Die Bindungstheorie () fasst Erkenntnisse aus Entwicklungspsychologie und Bindungsforschung () zusammen. Diese belegen unter anderem, dass Menschen ein angeborenes Bedürfnis haben, enge und von intensiven Gefühlen geprägte Beziehungen zu Mitmenschen aufzubauen. Diese Konzeption wurde von dem Psychoanalytiker und Kinderpsychiater John Bowlby,Bowlby J., Hunter, V.(1991) John Bowlby: an interview. Psychoanalytic Review: 78(2):159-175 dem Psychoanalytiker James Robertson und der Psychologin Mary Ainsworth entwickelt.

Bindungsforschung untersucht, wie sich enge Beziehungen im Laufe des Lebens aufbauen und verändern. Die Bindungstheorie basiert auf einer Sichtweise der frühen Mutter-Kind-Beziehung, die sich auf die emotionalen Bedürfnisse des Kindes konzentriert. Unter anderem Psychoanalyse, Systemtheorie und kognitive Psychologie berücksichtigen die Bindungstheorie in ihren Konzepten und erweitern sie. Mit ihrer Anwendung leistete sie einen großen Beitrag zur Psychotherapie, Entwicklungspsychologie und Pädagogik.

Entwicklung der Bindungstheorie mini|hochkant|Charles Darwin, vor 1869 Eines der ursprünglichen Anliegen Bowlbys war es, eine wissenschaftliche Basis für den psychoanalytischen Ansatz der Objektbeziehungstheorien herzustellen und psychoanalytische Annahmen empirisch überprüfbar zu machen. Dabei entfernte er sich im Laufe seiner Forschungsarbeit von der Psychoanalyse. Ziel der Arbeiten John Bowlbys als Kinderpsychiater und Psychoanalytiker war es später, die tatsächlichen Wirkungen von Familieneinflüssen auf die kindliche Entwicklung, die verschiedenen Muster der Familieninteraktionen und die generationsübergreifende Weitergabe von Bindungsbeziehungen zu untersuchen.Inge Bretherton: Die Geschichte der Bindungstheorie. In: G. Spangler, P. Zimmermann (Hrsg.): Die Bindungstheorie. Grundlagen, Forschung und Anwendung. Stuttgart 1995, S. 27ff. In den Grundzügen seiner Theorie bezog sich Bowlby besonders auf die von Charles Darwin begründete Ethologie (vergleichende Verhaltensforschung), auf die Psychoanalyse und die Pädiatrie.

Brennstoff erhielt die Entwicklung der Bindungstheorie aus der Skepsis ihrer Vertreter gegenüber den Standpunkten, die John B. Watson in den späten 1920er Jahren vertreten hatte; Watson hatte davor gewarnt, Müttern zu erlauben, ihre Kinder zu verhätscheln und zu verzärteln, und damit einen Einfluss auf die Säuglingserziehung genommen, der erst 1946 durch Benjamin Spocks Buch Säuglings- und Kinderpflege gebrochen wurde.Jennie Rothenberg Gritz:

In den 1940er-Jahren Erste Sichtweisen formulierte Bowlby 1940 in einem Artikel für das International Journal of Psycho-Analysis, in dem er viele zentrale Ideen der Bindungstheorie vorwegnimmt.J. Bowlby: The influence of early environment in the development of neurosis and neurotic character. In: International Journal of Psycho-Analysis. XXI, 1940, S. 1–25. Er unterstrich die nachteiligen Auswirkungen früher Eltern-Kind-Trennungen wie z. B. Krankenhausaufenthalte der Kinder ohne Mutter. Eine erste empirische Studie veröffentlichte er 1944. Es war eine retrospektive Studie, die sich mit den Lebensgeschichten von 44 jugendlichen Dieben befasste. Bereits in den 30er Jahren lernte er sie bei seiner Arbeit in einem Heim für verhaltensauffällige Jungen kennen. Er stellte die These auf, dass die Beeinträchtigung der frühen Mutter-Kind-Beziehung ein ausschlaggebender Vorläufer psychischer Störungen sei.J. Bowlby: Forty-four juvenile thieves, Their characters and home lives. In: International Journal of Psycho-Analysis. XXV, 1944, S. 19–52. ( (PDF; 393 kB)) Nach Kriegsende wurde J. Bowlby Leiter der „Abteilung für Eltern und Kinder“ an der Tavistock Clinic in London. Dort gründete er eine eigene unabhängige Forschungsgruppe. Zentrales Forschungsthema in dieser Zeit war die Trennung von Müttern und ihren Kindern. Zuvor hatte James Robertson, der in einem Kinderheim von Anna Freud und Dorothy Tiffany Burlingham tätig war, eigene Feldbeobachtungen zu dieser Problematik vorweggenommen und dokumentiert. Er stieß 1948 zur Forschungsgruppe von Bowlby und übernahm die Aufgabe, Kleinkinder in Krankenhäusern und Heimen zu beobachten, die kaum von den Eltern besucht wurden. Dabei drehte er den Film A two-year-old goes to hospital. Die Einsichten aus Robertsons Film und seinen Feldbeobachtungen spielten eine bedeutende Rolle bei der Entwicklung der Bindungstheorie.

In den 1950er-Jahren Mary Ainsworth, Psychologin, bewarb sich 1950 um eine Stelle an der Tavistock-Klinik. Ihr Aufgabenbereich umfasste die Forschung über die Auswirkungen von frühen Mutter-Kind-Trennungen auf die Persönlichkeitsentwicklung und unterstand der Leitung von John Bowlby. Im weiteren Verlauf der Klinikzusammenarbeit mit James Robertsons war Ainsworth von dessen Feldbeobachtungen so beeindruckt, dass sie beschloss, seine Methoden zu übernehmen.

Ein weiterer Anstoß zur Theorieentwicklung war der 1951 an Bowlby erteilte Auftrag der Weltgesundheitsorganisation. Er sollte einen Bericht über das Schicksal heimatloser Kinder im Nachkriegs-Europa verfassen. Neue Anregungen und Einsichten dafür gewann Bowlby im gleichen Jahr u. a. durch einen erstmals in englischer Sprache erschienenen älteren Artikel von Konrad Lorenz über die Prägung. mini|Nikolaas Tinbergen und Konrad Lorenz Konrad Lorenz, Nikolaas Tinbergen oder Robert Hinde untersuchten das angeborene Verhalten von Tieren. Bowlby formulierte die Vermutung, dass Menschen ebenso mit angeborenen Verhaltensweisen ausgestattet sind wie andere Säugetiere und Vögel.Holmes, J.: John Bowlby & Attachment Theory, Makers of modern psychotherapy, London Routledge 1993, S. 69.Bowlby, J.: John Bowlby and ethology: An annotated interview with Robert Hinde, Attachment & Human Development, 9 (4) 321–35

1952 kam es fast zum endgültigen Eklat zwischen Bowlby mit der Psychoanalytischen Gesellschaft in England, als er in dem von seinem Mitarbeiter James Robertson gedrehten Film A two year old goes to Hospital ein trauriges und kummervolles Mädchen zeigte, das ins Krankenhaus gekommen war und dort, wie es weltweit bei der Behandlung von Kindern in Krankenhäusern üblich war, in gänzlicher Abtrennung von seinen Beziehungs- und Bindungsfiguren einem massiven Verlusterleben ausgesetzt war. Bowlbys schärfste Kritikerin zu dieser Zeit war die Psychoanalytikerin Melanie Klein.R. Balloff: Das Werk von John Bowlby. FU Berlin Dieser Film gab wichtige Anregungen für die Weiterentwicklung der Theorie.

1953 ging Mary Ainsworth nach Uganda und untersuchte beim Volk der Ganda zunächst die Trennungsreaktionen der Kinder beim Abstillen. Im Verlauf ihrer knapp zweijährigen Feldstudie erweiterte sie ihren Beobachtungsschwerpunkt. Sie beobachtete das Einsetzen und die Entwicklung bestimmter Bindungsverhaltensweisen zwischen den Müttern und Kindern im Alter von 15 Wochen und 2 Jahren. 1955 beendete sie ihre Arbeit an der Studie und ging in die USA. Aufgrund ihrer Tätigkeit als Ärztin und Lehrende kam sie zunächst nicht zu einer Auswertung der Beobachtungsergebnisse. Erst 1958 nahmen Bowlby und Ainsworth ihre Zusammenarbeit wieder auf. Die reiche Datensammlung der „Ugandastudie“ wurde für beide eine wichtige Quelle für die Fortschreibung der Bindungstheorie.

1957 erfolgten Bowlbys erste offizielle Darstellungen zur Bindungstheorie in drei sehr umstrittenen Vorträgen vor der Britischen Psychoanalytischen Gesellschaft in London sowie deren Veröffentlichung ein Jahr darauf im Journal of Psycho-Analysis.J. Bowlby: The nature of the child’s tie to his mother. International Journal of Psycho-Analysis 1958, XXXIX, 1–23 Im gleichen Jahr fand die noch junge Bindungstheorie in der DDR durch einen Aufsatz von Robertson in der Zeitschrift für ärztliche FortbildungJ. Robertson: Über den Verlust mütterlicher Fürsorge in früher Kindheit. In: Zeitschrift für ärztliche Fortbildung. 1957, 21/22 Beachtung und Eva Schmidt-Kolmer stellte in diesem Fachblatt Auszüge aus Bowlbys Aufsatz Maternal Care and Mental HealthJ. Bowlby: Maternal care and mental health. World Health Organization Monograph 1951, Serial No. 2 für die WHO vor. In der Folgezeit kam es Ende der 50er Jahre in der DDR zu umfangreichen vergleichenden entwicklungspsychologischen Untersuchungen zwischen familiengebundenen Säuglingen und Kleinkindern, Tages- und Wochenkrippenkindern sowie Kindern in Säuglingsheimen. Die Untersuchungsergebnisse konnten für die familiengebundenen Kinder hinsichtlich der Morbidität, der physischen und psychischen Entwicklung sowie Adaptionsstörungen bei Milieuwechsel die besten Entwicklungsstände belegen.Jens Plückhahn: Dauerheime für Säuglinge und Kleinkinder in der DDR aus dem Blickwinkel der Bindungstheorie. Diplomarbeit. FH Potsdam, Potsdam 2012, S. 60 und S. 101ff.; Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde – Ministerium für Gesundheitswesen der DDR BArch DQ 1/13585 u. a. m.; Zeitschrift für ärztliche Fortbildung in der DDR 1957, 21/22, S. 895ff. / 1958, 7, S. 307ff. / 1959, 22, S. 1443ff. / 1960, 21, S. 1220ff. u. a. m.

In den 1960er-Jahren Nach dem Bau der Berliner Mauer 1961 kam es in der DDR zu keinen weiteren Veröffentlichungen der Bindungstheorie und vergleichenden Untersuchungen mit familiengebundenen Kindern. Die bisherigen Forschungsergebnisse wurden nicht weiter publiziert und gerieten, so wie die Bindungstheorie, in den Folgejahren in der DDR in Vergessenheit. Etwa zeitgleich erlebte die Bindungstheorie heftige Anfeindungen von psychoanalytischer Seite. Anna Freud (1960) und René Spitz (1960) kritisierten Bowlby offen für seine von der Psychoanalyse Freuds abweichenden Meinungen. Seine theoretischen Ansätze wurden in dieser Zeit nur ungenügend weiter beachtet.

In dieser Zeit organisierte er immer wieder Treffen zwischen namhaften Wissenschaftlern aus der Säuglingsforschung (wie H. Papoušek, M. Ainsworth, G. Appell) und der Tierforschung (wie H. Harlow, C. Kaufmann). Erste Befunde aus dem „Ugandaprojekt“ wurden hier vorgestellt. Bindung konnte in Zusammenhang mit engem Körperkontakt mit der Mutter gesetzt werden. Die anschließenden lebhaften Diskussionen zwischen den Wissenschaftlern trugen ebenso zur Weiterentwicklung der Bindungstheorie bei.Inge Bretherton: Developmental Psychology 28, 1992, S. 759–775.

Dabei griff Bowlby auch lerntheoretische Forschungen auf, die beispielsweise mit Rhesusaffenkindern stattfanden. Harry Harlow hatte herausgefunden: Junge Affen suchen die körperliche Nähe zu Mutterattrappen, die mit Fell bedeckt sind, sie aber nicht füttern – jedoch nicht zu Drahtattrappen, die sie zwar füttern, aber nicht mit Fell bedeckt sind. Damit waren für Bowlby die klassisch psychoanalytische und die lerntheoretische These widerlegt, dass die Beziehung zwischen einer Mutter und ihrem Kind hauptsächlich durch das Füttern bestimmt sei.

Im Weiteren bezog sich Bowlby in seinen Arbeiten auch auf Charles Darwin, wenn er sagte, dass jeder Mensch mit den Verhaltenssystemen ausgestattet ist, die das Überleben der Spezies sichern. Dazu gehört beim Kind das sogenannte Bindungsverhalten.A. Slade: Attachment Theory and Research: Implications for the theory and practice of individual psychotherapy with adults. In: J. Cassidy, P. Shaver (Hrsg.): The Handbook of Theory and Research. Guilford Press, New York 1998. In diesem Zusammenhang stellte er Überlegungen an, welche evolutionsbedingten Vor- oder Nachteile die körperliche Nähe zu oder die körperliche Trennung von einem Muttertier (oder einer Gruppe) für das Individuum haben könnten. Er kam zu dem Schluss, dass es sich bei dem Verhalten wahrscheinlich um einen evolutionsbedingten Schutz vor Raubtieren handelt. Auch Erwachsene fühlen sich in ungewohnten Situationen in der Nähe einer Bezugsperson oder in der Gruppe sicherer. Dies hat vor allem für Jungtiere und Kinder eine Bedeutung, da sie bei der Trennung von der Mutter besonders gefährdet wären.