterschiede in der Arbeit sind zum Beispiel zwischen städtischem und ländlichem Raum zu finden. Ebenso sind Spezialisierungen in der Arbeit mit verschiedenen Szenen und Zielgruppen notwendig.
Die Arbeitsfelder und -prinzipien Gemeinwesenarbeit/Sozialraumorientierung und Aufsuchende Arbeit sind grundlegend für den Handlungsansatz von Mobiler Jugendarbeit.
Die im Folgenden beschriebenen Inhalte der Leistungen und TätigkeitsfelderQuelle: diverse Fachstandards sowie Qualitätshandbuch Streetwork Oberösterreich sind nicht als abschließende Aufzählung zu betrachten.
Streetwork bzw. aufsuchende Tätigkeiten
Stadtteil- und gruppenbezogene aufsuchende Jugendsozialarbeit. Szenepräsenz. Arbeit im natürlichen Lebensraum der Jugendlichen/Lebensraum mit allen damit in Verbindung stehenden Problemen, wie fehlender sozialer Strukturen, Jugend- und Freizeiteinrichtungen. Miterleben und Kennenlernen der Lebenswelten. Erfassung und Einbeziehung des sozialen Umfeldes der Jugendlichen.
Aus Streetwork entwickeln sich Anknüpfungspunkte für Gemeinwesenarbeit, Einzelfallhilfe und Gruppenarbeit.
Sozialraum- bzw. lebensweltbezogene Tätigkeiten (Gemeinwesenarbeit)
Netzwerk- und Gremienarbeit (Ausschüsse, Jugendstammtische, Trägerkonferenzen). Zusammenarbeit (Kooperation, Vernetzung, Ressourcenerschließung) mit den kommunalen Ämtern, Institutionen, Einrichtungen und freien Trägern vor Ort und gemeinsame Planung von Aktionen und Veranstaltungen im Gemeinwesen/Erfahrungsaustausch.