Kyritz, auch Kyritz an der Knatter, ist eine Stadt im Landkreis Ostprignitz-Ruppin im Nordwesten von Brandenburg mit etwa 9300 Einwohnern. Sie geht auf slawische Wurzeln zurück, wurde ab Mitte des 12. Jahrhunderts vom Rheingebiet und von Holland und Flandern aus neu besiedelt und war Mitglied der Hanse. Nach dem Dreißigjährigen Krieg wurde die menschenleere Stadt erneut aus dem Westen besiedelt. Im 18. Jahrhundert wurde sie preußische Garnisonsstadt.
Geografie Die Stadt liegt in der historischen Landschaft Prignitz im Nordwesten Brandenburgs. Durch Kyritz verläuft die naturräumliche Grenze zwischen Kyritzer Platte im Westen und Dosseniederung im Osten, wo sich die nahe Kyritzer Seenkette befindet. An den östlichsten Ortsteil Teetz schließt sich die Wittstock-Ruppiner Heide an.
Benachbarte Städte, Ämter und Gemeinden sind Heiligengrabe im Norden, Wittstock/Dosse und das Amt Temnitz im Nordosten, Wusterhausen/Dosse im Osten, das Amt Neustadt (Dosse) im Süden sowie die Gemeinden Plattenburg im Südwesten und Gumtow im Westen.
Kyritz trägt im Volksmund den Beinamen „an der Knatter“. Für den Beinamen Knatter war das Geräusch der früher zahlreichen knatternden Wassermühlen an einem Nebenarm der Jäglitz namensgebend. Von den fünf Wassermühlen existiert heute nur noch eine als Gebäude.
Stadtgliederung Die Stadt Kyritz gliedert sich zum einen in die Kernstadt mit den Wohnplätzen Blechern Hahn, Feldsiedlung, Grünfelde, Heinrichsfelde, Karl-Friedrichshof, Karnzow, Köhnsbau, Rüdow, Stolpe, Waldkolonie und Wolfswinkel, zum anderen in zehn Ortsteile, nämlich Berlitt, Bork, Drewen und Gantikow, dann Holzhausen mit dem Wohnplatz Vollmersdorf, Kötzlin und Lellichow, schließlich Mechow und Rehfeld mit den Wohnplätzen Klosterhof und Wilhelmsgrille sowie Teetz-Ganz mit den Wohnplätzen Teetz und Ganz.
Geschichte Urgeschichte Die menschliche Besiedlung der Prignitz lässt sich bis in die Zeit vor 7000 v. Chr. belegen. Bis zum Jahr 2018 sind über 3500 Fundstellen bekannt. Im nacheiszeitlichen Mesolithikum kamen Jäger und Sammler in das Urstromtal der Elbe, ihnen folgten bäuerliche Kulturen, wie sie etwa im Großsteingrab Mellen fassbar werden, oder im mehr als zwei Jahrtausende jüngeren Fürstengrab von Seddin aus der Zeit um 800 v. Chr.
Germanen (um Chr. Geb. bis 6. Jahrhundert), Slawen (ab 7. Jahrhundert) Um die Zeitenwende nennt Tacitus die germanischen Semnonen und Langobarden als Bewohner. Nach deren Abzug lebten ab dem 7. Jahrhundert Slawen in der Region. Ihre Siedlungskammern bestanden vor allem an Elbe, Havel, Stepenitz und Dosse.
Um 800 begannen Versuche, die Slawen gewaltsam zu bekehren. Unter Otto I. wurde die Prignitz dem Missionsbistum Havelberg eingegliedert. Doch mit dem Slawenaufstand von 983 endeten die Christianisierungsversuche schlagartig, und die Slawen, hier die Dossanen, setzten sich gegen alle Eroberungsversuche eineinhalb Jahrhunderte lang erfolgreich zur Wehr.Antje Reichel: Sozial- und Kulturgeschichte der Prignitz. In: Wolf-Dietrich Meyer-Rath: Die Kirchen und Kapellen der Prignitz. Lukas Verlag, Berlin 2016, S. 8–13, hier: S. 8.
Im Jahr 948 wurde der Gau Chorizi erstmals urkundlich erwähnt, der wohl eine frühe Form des Namens Kyritz sein dürfte. Er geht auf altpolabisch *Kyrica ‚Siedlung bei den Büschen‘ zurück. Südöstlich von Kyritz, in Wusterhausen, ließ sich ein slawischer Ringwall von 100 m Durchmesser (nebst Vorburgsiedlung) aus dem 11. Jahrhundert nachweisen, der wohl einer Art Regionalfürsten der Dossanen unterstand und bis über die Mitte des 12. Jahrhunderts hinaus, für einige Zeit auch von den deutschen Eroberern, genutzt wurde. In der Nähe der dortigen Stadtkirche wurden auch slawische Schwerter entdeckt.André Reichel: Geschichtsträchtiger Boden gibt weitere Geheimnisse preis. In: Märkische Allgemeine, 29. Juni 2019 (maz-online.de). Im November 2014 wurden die menschlichen Überreste eines 50- bis 60-jährigen Mannes in der Kyritzer Schulenburg-Straße entdeckt, die in die Zeit zwischen 981 und 1057 datiert wurden. Aus der Zeit um 1100 stammt das 2018 entdeckte Grab eines Kleinkindes in der Prinzenstraße, das aufgrund der Zeitstellung einer slawischen Siedlung angehört haben muss. Der Körper des Kleinkindes war westöstlich ausgerichtet; wahrscheinlich befindet sich dort ein ganzes Gräberfeld.André Reichel: Gräberfeld unter der Straßenkreuzung. In: Märkische Allgemeine, 23. Juli 2018 (maz-online.de).
Wendenkreuzzug (1147), Lehen, Aufstieg zur Hansestadt (vor 1229 bis nach 1417) Mit dem Wendenkreuzzug endete 1147 die Selbstständigkeit und pagane Kultur der Slawen und Siedler aus dem Westen des Römisch-deutschen Reiches kamen in die Region. Wie die anderen eroberten slawischen Gebiete, so wurde auch die Prignitz in terrae aufgeteilt, darunter ein Herrschaftsbereich um Kyritz. Nach Helmold von Bosau „verschwanden“ die Slawen allmählich, stattdessen wurden um 1158 neue Siedler vom Rhein, aber auch aus Holland, Seeland und den flämischen Gebieten angeworben. So entstanden in der Prignitz etwa 450 Bauerndörfer.Antje Reichel: Sozial- und Kulturgeschichte der Prignitz. In: Wolf-Dietrich Meyer-Rath: Die Kirchen und Kapellen der Prignitz. Lukas Verlag, Berlin 2016, S. 8–13, hier: S. 9 f. 1229 erscheint ein „Johann von Plote“ in einer Urkunde als Besitzer von Kyritz. 1237 erhielt Kyritz das Stendaler Stadtrecht durch die Herren von Plotho, genauer durch einen Johann und seinen Bruder Konrad.Adolph Friedrich Johann Riedel: Die Mark Brandenburg im Jahre 1250. Teil 1, Berlin 1831, S. 227. Diese Familie, die auf der Burg Kyritz saß, hatte alle landesherrlichen Rechte inne, auch über den noch kleinen Ort, jedoch wohl nur in Form eines Lehens. Den Kyritzern war es gestattet, sich aus ihrer Mitte einen Vogt zu wählen, eine Art Sachwalter gegenüber den Lehensträgern. Vielfach fielen diese Lehen an den Markgrafen von Brandenburg zurück. Zur Missionierung wurden Klöster gegründet. Innerhalb der Kyritzer Mauern, bestehend aus einer turmbesetzten Stadtmauer mit drei Toren und vorgelagerten Wallanlagen sowie Gräben, entstand Ende des 13. Jahrhunderts (jedenfalls vor 1303) ein Franziskanerkloster – neben Neubrandenburg und Gransee eines von dreien im Bistum Havelberg –, das bis zur Reformation bestand. mini|Einträge in der Ratsbibel zu spätmittelalterlichen Ereignissen mini|hochkant|Stadtkirche St. Marien mini|hochkant=0.7|Gedenktafel für den Kyritzer Chronisten und Franziskaner Matthias Döring († 1469) und dessen Kloster. Döring beschwerte sich beim Landesherrn über die Umtriebe der Ritter in der Umgebung der Stadt und arbeitete bis 1464 an einer Chronik, deren Fortsetzung er einer anderen Hand überließ. Weit größere Unabhängigkeit erlangte die Stadt, die günstig am Pilgerweg Berlin–Wilsnack lag, in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Im Zuge dieser Entwicklung wurde sie zu einem unbekannten Zeitpunkt wohl Mitglied der Hanse, wobei der Anschluss an deren Handelsnetz über das Flüsschen Jäglitz bis Havelberg – die Rechte daran ließ sich die Stadt bereits Mitte des 13. Jahrhunderts von ihrem damaligen Stadtherrn bestätigen – und die Havel erfolgte.Sascha Bütow: Straßen im Fluss. Schifffahrt, Flussnutzung und der lange Wandel der Verkehrsinfrastruktur in der Mark Brandenburg und der Niederlausitz vom 13. bis zum 16. Jahrhundert. Lukas Verlag, Berlin 2015, S. 226. Die Mitgliedschaft in der Hanse ergibt sich aus einer Aufforderung Rostocks an verschiedene Städte vom 6. Januar 1359, zur nächsten Tagfahrt in Lübeck zu erscheinen.Klaus Krüger: Zur Bündnispolitik der Stadt Havelberg im späten Mittelalter. In: Leonhard Helten (Hrsg.): Der Havelberger Dombau und seine Ausstrahlung. Lukas Verlag, Berlin 2012, S. 45–58, hier: S. 45. Neben Kyritz waren in der Prignitz auch Perleberg, Pritzwalk und Havelberg Hansestädte. Um diese Zeit wurden in Kyritz die Pfarrkirche St. Marien und die Stadtmauer gebaut. Die Kirche und Reste der Stadtmauer – in jüngster Zeit wurde das Holzhausener Tor ausgegraben. – existieren heute noch. Das Ende des 13. Jahrhunderts gegründete Franziskanerkloster wurde ab 2016 ausgegraben; dabei handelte es sich zunächst um einen schmucklosen Granitbau, der jedoch im 14. Jahrhundert mit Ziegelsteinen im spätgotischen Stil umgebaut wurde.
Zwar erscheinen in der Urkunde von 1237 bereits zwei Männer als Vertreter der Stadt, doch diese Vertreter werden erst 1329 erstmals als „consules“ bezeichnet.Hans Gressel: Die Stadt Kyritz. Entwicklung, Verfassung und Wirtschaft bis zur Städteordnung 1808/09, Friedrich-Wilhelms-Universität, Berlin 1939, S. 29. Das Streben nach Selbstbestimmung der Städte erwies sich auch in zwei Versammlungen in Spandau im Jahr 1349. Dort wurden Bündnisbriefe verabschiedet, die vom 26. Januar und 6. April des Jahres datieren, und in der sich die Städte selbstbewusst als „wy Stede der marke to Brandenburch“ bezeichneten, nicht mehr als Räte, wie zuvor. Beteiligt waren 35 Städte der Mittelmark, der Altmark, der Uckermark und der Prignitz. Aus der Prignitz waren dies nach Perleberg die Städte Havelberg, Sandau, Kyritz, Pritzwalk und Freyenstein.Klaus Krüger: Zur Bündnispolitik der Stadt Havelberg im späten Mittelalter. In: Leonhard Helten (Hrsg.): Der Havelberger Dombau und seine Ausstrahlung. Lukas Verlag, Berlin 2012, S. 45–58, hier: S. 52; 1359 war daneben noch Lenzen Hansestadt. Der Ritter Bassewitz (nicht gesichert) überfiel 1381 die Stadt. Im Jahr 1411 wurde er gefasst und enthauptet (nicht gesichert). Das Schwert, mit dem er (angeblich) hingerichtet wurde, ist heute im Rathaus ausgestellt (siehe Bassewitzfest Kyritz). Die Zerstörungen gingen so weit, dass am Ende des 15. Jahrhunderts etwa 40 % der Dörfer wüst lagen. 1417 wurde Kyritz letztmals als Hansestadt erwähnt.
Im Jahr 1488 wurde erstmals Kyritzer Bier mit dem Namen „Mord und Totschlag“ gebraut. Dieses Bier wird heute von der Klosterbrauerei Neuzelle hergestellt. Auch die Tuchmacherei erhielt eine wachsende Bedeutung und wurde zu einem der beiden wichtigsten Handwerke der Stadt.
Reformation, Pest (1626), Ackerbürgerstadt, Garnisonsstadt (1718–1806) mini|Die um 1450 entstandenen Flügel des Achatiusaltars in der Stadtpfarrkirche stammen aus der Dorfkirche Büsenhagen. Der zugehörige Aufsatz stammt von 1683, die Predella ist barock.Wolf-Dietrich Meyer-Rath: Die Kirchen und Kapellen der Prignitz. Wege in eine brandenburgische Kulturlandschaft. Lukas Verlag, 2016, S. 121. Mit der Reformation wurde das Franziskanerkloster aufgegeben, um 1552 Sitz des St.-Spiritus-Hospitals zu werden. Nach dem Brand der Marienkirche von 1622, die erst zwischen 1709 und 1714 wieder hergestellt wurde, diente die Klosterkirche als Gemeindekirche der Stadt. Noch 1757 wurde der Ostflügel barock umgebaut. Doch 1781 wurde die Kirche an einen Gastwirt auf Abriss verkauft, woraufhin dieser das Bauwerk bis 1790 weitgehend abbrach. Heute besteht nur noch der Ostflügel der Klausur mit der Nordwand der Klosterkirche.Edeltraud Pawelka, Torsten Foelsch, Rolf Rehberg: Städte der Prignitz. Sutton, Erfurt 2004, S. 30, 33.
Doch noch immer blühte die handwerkliche Tradition, wie etwa das Brauhandwerk. So gab es 1610 etwa 300 Brauhäuser sowie 300 Tuchmacher in der Stadt. Die recht vermögende Stadt hatte dem Landesherrn militärisch zur Verfügung zu stehen. Dazu fanden regelmäßig Musterungen statt, wie etwa 1578 zusammen mit der Stadt Pritzwalk.Hans Gressel: Die Stadt Kyritz. Entwicklung, Verfassung und Wirtschaft bis zur Städteordnung 1808/09, Friedrich-Wilhelms-Universität, Berlin 1939, S. 90.