Ein Homophon bzw. Homofon ( „gleichlautend, zusammentönend“) ist ein Wort, das die gleiche Aussprache wie ein anderes mit unterschiedlicher Bedeutung hat. Der Begriff wird unterschiedlich definiert, so werden manchmal auch Wörter mit verschiedenen Genera einbezogen wie z. B. „die Leiter“ (Gerät) und „der Leiter“ (Funktion). Bei gleicher Schreibweise sind sie zugleich Homographen. Nach Alfred RaabAlfred Raab: Homophone der deutschen Sprache. 1. Auflage. rab-Verlag, Nürnberg 1971. zählen Wörter mit gleicher Schreibweise nicht zu den Homophonen.

Man kann polyseme und homonyme Homophone unterscheiden.

Wie Paronyme können auch Homophone zu Verwechslungen führen. Das kommt aber selten vor. Der Sinn der Homophone ergibt sich in der mündlichen Sprache aus dem Zusammenhang. In der Schriftsprache unterscheidet man sie gegebenenfalls durch verschiedene Schreibweisen.

Homophone in verschiedenen Sprachen Deutsch Homophone sind im heute gebräuchlichen Hochdeutschen recht häufig. Zu beachten ist jedoch, dass Wörter in bestimmten Regionen homophon sein können, in anderen Regionen, oder in der hochdeutschen Bühnensprache nach Theodor Siebs, jedoch nicht. Beispielsweise werden die Langvokale ä ([ɛ:]) und e ([e:]) nach Siebs unterschieden, regional jedoch häufig nicht, so dass dann beispielsweise Ähre und Ehre homophon werden. Umgekehrt wird zum Beispiel die deutsche Auslautverhärtung im südlichen Teil des deutschen Sprachraums nicht durchgeführt, so dass Grad und Grat sich unterscheiden, aber in der Siebsschen Bühnensprache, die sich an der norddeutschen Aussprache orientiert, zu Homophonen werden. Die folgende Liste an Beispielen ist mit der Aussprache nach Siebs zu lesen.

BeispieleFür Beispielsätze mit diesen und anderen Homophonen siehe Fausto Cercignani, Beispielsätze mit deutschen Homophonen aß Aas arm Arm bis Biss Boot bot C Zeh das das dass E eh' Fähre faire Ferse Verse Färse fiel viel frisst Frist G geh garten Garten Gewand gewandt Gin Dschinn Grad Grat Graf Graph Hai Hi Hälmchen Helmchen hält Held hellt Hämmer Hemmer Häute heute Hertz Herz Ihre Ire isst ist Kain kein Kälte Kelte konnten Konten küsste Küste Laie Leihe laichen Leichen Lärche Lerche lasst Last Leere Lehre Leib Laib Lid Lied Mahl mal Mal Main mein meins Mains (Gen.) Mainz O oh man Mann Meer mehr Mär Miene Mine misst Mist Mohr Moor Nachnahme Nachname Phase Fase pisste Piste R er Rad Rat Rasen rasen rein Rhein Rain reist reißt reihst rinnt Rind ruhte Rute Route S es Seen sehen Saite Seite seid seit seiht schafft Schaft Schlächter schlechter Stadt statt T Tee Trend trennt Uhr Ur- Verben werben Volt wollt Waagen wagen Wagen vagen Wahl Wal wahr war wahre Ware Waise Weise weise Wände Wende Weck weg W Weh Wehr wer wieder wider wird Wirt wirrt

Englisch Das Englische ist besonders reich an Wörtern, die gleich ausgesprochen werden, aber völlig verschiedene Bedeutungen haben. Robert Bridges zählte 1919 in einem heute klassischen Aufsatz nicht weniger als 1.775 im allgemeinen englischen Sprachgebrauch geläufige Homophone auf (wobei dieser Reichtum an Homophonen seiner Ansicht nach nicht etwa eine Zierde, sondern vielmehr einen Makel der englischen Sprache darstelle).Robert Bridges: On English Homophones. (= S. P. E. Tracts Nr. II). 1. Auflage. Oxford University Press, London 1919. (englisch)

Beispiele ail ale air err heir aisle I’ll isle are r ate eight b be bee ball bawl beach beech bight bite byte blew blue boar bore break brake buy by bye c see sea cents scents sense check Czech colonel kernel currant current dual duel ewe u you eye I feat feet flour flower for four gnu knew new hear here heel he’ll hole whole hour our its it’s knight night knot not know no lead led made maid mail male meat meet o owe oar or ore p pee raid rayed raise rays raze read red right write ring wring rose rows sail sale scene seen son sun steal steel sweet suite t tea (golf)tee taught tort their there they’re to too two wait weight watt what weal we’ll wheel wear where whose who’s wood would your you’re y why

Französisch Auch im Französischen entwickelte sich im Laufe seiner Geschichte eine hohe Anzahl von Homophonen. Eine unterschiedliche Bedeutung entspricht aber meist einer unterschiedlichen (historisierenden) Schreibweise.

Beispiele ou (oder) où (wo) houx (Stechpalme) mer (Meer) mère (Mutter) maire (Bürgermeister) mètre (Meter) mettre (setzen, stellen, legen) maître (Meister) sot (dumm, Dummkopf) saut (Sprung) sceau (Siegel) seau (Eimer) soi (sich) soit … soit (entweder … oder) sois ([du] seist, sei!) soie (Seide) foi (Glauben) foie (Leber) (une) fois (einmal) Foix (Ortsname) sou (Sol (Münzeinheit)) sous (unter) saoul, soûl (betrunken) soue (Schweinestall) sein (Busen) seing (Unterschrift) sain (gesund) saint (heilig) cinq (fünf)* au (dem), aux (denen) eau (Wasser), eaux (Gewässer) haut (hoch) aulx (Lauchgewächse) os (Knochen (Pl.)) verre (Glas)** vair (Feh)*** ver (Wurm) vers (gegen) vers (Vers) vert (grün) air (Luft) aire (Areal) ère (Ära) erre (irrt herum) hère (Hirschkalb) haire (Büßerhemd)

* : bei nachfolgendem Wort, das mit Konsonant oder „h aspiré“ beginnt ** : siehe die Glasschuhe bei Cendrillon *** : graues Winterfell des Eichhörnchens

Chinesisch In den Tonsprachen, in denen Wörter anhand eines Tonems distinktiv sind, wird Homophonie auch durch Ton definiert. In den chinesischen Sprachen, z. B., sind die Wörter/Zeichen, deren Aussprache bei An-, Auslaut und Ton identisch sind, Homophone. Die Wörter/Zeichen aus derselben Silbe, aber mit verschiedenem Ton, werden nur in wenigen Fällen als Homophone gezählt, z. B. in der Informationsverarbeitung. Die phonetische Evolution und die Wortschatzerweiterung steigern die Anzahl der Homophone in den chinesischen Sprachen. Die Wahrscheinlichkeit der Homophonie ist im Hochchinesischen besonders hoch.

Das Gedicht Löwen-essender Dichter in der Steinhöhle von Zhao Yuanren, das nur aus der phonetischen Silbe „shi“ besteht und nur in den Tonwerten variiert, ist allerdings selbst für Chinesen nur anhand der Schriftzeichen verständlich. In anderen, silbenreicheren Dialekten des Chinesischen wird das Gedicht dann wieder akustisch verständlich. Von den chinesischen Dialekten ist besonders das Kantonesische zu nennen, das alte Lesungen besonders gut bewahrt hat.

Chinesisch Pinyin Deutsch„Shī Shì shí shī shǐ“

Shíshì shīshì Shī Shì, shì shī, shì shí shí shī. Shì shíshí shì shì shì shī. Shí shí, shì shí shī shì shì. Shì shí, shì Shī Shì shì shì. Shì shì shì shí shī, shì shǐ shì, shǐ shì shí shī shìshì. Shì shí shì shí shī shī, shì shíshì. Shíshì shī, Shì shǐ shì shì shíshì. Shíshì shì, Shì shǐ shì shí shì shí shī. Shí shí, shǐ shí shì shí shī, shí shí shí shī shī. Shì shì shì shì.Die Geschichte des Shi, der Löwen isst

Steinhöhlendichter Shi, süchtig nach Löwen, schwört, zehn Löwen zu essen. Oft geht er auf den Markt, um Löwen zu sichten. Um zehn Uhr passieren gerade zehn Löwen den Markt. Zu dieser Zeit passiert auch Shi gerade den Markt. Er sieht die zehn Löwen, kraft seiner Pfeile schickt er die zehn Löwen in den Tod. Er bringt die zehn Löwenleichen zur Steinhöhle. Die Steinhöhle ist feucht. Er befiehlt seinem Diener, diese abzutrocknen. Nachdem die Steinhöhle abgetrocknet worden ist, versucht er, die zehn Löwen zu essen. Beim Essen merkt er, dass diese zehn Löwen eigentlich zehn Steinlöwenleichen sind. Versuche dies zu erklären.

Japanisch und Koreanisch mini|hochkant=1.1|Beispiele für Homophone im Koreani­schen. Oben die Aussprache in Hangeul-Buchstaben, darunter neun Homophone, gesprochen sudo, die mit den gleichen Hangeul-Zeichen geschrieben werden und sich nur durch die unterschiedlichen chine­sischen Hanja-Schriftzeichen unter­scheiden lassen, die im Koreanischen ebenfalls ver­wendet werden.

Anders als die chinesischen Sprachen ist weder das Japanische noch das Koreanische eine Tonsprache. Da mit der Schrift auch viele chinesische Begriffe in der japanischen und koreanischen Sprache übernommen wurden (vergleiche On-Lesung im Japanischen), kommt es durch das Fehlen von Tönen und die relative Schlichtheit der Silben in beiden Sprachen zu einer hohen Anzahl von Homophonen.

Abgrenzung Homophonie ist nicht zu verwechseln mit Kurzschriften, bei denen bewusst Buchstaben, Silben, Worte oder Ausdrücke eines Textes durch Symbole oder Buchstabenfolgen ersetzt werden. Beispiele für Kurzschriften sind: Stenografie Der Ersatz von Worten durch Buchstaben (z. B. ND für Ende oder im Englischen NRJ für Energy) Mathematische Symbole (z. B. ≈ für ungefähr gleich oder ÷ für geteilt durch)

Literatur Walter Fischer: Englische Homophone. 3. Auflage. Hueber Verlag, München 1970. Alfred Raab: Homophone der deutschen Sprache. 1. Auflage. rab-Verlag, Nürnberg 1971. Joachim Riehme: Gleich gesprochen – verschieden geschrieben: zum Verwechseln ähnliche Wörter und ihre richtige Schreibung. 2. Auflage. Bibliographisches Institut Leipzig, Leipzig 1990, ISBN 3-323-00172-9.

Siehe auch Homöophon Homophone Verschlüsselung Fehlerlinguistik Liste falscher Freunde

Weblinks

In: Familientagebuch.de, als Mitschnitt an der Uni Hamburg zum Anlass der Emeritierung von Prof. Ternes

Quellen

Kategorie:Semantik Kategorie:Phonetik