mini|Opfer des Massenmordes, 22. April 1945 in Gardelegen
Die Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe Gardelegen in Gardelegen in Sachsen-Anhalt erinnert an ein nationalsozialistisches Endphaseverbrechen, nämlich die Ermordung von mehr als 1016 KZ-Häftlingen bei einem Massaker und bei Todesmärschen um Gardelegen in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs. Bis 2015 wurde die Stätte als Mahn- und Gedenkstätte Isenschnibber Feldscheune bezeichnet. Ihren aktuellen Namen vereinbarten die Hansestadt Gardelegen und die Stiftung Gedenkstätten Sachsen-Anhalt gemeinsam in einem Vertrag zur Überführung der vormals kommunalen Gedenkstätte in die Trägerschaft des Landes Sachsen-Anhalt.
Das Massaker Am 13. April 1945 wurden in der rund einen Kilometer nordöstlich der Stadt gelegenen Isenschnibber Feldscheune 1016 KZ-Häftlinge ermordet.
Hintergrund Anfang April 1945 wurden die nunmehr frontnahen Außenlager des KZ Mittelbau-Dora in Ellrich-Bürgergarten, Ilfeld, Mackenrode, Nüxei, Osterhagen, Rottleberode, Stempeda und Wieda sowie ein Außenlager des KZ Neuengamme in Hannover-Stöcken vor den herannahenden alliierten Truppen geräumt. Die Lager-Wachmannschaften der SS und der Wehrmacht trieben die KZ-Häftlinge aus den Lagern im Südharzer Vorland teils in Räumungstransporten per Bahn in die Altmark, teils auf Todesmärschen zu Fuß über den Harz. Ihr ursprüngliches Ziel waren wohl die Konzentrationslager Neuengamme, Bergen-Belsen und Sachsenhausen.
In Wernigerode wurden die über den Harz marschierten Häftlingskolonnen in Güterwaggons gepfercht und per Bahn weiter in Richtung Norden transportiert. Eine weitere Gruppe von rund 600 kranken Häftlingen aus dem KZ Hannover-Stöcken wurde direkt in Güterwaggons verladen, um nach Bergen-Belsen gebracht zu werden.
Nach mehrtägigen Fahrten kamen die Transportzüge mit den KZ-Häftlingen aus Hannover und dem Harz in der Umgebung von Gardelegen – in den beiden Ortschaften Mieste und Letzlingen – zum Stehen. Wegen zerstörter Gleisanlagen, defekter Triebfahrzeuge und der herannahenden Front waren die ursprünglichen Zielorte nicht mehr zu erreichen. Insgesamt befanden sich durch diese Situation etwa 4000 bis 5000 Häftlinge in der Region.Torsten Haarseim: Gardelegen 1945 – Dokumentation des Unfassbaren. edition winterwork, 2015, ISBN 978-3-86468-907-9, S. 8 ().
Der SS-Hauptscharführer Erhard Brauny und weitere Angehörige der Wachmannschaften, der Wehrmacht und des Volkssturms trieben die Überlebenden der mörderischen Transporte zu Fuß weiter auf Todesmärschen in verschiedene Richtungen. Ein Teil der Häftlinge gelangte schließlich nach Gardelegen in die Remonteschule, eine Kaserne für die Ausbildung der Kavallerie.Herbert Becker: Gardelegen. Sutton Verlag GmbH, 2011, ISBN 978-3-86680-840-9, S. 5 (). Dort befanden sich am 13. April 1945 zwischen 1050 und 1100 Häftlinge. Entlang der Marschwege wurden viele Häftlinge ermordet, manchen gelang die Flucht.
Während die Häftlinge in der Kaserne keine Klarheit über ihre weitere Zukunft hatten, ordnete der NSDAP-Kreisleiter Gerhard Thiele deren Ermordung an. Am Abend des 13. April wurden die Häftlinge in Marschkolonnen zu je 100 Personen zu einer Feldscheune des von der Familie Bloch von Blottnitz bewirtschafteten Gutes Isenschnibbe am Stadtrand getrieben. Nicht gehfähige Menschen wurden mit Fuhrwerken transportiert. Nach ihrer Ankunft wurden die Häftlinge in das steinerne und mit Ziegeldach „hartgedeckte“ Gebäude hineingepfercht und eingesperrt. Drei der vier großen Schiebetüren wurden verriegelt.
Tatverlauf, Täterschaft und Tatbeteiligte mini|hochkant|Gardelegen, 16. April 1945 Über den weiteren Tatablauf gibt es im Detail abweichende Darstellungen.
Mehreren Darstellungen zufolge war der Boden der Scheune mit Stroh bedeckt, das von den Tätern mit Benzin getränkt worden war.So jüngst umfassend bei Daniel Blatman: Die Todesmärsche 1944/45. Reinbek 2011, ISBN 978-3-498-02127-6, Kapitel 9 und 10, hier S. 553.Ein Zeuge führte den wahrgenommenen Benzingeruch darauf zurück, dass die Scheune früher als Treibstofflager gedient habe. Siehe Diana Gring: Die Todesmärsche und das Massaker von Gardelegen – NS-Verbrechen in der Endphase des Zweiten Weltkrieges. Gardelegen 1993. S. 20 Anm. 42 bzw. Anm. 40. Die Bewacher entzündeten das Stroh. Die Gefangenen konnten zweimal den Ausbruch des Feuers verhindern, indem sie es mit Kleidungsstücken, Säcken oder Decken erstickten. (Abruf am 7. April 2012) / Daniel Blatman: Die Todesmärsche 1944/45. S. 554.
Die Schilderungen stimmen darin überein, dass die Wachmannschaft in die Scheune schoss, um die Häftlinge zu töten. Als Mordwerkzeuge werden Maschinengewehre, Handgranaten, Panzerfäuste, Signalmunition und Phosphorgranaten genannt. Mit Sicherheit wurde noch in der Nacht Benzin aus Gardelegen herbeigeschafft, um das Innere der Scheune in Brand zu setzen und die Leichen zu verbrennen.
An der Ermordung und der anschließend versuchten Beseitigung der Spuren am Tatort beteiligten sich Funktionäre der NSDAP, SA-Männer, Mitglieder der SS und Waffen-SS, Soldaten der Luftwaffe und der örtlichen Kavallerieschule, Angehörige einer Fallschirmjägereinheit, Polizeikräfte, Angehörige der Hitlerjugend, Volkssturmmänner, Angehörige des Reichsarbeitsdienstes, Angehörige des Technischen Notdienstes und der Feuerwehr. Zudem setzten die Tatbeteiligten zu ihrer organisatorischen Unterstützung auch 25 Kapos als Funktionshäftlinge ein.Daniel Blatman: Die Todesmärsche 1944/45 …. S. 541ff, S. 594. Das Verscharren der teils verkohlten Leichen nach dem Massaker in anonymen Massengruben neben der Scheune gelang allerdings nur unvollkommen.
Die Opfer des Massakers stammten aus Polen, der damaligen Sowjetunion, Frankreich, Ungarn, Belgien, Deutschland, Italien, der ehemaligen Tschechoslowakei und Jugoslawien, den Niederlanden und Spanien sowie aus den damaligen Kolonien Surinam und Algerien. Eine über viele Jahrzehnte hinweg irrtümlich einem KZ-Häftling aus Mexiko zugeschriebene Grablage konnte 2023 einem ermordeten Algerier zugeschrieben werden. Nur von 305 Ermordeten ließ sich nach der Entdeckung des Tatorts die namentliche Identität ermitteln. Die Anzahl der Überlebenden des Massakers wird nach unterschiedlichen Quellen mit 7 bis 33 angegeben.Anzahl der Überlebenden: vgl. Diana Gring und Jagd im Untergrund – Immer noch auf der Fahndungsliste der Justiz: SS-Schergen, Ärzte, Nazi-Mörder
Die Alliierten in Gardelegen Am 14. April 1945 gegen 17 Uhr nahm die 102. US-Infanteriedivision der US-Armee unter ihrem Befehlshaber Brigadegeneral Frank A. Keating Gardelegen ein. Die Kapitulation der Stadt erfolgte gegen 19 Uhr, genau 24 Stunden nach dem Beginn des Massenmordes.Diana Gring; s. Literatur; S. 22. Am 15. April entdeckten US-amerikanische Soldaten der Kompanie F, 2. Bataillon, 405. Regiment, 102. US-Infanteriedivision den Ort des Geschehens.
Nach Augenzeugenberichten wurden 20 SS-Männer als Beteiligte am Massenmord von den Amerikanern an Ort und Stelle erschossen.Diana Gring: Die Todesmärsche …. S. 33. Der Hauptverantwortliche für den Massenmord von Gardelegen, der NSDAP-Kreisleiter und SS-Obersturmbannführer Gerhard Thiele, konnte mit falschen Papieren untertauchen; er wurde nie gefasst, starb 1994 und wurde erst danach enttarnt.Steffen Könau: 11. April 1945: SS ermordete bei Gardelegen über 1.000 KZ-Häftlinge. In: Mitteldeutsche Zeitung, 12. April 2005; Abruf 16. August 2007. SS-Hauptscharführer Erhard Brauny, einer der Transportführer, wurde 1947 in Dachau zu lebenslanger Haftstrafe verurteilt und starb 1950.
Der Ehrenfriedhof mini|Gedenkbuch mit den Namen der Ermordeten vor den Gräbern auf dem Ehrenfriedhof Nach der Entdeckung des Massakers zwangen die Amerikaner die Einwohner Gardelegens, den Tatort zu besichtigen. Alle männlichen Einwohner über 16 Jahren – 250 bis 300 Personen – wurden mit Laken, Spaten und Grabkreuzen zur Scheune beordert und mussten die teils noch in der Scheune liegenden, teils bereits verscharrten Opfer exhumieren und unweit der ausgebrannten Scheune in würdigen Einzelgräbern bestatten. Die Gräber wurden jeweils mit einem weißen Kreuz oder, bei Kenntnis jüdischer Religionszugehörigkeit, mit einem weißen Davidstern versehen.Diana Gring: Die Todesmärsche … – Fotoserie: Marschkolonne mit Spaten, Laken und Holzkreuzen. Dies wurde auch gefilmt. Im Film sind Bergungen ganzer Leichen zu sehen, aber auch Szenen, bei denen sich Körperteile ablösen. Diese Szenen sind Bestandteil des Dokumentarfilms Die Todesmühlen. Die Bestattungen dauerten vier Tage. Der Friedhof erhielt bei seiner offiziellen Einweihung am 25. April 1945 durch die amerikanischen Truppen den Status eines militärischen Ehrenfriedhofs, für dessen Schändung schwerste Strafen angedroht wurden.Die (restaurierte) Tafel der U.S. Army am Friedhof; Bild auf Wikimedia Commons Von der zunächst amerikanischen Militärverwaltung wurden Einwohner Gardelegens zur persönlichen und lebenslangen Pflege eines bestimmten Grabes verpflichtet.Karte zur Verpflichtung der Grabpflege in den Wikimedia Commons Später, während des Bestehens der Deutschen Demokratischen Republik (DDR), wurde diese Aufgabe an einzelne Gruppen der Freien Deutschen Jugend (FDJ) sowie an Schulklassen und betriebliche Arbeitsbrigaden übertragen.
In seiner Ausgabe vom 7. Mai 1945 berichtete das US-amerikanische Magazin Life über das Massaker und bezeichnete es als The Holocaust of Gardelegen.
Die ursprüngliche Gedenktafel der US-Amerikaner, die den Ort zum Militärfriedhof erklärte und der Bevölkerung Strafen für jede Friedhofsschändung androhte, wurde 1965 auf Beschluss der SED-Kreisleitung entfernt und durch eine neue Tafel ersetzt. Diese verschwieg, dass sich im April 1945 auch Zivilisten aus der Region an der Ermordung von KZ-Häftlingen beteiligt hatten. Ebenso wurde dort die Ankunft der amerikanischen Truppen in Gardelegen und die von ihnen angeordnete Bestattung der Ermordeten nicht mehr erwähnt. Stattdessen hieß es auf der neuen Tafel: „DIE BEVÖLKERUNG HAT SIE BEGRABEN UND IHNEN EIN MAHNMAL ERRICHTET. DIESE STÄTTE SOLL UNS STETS MAHNUNG UND VERPFLICHTUNG IM KAMPF GEGEN FASCHISMUS UND KRIEG, FÜR FRIEDEN UND EIN GLÜCKLICHES LEBEN ALLER MENSCHEN IM SOZIALISMUS SEIN.“ Die ursprüngliche Gedenktafel der US-Amerikaner wurde als Baumaterial für eine Schuppenwand auf dem städtischen Friedhof verwendet. Eine Kopie der ursprünglichen Gedenktafel wurde der Gedenkstätte im Jahr 1990 wieder beigefügt. Im Zuge der Recherchen für die neue Dauerausstellung entdeckten Mitarbeiter der Gedenkstätte die originale Gedenktafel wieder. Seit Herbst 2020 ist sie in der neuen Dauerausstellung im fertiggestellten Dokumentationszentrum als Exponat zu sehen.
Eine namentliche Zuordnung der Einzelgräber auf dem Ehrenfriedhof gelang bis heute nur bei etwa einem Drittel der Opfer. Diese Namen sind seit 2011 in einem metallenen Namenbuch am Rand des Friedhofs verzeichnet. Einige namentlich bekannte Opfer aus Belgien und Frankreich wurden nach 1945 exhumiert und in ihre Heimat überführt.
Neben diesem Ehrenfriedhof befinden sich 13 weitere KZ-Kriegsgräberstätten in Berge, Breitenfeld, Estedt, Hottendorf, Jävenitz, Letzlingen, Mieste, Roxförde, Sichau, Solpke, Wernitz, Wannefeld und Zichtau.
Die Feldscheune mini|Isenschnibber Feldscheune nach der Ankunft der Amerikaner