Biterolf und Dietleib ist ein umfangreiches Heldenepos, das unikal im Ambraser Heldenbuch überliefert wurde und 13.510 Verse zählt. Der Verfasser ist unbekannt, jedoch wird davon ausgegangen, dass er Bezüge zur Steiermark hatte, wo das Werk in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts entstanden ist. Vgl. Volker Zapf: Biterolf und Dietleib. In: Deutsches Literatur-Lexikon. De Gruyter, Berlin/Boston 2017. Biterolf und Dietleib.

Autor Über den anonymen Verfasser des Epos wird gemutmaßt, dass es sich um einen quellenkundigen, gebildeten und ritterlichen Dichter handelt. Das erklärt unter anderem die zahlreichen Bezüge zum Nibelungenlied sowie die Kenntnis von historischen Ereignissen wie den Preußenfeldzügen im 13. Jahrhundert. Auch ritterlich-höfischen Verhaltensnormen und die Gestaltung von Turnieren waren ihm nicht fremd. Des Weiteren zeugen die Weg- und Landschaftsbeschreibungen vom umfassenden geographischen Wissen des Verfassers, nicht zuletzt im Bereich der heutigen Steiermark. Beispielsweise wusste er von der Ebene zwischen den Orten Mautern und Traisen (vgl. V. 5429–5456). Vgl. Richard von Muth: Alter und Heimat des Biterolf. In: Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur. 21. Band, 1877, S. 182–188, hier S. 183.

Entstehung und Überlieferung Die Entstehung des Biterolf und Dietleib wird im späten 13. Jahrhundert vermutet, wofür mehrere Argumente sprechen: Zum einen ist die Tätigkeit des Deutschen Ordens zu nennen, die mit dem Feldzug Biterolfs an der Seite der Hunnen in das „Preussen lant“ (V. 1391) in Verbindung gebracht wird. Vgl. Jennifer Williams: Etzel – auf den Spuren der deutschen Ordensritter? „Biterolf und Dietleib“. 1388–1627. In: Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur. 110. Band, 1981, Heft 1, S. 28–34, hier S. 28–29. 1267 fanden historisch belegte Feldzüge von steirischen Rittern nach Preußen statt, wo Dörfer und Burgen zerstört wurden. Zum anderen sind die Kenntnisse über Spanien, die der Dichter hat, ein Hinweis darauf, dass dieses Land zur Entstehungszeit des Werkes von besonderer Bedeutung war. Dafür sprechen die Pilgerfahrt des Babenberger Herzogs Friedrich im Jahr 1195 nach Santiago de Compostela und die Wahl Alfons X. von Kastilien im Jahr 1257 zum deutschen König. Insbesondere das letzte Ereignis hat die damalige Aufmerksamkeit stark auf das Land auf der iberischen Halbinsel gelenkt. Vgl. Norbert Voorwinden: Biterolf und Dietleib: Spiegel einer Spätzeit. In: Klaus Zatloukal (Hrsg.): 4. Pöchlarner Heldenliedgespräch. Heldendichtung in Österreich – Österreich in der Heldendichtung. Fassbaender, Wien 1997, S. 231–253, hier S. 234. ISBN 3900538611.

Eine mittelhochdeutsche Fassung aus dem 13. Jahrhundert ist jedoch nicht überliefert, sondern nur eine frühneuhochdeutsche. Diese wurde im 16. Jahrhundert im Ambraser Heldenbuch von Hans Ried niedergeschrieben. Biterolf und Dietleib befindet sich darin nach „Dietrichs Flucht“, der „Rabenschlacht“, dem „Nibelungenlied“, der „Klage“ und „Kudrun“ sowie vor „Ortnit“ und „Wolfdietrich“. Somit ist der Biterolf zwischen lauter Heldenepen untergebracht und wird meist auch als solches eingestuft.Vgl. Norbert Voorwinden: Biterolf und Dietleib: Spiegel einer Spätzeit. In: Klaus Zatloukal (Hrsg.): 4. Pöchlarner Heldenliedgespräch. Heldendichtung in Österreich – Österreich in der Heldendichtung. Fassbaender, Wien 1997, S. 231–253, hier S. 231

Gattungsbegriff Trotz der dominanten Einordnung als Heldenepos ähnelt Biterolf und Dietleib mit dem vierhebigen Endreimvers, den höfisch-ritterlichen Turnieren, den Figurenkonstellationen und den Verhaltensnormen der Helden auch dem höfischen Roman. Mit der Verhöfischung des bereits bekannten Heldenpersonals wird eine gewisse Distanz zu den alten Heldenepen erzeugt. Auch das Lachen über sich selbst und den Gegner sowie das versöhnliche Ende zeugen von einem neuen Verhältnis zur heldenepischen Tradition. Die Heldendichtung selbst wird in der Dichtung reflektiert. Vgl. Gunda S. Lange: 5. Biterolf und Dietleib. In: Nibelungische Intertextualität. Generationenbeziehungen und genealogische Strukturen in der Heldenepik des Spätmittelalters. De Gruyter, Berlin / New York 2009, S. 143–175, hier S. 243–245, ISBN 9783110221428.

Inhalt Das Epos lässt sich in zwei inhaltliche Teile gliedern: Im ersten wird von Biterolf erzählt, dem Herrscher Toledos, der sich, nachdem er vom ruhmreichen Hunnenkönig Etzel erfährt, entschließt, an dessen Hof zu ziehen, um für diesen zu kämpfen. Biterolf lässt somit seine Frau Dietlind, seinen Sohn Dietleib und seine Tochter, die beide noch Kleinkinder sind, zurück (vgl. V. 402ff.). Als er an den Hof Etzels kommt, gibt er sich nicht zu erkennen und nimmt zusammen mit dem Markgraf Rüdiger die Stadt Gamalî, die bislang unter preußischer Herrschaft war, ein. Auch nach dem ruhmreichen Sieg will Biterolf unerkannt bleiben und nennt, als er nach seiner Identität gefragt wird, einen falschen Namen (vgl. V. 1884ff.). Dietleib wächst unterdessen ohne Vater in der Obhut seiner Mutter auf. Im Jugendalter wird er sich bewusst, nachdem seine Freunde von ihren Vätern erzählen, dass er selbst keinen hat. Um nicht für immer „ellende“ (V. 2079) zu bleiben, zieht er davon, um seinen Vater zu finden. Auf seiner Reise trifft er auf die Burgunden Gunther, Gernot und Hagen, die von ihm wissen wollen, wer er sei (vgl. V. 2687). Dietleib gibt sich – wie sein Vater – nicht zu erkennen und wird daraufhin angegriffen. Nach einem kurzen Gefecht, in dem er alle besiegt, zieht er weiter. Am Hof Etzels angekommen, wird Dietleib freundlich begrüßt und in einer Schlacht, in der sowohl Vater als auch Sohn für den Hunnenkönig kämpfen, töten die beiden beinahe einander. Nach dem Kampf schreitet Rüdiger von Bechelaren ein und erklärt, dass sie Vater und Sohn seien. Da erkennen sich Biterolf und Dietleib – die Freude ist groß (vgl. V. 4213ff.). Anschließend erzählt Dietleib, welche Beleidigungen er durch Hagen – und indirekt Gunther – erleben musste. Etzel erklärt sich bereit dies zu rächen und lässt eine Armee aufstellen, darunter sind Dietrich von Bern und andere Helden aus der Lombardei, Ungarn oder Polen. Als Gunther von dem geplanten Angriff erfährt, ruft er ebenfalls seine Männer zu sich (vgl. V. 4741ff.). Etzels Truppen belagern Worms und der Markgraf Rüdiger reitet in die Stadt, um ihr Vorhaben darzulegen. Als Belohnung dafür, dass er diese Nachricht überbracht hat, darf er alle Damen am Burgundischen Hof küssen und Brünhild gibt ihm eine Lanze mit einer roten Flagge, die für die Liebe zu den Frauen steht. Außerdem wollen die Damen entscheiden, wie die zwei Armeen kämpfen werden: entweder in einer großen Schlacht oder in Duellen (vgl. V. 6755ff.). Rüdiger überbringt diese Nachricht den Hunnen, die sich für die Schlacht bereit machen. Hildebrand teilt die Kämpfer ein, doch Dietrich von Bern ist dazu nicht bereit, als er hört, dass er gegen den berühmten Siegfried kämpfen muss. Erst als Hildebrand ihn angreift und zum Kämpfen zwingt, wird Dietrich von der Kampfeslust gepackt (vgl. V. 8149ff.). Unterdessen erzählt Wolfhart, ein Untergebener Dietrichs, dass die Burgunden geübte Turnierreiter wären und dass er diese Kunst nie erlernt hätte. Daraufhin findet ein Turnier statt, und zwar mit den Damen des Burgundenhofes als Publikum, das jedoch schlussendlich in einen Kampf ausartet. Erst als die Nacht hereinbricht, werden die Waffen niedergelegt. Am nächsten Tag wird der Kampf fortgesetzt und bekommt dadurch eine Wende, dass Heime, ein Vasall Dietrichs, ausschert und Siegfried angreift, der ihm sein Schwert Nagelring aus der Hand schlägt. Plötzlich dreht sich alles um dieses Schwert, das verzweifelt am Schlachtfeld gesucht wird. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit findet Hildebrand das Schwert. Der Kampf wird vorerst unterbrochen. (vgl. V. 11248ff.). Am dritten Tag der Schlacht kämpfen 86 Krieger auf beiden Seiten gegeneinander, während sich die anderen ausruhen. Rüdiger gelingt es schließlich sein Wappen vor die Tore von Worms zu bringen, woraufhin die Damen den Kampf für beendet erklären (V. 11505ff.). Gunther lädt die Hunnen an seinen Hof ein, wo gegessen, getrunken und gelacht wird. Zudem kürt er Dietleib zum tapfersten aller Krieger (vgl. V. 12355ff.). Danach ziehen die Truppen von Worms ab und Biterolf kehrt mit seinem Sohn an den Hof Etzels zurück. Dort übergibt Etzel dem König Toledos als Dank für dessen Dienste die Steiermark als Lehen. Biterolf siedelt seine Untertanen aus Spanien in den steirischen Besitztümern an und gründet dort ein neues Herrschergeschlecht (vgl. V. 12833ff.).

Bezüge und Unterschiede zum Nibelungenlied sowie zur Rosengartenszene In Biterolf und Dietleib treten insgesamt 54 Figuren auf, die auch in der Sage rund um die Nibelungen zu finden sind, sich jedoch anders verhalten. Vgl. Norbert Voorwinden: Biterolf und Dietleib: Spiegel einer Spätzeit. In: Klaus Zatloukal (Hrsg.): 4. Pöchlarner Heldenliedgespräch. Heldendichtung in Österreich – Österreich in der Heldendichtung. Fassbaender, Wien 1997, S. 231–253, hier S. 238–239. ISBN 3900538611.

Frauen Die Frauen sind in Biterolf und Dietleib grundsätzlich passiver als die Frauen im Nibelungenlied – man denke etwa an den Königinnenstreit oder an Kriemhilds ausgeklügelten Racheplan. Die Frauen im Biterolf und Dietleib wohnen zwar dem Turnier bei, jedoch sind sie im Gegensatz zum Nibelungenlied nicht Ziel oder Belohnung nach einer ritterlichen Ausfahrt.Vgl. Norbert Voorwinden: Biterolf und Dietleib: Spiegel einer Spätzeit. In: Klaus Zatloukal (Hrsg.): 4. Pöchlarner Heldenliedgespräch. Heldendichtung in Österreich – Österreich in der Heldendichtung. Fassbaender, Wien 1997, S. 231–253, hier S. 239. Eine Ausnahme stellt Helche, die Frau Etzels, dar. Diese würde Biterolf, so berichtet es ihm Walther von Aquitanien, ganz selbstbewusst „krone vnd landt“ (V. 762) anbieten – natürlich mit der Zustimmung ihres Gatten. Auch Brünhild und Kriemhild, die dem Publikum bereits aus dem Nibelungenlied bekannt sind, treten im Biterolf und Dietleib auf, jedoch keineswegs als Rivalinnen, sondern in einem neutralen Nebeneinander am Hof von Worms. Wenn zwei Königinnen an einer Stelle in einen Konflikt geraten, zumindest indirekt, dann sind es nicht Brünhild und Kriemhild, sondern Brünhild und Helche. Zunächst erscheint diese Kombination ungewöhnlich, doch auch in einer Version des Rosengarten zu Worms tritt Helche als Antityp zu Kriemhild auf und bezieht Stellung zur Herausforderung der Burgundenprinzessin. Im Biterolf und Dietleib läuft die Kommunikation jedoch über einen Boten, den Markgrafen Rüdiger, den Helche in Worms fragen lässt, wie es ihrem Ziehsohn Hagen gehe, und ausrichten lässt, dass sie Dietleib mit allen Mitteln gegen Gunther helfen würde (vgl. V. 4830 ff.). Anschließend erkundigt sich Hildegund nach dem Befinden ihrer Mutter Helche – das Publikum weiß bereits aus dem Waltharius von der guten Mutter-Tochter-Beziehung. In diesem Moment greift Brünhild ein und will wissen, ob Helche tatsächlich solch hohes Lob vor allen anderen anwesenden Königinnen verdient habe (vgl. V. 6897 ff.). Auch diese Frage ist dem Publikum bekannt: Im Nibelungenlied beginnt der Königinnenstreit mit Kriemhilds Behauptung, dass ihr Mann das höchste Ansehen in der Gesellschaft verdient habe. Im Biterolf wird der Konflikt jedoch von Anfang an entschärft, indem Rüdiger die Tugendhaftigkeit Helches lobt (vgl. Vv. 6906–6916) und Brünhild nach dieser Eloge, da sie nicht selbst kritisiert werden will, ebenfalls die Qualitäten der Hunnenkönigin unterstreicht (vgl. V. 6920). Vgl. Gunda S. Lange: 5. Biterolf und Dietleib. In: Nibelungische Intertextualität. Generationenbeziehungen und genealogische Strukturen in der Heldenepik des Spätmittelalters. De Gruyter, Berlin / New York 2009, S. 143–175. hier S. 162–163, ISBN 9783110221428.

Karikierung der Helden im Biterolf und Dietleib