mini|hochkant=1.3|Ein Citadis 402 auf einem oberleitungslosen Abschnitt in Bordeaux

Citadis ist der Name einer Familie von niederflurigen Straßenbahnfahrzeugen des französischen Schienenfahrzeugherstellers Alstom in Aluminium-Bauweise. Die Zweisystemstadtbahnwagen RegioCitadis und Citadis Dualis haben ähnliche Namen, sind jedoch technisch eigenständige Fahrzeuge. Die Fahrzeuge sind vor allem in Frankreich weit verbreitet und nehmen dort eine Quasi-Monopolstellung ein. Aber auch im übrigen Westeuropa sowie in Nordafrika, Südamerika sowie in Melbourne stehen die Fahrzeuge im Einsatz.

Das erste Fahrzeug wurde 1997 für die Straßenbahn Montpellier bestellt, 2007 wurde das 1000. Fahrzeug an die Straßenbahn Lyon ausgeliefert. Das 1500. Fahrzeug wurde auf der Pariser Straßenbahnlinie T7 am 16. November 2013 in Betrieb genommen. Pressemitteilung Alstom (frz.), abgerufen am 18. November 2013 Nach einer Pressemitteilung von Alstom wurden bis März 2020 mehr als 2600 Citadis-Straßenbahnen an über 50 Städte in 20 Ländern verkauft.

Konzept mini|Citadis-Triebwagen in Reims

Ein modulares Design erlaubt es, die niederflurigen Gelenktriebwagen in unterschiedlichen Längen nach Anforderungen des Betreibers zu konfigurieren. Dabei werden standardisierte technische Komponenten eingesetzt, während das Design – insbesondere des Kopfmoduls – und die Innengestaltung der Fahrzeuge nach den Vorgaben des Kunden erfolgt, sodass jeder Betrieb über ein individuelles Design verfügen kann.

Dieses individuelle Design der Kopfform wurde in vielen Städten genutzt, um einen Bezug zur Stadt herzustellen und der Straßenbahn die Identität der Stadt zu verleihen. Beispielsweise wurde die Front der Fahrzeuge in Lyon einer Seidenraupe nachempfunden, da die Seidenverarbeitung enorme Bedeutung für die Stadt hatte. In Reims wurden die Garnituren in Anlehnung an ein Champagnerglas gestaltet, da Reims wichtigstes Herstellungszentrum für Champagner ist. Andere Städte haben sich von dort ansässigen Designern und Firmen die Fahrzeuge gestalten lassen, wie beispielsweise Toulouse vom Flugzeughersteller Airbus.

Die Citadis sind konstruktiv Zweirichtungsfahrzeuge. Sie sind jedoch auch als Einrichtungswagen lieferbar. In dieser Form wurden sie von der Straßenbahn Rotterdam beschafft. In einigen Betrieben wie Casablanca oder Rabat-Salé sind sie als unechte Zweirichtungswagen mit nur einem Führerstand, aber Türen an beiden Seiten und mit den führerstandslosen Wagenenden gekuppelt in Doppeltraktion im Einsatz.

Typen Als erste Citadis-Typen wurden im Dezember 1995 die Varianten 301, 202 und 302 vorgestellt. In diesem ursprünglichen Bezeichnungssystem stand die erste Ziffer für die ungefähre Länge des Fahrzeugs, die 2 für etwa 20 Meter oder zwei Laufwerke und die 3 für etwa 30 Meter oder drei Laufwerke. Dies setzte sich später für längere Varianten entsprechend fort. Die beiden folgenden Ziffern gaben das Fahrzeugkonzept an, 01 für zu ungefähr 70 % niederflurige Gelenkwagen mit aufgesattelten Endwagen, 02 für vollständig niederflurige Multigelenkwagen. 1999 fasste Alstom diese Typen jedoch neu als Citadis 300 zusammen. Darüber hinaus wurden auch ursprünglich nicht von Alstom entwickelte Fahrzeuge unter gleichem Namen vermarktet, der Typ 116N von Konstal als Citadis 100 und der NGT8D von Linke-Hofmann-Busch als Citadis 200. Weiterhin war ein Zweisystemfahrzeugtyp für Verknüpfungen zwischen Straßenbahn und Eisenbahn unter dem Namen Citadis 500 geplant. Später wurde jedoch das ursprüngliche System bis zum Citadis X05 fortgesetzt, während einige Typen andersartige Bezeichnungen wie RegioCitadis oder Citadis Spirit erhielten.

Unter der Bezeichnung Citadis laufen folgende Fahrzeugserien, die nicht ursprünglich andere Bezeichnungen hatten oder Zweisystemfahrzeuge sind.

Typ Beschreibung Länge Masse Niederfluranteil Einsatzorte 202 dreiteilig 23 m 100 % Melbourne 301 dreiteilig 29,9 m 37 t 70 % Orléans (ehemals auch in Montpellier und Dublin, wurden aber zu 401 verlängert) Tramrus 1520 dreiteilig 25,4 m 36 t 100 % Breitspurwagen für 1524 mm: Moskau, Sankt Petersburg 302 fünfteilig ~32 m 100 % Adelaide, Algier, Angers, Barcelona, Buenos Aires, Bordeaux, Brest, Casablanca, Chengdu, Cuenca, Dijon, Dujiangyan, Jaén, Jerusalem, Le Havre, Le Mans, Lyon, Madrid, Melbourne, Montpellier, Mülhausen, Murcia, Nizza, Nottingham, Oran, Orléans, Paris (T2, T7, T8), Parla, Rabat-Salé, Reims, Rotterdam, Shanghai, Teneriffa, Toulouse, Tunis, Valenciennes 401 fünfteilig ~41 m 70 % Dublin, Montpellier 402 siebenteilig ~43 m 53 t 100 % Algier, Bordeaux, Constantine, Dubai, Grenoble, Lyon, Montpellier, Mostaganem, Nizza, Ouargla, Paris (T3), Rio de Janeiro, Rouen, Sétif, Sidi bel Abbès, Tours 403 (NG) siebenteilig 45,1 m 55 t 100 % Straßburg 502 neunteilig ~55 m 100 % Dublin 304 dreiteilig ~30 m 100 % Istanbul 205, 305, 405 drei- bis siebenteilig 24–44 m Angers, Athen, Caen, Casablanca (T3, T4), Kaohsiung, Pressemitteilung ALSTOM vom 23. Januar 2017 (franz.), abgerufen am 7. Juli 2018, Lusail, Nantes, Nizza, Paris (T1, T9, T10), Sydney, Tel Aviv, Al-ʿUla, Besançon, Brest, Haifa–Nazareth, Le Havre Lille, Toulouse, StraßburgSX05Drehgestellwagenunterschiedlich100 %Frankfurt am Main, Köln Compact (205) dreiteilig ~20 m 100 % Aubagne, Avignon Spirit Light Rail Vehicle 100 % Ottawa, Toronto (Finch West, Hurontario), QuébecClassicDrehgestellwagenunterschiedlichDresden, Duisburg, Frankfurt (Main), Göteborg, Magdeburg, Melbourneohne veröffentlichte konkrete TypenbezeichnungPhiladelphia

Die an chinesische Betriebe gelieferten Citadis werden als Auftragsarbeit bei CRRC Changchun gebaut, wobei die Komponenten selbst in den europäischen Alstom-Werken hergestellt werden.

Gemeinsame technische Aspekte Fast alle Fahrzeuge sind regelspurig. Die meisten Citadis sind für Geschwindigkeiten bis zu 70 oder 80 km/h zugelassen.

mini|Angetriebenes Arpège-Laufwerk Es gibt zwei Laufwerksbauarten, welche bei mehreren Citadis-Typen Anwendung finden und von Alstom eigene Bezeichnungen erhielten. Zunächst wurde das Arpège-Laufwerk mit Losradsätzen entwickelt, welches keine Primärfederung zwischen Radsätzen und Laufwerksrahmen aufweist. Unter anderem für den gesamten Antrieb vollständig auf die in den Rädern integrierte Federung zu setzen, hielt Alstom für praktikabel, da dieses Laufwerk nur für komplett neu angelegte Straßenbahnsysteme konzipiert war, deren Gleisanlagen mit typischerweise nur wenigen Kreuzungen leichter in gutem Zustand zu halten seien. In jedem angetriebenen Arpège-Laufwerk sind zwei quer liegende Fahrmotoren diagonal versetzt zueinander außen am Rahmen angeordnet. Sie treiben jeweils über eine in der Portalachse liegende Welle beide Räder eines Losradsatzes an. Das Laufwerk ist gegenüber dem Wagenkasten nur geringfügig um 2° ausdrehbar. Dieser Entwurf wird bei der ersten, zweiten, dritten und fünften Generation verwendet.

mini|Portalachse eines angetriebenen Arpège-Laufwerks Später entwickelte Alstom das Ixège-Laufwerk, welches eine Primärfederung und durchgehende Radsatzwellen aufweist, um eine höhere Nutzungsdauer der Räder und Getriebe zu erreichen. Zusätzlich zur durchgehenden Radsatzwelle, welche das Drehmoment überträgt, verfügt jeder Radsatz über eine waagerechte Portalachse, die das Gewicht und die daraus resultierenden Momente aufnimmt. Somit kann die Welle mit einem geringeren Durchmesser und der Boden über dem Laufwerk niedriger ausgeführt werden als bei klassischen Radsätzen. In jedem angetriebenen Ixège-Laufwerk sind zwei Fahrmotoren längs an den Seiten angeordnet. Dieser Entwurf wird bei der vierten und fünften Generation sowie den Typen Dualis, Compact und Tramrus 1520 verwendet, teils auch als Drehgestell.

Die Wagenkästen der Standardfahrzeuge der ersten, zweiten, dritten und fünften Generation sind überwiegend aus Aluminium gefertigt, im Bereich der Laufwerke kommt aus Festigkeitsgründen jedoch auch Stahl zur Anwendung. Die einzelnen Baugruppen werden verschraubt und genietet, die Bodenplatten und Dächer selbst sind jedoch geschweißt. Die Seitenwände sind aus Gründen des Designs mit einem Radius von sechs Metern gekrümmt.

Nachträglich als Citadis bezeichnete Typen (100 und 200) Der Citadis 100 bzw. 116N für den polnischen Markt teilt neben einzelnen Bauteilen wie Führerstandsbedienelementen und Innenverkleidungen in den Varianten für die Straßenbahn im oberschlesischen Industriegebiet sowie die Straßenbahn Danzig auch die Triebdrehgestelle und die elektrische Ausrüstung mit anderen Fahrzeugen der Citadis-Familie, konkret den Typen 301 und 401. Diese Triebdrehgestelle basieren auf denjenigen des Citadis 200 bzw. NGT8D. Sie mussten insbesondere an eine größere Belastung angepasst werden, da sich ein rund 30 Meter langer Citadis 100 oder 301 nur auf drei statt auf vier Laufwerke stützt. Außerdem wurden auf Basis der mittigen Laufdrehgestelle der NGT8D die an den Enden des Citadis 403 verbauten Laufdrehgestelle entwickelt.

Erste Generation (301 und 401)

Die erste Generation (301 und 401) wurde erstmals 1997 bestellt und ab 1999 ausgeliefert. Die Wagen sind mit einem Niederfluranteil von 70 % nur teilniederflurig und wurden zunächst von den Betrieben in Montpellier, Orléans und Dublin bestellt. Dabei wurden sowohl Fahrzeuge vom Typ 301 (mit einer Länge von knapp 30 m, Montpellier und Orléans) sowie 401 (mit einer Länge von ungefähr 41 m, Dublin) bestellt. Sowohl Montpellier als auch Dublin verlängerten ihre Citadis 301 um zehn Meter zu Fahrzeugen des Typs 401. Die Fahrzeuge verfügen vorn und hinten über echte Drehgestelle.

Zweite Generation (202, 302, 402 und 502) mini|hochkant=1.5|Skizze des Citadis 302 der Straßenbahn Nizza mini|Fahrleitungsende an der Haltestelle Masséna in Nizza – der linke Zug bügelt ab

Bei der zweiten Generation (202, 302, 402 und 502) handelt es sich um Multigelenkwagen mit drei, fünf, sieben oder neun Wagenkästen und einem Niederfluranteil von 100 %. Während die dreiteiligen Fahrzeuge des Typs 202 nur zur Straßenbahn Melbourne ausgeliefert wurden, ist die Serie 302 mit über 1000 Exemplaren die am meisten nachgefragte Citadis-Serie. Auch die siebenteilige Variante 402 fand eine weite Verbreitung, wohingegen die mit 54,7 Metern besonders langen neunteiligen Fahrzeuge des Typs 502 nur bei der Straßenbahn Dublin verkehren. Die meisten dieser Fahrzeuge laufen auf Arpège-Laufwerken und haben Wagenkästen nach der Standardbauart. Für den Citadis 202 der Straßenbahn Melbourne und die Fahrzeuge der Straßenbahn Rotterdam wurden jedoch auch Wagen mit anderen Laufwerksbauarten und geraden Seitenwänden gebaut.

Dritte Generation (403) mini|Citadis 403 in Straßburg

Die Fahrzeuge der Serie 403 wurden für die Straßenbahn Straßburg entwickelt und werden ausschließlich dort eingesetzt. Die Konstruktion unterscheidet sich von den Citadis X02 durch ein vergrößertes Endmodul mit zwei Einstiegen pro Seite, welches sich auf ein Kleinradlaufdrehgestell unter dem Führerstand und das angrenzenden Modul stützt. Die Citadis 403 sind siebenteilig und auf ihrer gesamten Länge von 45 m niederflurig.

Von 2005 bis 2007 verließen 41 Fahrzeuge der ersten Variante die Produktionsstätte von Alstom in Reichshoffen. Für den Betrieb nach Kehl und den Ersatz der älteren Eurotrams werden 22 + 17 Fahrzeuge der Weiterentwicklung 403NG in zwei Serien von 2016 bis 2018 und ab 2021 ausgeliefert. Durch den modifizierten Fahrzeugkopf erhöht sich ihre Länge etwas auf 45,5 m.

Vierte Generation (304)

mini|Citadis 304 im Einsatz in Istanbul