Marnie ist ein mit psychologischen Elementen durchsetzter Thriller des Regisseurs Alfred Hitchcock aus dem Jahr 1964. Der Film mit Tippi Hedren und Sean Connery in den Hauptrollen basiert auf dem gleichnamigen Roman von Winston Graham.
Handlung Marnie Edgar, die unter einem falschen Namen als Sekretärin arbeitet, hat ihrem Chef, dem Steueranwalt Sidney Strutt, fast 10.000 US-Dollar (entsprechend fast 100.000 US-Dollar in heutiger Kaufkrafthttps://www.dollartimes.com/inflation/inflation.php?amount=10000&year=1964) gestohlen. Sie flüchtet vom Ort des Geschehens und besucht zunächst ihr Pferd auf einer Ranch in Virginia, bevor sie sich auf den Weg zu ihrer Mutter Bernice nach Baltimore macht, die in der Nähe des Hafens wohnt. Obwohl Marnie ihre gehbehinderte Mutter mit Geld unterstützt und mit Geschenken überhäuft, verhält sich die Mutter distanziert und scheint selbst das Nachbarsmädchen Jessie lieber zu mögen als sie.
Um wieder zu Geld zu kommen, bewirbt Marnie sich mit neuer Sozialversicherungskarte bei dem Verlag von Mark Rutland um eine Stellung als Sekretärin. Mark Rutland ist reich, er ist Witwer und hat Marnie schon einmal bei Strutt gesehen. Er hegt zwar den Verdacht, dass sie eine Diebin ist, fühlt sich aber sehr zu ihr hingezogen. Als er erfährt, dass sie sich für Pferderennen interessiert, lädt er sie auf eine Rennbahn ein. Nachdem er sie auch seinem Vater vorgestellt hat und ihr allmählich zu nahe gekommen ist, plündert sie den Firmentresor und verschwindet. Mark zeigt sie nicht an, sondern legt das Geld aus seiner eigenen Tasche in den Safe zurück. Er lässt sie durch einen Detektiv suchen und will die Hintergründe ihres Verhaltens herausfinden. Da er sie in Kenntnis ihrer kriminellen Vergangenheit in der Hand hat und sich angeblich selbst strafbar macht, wenn er sie nicht anzeigt, erpresst er ihr Einverständnis zu einer Heirat.
Die Hochzeitsnacht auf einem Luxusdampfer verläuft katastrophal. Marnie verweigert sich und Mark verspricht, sie nicht anzurühren. Daran hält er sich zunächst. Eines Abends dringt er aber in das gemeinsame Schlafzimmer ein und vergewaltigt sie. Als er aufwacht, ist Marnies Bett leer. Mark sucht das Schiff ab, findet sie wie leblos im Swimmingpool und kann sie noch vor dem Ertrinken retten. Sie brechen die Reise ab und kehren nach Hause zurück. Die Fassade einer intakten Ehe wird aufrechterhalten.
Unterdessen hat Marks eifersüchtige Ex-Schwägerin Lil, die in ihn verliebt ist, Verdacht geschöpft. Als sie entdeckt, dass Mark Bücher über sexuelle Störungen bei Frauen liest, stellt sie Nachforschungen an und findet heraus, dass Marnie weder Witwe noch Waisenkind ist, sondern eine Mutter in Baltimore hat, der sie Geld schickt, und dass Marnie offenbar kriminell ist. Als Lil Mark davon erzählt, tut er so, als wäre das unwichtig. Mark, der Marnie unbedingt halten und ihr helfen will, schlägt eine Psychotherapie vor, was sie empört ablehnt. Er hat mehrmals beobachtet, dass Marnie, die von nächtlichen Albträumen heimgesucht wird, panische Angst vor der Farbe Rot und vor Gewittern hat. Er verwickelt sie spielerisch in einen Assoziationstest, der fast in einem Zusammenbruch Marnies endet, wodurch Mark aber die traumatischen Ursachen ihrer Ängste und ihres Verhaltens erahnt.
Bei einer Party trifft auch der Anwalt Strutt ein, den Lil eingeladen hat, nachdem sie mitbekommen hat, dass Mark den Diebstahl von Marnie beglichen hat. Marnie gerät in Panik, als sie Strutt wiedererkennt. Erneut will sie die Flucht ergreifen. Mark zwingt sie aber, bei der am folgenden Morgen stattfindenden Fuchsjagd mitzureiten und sich und der Familie vor Strutt keine Blöße zu geben. Als die Hunde über die Beute herfallen und ihr Blick auf die rote Jacke eines Reiters fällt, gibt sie ihrem Pferd in Panik die Sporen; das Pferd geht mit ihr durch und verletzt sich schwer beim Sprung über eine Mauer. Sie verschafft sich eine Pistole und erschießt das Pferd, um ihm weitere Leiden zu ersparen. Wieder im Haus, nimmt sie die Schlüssel zum Firmensafe. Sie öffnet den Safe, ist aber jetzt unfähig, die Geldbündel anzufassen. Mark, der ihr gefolgt ist, zwingt sie, mit ihm zu ihrer Mutter Bernice nach Baltimore zu fahren. Über einen Detektiv hatte er herausgefunden, dass Marnies Mutter in einen Mordfall verwickelt war, als Marnie noch ein Kind war, und die Mutter soll endlich erklären, was in dieser Nacht vorgefallen ist.
Während ein heftiges Gewitter tobt, zerrt Mark Marnie ins Haus. Als die Mutter hört, dass Marnie mit Mark verheiratet ist, verliert sie die Fassung, schlägt auf ihn ein und ist kaum zu bändigen. In diesem Moment kommen in Marnie die Erinnerungen an jene Nacht zurück. Ihre Mutter, die sich als Prostituierte durchschlug, empfing regelmäßig Matrosen in „weißen Anzügen“ und immer, wenn diese an die Tür klopften, musste Marnie das mütterliche Bett verlassen und auf einer Couch schlafen. Als ein Freier während eines Gewitters das verängstigte Kind in den Arm nahm und küsste, um es zu beruhigen, schlug die Mutter den Mann nieder im Glauben, der Matrose wolle sich an ihrer Tochter vergreifen. Als dieser sich wehrte und dabei die Mutter schwer verletzte, was zu deren Gehbehinderung führte, kam Marnie ihrer Mutter zu Hilfe und tötete mit einem Schürhaken den Mann, der dabei viel Blut verlor.
In der Gerichtsverhandlung hatte die Mutter alle Schuld am Tod des Matrosen auf sich genommen und dann versucht, in dem Kind jede Erinnerung an die Tat auszulöschen. Nach dem Vorfall hatte sie sich geschworen, aus Marnie einen „anständigen“ Menschen zu machen, in der Hoffnung, dass „Gott dem Kind die Tat vergeben werde“. Was ihr auch gut gelungen ist, wie Marnie mit Bitterkeit feststellt: aus dem Kind ist zwar eine Diebin und Lügnerin, aber eine zu sexuellen Beziehungen unfähige und insofern tatsächlich „anständige“ Frau geworden. Das Bestreben der Mutter, ihrer Tochter Ekel und Abscheu vor Männern einzuflößen, und ihr Leben in einer Lüge erklären ihr kaltes und abweisendes Verhalten gegenüber Marnie, der sie immer die Wahrheit über das damalige Geschehen verschweigen musste. In der vorletzten Szene sagt Bernice jedoch, sie habe niemals im Leben etwas für sich alleine gehabt und Marnie sei das Einzige im Leben, was sie je geliebt habe. Als Marnie sich darauf zärtlich an die Mutter drückt, ist diese zwar unfähig zu einer liebevollen Geste, verabschiedet Marnie aber mit „Goodbye, sugar pop“. Mark führt Marnie aus dem Haus, sie steigen in ihr Auto.
Themen Mit Marnie drehte Alfred Hitchcock nach Ich kämpfe um dich (1945) mit Ingrid Bergman und Gregory Peck den dritten und letzten Film in einer Reihe von Spielfilmen, die er zwischen 1960 und 1964 inszenierte, und die sich intensiv mit psychologischen Themen befassen. War es in Psycho der Psychopath Norman Bates in der tragenden Hauptrolle und wurde in Die Vögel das Verhältnis der weiblichen Hauptfigur (ebenfalls Tippi Hedren) zu der Mutter ihres Freundes behandelt, so geht es bei Marnie nicht nur um die Ursache von Marnies Frigidität und Kleptomanie. Der Film beleuchtet als spezielle Form von Fetischismus auch die fast manische Fixierung Marks auf diese Frau, der trotz oder wegen ihrer Lügen, Betrügereien und ihrem massiven Widerstand gegen seine Annäherungsversuche nicht von ihr lassen will. Gemeinsam ist allen drei Filmen eine problematische Mutter-Beziehung eines der beiden Protagonisten. Weitere Themen sind Dominanzverhalten, Sexualität und Gewalt sowie Eifersucht gepaart mit Boshaftigkeit, der sich Marnie in ihrer Beziehung zu Lil beziehungsweise zu dem Kind Jessie ausgesetzt fühlt.
Produktion Hitchcock konnte mit einem eingespielten Team arbeiten. Für den Kameramann Robert Burks war es der zwölfte, allerdings letzte gemeinsame Film mit Hitchcock. Sein langjähriger Editor George Tomasini starb kurz nach Vollendung des Films, und Bernard Herrmann, der seit 1955 Hitchcocks bevorzugter Filmkomponist war, erhielt danach keine weiteren Aufträge. Für Artdirektor Robert F. Boyle, der bereits 1942 und 1943 als Produktionsdesigner mit Hitchcock zusammengearbeitet hatte, war es nach Die Vögel und Der unsichtbare Dritte die dritte Zusammenarbeit mit Hitchcock.Tony Lee Moral: Hitchcock and the Making of Marnie. Revised edition. Scarerow, Lanham (Maryland) 2013. Kapitel 5.
Das Drehbuch Im Januar 1961 wurde Winston Grahams Roman Marnie veröffentlicht, und Hitchcock, der über einen Agenten einen Vorabdruck des Buchs erhalten hatte, erwarb im selben Monat die Filmrechte. Tony Lee Moral: Hitchcock and the Making of Marnie. Rev. ed. Lanham, Maryland: Scarerow 2013. Noch während der Dreharbeiten von Die Vögel gab er Joseph Stefano, Drehbuchautor von Psycho, den Auftrag für ein Treatment. Stefanos Entwurf folgt noch ziemlich genau der Buchvorlage, es geht um eine Frau, um die sich zwei Männer bewerben. Außerdem ist noch der Part des Psychotherapeuten, der Marnie einer Analyse unterzieht, vorhanden. Nachdem er Die Vögel, für den Evan Hunter das Drehbuch geschrieben hatte, abgedreht hatte, gab Hitchcock nicht Stefano, sondern Hunter den Auftrag für Marnie. In der Fassung von Hunter fällt der Part des Psychiaters weg und Mark selbst beginnt mit psychotherapeutischen Versuchen. Aus der Konstellation zwei Männer und eine Frau wird in Hunters Buch die Konstellation ein Mann und zwei Frauen: Mark, seine eifersüchtige Schwägerin und Marnie. Zwischen Hunter und Hitchcock kam es dann zu ernsten Differenzen bezüglich der Vergewaltigungsszene, die Hunter umschreiben wollte. Hitchcock erarbeitete aber für seine Filme Storyboards, in denen er außer Inhalt und Ablauf des Films schon detailliert Einstellungen (Totale, Nahaufnahmen, Licht) und Schnitt vorgab. Eingriffe oder Veränderungen von Seiten der Drehbuchautoren, die für ihn nur die Texte der Dialoge zu schreiben hatten, duldete er nicht.Chris Pallant, Steven Price: Storyboarding. A Critical History. Palgrave Studies in Screenwriting. Springer, New York 2015. S. 111–127. Hitchcock selbst sagt zu seinen Drehbüchern: „Zwei Drittel des Buchs mache ich, bevor er anfängt zu schreiben, und ein Drittel, nachdem er es geschrieben hat. Aber ich werde bestimmt nicht irgendetwas übernehmen, das er selbst in das Script einfügt, abgesehen von Wörtern. Ich meine jede Art von cinematischer Erzählmethode – wie kann er da Bescheid wissen?“„I would say I apply myself two-thirds before he writes and one-third after he writes. But I will not and do not photograph anything that he puts in the script on his own, apart from words. I mean any cinematic method of telling it — how can he know?“ Filmmaking. 350., abgerufen am 17. Juli 2019. Jede einzelne Einstellung war im Storyboard gezeichnet und wurde nur in dieser Version gedreht.Hanns-Georg Rodek: Der Herr der Ängste. welt.de, 13. August 1999, abgerufen am 2. August 2019 Hunter wurde entlassenMarnie. Hitchcock Collection. Universal. DVD 2009. Bonusmaterial. und im Mai 1963 durch Jay Presson Allen, die vorher noch nie ein Drehbuch geschrieben hatte, ersetzt.
Die Besetzung mini|Tippi Hedren und Sean Connery, Screenshot aus dem Trailer von Marnie Für die Besetzung der Marnie Edgar war Hitchcock im Jahr 1962 bemüht, Grace Kelly zu gewinnen. Die Schauspielerin, inzwischen Fürstin von Monaco, sagte zunächst zu, widerrief die Zusage aber später. Sarah Levy: Zwischen den Zeilen. Spiegel Online vom 14. September 2012. Daraufhin ruhte die Arbeit an dem Film, und Hitchcock drehte zunächst Die Vögel mit Tippi Hedren in der Hauptrolle. Hitchcock hatte Hedren, die vorher kaum Filmerfahrungen hatte und als Model und in Fernsehshows gearbeitet hatte, in einem Werbespot gesehen, zu sich nach Hause und schließlich zu Probeaufnahmen eingeladen. Die Aufnahmen, in denen er sie Szenen aus seinen früheren Filmen spielen ließ, dauerten zwei Tage und kosteten MGM 25000 $.The birds attacked me but Hitch was scarier. The Times, 5. April 2005, abgerufen am 17. Juli 2019 Während des Filmens von Die Vögel bot er ihr die Rolle der Marnie an.