Im Lagerkomplex des KZ Auschwitz gab es sieben Gebäude, die als Gaskammern dienten. Sie befanden sich im Stammlager KZ Auschwitz (auch KZ Auschwitz I genannt) und im KZ Auschwitz-Birkenau (KZ Auschwitz II). Keine derartigen Einrichtungen besaß der Lagerteil KZ Auschwitz-Monowitz (KZ Auschwitz III), aufgrund seiner Funktion als Zwangsarbeitslager.
Zur Vernichtung der Leichen gab es in den beiden Lagern fünf Krematorien und weitere drei Orte, an denen Leichen in Verbrennungsgruben beseitigt wurden. Diese Anlagen wurden zum Massenmord an den rund 900.000 Opfern in industriellem Maßstab verwendet. Die Leichen weiterer 200.000 Häftlinge, die aufgrund von Arbeitsbedingungen, Hunger, Krankheiten, medizinischen Versuchen und Exekutionen gestorben waren, wurden ebenfalls in diesen Krematorien und Verbrennungsgruben verbrannt.
Die Anlagen waren jedoch nicht gleichzeitig in Betrieb. Von der ersten Vergasung im Jahr 1941 bis zur täglichen Ermordung der Insassen mehrerer Eisenbahntransporte bei der „Ungarn-Aktion“ 1944 wurden diese laufend ausgebaut und anhand gewonnener Erfahrungen deren Technik und Betrieb optimiert.
Die Vernichtung der Juden wurde von der SS-Führung im Wesentlichen als eine rein technische und logistische Problemstellung betrachtet, die es zu lösen galt. Ethische Aspekte und unzweckmäßige Brutalität spielten hierbei keine Rolle – es ging der Lagerleitung und dem Reichssicherheitshauptamt (RSHA) vorrangig um möglichst hohe Effizienz bei der Vernichtung. Allein die im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau installierten Gaskammern hatten eine Kapazität von 8696 Personen pro Vergasung und konnten mehrmals täglich benutzt werden. In den Krematorien konnten 4416 Leichen in 24 Stunden verbrannt werden, die Kapazität der Verbrennungsgruben war prinzipiell unbegrenzt.
Zählung der Krematorien In der Literatur und in den historischen Quellen gibt es für die Birkenauer Krematorien zwei unterschiedliche Zählweisen. Bei der ersten Zählweise wird das Krematorium des Stammlagers als römisch I mitgezählt und die vier Birkenauer Krematorien als II bis V nummeriert. Nach der Stilllegung des Krematoriums im Stammlager (Mitte Juli 1943) werden die Birkenauer Krematorien in diversen Quellen als I bis IV gezählt; insbesondere auf Arbeitseinsatz-Listen des Sonderkommandos beziehungsweise bei Zeugenaussagen aus dem Sonderkommando.
Da die Baupläne der SS-Bauleitung und die Korrespondenz mit den Ofenbauern der Firma J. A. Topf & Söhne (im Folgenden als „Firma Topf“ bezeichnet) das Stammlager-Krematorium mitzählen, werden in diesem Artikel die Birkenauer Krematorien als II bis V gezählt – insbesondere auch um sie deutlich vom Krematorium des Stammlagers (I) unterscheiden zu können.
Stammlager mini|Krematorium I mini|Doppelmuffelofen Krematorium I
Krematorium I Der Ingenieur Kurt Prüfer begann am 10. Juni 1940 bei der Firma Topf mit dem Entwurf für einen Doppelmuffelofen für das Krematorium Auschwitz. Dieser Ofen des Typs „D-57253 Modell Auschwitz“ wurde später in den Krematorien vieler Konzentrationslager eingesetzt, unter anderem in Buchenwald, Dachau, Mauthausen und Gusen.Techniker der Endlösung. S. 66–67. Die Vorgabe bezüglich der Leistungsfähigkeit waren zwei Leichen pro Stunde und die Möglichkeit des Dauerbetriebs über mehrere Tage.
Am 1. Oktober 1940 wurde der Doppelmuffelofen in Auschwitz in Betrieb genommen. Auch im KZ Gusen I in Mauthausen war ein Topf-Doppelmuffelofen „Modell Auschwitz“ installiert. Am 14. Juli übersandte die Firma Topf eine Bedienungsvorschrift an das Konzentrationslager Mauthausen und gab darin die Leistung mit 10 bis 35 Leichen in 10 Stunden (3,5 Leichen pro Stunde) an.
Im Krematorium des Stammlagers wurden zwei weitere Doppelmuffelöfen installiert; am 15. Dezember 1940 waren alle drei Öfen fertiggestellt.
Vergasungen im Stammlager Beginn der Vergasungen mini|Keller von Block 11
Im August 1941 wurde Rudolf Höß zu einer Besprechung mit Adolf Eichmann nach Berlin in das Judenreferat IV B4 des RSHA bestellt. Während der Abwesenheit von Höß vergaste sein Stellvertreter, SS-Hauptsturmführer Karl Fritzsch, eigenmächtig sowjetische Kriegsgefangene in einem Keller. Fritzsch bezeichnete sich deshalb danach als „Erfinder der Zyklon-B-Methode“. Nach dem erfolgreichen Einsatz von Zyklon B durch Karl Fritzsch einigten sich Höß und Eichmann auf den Einsatz dieses Produktes zur Judenvernichtung.
Fachhistoriker datieren die erste Massenvergasung im Stammlager mehrheitlich auf Anfang September 1941; vereinzelt wird eine Spanne bis Dezember 1941 für möglich gehalten.Peter Longerich: Der ungeschriebene Befehl. Hitler und der Weg zur Endlösung. München 2001, ISBN 3-492-04295-3, S. 124: „im September oder Dezember 1941“ / s. a. Christopher Browning: Die Entfesslung der Endlösung. Nationalsozialistische Judenpolitik. München 2003, ISBN 3-549-07187-6, S. 513 f. mit Anm. 205–209; Robert Jan van Pelt: Auschwitz. In: Günter Morsch, Bertrand Perz: Neue Studien zu nationalsozialistischen Massentötungen durch Giftgas. Berlin 2011, ISBN 978-3-940938-99-2, S. 201 Anm. 13. Nach der weitverbreiteten Version von Danuta Czech stellt sich der Ablauf wie folgt dar:
Ende August 1941 habe Fritzsch in Abwesenheit des Kommandanten Höß im Keller des Blocks 11 probeweise Häftlinge mit Zyklon B ermordet. Nach der Rückkehr des Kommandanten wurde Block 11 am 2. September geräumt, um am darauf folgenden Tag 600 sowjetische Kriegsgefangene und 250 Kranke in dessen Keller zu vergasen. Am Morgen des 4. Septembers wurde der Keller mit Gasmaske betreten. Da noch einige Gefangene lebten, wurde noch einmal Zyklon B eingeschüttet. Am Nachmittag waren alle Gefangenen tot, es wurden die Türen geöffnet und die Abdichtungen der Fenster entfernt. In der Nacht zum 5. September wurden die Leichen aus dem Keller geholt und entkleidet.Danuta Czech: Kalendarium. S. 118, nach Aussagen der Häftlinge Jan Krokowski, Michal Kula und Wiesław Kielar im Prozess gegen Rudolf Höß. Bei der Bestimmung des Datums hat sich Czech an einen Bericht des „Oberkommando des Verbandes des polnischen bewaffneten Widerstandes“ vom 17. November 1941 gehalten, der das Ende der Leichenverbrennung mit dem 5. bis 6. September angibt. In Verbindung mit den Zeugenaussagen zur Dauer ergibt sich danach der 4. September als Tag der ersten Vergasung.
Gaskammer im Stammlager Die ebenerdige Leichenhalle des Krematoriums im Stammlager, auch als Leichenkeller bzw. Leichenraum bezeichnet, wurde durch Einschlagen von Einwurf-Löchern in die Decke zur Gaskammer umgebaut.Vgl. Danuta Czech: Kalendarium. S. 119, 122 und öfter; Sybille Steinbacher: Auschwitz. Geschichte und Nachgeschichte. 2. Auflage. C. H. Beck, München 2007, S. 80. Da der Raum über eine Lüftung mittels eines Gebläses verfügte und man durch die Einwurflöcher das Zyklon B besser verteilen konnte, war – anders als bei der vorhergehenden Vergasung im Keller von Block 11 – ein reibungsloser Betrieb möglich. Am 16. September 1941 wurden erstmals 900 Kriegsgefangene in der Leichenhalle des Krematoriums I vergast. Der Raum wurde von diesem Zeitpunkt an als Gaskammer verwendet, bis die Vergasungen in die Anlagen im KZ Auschwitz-Birkenau verlegt wurden. Die Leichenhalle wurde danach noch als Hinrichtungsstätte durch Erschießen verwendet und 1944 zu einem Luftschutzbunker umgebaut. Nach Kriegsende wurden das Krematorium und die Gaskammer rekonstruiert.Robert-Jan van Pelt, Debórah Dwork: Auschwitz. Von 1270 bis heute. Pendo Verlag, Zürich / München 1998, ISBN 3-85842-334-3, S. 400 f.
Birkenau Krematorium II und III mini|Lagerplan Auschwitz-Birkenau (Ausbaustand August 1944) mini|Ruine der Gaskammer Krematorium II (2006) mini|Eingang zum Auskleideraum Krematorium III (2006) mini|Ruine des Krematoriums III (2006)
Alle vier Gaskammer-Gebäude von Lagerteil 2 (KZ A-Birkenau) gingen 1943 in Betrieb. Die Krematorien II und III beinhalteten jeweils einen im Untergeschoss liegenden Leichenkeller/Umkleideraum und die anschließende Gaskammer. Darüber befand sich im Erdgeschoss jeweils ein Krematorium mit mehreren in Reihe montierten Öfen, in denen die Leichen der Ermordeten verbrannt wurden. Ende 1943 wurden die etwa 210 Quadratmeter großen Gaskammern geteilt. Die nahezu baugleichen Krematorien II und III trugen die Bezeichnung BW30 und BW30a. In diesen Krematorien waren jeweils fünf Dreimuffelöfen der Firma Topf installiert. Das Krematoriumsgebäude war teilunterkellert. In den Bauplänen sind die Kellerräume als Leichenkeller und später in nummerierter Form als Leichenkeller I und II bezeichnet. Der Leichenkeller II wurde als Auskleideraum genutzt, der Leichenkeller I als Gaskammer. Die Maße der Gaskammer (Leichenkeller I) betragen 30 Meter auf 7 Meter bei 2,41 Meter Höhe, die des Auskleideraumes (Leichenkeller II) 49,5 Meter auf 7,9 Meter bei 2,30 Meter Höhe.
Das Krematorium II wurde am 13. März 1943Vgl. Danuta Czech: Kalendarium. S. 440. in Betrieb genommen und war bis zum 24. November 1944 fortlaufend 603 Tage in Betrieb. Das Krematorium III war ab dem 25. Juni 1943 etwa 517 Tage in Betrieb, wahrscheinlich bis zum 24. November 1944. Die Vergasungen mit Zyklon B wurden wahrscheinlich am 25. Oktober 1944, spätestens jedoch am 2. November 1944 eingestellt; anschließend wurde mit der Demontage der Gaskammern begonnen. Die Gaskammern waren demnach 20 bis 30 Tage kürzer in Betrieb als die Krematorien.Danuta Czech: Kalendarium. S. 921, 933 und Zeugen aus der Todeszone. S. 288, 290, 295: Lejb Langfuß datierte die letzte Vergasung auf den 24. Oktober 1944. Im Kalendarium wird diese Vergasung auf den 25. Oktober 1944 datiert und von weiteren drei Vergasungen berichtet. Die Vergasungen wurden lt. de Czech-Kalendarium am 2. November eingestellt. Ein handschriftlicher Vermerk von dem Angehörigen des Sonderkommandos Lejb Langfuß datiert den Beginn der Demontage der technischen Einrichtungen auf den 25. November 1944 für Krematorium II und daraufhin die Demontage der Einrichtungen in Krematorium III. Wahrscheinlich wurde mit dem Abbau der Anlagen in Krematorium III am selben Tag begonnen. Luftbildaufnahmen vom 21. November zeigen, dass die Decke des Auskleideraumes entfernt (wohl durch Sprengung) wurde. Luftbildaufnahmen vom 29. November zeigen, dass die Krematoriumsgebäude noch stehen.
Es kann nicht mit Sicherheit festgestellt werden, ob in der ursprünglichen Planung von Krematorium II die Verwendung eines Kellerraums als Gaskammer schon vorgesehen war. Im ursprünglichen Plan vom 2. Oktober 1941 ist eine Treppe mit mittiger Rutsche für Leichen eingezeichnet. Die Länge war noch nicht festgelegt, auf den Plänen befindet sich der Hinweis „Länge nach Bedarf“. Die Doppeltüren von Leichenkeller I waren nach innen öffnend eingezeichnet. Die Pläne wurden mehrfach modifiziert, um die Verwendbarkeit von Leichenkeller I als Gaskammer und Leichenkeller II als Auskleideraum zu ermöglichen. Im Plan vom 19. Dezember 1942 sind die Doppeltüren von Leichenkeller I nach außen öffnend eingezeichnet. Diese Tür ließ sich nach der Vergasung problemlos wieder öffnen. Die vorgesehene Treppe mit Leichenrutsche wurde entfernt und ein Eingang für SS-Personal zur Straßenseite vorgesehen. Am Ende von Leichenkeller II wurde eine Treppe vorgesehen, über die der spätere Auskleideraum zu erreichen war.
Einwurf des Zyklon B
Zum Einbringen des Zyklon B in die Gaskammer waren vier Öffnungen in der Decke vorhanden, die in je eine schwere Gittersäule mündeten. Das Zyklon B wurde in eine aus Drahtgitter und Blech bestehende Vorrichtung eingeführt und an einer Schnur oder einem Draht in diese Säulen abgelassen. Der Häftling Michal Kula stellte diese Drahtgittersäulen her und beschrieb diese umfangreich: