Als Reichsitalien oder Königreich Italien (, auch regnum Italiae) wird der von den Herrschern des Heiligen Römischen Reiches beanspruchte Teil Italiens im Mittelalter und der Frühen Neuzeit bezeichnet. Seit Otto I. versuchten die römisch-deutschen Kaiser, ihre Herrschaftsansprüche im Gebiet des alten Langobardenreichs in Oberitalien durchzusetzen. Diese Form der Italienpolitik war ab dem Spätmittelalter faktisch vorbei. Bis zur Auflösung des Heiligen Römischen Reiches 1806 bestand das Königreich Italien aber offiziell weiter und die Kaiser blieben Lehensherren für eine Reihe von Territorien.

Mittelalter Entstehung mini|Die Basilika San Michele Maggiore in Pavia, wo die Könige von Italien gekrönt wurden. Das 568 gegründete Langobardenreich war von Karl dem Großen 774 erobert und mit dem Frankenreich vereint worden. Nach dem Niedergang des Karolingerreichs wurde es vom Ende des 9. bis zur Mitte des 10. Jahrhunderts von lokalen Herrschern, sogenannten Nationalkönigen, regiert, die dem in die Lombardei eingewanderten fränkischen Adel entstammten.

Der römisch-deutsche König Otto I. heiratete in Pavia im Oktober 951 Adelheid von Burgund, die Witwe des italienischen Königs Lothar II., und übernahm von ihr die langobardische Königskrone, die Eiserne Krone, die seit Ende der Völkerwanderung die Herrschaft über die Langobarden symbolisierte. Adelheid hatte ihn gegen die usurpatorischen Nachfolger ihres Mannes, Berengar II. und dessen Sohn Adalbert, zu Hilfe gerufen, nachdem sie sich geweigert hatte, Adalbert zu heiraten. Berengar unterwarf sich und wurde Lehnsnehmer König Ottos. Dieser verband dadurch das Ostfrankenreich (bzw. das schließlich entstehende römisch-deutsche Reich) mit dem italienischen Königreich (regnum Italiae).

Damit begann die Italienpolitik der römisch-deutschen Herrscher des Mittelalters, die sich oft recht problematisch gestaltete, da eine Herrschaftsausübung aus der Ferne nicht möglich war und man sich stets auf vorhandene, lokale Strukturen stützen oder der Herrscher vor Ort anwesend sein musste, was mehr oder weniger effektiv war.Zu den damit verbundenen Problemen der Herrschaftsausübung siehe Hagen Keller: Das „Erbe“ Ottos des Großen. Das ottonische Reich nach der Erweiterung zum Imperium. In: Frühmittelalterliche Studien Band 41, 2007, S. 43–72. Die Macht der Kaiser stützte sich insbesondere auf die Ernennung von Bischöfen und die Vergabe von Grafenrechten an diese.Thomas Franz: Italien im Mittelalter. In: Wolfgang Altgeld, Rudolf Lill: Kleine Italienische Geschichte. Stuttgart 2004, S. 19. Das „Reichskirchensystem“ war weniger leistungsfähig als in Deutschland. Im Vergleich zum Reich nördlich der Alpen war die weltliche Macht der Bischöfe eng begrenzt, nicht zuletzt weil der Einfluss der seit dem 10. Jahrhundert entstehenden Stadtgemeinden wuchs. Diese begannen bereits seit der Wende zum 11. Jahrhundert eigenmächtig zu handeln. Auch der frühe italienische Adel stand in einer relativ lockeren Verbindung zum Kaiser.Alfred Haverkamp: Italien im hohen und späten Mittelalter 1056–1454. In: Handbuch der europäischen Geschichte. Band 2. Europa im Hoch- und Spätmittelalter. Stuttgart 1987, S. 551f. Führende Territorialherren in Oberitalien waren die Arduine in den Markgrafschaften Turin und Susa, die Markgrafen von Ivrea, die Aleramiden, die Obertenghi, die diversen Grafschaften in Trient und Friaul, die Markgrafen von Verona, die Grafen von Canossa in der Emilia-Romagna, die Bonifacier und Bosoniden in der Markgrafschaft Tuscien und die Herzöge von Spoleto.

mini|Königreich Italien (781–1014) Nach dem Tod Ottos III. war die kaiserliche Macht in Italien geschwächt, so dass sich Arduin von Ivrea zum König von Italien wählen lassen konnte. Trotz verschiedener Feldzüge Heinrichs II. konnte Arduin zunächst nicht besiegt werden; erst Bischof Leo von Vercelli gelang dies. Konrad II. bemühte sich, die Herrschaft wiederherzustellen. Er versuchte, die Großen für sich zu gewinnen, und bekämpfte auch das Räuberunwesen. Innerhalb Italiens hatte sich ein Gegensatz zwischen den Großen (), die ihr Land bereits erblich besaßen als Fahnlehen des Heiligen Römischen Reiches, und den kleinen Lehensleuten () entwickelt, die ebenfalls bestrebt waren, ihre Lehen zu erblichem Besitz zu machen. Es kam zu Aufständen der valvassores. Konrad entschied 1037 mit der Constitutio de feudis zugunsten der valvassores, die seither ihre Lehen ebenfalls erblich besaßen.Jan Dhondt: Das frühe Mittelalter. München 1968, S. 220f.

Stauferzeit Mit dem Investiturstreit geriet das Reichskirchensystem in Italien in die Krise. Die Städte begannen hingegen an Macht zu gewinnen,Thomas Franz: Italien im Mittelalter. In: Wolfgang Altgeld, Rudolf Lill: Kleine Italienische Geschichte. Stuttgart 2004, S. 35. vor allem aufgrund ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit. Die Kaiser Friedrich I. und Heinrich VI. bemühten sich um die Erneuerung der kaiserlichen Macht in Reichsitalien, worauf sich die oberitalienischen Städte im Lombardenbund organisierten. Beide Herrscher mussten einen erheblichen Teil ihrer Regierungszeit in Italien verbringen. Bei ihrer Abwesenheit wurden sie durch Legaten vertreten.Alfred Haverkamp: Italien im hohen und späten Mittelalter 1056–1454. In: Handbuch der europäischen Geschichte. Band 2. Europa im Hoch- und Spätmittelalter. Stuttgart 1987, S. 590. Friedrich I. versuchte 1158 auf dem Reichstag von Roncaglia, die Herrschaft über die Städte in Oberitalien wieder zu gewinnen und insgesamt die Verhältnisse zugunsten des Kaisers neu zu ordnen. Er versuchte, die vom Papst beanspruchten Mathildischen Güter für das Reich zurückzugewinnen. Er beanspruchte die Zahlung ausstehender Steuern, drängte auf Pfalzen in den Städten und versuchte, die Regalien, die sich meist in Verfügung der Städte befanden, fiskalisch und politisch zu nutzen. Friedrich wollte durch die Investitur der kommunalen Magistrate die Kontrolle der Kommunen verstärken.Alfred Haverkamp: Italien im hohen und späten Mittelalter 1056–1454. In: Handbuch der europäischen Geschichte. Band 2. Europa im Hoch- und Spätmittelalter. Stuttgart 1987, S. 593. All dies führte aber zum Widerstand der lombardischen Städte wie auch des Papstes. Schließlich musste der Kaiser 1177/1183 die Wahl der Bürgermeister anerkennen.Thomas Franz: Italien im Mittelalter. In: Wolfgang Altgeld, Rudolf Lill: Kleine Italienische Geschichte. Stuttgart 2004, S. 56–58.

mini|Italien im 12./13. Jahrhundert Sein Enkel Friedrich II. konnte die kaiserliche Macht in Italien erneut festigen. Er begann die Herrschaftsstrukturen denen des Königreichs Sizilien anzugleichen. In unterworfenen Städten setzte er Bürgermeister ein. In Reichsitalien wurden zehn Generalvikariate eingerichtet. Die Leitung übernahmen Vertraute aus Süditalien oder Mitglieder der kaiserlichen Familie. Die Vikare verfügten über einen Beamtenstab und unterstanden dem Kaiser bzw. dessen Sohn Enzio von Sardinien, der seit 1239 Generallegat für Italien war. Das aus dem sizilianischen Großgericht hervorgegangene Hofgericht war auch für Reichsitalien zuständig.Alfred Haverkamp: Italien im hohen und späten Mittelalter 1056–1454. In: Handbuch der europäischen Geschichte. Band 2. Europa im Hoch- und Spätmittelalter. Stuttgart 1987, S. 618. Den Bestrebungen Friedrichs II. setzte der Lombardische Bund erheblichen Widerstand entgegen, der zur Niederlage des Kaisers in der Schlacht bei Fossalta führte. Mit dem Tod Friedrichs II. brach die staufische Herrschaft in Reichsitalien 1250 zusammen.

Der kaiserliche Besitz in Italien, vor allem in Oberitalien, zerfiel seit dem Hochmittelalter in zahlreiche Lehen des Reiches. Darunter waren zehn größere Gebiete und etwa 250 kleinere Lehen.Gerhard Köbler: Historisches Lexikon der deutschen Länder. Die deutschen Territorien vom Mittelalter bis zur Gegenwart. 4., vollständig überarbeitete Auflage. C. H. Beck, München 1992, ISBN 3-406-35865-9, S. 288. Nach den Reichsstatuten war der Erzbischof von Köln als Reichserzkanzler für Italien zuständig. Allerdings verlor das Amt bereits im Hochmittelalter an politischer Bedeutung.

In Bezug auf die inneritalienische Politik war das Mittelalter durch den Konflikt zwischen Ghibellinen und Guelfen, also den Anhängern des Kaisers beziehungsweise des Papstes, geprägt. In dieser politischen Fehde standen sich je nach Vorherrschaft der einen oder anderen Partei ganze Städte und Regionen gegenüber, aber auch die Familien und Notablen der einzelnen Stadtstaaten.

Spätmittelalter mini|Das kaiserliche Italien innerhalb des Heiligen Römischen Reiches im Jahr 1356. Die kaiserliche Präsenz in Form der Italienzüge wurde nach dem Ende der Staufer geringer. Das schwache Königtum in Deutschland in den Zeiten des Interregnums war nicht in der Lage, die Macht des Reiches in Italien aufrechtzuerhalten. Allerdings blieb Reichsitalien bis in das 14. Jahrhundert hinein für das Reich von großer Bedeutung, vor allem aufgrund der starken Finanzkraft der Kommunen, die die römisch-deutschen Könige seit dem Hochmittelalter zu nutzen versucht haben. König Heinrich VII. versuchte während seines Italienzuges 1310–1313 noch einmal letztlich vergeblich, Reichsitalien zu befrieden und der kaiserlichen Macht zu unterwerfen. Immerhin erlangte er 1312 als erster König nach Friedrich II. die Kaiserkrönung und setzte die Visconti für Mailand und andere Signori als Reichsvikare ein. Er starb im August 1313 in Italien während eines geplanten Feldzugs gegen das Königreich Neapel, ohne sein Hauptziel erreicht zu haben.William Bowsky: Henry VII in Italy. Lincoln 1960.

Die nachfolgenden römisch-deutschen Könige verzichteten hingegen weitgehend auf eine Italienpolitik alten Stils. Ludwig der Bayer hat sich 1328 in Rom in Abwesenheit des Papstes, mit dem er in Konflikt lag, krönen lassen. Karl IV. unternahm als römisch-deutscher König zwei Italienzüge (1355 sowie 1368/69), wobei ihm der erste die Kaiserkrone einbrachte. Seine Italienpolitik beschränkte sich darauf, kaiserliche Privilegien gegen Bezahlung an italienische Städte und Signorien zu vergeben.Überblick zur Entwicklung im 14. Jahrhundert bei Roland Pauler: Die deutschen Könige und Italien im 14. Jahrhundert. Darmstadt 1997. Der päpstliche Versuch, die Verfügungsgewalt über Reichsitalien zu erlangen, scheiterte allerdings ebenfalls.Volker Reinhardt: Geschichte Italiens. Von der Spätantike bis zur Gegenwart. München 2003, S. 76. König Ruprecht brach 1401 seinen Italienzug, mit dem er die Ordnung der Verhältnisse und seine Kaiserkrönung anstrebte, mangels finanzieller Mittel ab.

Durch die Eroberung der Terraferma durch Venedig seit dem 14. Jahrhundert gingen weite Gebiete Reichsitaliens verloren.Horst Rabe: Reich und Glaubensspaltung. Deutschland 1500–1600. München 1989, S. 13f. Im 15. Jahrhundert wurde Reichsitalien zu einer eher peripheren Region des Reiches. Allerdings spielte noch Maximilian I. dort zumindest zeitweise eine relativ aktive Rolle. Im Großen Venezianerkrieg wollte er die verlorengegangen Gebiete zurückgewinnen.

Frühe Neuzeit Entwicklung mini|Karl V. erneuerte die kaiserliche Macht in Oberitalien