Allein gegen die Mafia (Originaltitel: „La Piovra“, dt.: „Der Krake“) ist eine vom staatlichen italienischen TV-Sender Rai Uno produzierte Thrillerserie. In Italien lief sie in zehn Staffeln zwischen 1984 und 2001. In Deutschland wurden die Folgen zunächst vom ZDF, das Co-Produzent war, gesendet und später regelmäßig von Privatsendern wiederholt. Die zehnte Staffel wurde in Deutschland noch nicht gezeigt. Die einzelnen Staffeln – geplant war zunächst nur die erste – bestehen aus je fünf bis sieben rund 60-minütigen, später teils auch 90- bis 100-minütigen Folgen. Die letzten drei Staffeln hatten nur je zwei Folgen.
Im Mittelpunkt der Handlung steht staffelübergreifend die Arbeit von italienischen Polizeikommissaren und Untersuchungsrichtern gegen die Mafia. Jede Staffel hat einen eigenen Spannungsbogen mit für sich abgeschlossener Handlung und greift unterschiedliche Facetten des organisierten Verbrechens auf. Ist es in der ersten Staffel noch die sizilianische Cosa Nostra mit Verbindungen bis in den römischen Regierungsapparat, rücken später gemäß der Entwicklung und Ausbreitung der Mafia andere Bereiche der Kriminalität wie internationaler Drogen- und Waffenhandel sowie illegale Finanzgeschäfte in den Blickpunkt.
Allein gegen die Mafia gilt als die erfolgreichste italienische Fernsehserie der Geschichte. Die ersten Staffeln erreichten regelmäßig bis zu 15 Millionen Zuschauer.il CAMPO – Osservatorio sulla Fiction Italiana – OFI: Grasso (1996) Die Tageszeitung La Stampa sprach von einer „jahrelangen Leidenschaft“ und „kollektivem Verliebtsein“.Wienert (1989) Auch in Deutschland kam die Serie wegen ihrer authentischen, atmosphärisch dichten Handlung, ihrer spannenden Inszenierung und der glaubhaften schauspielerischen Leistungen sehr gut an und hatte teilweise sogar noch höhere Einschaltquoten als in Italien.
Regisseur der ersten Staffel war Damiano Damiani, gefolgt von Florestano Vancini. Die meisten späteren Staffeln wurden von Luigi Perelli inszeniert. Die Musik kam von Riz Ortolani und ab der zweiten Staffel von Ennio Morricone. Eine Ausnahme bei der gesamten Besetzung stellten die achte und neunte Staffel dar, die 1999 in Deutschland unter dem Titel Solange es Liebe gibt ausgestrahlt wurden.
Das Fernsehlexikon urteilte: „Spannende, doch brutale Serie, die in Deutschland und fast überall auf der Welt die Zuschauer in ihren Bann zog.“Reufsteck, Niggemeier (2005)
Produktion
„Allein gegen die Mafia“ wurde als großangelegtes Vorhaben von einem Team unter der Leitung des italienischen Produzenten Sergio Silva und des renommierten Filmregisseurs Damiano Damiani umgesetzt. Damiani hatte sich unter Kinokennern bereits einen guten Namen mit Mafia-Filmen wie „Der Tag der Eule“ und „Der Clan, der seine Feinde lebendig einmauert“ gemacht.
Die Dreharbeiten nahmen 20 Wochen in Anspruch. 50 Schauspieler und 1500 Statisten wurden beschäftigt. Der Etat betrug die für die damalige Zeit gewaltige Summe von 9 Millionen Deutsche Mark.Würker (1984)
Für den italienischen Fernsehsender RAI markierte „Allein gegen die Mafia“ einen Wendepunkt im Bereich seiner Großproduktionen. Anstatt Kinofilme anzukaufen, ging man nun dazu über, selbst zu produzieren.Polaczek Eine Größenordnung wie „Allein gegen die Mafia“ ließ sich jedoch nur in europäischer Co-Produktion mit dem bundesdeutschen ZDF, dem französischen TF1, dem britischen Channel 4 und weiteren Fernsehanstalten realisieren. Diesem Umstand verdanken die deutschen Fernsehzuschauer auch die Auftritte von Mario Adorf, Gottfried John, Siegfried Lowitz, Gedeon Burkhard, Rolf Hoppe und Anja Kling, die französischen Zuschauer das Mitwirken von François Périer, Bruno Cremer, Nicole Jamet, Patricia Millardet, Xavier Deluc, Pierre Mondy, Marie Laforêt u. a., die schon früher in französisch-italienischen Co-Produktionen aufgetreten waren.
Hintergrund
Der Originaltitel „La Piovra“ (Der Krake) zeigt noch besser als der deutsche Titel das Thema der Serie, nämlich die „um sich greifende“ organisierte Kriminalität. Dabei war nicht nur die Größenordnung der Produktion, sondern auch der Anspruch der Macher erheblich. Damiano Damiani hatte nichts Geringeres im Sinn, als die Loslösung der Mafia von ihren regionalen, feudalistisch geprägten sizilianischen Ursprüngen und ihre Weiterentwicklung darzustellen.Wienert (25.10.1986-FR)
Der Regisseur konstatierte die Drogengeschäfte als Ausgangspunkt fundamentaler Veränderungen des Gebarens und des Charakters der Mafia: „Durch den Rauschgifthandel stehen der Mafia riesige Mengen von schwarzem Geld zur Verfügung, die ‚weißgewaschen‘ werden müssen“.Thieringer (1984) Als Folge davon drängen die „Freunde der Freunde“ in die etablierten Betätigungsfelder der Hochfinanz und internationaler Märkte, insbesondere den Waffenhandel.
Als die Serie mit der 8. Staffel eine Rückblende in die 1950er Jahre einlegte, wurde der Anspruch der historischen Analyse erneut bekräftigt. Giacomo Battiato, Regisseur der 8. und 9. Staffel, erklärte den Hintergrund: „Erzählt wird der Abfall der alten Mafia von der Ehre hin zur neuen Mafia, die auf Drogenhandel baut, auf Verbindungen zur amerikanischen Mafia, auf die Einführung der Kalaschnikows und des Plastiksprengstoffs“.Bova, Capitano Antimafia. In: La Repubblica, 27. März 1997, S. 45
„Allein gegen die Mafia“ lehnt sich nicht nur in der historischen und politisch-soziologischen kriminologischen Analyse an der Realität an. Auch die Arbeit der in der Serie auftretenden Ermittler und Polizisten hat in ihrer Hartnäckigkeit, aber auch in ihren nur begrenzten Erfolgen und ihrem oft tragischen Scheitern traurige Vorbilder wie Carlo Alberto Dalla Chiesa, Giovanni Falcone und Paolo Borsellino, die in den 1980er und 1990er Jahren von der Mafia ermordet wurden.
Mehrmals schien es, als hätten die Macher der Serie gar Entwicklungen vorausgesehen. So sagte Remo Girone, er habe manchmal überlegt, ob die Drehbuchautoren Einblick in Ermittlungsakten gehabt hätten. Denn die Verfahren gegen die Mafia hätten oft die Handlung der Filme „verifiziert“.Girone: Ancora na volta nei Panni di Tano Cariddi. In: La Repubblica, 26. Oktober 1997, S. 39
Stil und Charaktere
Die FAZ beschrieb 1984 den Einstieg in die erste Folge als typisch für einen damals so genannten „Reißer: die Bilder sind düster, die Atmosphäre ist unheilvoll, die Musik emotionalisierend“. Ein Happy End kommt nicht vor.
Für das Fernsehen der damaligen Zeit bediente sich die Serie in der Gewaltdarstellung einer ungewöhnlichen Härte. Gewalt wird in „Allein gegen die Mafia“ aber nie ästhetisierend eingesetzt, sondern immer als Teil der Dramaturgie und der inneren Logik, als eine, wie es in der dritten Staffel der Bankier Antinari ausdrückt, Art von „Mechanismus“, den sich das Geld geschaffen hat, um seine Macht zu verteidigen.
Am bekanntesten und stilbildend für die Serie ist die Darstellung des Corrado Cattani durch Michele Placido in den ersten vier Staffeln. Michele Placido gelingt es, einen Polizisten zu spielen, der in seiner Unnachgiebigkeit und Integrität, aber auch in seiner Verletzlichkeit und der Begrenztheit seiner Erfolge glaubwürdig ist. Authentizität erlangt die Hauptfigur auch durch die Einbeziehung seines Privatlebens, in dem er in eine zerbrechende Ehe mit Else (Nicole Jamet) auf der einen Seite und eine Beziehung zur drogenabhängigen Titti (Barbara de Rossi) auf der anderen Seite verstrickt ist.
So wie Corrado Cattani werden die Figuren unerbittlich hineingezogen in eine Handlung, in der auf viele der Tod durch die Mafiakommandos wartet.
Neben Corrado Cattani ist in den ersten drei Staffeln Avvocato Terrasini die markanteste männliche Figur. Dem 2002 verstorbenen französischen Charakterschauspieler François Périer gelingt eine Darstellung, die ständig und mit kaum merklichen Übergängen changiert zwischen jovialer Freundlichkeit und südlicher Lebensfreude auf der einen Seite sowie kalter, berechnender Grausamkeit auf der anderen. Später nehmen der Bankier Gaetano „Tano“ Cariddi (Remo Girone) und der Schweizer Geschäftsmann Antonio Espinosa (Bruno Cremer) ebenso glaubhaft die Rollen der Gegenspieler der Kommissare ein.
Gerühmt wurden von der Kritik auch die vielschichtigen, oft tragisch endenden Geschichten der Frauen.
Resonanz in Italien La Piovra und Italien Die Bedeutung von La Piovra für das Italien der 1980er und frühen 1990er Jahre kann nicht hoch genug eingeschätzt werden und geht weit über das hinaus, was eine Fernsehserie im Normalfall bewirken kann. La Repubblica verglich das regelmäßige Verfolgen der Serie, die Sonntags abends lief, mit dem Besuch der Messe, in der zehn Millionen Menschen sich der „Gesetze und Werte, die geschaffen wurden, erinnern“, und in der ihnen vor Augen geführt wird, „dass das Böse existiert und dass man es bekämpfen muss“.Placido (1990)
La Piovra hatte in Italien nie wieder erreichte Einschaltquoten von in der Spitze bis zu 65 % und verursachte erhebliches öffentliches Aufsehen.
Der große Erfolg wurde zum einen immer wieder zurückgeführt auf die von Michele Placido gespielte Person des Commissario Corrado Cattani, einen Polizisten, der aufrichtig und ehrlich ist, aber auch menschliche Schwächen hat.D’Agostini (1989)
Zum anderen wurde als Ursache des Erfolgs die Nähe der Geschehnisse zur Realität gesehen. Erklärtermaßen verfolgte Damiano Damiani das Ziel, zu zeigen, „wie sich im ganz normalen Leben die Mafia darstellt und dass sich Denunziation und Verrat auch in staatlichen Einrichtungen eingenistet haben“.
Die Serie, deren erste Folge im RAI am 11. März 1984 um 20:30 Uhr gezeigt wurde, löste eine intensive publizistische Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Mafia aus. Mehrere Presseorgane brachten Titelgeschichten zum Thema. Der RAI selbst zeigte direkt im Anschluss an die erste Doppelfolge einen landesweit übertragenen Diskussionsabend und unterstrich damit seinen Anspruch der Realitätsnähe. Bei der Diskussion traten unter anderem Witwen von ermordeten Polizisten sowie Bankiers aus Palermo auf. Vergleichbare Sendungen wurden auch in Verbindung mit späteren Staffeln gezeigt. Teilweise, wie nach dem Ende der 4. Staffel, kam es dort zum direkten Aufeinandertreffen der Macher der Serie mit Personen des öffentlichen Lebens, die in der einen oder anderen Weise mit der Mafia konfrontiert waren.
Die folgenden Staffeln wurden weiterhin von großem landesweiten Interesse begleitet. Gestritten wurde unter anderem über die Frage, ob die Serie die Mafia eher hoffähig machte oder ob sie dazu beitrug, dass die Italiener das organisierte Verbrechen nicht mehr als gegeben hinnehmen.D’Agostini: Cattani (1986) Bagio Agnes, Generalintendant von RAI Uno, sah 1989 in La Piovra eine wirksame Unterstützung des Kampfes des demokratischen Staates gegen die Mafia und den Drogenhandel.Cattani conquista L' Italia. In: La Repubblica, 22. März 1989, S. 37.
Raoul Bova, der in der 8. und 9. Staffel einen sizilianischen Kommissar spielt, verwies 1997 auf den Aufklärungseffekt: „Vor zehn Jahren gab es noch Politiker, die behauptet haben, dass die Mafia überhaupt nicht existiert.“Fumarola (1997-Piccoli)
Aufschlussreich war eine während der 4. Staffel vorgenommene Analyse der Einschaltquoten. Danach war die Zuschauerresonanz im Süden, dem eigentlichen Herkunftsgebiet der Mafia, mit nur 12 % am geringsten. Die größte Zuschauergruppe war identisch mit der Figur Corrado Cattani selbst: „ein Mann durchschnittlichen Alters aus den großen Städten des Nordwestens Italiens“, also vor allem Mailand und Turin. Unter den Berufsgruppen waren die Lehrberufe am stärksten vertreten. Es ist aber zu beachten, dass sich in der 4. Staffel auch die Schauplätze weitgehend nach Norden verlagert hatten.
La Piovra und die italienische Politik mini|links|hochkant|Walter Veltroni: La Piovra hat Italien verändert. mini|links|hochkant|Silvio Berlusconi: La Piovra schädigt das Ansehen Italiens.Fumarola (1994)