Der Primas („Erster“, „Vornehmster“; lateinischer Plural Primates, deutscher Plural Primasse oder Primaten) ist in mehreren Kirchen (besonders der römisch-katholischen Kirche) ein Ehrentitel. Einem Primas können bestimmte kirchenleitende Funktionen zugeordnet sein. In der anglikanischen Kirchengemeinschaft bezeichnet Primas den leitenden Bischof einer Provinz.
Bedeutung Antike und Mittelalter Historisch gesehen entstand der Titel eines Primas ab dem 4. Jahrhundert aus der Bezeichnung für den bedeutendsten Bischof einer Provinz des Römischen Reichs. Der Papst, gleichzeitig Bischof von Rom, ist Primas der katholischen Kirche. Primas war später aber auch der Amtstitel für die päpstlichen Vikare und Legaten.Meyers Konversations-Lexikon, Vierte Auflage, 13. Band, Verlag des Bibliographischen Instituts Leipzig 1889, S. 387
Der Primas hatte gewisse Ehrenrechte, z. B. den Vorsitz auf den Nationalkonzilen, die Ordination der Metropoliten, die Königskrönung. Selten beinhaltete das Primat darüber hinaus auch begrenzte jurisdiktive Rechte gegenüber den Metropoliten und Bischöfen.
Da in späterer Zeit alle hervorragenden Erzbischöfe Anspruch auf den Primat erheben konnten, „wurde die Würde völlig illusorisch“.
Neuzeit Der Titel ist meist mit der bedeutendsten oder ältesten Diözese eines Landes oder einer Region verbunden, wobei es im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation und in Frankreich zeitweise mehrere Primaten gegeben hat. Daraus, dass das Heilige Römische Reich auch das heutige Österreich umfasste, erklärt sich, dass der Salzburger Erzbischof noch den Titel Primas Germaniae trägt.
In älterer Zeit erfreuten sich Primasse verschiedener Privilegien, so hatten sie das Recht zur Einberufung von Synoden in ihrem Bezirk, den Vorsitz in solchen Versammlungen, untergeordnete Kirchengerichte konnten an den Primas appellieren. Außerdem krönte in der Regel der Primas den Herrscher und hatte das Vorrecht, die Bischöfe seines Gebiets zu weihen. Primasse wurden auch als Vikare des Papstes bezeichnet.
Rechtsgrundlage des Primatialtitels war jeweils ein gesondertes päpstliches Privileg. Im Codex Iuris Canonici von 1917 wurde bestimmt, dass Primasse nur dann besondere Rechte haben, wenn dies ausdrücklich im Einzelfall festgelegt worden war. Der Codex von 1983 bestimmt ausdrücklich, dass der Titel eines Primas lediglich einen Ehrenvorrang mit sich bringt, es sei denn, dass sich durch ein spezielles Privileg oder eine gebilligte Gewohnheit etwas anderes ergibt (). Einige Aufgabenbereiche werden heute von den Bischofskonferenzen wahrgenommen.
Der Primas rangiert in zeremonieller Hinsicht über einem Metropolitanerzbischof, aber unter einem Patriarchen und Großerzbischof. Falls er Kardinal ist, gelten die auf Kardinäle anwendbaren Regeln.
Katholische Primaten BistumLandZeitraumTitelPatriarchat von VenedigItalienTitelführung auch noch um 1889 und 1908 erwähntErzbistum KölnHeiliges Römisches Reichab 1052Primas GermaniaeErzbistum Bari ??Italiencirca 1090 Apulien selbsternannt (nicht-kanonisch)Erzbistum SalernoItalien Ganz Lukanien1545 Königreich NeapelErzbistum TarragonaSpanien1150, 1869, Titelführung auch noch um 1889 und 1908 erwähnt SpanienErzbistum Tuam ?? Irland Connaught selbsternannt (nicht-kanonisch)Erzbistum Braga Portugalvor 1400Ganz Iberienseit 1400 PortugalErzbistum Dublin Irland1674 IrlandErzbistum Cagliari Italien–22. Apr. 1138; 1456, 1569 SardinienErzbistum Santo DomingoWestindien–28. Nov. 1816 Neue Welt IndienErzbistum Lima Peru1572, 1834, 23. Mai 1943 PeruErzbistum Bogotá Kolumbien KolumbienErzbistum Buenos Aires Argentinien–22. Juli 2024 ArgentinienErzbistum Mexiko Mexiko MexikoErzbistum Québec Kanada KanadaErzbistum São Salvador da Bahia Brasilien BrasilienErzbistum Quito Ecuador EcuadorErzbistum Sucre Bolivien11. Februar 2021Papa Francisco concede a la Arquidiócesis de Sucre el título de Primada de Bolivia BolivienErzbistum Armagh Irland1111, IX/1152, 1171, 1261, 1869, Titelführung auch noch um 1889 und 1908 erwähnt Ganz IrlandErzbistum Funchal Portugal–3. Jul. 1551 IndienErzbistum Nidaros ?? Norwegen1152–1687 NorwegenErzbistum Reims Frankreich1089–1801 Gallia Erzbistum Sens Frankreich–29. Nov. 1801 Gallien selbsternannt (nicht-kanonisch)Erzbistum Rouen FrankreichTitelführung auch noch um 1889 und 1908 erwähnt Normandie selbsternannt (nicht-kanonisch)Erzbistum Bordeaux Frankreich Aquitanien selbsternannt (nicht-kanonisch)Bistum Nancy-Toul Frankreichseit 22. Okt. 1602; ab 1777 mit dem Bischofssitz von Nancy (seit 1823 Nancy-Toul) verbunden Lothringen Erzbistum Narbonne Frankreich, 1418–29. Nov. 1801 Gallia Narbonensis Erzbistum Bar Montenegro1032, 18. März 1067–1078; 1199, 26. Dez. 1523, 14. Feb. 1870, 7. März 1902 SerbienErzbistum Split-MakarskaKroatien1199, 1636–30. Jun. 1828 Dalmatien und ganz KroatienErzbistum EsztergomUngarn1394, 24. März 1452, 1869 UngarnErzbistum Saint AndrewsSchottland, 27. März 1487–V/1694 SchottlandErzbistum Mecheln (Brüssel)Belgien–29. Nov. 1801, Titelführung auch noch um 1889 und 1908 erwähnt BelgienErzbistum GoaIndien1572, 1606 OrientErzbistum Warschau Polen, 30. Dez. 1819 Königreich PolenErzbistum KarthagoTunesien530, 17. Dez. 1053–18. Okt. 1246;10. Nov. 1884–9. Jul. 1964 AfrikaErzbistum Nicosia Zypern1196–1571 Königreich ZypernErzbistum Auch Frankreich879–29. Nov. 1801 Novempopulana (Aquitania Tertia) selbsternannt (nicht-kanonisch)circa 1650–29. Nov. 1801 Deux-NavarraErzbistum Vienne Frankreich, 25. Feb. 1120–29. Nov. 1801 Primas der Primasse FrankreichsErzbistum Bourges Frankreichcirca 840, II/865, 876, 1112, 1126, 15. März 1146, 4. Apr. 1218, XII/1223, 18. März 1232–29. Nov. 1801 AquitanienII/865–29. Nov. 1801} Gallia NarbonensisErzbistum Lyon Frankreich, 1095, 1116, I/1121, 1145–29. Nov. 1801; 25. Jul. 1851 GallienErzbistum Toledo Spanien, 1101, 1118, 3. Nov. 1121, Titelführung auch noch um 1889 und 1908 erwähnt SpanienErzdiözese Salzburg Heiliges Römisches Reichab 1026, Titelführung auch noch um 1889 und 1908Meyers Großes Konversations-Lexikon, Sechste Auflage, 16. Band, Bibliographisches Institut Leipzig und Wien 1908, S. 345 erwähnt, seit 1689 durch offizielle kaiserliche Verleihung Primas Germaniae, ganz DeutschlandErzbistum MainzHeiliges Römisches Reich780–1803Primas Germaniae, ganz DeutschlandErzbistum TrierOstfränkisches Reich9./10. Jh.Belgica PrimaHeiliges Römisches Reich10. Jh.–1803Primas Germaniae, ganz DeutschlandErzbistum Pisa Italien Korsika–11. Apr. 1176 Judikat Torres auf Sardinien Sardinien ToskanaErzbistum PragTschechien1365, Titelführung auch noch um 1889 und 1908 erwähnt BöhmenErzbistum Gnesen Polen1418, 1513, 1869, Titelführung auch noch um 1889 und 1908 erwähnt PolenPatriarchat von Konstantinopel Türkei–12. Jul. 1867Erzbistum Skopje ??Nordmazedonien–29. Okt. 1924 SerbienErzbistum Magdeburg Heiliges Römisches Reich986–1648 Primas Germaniae, ganz DeutschlandErzbistum York England11. Jahrhundert, 1353–30. Jan. 1688 EnglandErzbistum Canterbury England1072, 5. Apr. 1166–30. Jan. 1688 Ganz EnglandErzbistum Uppsala Schweden1367, 1397, 1455–1687 Schweden Erzbistum Lund Schweden1163, 16. Nov. 1217–1687 SkandinavienErzbistum Santiago del Estero Argentinien Argentinien TirnowoBulgarien (Bulgarisch-katholische Kirche)7. Nov. 1204–1235; 1277–circa 1280 Bulgarien und WalacheiBenediktinischen KonföderationInternationalab 1893 (Zusammenschluss der Benediktiner zur Benediktinischen Konföderation)Abbas primas/Abtprimas, weltweitKonföderation der Augustiner-ChorherrenInternationalab 1959 (Zusammenschluss der Augustiner-Chorherren Kongregationen zur Konföderation)Abbas primas/Abtprimas, weltweit
Heraldik mini|Wappen eines katholischen Primas; grüner Galero mit 30 Quasten. Handelt es sich um einen Patriarchen, ist das Grün von Gold eingefasst.
Die meisten Primates benützen heutzutage ihr Wappen als Erzbischof oder Kardinal, der Erzbischof von Salzburg führt als Legatus natus ein erzbischöfliches Wappen in Rot (20 Quasten, päpstliches Legatenkreuz in der Mitte, links und rechts davon das erzbischöfliche Kreuz und der Hirtenstab). Es gibt jedoch ein (veraltetes) Wappen für Primates, welches sich von dem des Patriarchen, durch seine nicht in Gold gefassten Quasten und deren Verbindung zum Galero unterscheidet.
Siehe auch: Kirchliche Heraldik
Orthodoxe Kirchen Im Bereich der Orthodoxen Kirchen wird der Titel Primas oft für die Oberhäupter autokephaler Kirchen gebraucht.
Anglikanische Kirchengemeinschaft Innerhalb der Anglikanischen Weltgemeinschaft ist ein Primas das Haupt einer Kirchenprovinz (Landeskirche). In der Regel deckt sich eine Provinz mit einem oder mehreren Nationalstaaten. Der Primas kann der Bischof eines bestimmten Sitzes sein, so wie für England der Erzbischof von Canterbury oder er wird auf der Provinzsynode aus dem Kreis der Bischöfe gewählt. In den meisten Fällen trägt er den Titel eines Erzbischofs. Oft ist seine Amtszeit beschränkt. Das Amt des anglikanischen Primas entstand aus dem Primastitel des Erzbischofs von Canterbury.
Siehe auch: Liste der anglikanischen Kirchen
Fürstprimas Mit der Rheinbundakte wurde 1806 in Deutschland ein souveräner Fürstprimas geschaffen. Amtsträger war im Rheinbund der Reichserzkanzler und zugleich Erzbischof und Bischof von Regensburg, Karl Theodor von Dalberg. Der Rheinbund brach nach der Niederlage Napoleons in der Völkerschlacht bei Leipzig 1813 zusammen. Dalberg starb 1817 und mit ihm erlosch der Titel.
In Ungarn trug der Erzbischof von Gran als Primas von Ungarn 1714–1951 den Titel Fürstprimas.
Abtprimas mini|Wappen eines Abtprimas; schwarzer Galero mit 10 Quasten (anstatt der üblichen 6 Quasten für die Äbte), Krummstab mit Pannisellus. Abtprimas nennt man seit dem späten 19. Jahrhundert den Leiter einer Ordenskonföderation. Er ist u. a. der Titel des obersten Repräsentanten der Benediktinischen Föderation und der Augustiner-Chorherren.
Er gilt als primus inter pares unter den Äbten der Konföderation, hat somit überall im Orden den Ehrenvorrang. Er darf sich im Orden der Ponitifikalien, im Fall des Augustiner-Chorherren-Primas einschließlich des violetten Pileolus, bedienen und ist berechtigt am allgemeinen Konzil teilzunehmen.
Siehe auch
Metropolit Exarch Primas ist nicht zu verwechseln mit dem Primat, das die Vorrangstellung des Papstes in der römisch-katholischen Kirche bezeichnet.
Literatur Péter Erdő: L’ufficio del Primate nella canonistica da Graziano ad Uguccione da Pisa. Pontificia Università Lateranense, Roma 1986. Antonio Camilo González: La primada de América en los días de la colonia (= Colección V centenario, Bd. 9). Consejo Episcopal Latinoamericano, Bogotá 1987, ISBN 958-625-069-5 Georg May: Der Erzbischof von Mainz als Primas. In: Archiv für katholisches Kirchenrecht, 164. Jg. (1985), S. 76–122. Dam[ianus] Molitor: Dissertatio de primatibus eorumque juribus, speciatim de primatu Germaniae. Göttingen 1806.
Einzelnachweise
Kategorie:Kirchlicher Titel Kategorie:Bischöfliches Amt