Cavallino-Treporti ist eine italienische Gemeinde (comune) mit Einwohnern (Stand ) in der Metropolitanstadt Venedig, Region Venetien.
Geographie mini|links|Satellitenbild Die 1999 gegründete Streugemeinde liegt auf einer 15 km langen Landzunge zwischen der Lagune von Venedig und der Adria. An der Adriaseite befindet sich ein etwa 12 km langer, intensiv touristisch genutzter Sandstrand. Gegenüber dem Südende der Landzunge befindet sich die Insel Sant’Erasmo. Im Nordosten führt nur eine Brücke über den Sile, der in die Adria mündet, auf das angrenzende Festland. Daher gilt die Landzunge auch als Insel. Zusammen mit dem südlich gelegenen Lido di Venezia, an den sich Pellestrina anschließt, und schließlich Sottomarina, bildet die Landzunge eine langgestreckte Dünenkette, die die Lagune von Venedig gegen die Adria abgrenzt.
Die Gemeinde besteht aus zwölf Fraktionen, nämlich (von Südwest nach Nordost) Punta Sabbioni, Lio Grando, Treporti, Ca’ Savio (Sitz der Kommune), Ca’ Vio, Ca’ Pasquali, Ca’ Ballarin, Ca’ di Valle, Cavallino, auf westlich vorgelagerten Laguneninseln Lio Piccolo, Saccagnana und Mesole. Sie reihen sich also auf der langen Sandbank auf, die die Halbinsel im Kern bildet, allerdings mit Ausnahme der Fraktionen jenseits des Canale Pordelio, also Saccagnana, Lio Piccolo und Mesole, die schon im Inneren der Lagune liegen. Die Gemeinde ist durchsetzt von Wasserwegen, im Nordwesten den Canali Portosecco und Saccagnana, sowie einer Reihe von Valli da pesca. mini|Barene zwischen Prà und Lio Piccolo Die Lagune von Venedig, an deren äußerstem Nordostrand Cavallino-Treporti liegt, umfasst eine Fläche von ca. 550 km². Sie ist ein von vier langgestreckten Inseln weitgehend von der Adria abgetrennter Meerbusen. Zwischen diesen langen Sandbänken bestehen drei Durchfahrten, durch die die Gezeiten der Adria auf die Lagune einwirken. Dabei ist die venezianische Lagune wiederum nur eine in einer Lagunenkette, die sich vom Raum Ravenna im Süden bis zur Lagune von Grado im Nordosten erstreckt. Diese Lagunen entstanden durch Ablagerungen der Brenta und anderer Flüsse, vor allem von Tagliamento, Sile und Piave. Die Lagune von Venedig entstand vor rund 6000 Jahren, nachdem der steigende Meeresspiegel nach dem Ende der letzten Eiszeit die Adria weiter nordwärts ausgedehnt hatte, und während küstenparallele Strömungen die Ablagerungen der Flüsse auf fünf bis sieben Meter hohen Strandwällen aufhäuften. Der Rand der Lagune wanderte immer weiter in die Adria, wobei die Nehrung an acht Stellen durch Durchfahrten unterbrochen war.
2012 stellte sich heraus, dass die Regionen des Gebietes mit unterschiedlicher Geschwindigkeit absinken. Demnach sinkt der Untergrund im nördlichen Teil der Lagune um 2 mm pro Jahr, hingegen doppelt so schnell im südlichen Bereich. Zugleich kippt die Region ein wenig nach Osten, was die Abwärtsbewegung für den Ostrand der Lagune verstärkt. Die Adriaplatte, auf der die gesamte Lagunenlandschaft ruht, taucht unter dem Apennin unter die Eurasische Platte.Daniel Lingenhöhl: Venedig versinkt weiter, in: Spektrum, 21. März 2012.
Insgesamt besteht die Landzunge von Cavallino-Treporti aus besagten sandigen Dünen entlang der Adria mit ihren Kiefernwäldern (pinete) und Gärten sowie einer Lagunenlandschaft, durchsetzt von besagten Valli da pesca und Barene, den für die Lagune von Venedig typischen Marschlandschaften. Dabei stellen die sogenannten tegnùe eine riffartige Sonderform dar, die ansonsten in der sandigen und schlammigen Lagune nicht vorkommen. Diese Strukturen, an denen die Fischer häufig ihre Netze einbüßten, sind die Tegnùa d’Ancona, die Tegnùa Cavallino Lontano und Cavallino Vicino. Diese beinahe felsigen Untergründe brachten ein von der übrigen Lagune stark abweichendes, sehr artenreiches Ökosystem hervor, zumal sie von ungewöhnlicher Stabilität sind und daher vergleichsweise dauerhafte ökologische Nischen bieten.Martina Rui: Dal campeggio al territorio: turismo sostenibile e conoscenza dei luoghi lungo il litorale di Cavallino – Treporti, tesi di laurea, Universität Venedig, 2021, S. 25 f. Sie gehen auf kalkhaltige Sedimente mit einer Höhe von 15 bis 40 m zurück, die vor 3000 bis 4000 Jahren durch Kalkalgen entstanden.Federica Filippi: Biblioteche come centri propulsori di cultura. Caso: Biblioteca di Cavallino-Treporti, Laurea magistrale, Universität Venedig 2014, S. 1 f.
Flora und Fauna mini|Seemöwe in Ca‘Savio Im Norden der Adria, die einen relativ flachen Golf bildet, entstand ein Gebiet zwischen den verschiedenen Mittelmeerregionen, mit ausgeprägten zentraleuropäischen Einflüssen und solchen von der Balkanhalbinsel, vor allem aber menschlichen Eingriffen in das Ökosystem, wodurch Pflanzengesellschaften entstanden, die nur selten anzutreffen sind.
Dabei sind die naturräumlichen Grundlagen zwischen der Adriaseite und der nördlichen Lagune von Venedig (die zum Teil zum Gemeindegebiet gehört) vollkommen unterschiedlich. Zudem ist der Teil der Gemeinde innerhalb der Lagune nur noch äußerst dünn besiedelt, während der größte Teil der Bevölkerung südostwärts davon lebt, dort, wo der Badetourismus dominiert. Die Valli da pesca dienen dabei der Fischproduktion. Aber auch innerhalb des Gebiets, das eher von Sanddünen und der Adria geprägt ist, unterscheiden sich die naturräumlichen Gegebenheiten zwischen den dem Tidengang ausgesetzten Stränden über die grauen Dünen, die nur selten unter Wasser liegen, bis hinauf zu den Wäldern sehr stark, erst recht im Gebiet menschlicher Besiedlung, wo Gärten vorherrschen. So finden sich sowohl zahlreiche Schnecken, Floharten und Seeohrwürmer als auch Säugetiere, wie Wildkaninchen.
Neben der für die Lagune von Venedig typischen Flora, die Raum für eine entsprechende Fauna bietet, ist sie auch für die etwa 350 nachgewiesenen Vogelarten, darunter Flamingo, Silberreiher, Eisvogel und Kormoran, in den Gewässern leben verschiedene Fischarten, dazu Mollusken und Krebstiere, aber auch Amphibien und Reptilien, wie Seeschlangen. Die Kiefernwälder sind wegen ihrer Fauna zum Teil streng geschützt und dürfen nicht genutzt werden, um die dort lebenden Arten zu schützen.Athena Smerghetto: La sostenibilità nel settore turistico: il caso studio di Cavallino-Treporti, Tesi di Laurea, Universität Venedig, 2023, S. 38–42.
Wirtschaft mini|Touristische Strandnutzung, fotografiert 2025 Die Ortschaften leben von verschiedene ökonomischen Aktivitäten, darunter die traditionellen der zahlreichen kleinen bäuerlichen Gemüsegärten in der Lagune; dazu diejenigen der Fischer in den seragie, deren Netzlabyrinthe vielfache geometrische Spuren in den flachen Gewässern der Lagune zeichnen.
Wichtigster und gleichzeitig labilster und lange umstrittenster Wirtschaftsfaktor ist der als jüngste Wirtschaftsform entwickelte Tourismus, der sich auf Campingplätze und Hotels an der Küste stützt, nebst der für diesen Wirtschaftszweig typischen Infrastruktur. Die Landzunge zwischen Caorle und Cavallino-Treporti mit ihren Dünen erreichen jährlich 6 Millionen Touristen. Diese Ballung erreichte ihren Höhepunkt im Jahr 2019 mit 6.269.451 Ankünften (bei 781.692 Übernachtungsgästen), hinzu kam Bibione mit 5.851.482 und Jesolo mit 5.438.519 Besuchern.Martina Rui: Dal campeggio al territorio: turismo sostenibile e conoscenza dei luoghi lungo il litorale di Cavallino – Treporti, tesi di laurea, Universität Venedig, 2021, S. 13 f.
Allerdings kommen diese Gäste fast ausschließlich im Sommer, hier zwischen Juni und August, stark rückläufig bereits im September. 17 % dieser Gäste waren Italiener (meist aus Nord- und Nordostitalien), 83 % kamen aus dem Ausland, die meisten bleiben mehr als neun Tage, die Italiener eher 6 bis 7 Tage.Martina Rui: Dal campeggio al territorio: turismo sostenibile e conoscenza dei luoghi lungo il litorale di Cavallino – Treporti, tesi di laurea, Universität Venedig, 2021, S. 18 f. Dabei nimmt der Campingurlaub insbesondere auf der Adriaseite stark zu, der erste Campingplatz wurde 1955 eröffnet, zehn weitere folgten bis 1964, elf weitere bis 1980. 2019 kamen 62 % der Touristen aus Österreich, nur 3 % aus Deutschland.Martina Rui: Dal campeggio al territorio: turismo sostenibile e conoscenza dei luoghi lungo il litorale di Cavallino – Treporti, tesi di laurea, Universität Venedig, 2021, S. 37.
Nach 2000 nahm der „sanfte Tourismus“ einen erheblichen Aufschwung, was sich zum einen in der veränderten Wegeerschließung auswirkte (Rad- und Wanderwege), aber auch in Forderungen nach stärkerem Natur- und Klimaschutz und allgemein nach Dauerhaftigkeit und Regionalität. 2011 verschrieb sich die Kommune gemeinsam mit Nachbargemeinden diesen Zielen im Zusammenhang mit dem gesamten Lagunenraum Norditaliens und erreichte eine entsprechende Zertifizierung (EMAS).Certificazione EMAS, Website der Kommune. Seit 2006 erhält die Landzunge jährlich eine entsprechende Auszeichnung,Blue & Green Community, Website der Kommune. 2021 schaffte die Kommune Elektroautos an.Martina Rui: Dal campeggio al territorio: turismo sostenibile e conoscenza dei luoghi lungo il litorale di Cavallino – Treporti, tesi di laurea, Universität Venedig, 2021, S. 63.
Geschichte
Die Fraktionen der Streugemeinde Cavallino-Treporti waren bis 1999 Stadtteile von Venedig und wurden am 2. April 1999 ausgemeindet und zur Gemeinde Cavallino-Treporti zusammengeschlossen. Der Name „Cavallino“ – der Ort trägt erst sei 1905 diesen Namen – geht möglicherweise auf dort grasende Pferde zurück, während „Treporti“ (drei Häfen) an die Mündungen der Canali di Burano, di San Felice und di Saccagnana erinnert.
Bronzezeit, römisches Reich Die Geschichte einiger Ortsteile reicht mindestens bis in die Bronzezeit zurück. Die ältesten Funde auf Lio Piccolo stammen aus dem 12. bis 11. Jahrhundert v. Chr. In römischer Zeit stellte die Insel noch einen Teil des Ostrandes der Lagune dar, der sich langsam ostwärts verschob, lag also am Meer. Aus dieser Zeit stammt eine punische Amphore aus dem 2. Jahrhundert v. Chr.
Obwohl Lio Piccolo heute ein rein landwirtschaftlicher und dünn besiedelter Ort ist, weisen archäologische Funde den Ort dementsprechend als einen Handelshafen der römischen Kaiserzeit aus, der nicht nur mit Lio Maggiore verbunden war, sondern vor allem mit der Stadt Altinum am Westrand der Lagune. Von dort aus dürften wohl die Initiativen zur Nutzung des Küstensaumes ausgegangen sein, vielleicht auch die unmittelbare Steuerung durch kaiserliche Beauftragte, die die Aufgabe hatten, auf diese Art zur Versorgung der verhältnismäßig großen Stadt Altinum zu sorgen. Dabei war die Lagune zu dieser Zeit wohl eher ein Golf.
Im Treporti-Kanal wurden 1985 und 2020 Überreste einer römischen Straße belegt. Nachweisen ließ sich damit, dass zu dieser Zeit der Kanal den Küstensaum zur Adria darstellte, über den eine Straße geführt wurde. Die Verlagerung des spätantik-frühmittelalterlichen Küstensaums ostwärts gilt ausschließlich für die nördliche Lagune, während der südlichere Küstenverlauf vergleichsweise stabil blieb. Das Absinken des Wasserspiegels beendete eine Phase der Stabilität von ca. 100 v. bis 200 n. Chr. Einige Zeit davor und danach verband die Straße von Süden über Chioggia kommend den Westrand der Adria mit Aquileia im Norden und Altinum am Westrand der heutigen Lagune.
Nach dieser Zeit wich die Küste zunächst bis an den Ostrand von Sant’Erasmo westwärts zurück.
Von der Spätantike bis zum Ende der Besiedlung von Lio Piccolo In der Spätantike und im Frühmittelalter kamen zahlreiche Flüchtlinge in die Lagune, die aus dem Raum der bedeutendsten römischen Stadt am westlichen Lagunenrand kamen, nämlich Altinum. Doch das Gebiet war nicht nur von der im ganzen Mittelmeerraum und im nördlichen Europa grassierenden Justinianischen Pest, sondern auch von der Malaria betroffen.