mini|hochkant=1.6|Moderne „Lady Loo“-Frauenurinale der Firma GBH in Malaysia, in offener Reihenanordnung mit Trennwänden mini|hochkant=1.2|Das Unisex-Urinal „Urin*all“, welches von allen Geschlechtern genutzt werden kann Ein Frauenurinal ist ein Urinal, welches an die anatomischen Voraussetzungen von Frauen angepasst ist und die Miktion unter Vermeidung eines direkten Körperkontakts zum Objekt ermöglicht. Neben ausschließlich für Frauen konzipierten Urinalen werden von verschiedenen Anbietern Unisex-Urinale vertrieben, die gleichermaßen von Frauen und Männern benutzt werden können.
Urinale für Frauen und Unisex-Urinale sind insgesamt weitaus weniger verbreitet als reine Männerurinale, was zu einer Benachteiligung für Frauen im öffentlichen Raum führt und einen Gegenstand öffentlicher Debatte und Kritik darstellt.Endler, R. (2021): Das Patriarchat der Dinge: warum die Welt Frauen nicht passt. DuMont Buchverlag, ISBN 978-3-8321-7091-2Brauer, E.(2020): Toiletten - Die Materialisierung eines Wechselgefüges von Raum und Geschlecht. In: Pissen* ist politisch: Feministische und kritisch-geographische Perspektiven auf Geographien der Notdurft. Seit den 2010er Jahren finden auch in westlichen Ländern Frauen- und Unisex-Urinale zunehmende Verbreitung, insbesondere bei mobilen Urinalen für Festivals und Veranstaltungen, aber auch festinstalliert in öffentlichen Toiletten.Frauen-Urinale: Würdevoll, sicher und zeitsparend zur Toilette - Frankfurter Rundschau
Hintergrund Die Erfindung und anfängliche Entwicklung des Urinals orientierte sich ausschließlich an männlichen Bedürfnissen, da allein für Männer eine Teilhabe am öffentlichen Raum vorgesehen war. Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts wurden jedoch Modelle entwickelt, welche von Frauen oder von beiden Geschlechtern (bzw. Menschen mit Vulva) benutzt werden konnten. Mit wenigen Ausnahmen wurden diese Entwürfe jedoch nicht in die Massenfertigung überführt, da Betreiber öffentlicher Toiletten keinen Bedarf und Hersteller keinen Markt für diese, an die weibliche Anatomie, angepasste Produkte sahen (siehe Abschnitt: Geschichte).
Durch den geringeren Platzbedarf und die umstandslosere Benutzung führen Urinale zu einer effizienteren Raumnutzung bei Männertoiletten, bei gleicher Raumgröße können diese von mehr Personen gleichzeitig benutzt werden. In der Folge kommt es oft zu einer längeren Nutzungsdauer mit längeren Wartezeiten für Frauen. Darüber hinaus werden im öffentlichen Raum in vielen Städten Urinale zur Verfügung gestellt, die kostenlos nutzbar sind, jedoch aufgrund ihrer Bauweise nur von Männern (bzw. Menschen mit Penis) genutzt werden können. Die von Frauen nutzbaren Toiletten hingegen finden sich seltener und sind kostenpflichtig.Urinale für Frauen: Die Kieler Woche ist erst der Anfang - Die pinken Lapees sorgen in Kiel für viel Gesprächsstoff. Doch auch wenn es erst einmal gedankliche Überwindung kostet: Urinale für Frauen im öffentlichen Raum sind ein Thema, das anzugehen sich lohnt. - NDRDie Entwicklung der Urinale für Frauen - NDR
Diese Ungleichverteilung bezüglich der Anzahl und Nutzungsqualität geht mit klaren Einschränkungen im öffentlichen Leben für Frauen und entsprechend mit geschlechtsbezogenen Benachteiligungen einher. Die über viele Jahrzehnte hingenommene Situation wurde seit der Jahrtausendwende zunehmend als Problem erkannt und thematisiert. Der Forderung von Frauen nach Gleichberechtigung wurde von Seiten der Politik entgegengehalten, dass ein stärkeres Entgegenkommen und mehr Urinale für Männer dadurch gerechtfertigt seien, dass diese sonst „wildpinkeln“ würden. Nachdem 2015 die Studentin Geerte Piening für „Wildpinkeln“ in Amsterdam eine Strafanzeige erhielt, als sie nach dem Feiern auf dem Nachhauseweg von der Polizei dafür angehalten wurde, führte dies zu größeren Protesten. Die Tatsache, dass gleiches Verhalten bei Männern nicht verfolgt wurde, obwohl kostenfreie Urinale in der Stadt verbreitet sind, wurde als diskriminierend empfunden. Im Rahmen sogenannter Zeikwijf-Proteste riefen Aktivistinnen-Gruppen in Amsterdam Frauen zum Wildpinkeln und zur Benutzung der eigentlich für Männer vorgesehenen Urinale auf,[Nach dieser Logik müssten Frauen in Massen auf die Straße pinkeln Pipi-Protest gegen Toilettenmangel: Frauen pinkeln in Pissoirs] - SternNach dieser Logik müssten Frauen in Massen auf die Straße pinkeln - WeltPee'd off: Dutch women test urinals in public loo protest - France24 ähnliche Proteste und Aktionen fanden auch in anderen Städten wie Berlin statt.Berliner demonstrieren für gleichberechtigtes Pinkeln - FAZ Die angestoßenen Debatten führten ab den 2010er Jahren zu einer Wiederbelebung des Konzepts von Frauen- bzw. Unisexurinalen, welche für alle Menschen gleichermaßen nutzbar sind.Gleichberechtigung auf dem Klo: Urinale für alle! - Deutschlandfunk NovaUrinal für Frauen Schluss mit der Schlange vor dem Damenklo - Deutschlandfunk KulturGleichberechtigung bei öffentlicher Infrastruktur Amsterdam: Wildpinklerinnen protestieren mit Erfolg - Deutschlandfunk Nova
Körperhaltung von Frauen bei der Miktion Für Entwurf und Planung von Frauenurinalen ist im Vorfeld die Frage von Relevanz, welche Körperhaltung und Benutzungsweise am ehesten den erwartbaren Bedürfnissen der Benutzerinnen entspricht.
In den 1970er Jahren wurden von Alexander Kira, Professor für Architektur und Experte für Sanitärwesen, an der Cornell University Studien zum Miktionsverhalten beider Geschlechter durchgeführt. Er verfolgte den Anspruch, Sanitärobjekte zu entwickeln, die auf den menschlichen Körper und seine Bedürfnisse angepasst waren, und dabei auch mit konventionellen Gestaltungsvorgaben zu brechen.Designed-In Safety. The radical reformers who sought to redesign the American bathroom. – Places JournalThe History of the Bathroom Part 5: Alexander Kira and Designing For People, Not Plumbing. – Treehugger Auf einer klassischen Sitztoilette wird die „korrekte“ Benutzung durch die Form des Sanitärobjekts vorgegeben. Kira ging unter anderem der Frage nach, welche Körperpositionen Männer und Frauen vorzugsweise einnehmen, wenn keine äußeren Vorgaben erfolgen, beispielsweise bei der Miktion in freier Natur. Er untersuchte die Trajektorien des Urinstrahls und deren Kontrollierbarkeit sowie Bequemlichkeit und gesundheitliche Aspekte verschiedener Körperpositionen. Während Männer in der Regel in stehender Körperhaltung urinieren und den Strahl dabei, mit der Hand steuernd, nach vorne leiten, nehmen Frauen vorzugsweise eine Hockposition ein. Dabei wird der Strahl durch die Haltung des gesamten Körpers kontrolliert und ist senkrecht nach unten bis schräg nach vorne gerichtet. Diese Position ist für Frauen allgemein am bequemsten und geht mit der geringsten Sprühstreuung einher.A. K. Kira: The bathroom. Penguin Books, 1976, ISBN 0-14-004371-3.Urine trajectories by sex | Alexander Kira. – Society Pages
Hockpositionen können weiterhin in eine Vollhocke und eine Halbhocke differenziert werden. Bei einer Vollhocke sind die Beine maximal angewinkelt und das Gesäß wird bis auf Knöchelhöhe dem Boden angenähert. Der Urinstrahl ist bei dieser Körperhaltung tendenziell senkrecht abwärts bis leicht nach vorne gerichtet. Diese Haltung wird von einigen Frauen durch ein Zurücklehnen bei gleichzeitigem Abstützen mit den Händen variiert, wobei der Strahl stärker nach vorne gerichtet ist. In der Halbhocke, auch als Skifahr- oder Abfahrtsposition bezeichnet, befindet sich der Körper in einer eher stehenden Position mit leicht angewinkelten Beinen und nach vorne geneigtem Oberkörper. Der Urinstrahl ist bei dieser Körperhaltung tendenziell senkrecht abwärts bis leicht nach vorne gerichtet. Hockpositionen werden von Frauen bei der Miktion in der Natur, also außerhalb sanitärer Einrichtungen, eingenommen.
Alle gängigen Frauenurinale orientieren sich in ihrer Gestaltung an den von Frauen natürlicherweise eingenommenen Positionen und sind entsprechend für die Benutzung in – abhängig vom Modell – Halb- oder Vollhocke vorgesehen.
In einer von der Fachhochschule Gelsenkirchen in Kooperation mit der Hochschule der Künste Berlin durchgeführten Studie zum Benutzungsverhalten von Toiletten gab ein Großteil der Frauen an, diese in der Halbhocke zu benutzen:
Bauweise und Benutzung gängiger Frauenurinale
Die heute angebotenen Modelle orientieren sich in ihrem Aufbau an der vorgesehenen Körperhaltung bei der Benutzung. Wie oben ausgeführt kann dies die Halbhocke (die sogenannte Skifahrhaltung) oder die Vollhocke sein. Frauenurinale zur Benutzung in der Halbhocke sind meist an der Wand verankert und lehnen sich in Form und Gestaltung an Männerurinale an. mini|hochkant=1.2|links|Hinweis zur Benutzung eines Frauenurinal in Halbhocke (Skifahrhaltung)
In der Studie von Alexandrowicz et al. wurden die Frauen auch befragt, in welcher Körperhaltung sie sich am besten die Benutzung eines Frauenurinals vorstellen könnten, 81 % gaben dabei stehend bzw. in Halbhocke/Skifahrhaltung an und nur 19 % bevorzugten eine sitzende bzw. tief hockende Körperhaltung.
Die meisten heute eingesetzten Modelle sind auch so konzipiert, dass sie rückwärtsgewandt in einer leichten Halbhocke, der so genannten „Skifahrhaltung“, benutzt werden. Diese orientiert sich an der Haltung, die Frauen in der Regel auf herkömmlichen öffentlichen Toiletten einnehmen, sofern diese verschmutzt sind beziehungsweise ein Körperkontakt nicht gewünscht ist.
Darüber hinaus existieren Modelle, die in der Vollhocke benutzt werden, wie beispielsweise das seit 2018 verfügbare Missoir. Dieses ist flach in den Boden eingelassen, verfügt über einen Spritzschutz und spezielle Membran-Geruchsverschlüsse und funktioniert ohne Wasserspülung. Die Benutzung des Missoirs erfolgt nach Angaben des Herstellers in der natürlichen Hockposition, welche Frauen auch üblicherweise in freier Natur einnehmen. Diese sei mit weniger Anspannung der Blasen- und Beckenbodenmuskulatur verbunden. Das Missoir kann stationär im öffentlichen und halböffentlichen Raum eingesetzt oder in bereits vorhandene Toilettenräume eingebaut werden und gilt als „überfälliges Pendant zum Pissoir“.Feministisch Pinkeln : In Berlin gibt es jetzt ein Pissoir für Frauen – das „Missoir“ – Der Tagesspiegel
Beide konkurrierenden Bauweisen werden als praktikabel erachtet. Die Stadt Berlin führte 2023 eine einjährige Pilotphase für die zukünftige Integration von Frauen- bzw. Unisexurinalen in die öffentlichen Toiletten der Stadt durch, wobei sowohl das Urinal von Finizio (Unisex-Urinal, welches von Frauen in Skifahrer-Position genutzt wird) als auch das Hockurinal Missoir (als Pendant zu klassischen Männer-Urinalen) gegeneinander getestet wurden. Beide Varianten wurden von den Nutzerinnen und Nutzern sehr gut angenommen, jeweils über 90 Prozent gaben an, dass die Benutzung der Urinale sehr oder eher praktikabel ist.Klimafreundliche Parktoiletten für Berlin - Berlin.de
Vorteile im Vergleich zur Toilette mini|hochkant=1.2|Öffentliche Toiletten werden überwiegend zum Zweck der Miktion aufgesuchtD. Kyriakou, J. Jackson: We Know Squat About Female Urinals. In: Plumbing Connection. Herbst 2011, S. 54 Urinale bieten gegenüber Toiletten sowohl im Unterhalt als auch in der Benutzung verschiedene Vorteile. So sind sie platzsparender anzubringen, auf der Grundfläche einer Toilettenkabine ließen sich mehrere Urinale installieren. Diese sind im Betrieb ökonomisch und ökologisch günstiger zu betreiben, da im Vergleich zur Toilette weniger Wasser beim Spülvorgang gebraucht wird; moderne Trockenurinale wie das Missoir kommen sogar ohne Wasser aus. Für die Benutzerinnen ergibt sich der Vorteil eines hygienischeren, weil kontaktlosen, Miktionsvorgangs.