mini|hochkant=1.3|Louis de Silvestre: Ludwig XIV. empfängt den späteren König von Polen und Kurfürsten von Sachsen August III. in Versailles 1714, zwischen den beiden Liselotte von der Pfalz in großer Robe mit Brokat. Neben dem König steht die verwitwete Herzogin von Berry in einem schwarzen Trauergewand mit weißem Pelzbesatz.
In der Zeit Ludwigs XIV. (1638–1715) erlangte nach dem Dreißigjährigen Krieg ab etwa 1660 Frankreich die Vorherrschaft in Europa. Es wurde zum Vorbild auf allen möglichen Gebieten, in Wissenschaft, Architektur, Gartenbaukunst, Inneneinrichtung, Französisch wurde für Jahrhunderte die Sprache der kultivierten, gebildeten Schichten und der Aristokratie. Auch hinsichtlich Sitten und Mode war der Hof in Versailles für fast alle Länder tonangebend.
In puncto Kleidung und Frisuren hatte Frankreich bereits in den Jahrzehnten zuvor, während des Dreißigjährigen Krieges, einen eigenen Stil entwickelt und auch schon einen gewissen Einfluss ausgeübt. Doch wurde diese Vorherrschaft von Ludwig XIV. ganz bewusst und gezielt gefördert, nicht zuletzt aus merkantilen Interessen. Beispielsweise wurde die Produktion von Seide angeregt – die Stadt Lyon wurde für Jahrhunderte ein berühmtes Zentrum – und ebenso die Produktion von Spitzen, auf die bis dahin vor allem Venedig spezialisiert war.
Darüber hinaus wurden Journale gedruckt, in denen man Abbildungen der neuesten Moden aus Versailles sehen konnte – so z. B. der Recueil des modes de la cour de France –, und man kannte auch bereits Modepuppen, die als Anschauungsmaterial dienten und nach dem „letzten Schrei“ gekleidet regelmäßig an europäische Höfe und in die europäischen Hauptstädte versandt wurden.Ludmila Kybalová, Olga Herbenová, Milena Lamarová: Das große Bilderlexikon der Mode – Vom Altertum zur Gegenwart, übersetzt v. Joachim Wachtel, Bertelsmann, 1967/1977: S. 189.
Da Ludwig XIV. schon mit fünf Jahren auf den Thron kam und es sich um eine ziemlich lange Regentschaft handelte, blieb die Mode zwischen etwa 1650 und 1715 nicht völlig einheitlich, sondern es lassen sich wechselnde Moden für beide Geschlechter feststellen. Die Epoche lässt sich grob in eine frühe Phase bis etwa 1670, eine Übergangszeit von etwa 1670 bis 1680 und eine späte Phase von etwa 1680 oder 1685 bis 1715 untergliedern.
Herrenmode mini|Henri Testelin: Ludwig XIV. mit Colbert in der 'Académie Royal des sciences' (Königliche Akademie der Wissenschaften), 1667 (Detail)
Bis etwa 1670 Die Herrenmode dieser Epoche gilt aus der Sicht des 19. bis 21. Jahrhunderts und auch im Vergleich mit vorhergehenden Epochen als relativ feminin.Ludmila Kybalová, Olga Herbenová, Milena Lamarová: Das große Bilderlexikon der Mode - Vom Altertum zur Gegenwart, übersetzt v. Joachim Wachtel, Bertelsmann, 1967/1977: S. 189–190. Der König war selber in jeglicher Hinsicht die Mode-Ikone Nr. 1.
In der Jugendzeit des Sonnenkönigs zwischen etwa 1650 und 1670 trugen die Männer eine auffällig bunte, verspielte, paradiesvogelartige Kleidung: die Beinkleider nahmen die Form einer sehr weiten, knielangen Rockhose an, der sogenannten Rhingrave oder Rheingrafenhose, die um die Knie und um die Taille mit enormen Mengen von bunten Bändern und Schleifen aus Samt oder Seide geschmückt war, die man petite oye (Gänschen) nannte.Hélène Loetz: "Die höfische Mode - Von der Rhingrave zur Fontange", in: Liselotte von der Pfalz - Madame am Hofe des Sonnenkönigs, Universitätsverlag C. Winter, Heidelberg 1996, S. 189–190 Am Leib ein ganz kurzes offenes Wams – fast nach Art eines Boleros –, aus dem sowohl an den Ärmeln als auch vorne das bauschige Unterhemd hervorsah, das an Manschetten und am Kragen reichlich mit rieselnden Spitzen verziert war. Auch an Hals, Schultern und Ärmeln Bänder und Schleifen. Darüber entweder ein weiter Umhang oder ein weiter knielanger Mantel, und auf dem langen lockigen Haar ein federbesetzter Hut.
Die Unterschenkel waren mit Seidenstrümpfen bekleidet, dazu Schuhe mit (für Herrenmode) relativ hohen Absätzen, die beim König und bei Höflingen normalerweise rot waren,Hélène Loetz: "Die höfische Mode - Von der Rhingrave zur Fontange", in: Liselotte von der Pfalz - Madame am Hofe des Sonnenkönigs, Universitätsverlag C. Winter, Heidelberg 1996, S. 191 und auch oft mit einer Schleife als Zierde besetzt waren. Viele Herren verwendeten einen Spazierstock als Modeutensil, der auch wegen der hohen Absätze hilfreich war.Hélène Loetz: "Die höfische Mode - Von der Rhingrave zur Fontange", in: Liselotte von der Pfalz - Madame am Hofe des Sonnenkönigs, Universitätsverlag C. Winter, Heidelberg 1996, S. 191 Beim Reiten oder im Krieg trugen die Herren nach wie vor Stiefel, die jetzt aber nicht mehr ganz so ausladende Krempen hatten wie im Dreißigjährigen Krieg.
Nach 1670 bis 1715 mini|links|hochkant|François de Troy: Louis-Alexandre de Bourbon, comte de Toulouse (1678-1737), ca. 1685–89
Ab etwa 1670 wurden die Formen der Herrenmode schlichter, dafür würdiger und feierlich. Der knielange Mantel verengte sich und der Herr trug jetzt einen knielangen, in der Taille eng anliegenden, meist kragenlosen Rock namens Justaucorps ('genau am Leib') mit breiten Ärmelaufschlägen, aus denen nach wie vor die Spitzenmanschetten über die Hand fielen, und mit pattierten Seitentaschen; darunter eine lange Weste, das Gilet, und eine bis zum Knie reichende Hose namens Culotte, von der jedoch nur der unterste Rand zu sehen war. Anfangs war die Hose noch etwas bauschig (wie bei der Rheingrafenhose), wurde dann aber enger. Um den Hals, beziehungsweise unter dem Kinn, das weiße Jabot, ein gebundenes Halstuch mit Spitzenbesatz; zum Jabot gesellte sich manchmal auch eine große farbige Schleife. Dieser Herrenanzug blieb mit wenigen Veränderungen bis zur französischen Revolution modern. Er wurde komplettiert mit Handschuhen, Schärpe und Degengehänge.
Im Winter trug man darüber nach wie vor einen umhangartigen Mantel über die Schultern oder einen sehr weiten langen Kasack-Mantel mit weiten Ärmeln, der anscheinend originär aus Deutschland stammte, da man ihn à la Brandebourg nannte (siehe unten Bild aus dem "Recueil des modes…").
Beliebte Stoffe bei Hofkleidung waren Samt und Seide. Der Justeaucorps wurde auch mit Borten oder Tressen besetzt. Gold- und Silberstickereien an Röcken und Westen waren laut einem königlichen Dekret von 1664 im Allgemeinen verboten, nur der König selber und einige von ihm selbst bestimmte Personen durften sich einen solchen Luxus erlauben. Zu diesem Zweck erteilte er eine offizielle Genehmigung für Gold- und Silberstickereien, die man als juste-au-corps à brevet bezeichnete und die ursprünglich nur etwa einem Dutzend, später 40 Personen erteilt wurde.Hélène Loetz: "Die höfische Mode - Von der Rhingrave zur Fontange", in: Liselotte von der Pfalz - Madame am Hofe des Sonnenkönigs, Universitätsverlag C. Winter, Heidelberg 1996, S. 190 Ab 1677 wurde auch feines Tuch aus Wolle verwendet, das in Frankreich selber gewebt wurde, in Konkurrenz zu England.Hélène Loetz: "Die höfische Mode - Von der Rhingrave zur Fontange", in: Liselotte von der Pfalz - Madame am Hofe des Sonnenkönigs, Universitätsverlag C. Winter, Heidelberg 1996, S. 190
Reiche Herrschaften, wie Ludwig XIV. und sein Bruder Philippe d’Orléans, konnten ihre Gewänder zu besonderen Gelegenheiten, wie z. B. Empfängen von Botschaftern fremder Länder, mit einer ganzen Parure von Diamanten oder anderen Edelsteinen schmücken; eine solche Edelsteingarnitur für den Herren bestand aus Juwelenknöpfen, -ösen und -rockverschlüssen.Hélène Loetz: "Die höfische Mode - Von der Rhingrave zur Fontange", in: Liselotte von der Pfalz - Madame am Hofe des Sonnenkönigs, Universitätsverlag C. Winter, Heidelberg 1996, S. 200–201 Auch Degengehänge, Orden, Kniebänder oder Schuhschnallen konnten mit Diamanten verziert sein.Hélène Loetz: "Die höfische Mode - Von der Rhingrave zur Fontange", in: Liselotte von der Pfalz - Madame am Hofe des Sonnenkönigs, Universitätsverlag C. Winter, Heidelberg 1996, S. 200 Es gab auch schon preiswertere Imitationen für den weniger betuchten Herren.Hélène Loetz: "Die höfische Mode - Von der Rhingrave zur Fontange", in: Liselotte von der Pfalz - Madame am Hofe des Sonnenkönigs, Universitätsverlag C. Winter, Heidelberg 1996, S. 203–204
Herrenfrisur und Allongeperücke Schon ab etwa 1620 begannen Männer ihr Haar immer länger zu tragen, zunächst noch schulterlang, doch in der Jugend Ludwigs XIV. ab etwa 1650 wurde eine lange lockige 'Löwenmähne' modern, die nicht jedem Manne gegeben war – vor allem nicht dauerhaft und mit fortschreitendem Alter. Schon ab etwa 1633 kamen nach und nach Perücken für modebewusste Herren auf, und 1656 ließ der 18-jährige König, der zu dieser Zeit selber noch über eigenes prächtiges langes und dunkles Haar verfügte, in Paris bereits 48 Perückenmacher zu.Hélène Loetz: "Die höfische Mode - Von der Rhingrave zur Fontange", in: Liselotte von der Pfalz - Madame am Hofe des Sonnenkönigs, Universitätsverlag C. Winter, Heidelberg 1996, S. 190–191 So entwickelte sich die Allongeperücke, die Ludwig selber erst ab 1672 trug.Hélène Loetz: "Die höfische Mode - Von der Rhingrave zur Fontange", in: Liselotte von der Pfalz - Madame am Hofe des Sonnenkönigs, Universitätsverlag C. Winter, Heidelberg 1996, S. 191 Junge Männer trugen bis mindestens in die 1680er Jahre auch weiterhin ihr eigenes Haar zur Schau, doch wurde die Haartracht immer aufwendiger und pompöser und die Lockenpracht der Allongeperücke erreichte zwischen etwa 1680 und 1715 wahrhaft prunkvolle Dimensionen. Ab etwa 1690 wurde sie immer häufiger auch gepudert, so dass ab etwa 1700 bald nur noch weiß gepuderte Locken zu sehen waren – Ludwig XIV. trug allerdings bis zuletzt seine eigene Naturfarbe, also dunkles Haar.
Wegen der hohen und kunstvollen gepuderten Allongeperücken wurden Hüte vor allem nach 1680 eigentlich obsolet und daher immer flacher; man trug sie fast nur noch unter dem Arm, und auch in diesem Fall war es durch die Etikette streng geregelt, wer überhaupt in Gegenwart des Königs Hüte tragen durfte.Hélène Loetz: "Die höfische Mode - Von der Rhingrave zur Fontange", in: Liselotte von der Pfalz - Madame am Hofe des Sonnenkönigs, Universitätsverlag C. Winter, Heidelberg 1996, S. 191
Anfangs, bis in die 1670er Jahre, trug man noch ein kleines Schnurrbärtchen zum langen Haar, ab etwa 1680 war ein glattrasiertes Gesicht modern.
Damenmode 1650 bis etwa 1670 mini|Charles Beaubrun: Mademoiselle de Montpensier, 1655. Die Cousine Ludwigs XIV. und reichste Frau Frankreichs in einem weißen Seidenkleid mit feinsten Stickereien in Rot, Gold und Silber. An Kragen und Manschetten Spitzen mit einem so feinen Blumenmuster, dass es nur aus der Nähe zu sehen ist. Dazu eine Parure aus echten Diamanten an Mieder und Kragen.