mini|Spinalonga vor Kreta, bis 1957 eine der letzten Leprakolonien in Europa
In einem Leprosorium (Leprosenhaus, lateinisch domus leprosorum), als Sondersiechenhaus eine Form des Siechenhauses, oder in einer Leprakolonie, wurden von der Antike bis in die Neuzeit an Lepra, genannt auch „Aussatz“ (womit auch andere auffällige Hauterkrankungen bezeichnet wurden), Erkrankte vom Rest der Bevölkerung isoliert, um bei Fehlen wirksamer Medikamente eine Weiterverbreitung der Krankheit zu verhindern.
Geschichte der Leprosorien Vom Altertum bis in die Gegenwart existierten verschiedene Formen der Isolierung (Isolation, Quarantäne, „Aussetzung“, Absonderung, Sequestrierung, Hospitalisierung, Internierung, Asylierung, Verbannung, Ausgrenzung) von Aussätzigen, d. h. von als ansteckend geltenden Erkrankten (bis in die Gegenwart auch von Geheilten). Der Entwicklung von Leprosorien (genannt auch „Gutleuthäuser“Karl Wurm, A. M. Walter: Infektionskrankheiten. In: Ludwig Heilmeyer (Hrsg.): Lehrbuch der Inneren Medizin. Springer-Verlag, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1955; 2. Auflage ebenda 1961, S. 9–223, hier: S. 221.) ging oftmals das sogenannte Feldsiechentum voraus, bei dem die an Aussatz (im Mittelalter auch Feldkrankheit genannt) Erkrankten (genannt auch Gutleut) lediglich „ausgesetzt“ und im Gegensatz zur geschlossenen, etwa in einem domus leprosorum stattfindenden, Aussätzigenpflege allenfalls eine Einzelversorgung erhielten.Gundolf Keil: Seuchenzüge des Mittelalters. In: Bernd Herrmann (Hrsg.): Mensch und Umwelt im Mittelalter. Frankfurt am Main 1986; 4. Auflage ebenda 1989 (= Fischer Taschenbuch. Band 4192), S. 109–128.
Orient mini|hochkant|Das Gut Melaten vor den Toren Aachens ist ein Beispiel für ein Leprosorium, das als Siechenhaus genutzt wurde
Eine möglicherweise schon im alten Mesopotamien praktizierte Absonderung von Kranken findet sich biblisch belegt im frühen JudentumF. Köcher: Zur Frage der Lepra im alten Zweistromland. In: Jörn Henning Wolf (Hrsg.): Aussatz, Lepra, Hansen-Krankheit. Ein Menschheitsproblem im Wandel. (= Kataloge des Deutschen medizinhistorischen Museums. Beiheft. 1). 2 Bände. Band 2, Ingolstadt 1986.H. Niedermeier: Soziale und rechtliche Behandlung der Leprosen. In: Jörn Henning Wolf (Hrsg.): Aussatz, Lepra, Hansen-Krankheit. Ein Menschheitsproblem im Wandel. (= Kataloge des Deutschen medizinhistorischen Museums. Beiheft. 1). 2 Bände. Band 1, Ingolstadt 1982, S. 76–85, hier: S. 76. (und später auch im Talmud). Die alttestamentlichen Reinheitsgesetze im Buch Levitikus (3. Buch Mose) beschreiben, wie sich der vom Priester als unrein Erklärte gottgewollt zu verhalten hat : „Der Aussätzige […] soll eingerissene Kleider tragen und das Kopfhaar ungekämmt lassen; er soll den Bart verhüllen und ausrufen: Unrein! Unrein! […] Er soll abgesondert wohnen, außerhalb des Lagers soll er sich aufhalten.“ Der daraus resultierende Glaube an die Schuldhaftigkeit der Erkrankten spielte in den christlichen Ländern in späterer Zeit eine Rolle bei bestimmten Maßnahmen.Antje Schelberg: Leprosen in der mittelalterlichen Gesellschaft. (PDF; 2,5 MB). Dissertation. 2001. „Aussatz“ ist hier eine Übersetzung von hebräisch Ṣaarʿat, was kaum die Lepra, sondern eher weniger gravierende Hauterkrankungen bezeichnete. Die vermutlich falsche lateinische Übersetzung lepra stammt aus der Vulgata des Hieronymus (Kirchenvater). In der Antike, etwa bei den Hippokratikern ist mit „Lepra“ (von griechisch lépra „Schuppe“) eher ein schuppender Ausschlag wie bei Schuppenflechte oder anderen schuppenden Dermatosen gemeint.Stefan Winkle: Kulturgeschichte der Seuchen. 1997.Gundolf Keil: Lepra (Aussatz, Hansen-Krankheit). 2005.Vgl. auch E. Kahle: Dermatologie im Alten Testament. In: Berichte der physikalisch-medizinischen Gesellschaft Würzburg. Band 88, 1984, S. 187–194.
Weitere frühe Belege für die Verbannung von Menschen, die an Lepra oder Ähnlichem erkrankt waren, an abgesonderte Orte stammen aus dem Kaiserreich China aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. Die Kranken (ming-Krankheit oder li-Krankheit) wurden meist in die Berge verbannt, wo sie in Höhlen oder Hütten am Rand der Siedlungsräume als Feldsieche ohne Kontakt zu Familie oder Dorfgemeinschaft lebten. Später wurden die Kranken jedoch meist nicht mehr aus ihrer (konfuzianischen) Gemeinschaft ausgestoßen, sondern – um einer Ächtung zu entgehen und für Heiraten verbindungsfähig zu bleiben – innerhalb der Großfamilie versteckt. Ein von buddhistischen Mönchen im 6. Jahrhundert n. Chr. entworfenes Modell des Leprosoriums, wie es von Indien her bekannt war, hatte für die ausgestoßenen Kranken jedoch keine Bedeutung erlangt. Bis ins 19. Jahrhundert wurden in Indien von Lepra oder von dafür gehaltene Krankheiten Befallen nur in geringem Maße betreut; vielmehr wurden sie weiterhin von ihrem Familienverband ausgestoßen, lebten in Randgebieten und ernährten sich vom Betteln. Ab Beginn des 19. Jahrhunderts begann dann eine Asylierung der Aussätzigen (etwa im Auftrag der Baptist Missionary Society durch William Carey in Kalkutta).
In Byzanz wurden Aussätzige (griechisch lelōbēménoi) seit dem 4. Jahrhundert asyliert und in speziellen Einrichtungen betreut. Aus den Lepraabteilungen solcher Anstalten des byzantinischen Krankenhauswesens gingen in Konstantinopel, Sebaste, in der Nähe von Kaisarea (wo Basileios unter der Krankenhausanlage ein Lepraspital anlegen ließ), Nikaia, Edessa, Antiochia und Jerusalem unabhängige Leprosorien hervor. In Konstantinopel befanden sich drei solcher Leprösen-Einrichtungen. Von Byzanz aus fand Leprosorium dann Nachahmer im Abendland, im arabischen und islamischen Kulturkreis und buddhistisch vermittelt in China. Im Osmanischen Reich eingerichtete Asyle dieser Art bestanden bis in die Gegenwart (Miskinler Tekkesi in Üsküdar).
Die im islamischen Kulturkreis im Mittelalter aus den antik-byzantinischen Vorbildern entwickelten Leprosorien bauten einerseits auf bestehenden Einrichtungen auf, andererseits wurden sie neu geschaffen. Diese Leprosorien wurden durch Zustiftung oder Stiftung abgesichert. So ließ der Kalif al-Walid I. im Rahmen des ersten Krankenhausbaus in Damaskus 707 auch eine die Leprösen absondernde Abteilung einrichten. Ab dem 17. Jahrhundert verfielen die meisten dieser Einrichtungen und es kam zu Ansammlung von Leprösen etwa in der Nähe von Stadttoren oder Stadtmauern. Die Aussätzigen (von althochdeutsch ûz-sâzeo) wurden arabisch als al-hara („außerhalb der Städte“) bezeichnet.
Okzident mini|Das Sankt-Georg-Hospital in Eberswalde wurde erstmals 1359 erwähnt und diente als Leprosorium. Den Bau umgab ein Pestkirchhof. Die Hospitalkapelle entstand wohl Mitte des 14. Jahrhunderts.
Die ersten Leprosorien Europas entstanden auf französischem und deutschem Boden. Im Jahr 347 erreichte der Aussatz Arlon. Seit 460 gab es im europäischen Raum Sondersiechenhäuser, die der Ausbreitung der Lepra folgten. Im Jahr 583 empfahl ein Bischofskonzil in Lyon die Einrichtung von Leprosorien. Es folgte damit (wie auch die Reichssynode von Compiègne 757, etwa mit Erlaubnis der Scheidung bei Erkrankung eines Ehepartners) damit Vorgaben des Langobardischen Rechts (wie es im Edictum Rothari von 643 formuliert wird, vor der Vertreibung eine richterliche Feststellung der Diagnose voraussetzt und den ausgestoßenen Leprakranken als „gleichsam tot“ gelten lässt) und auch einem Vorschlag des Konzils von 549 in Orléans. Durch diese Häuser sollten Aussätzige isoliert werden und außerhalb von Klöstern und Städten leben. Die Aussätzigen waren aber trotz der medizinisch sinnvollen Isolierung gesellschaftlich nicht mehr völlig ausgegrenzt. Den bei der „Lepraschau“ zu erhebenden Befund erstellten ein Priester, ab der Mitte des 14. Jahrhunderts auch ein Arzt, die dann die Erkrankten in die Leprosorien einwiesen (Das älteste deutschsprachige Leprazeugnis wurde 1357 in Köln niedergeschrieben. Darin sprachen drei Ärzte einen Aussatzverdächtigen bei der Lepraschau frei). Eine durchgreifende Sequestrierung von Leprakranken fand im Mittelalter jedoch nicht statt, aber auch eine Resozialisierung, wie sie der Anfang des 12. Jahrhunderts gegründete Lazaritenorden (damit steht die Entstehung des Wortes „Lazarett“ in Zusammenhang) propagierte, war lediglich Ausnahme. Die ältesten Leprosorien West- und Mitteleuropas entstanden im deutschsprachigen Raum seit dem 7./8. Jahrhundert in Metz, Verdun und Maastricht sowie ab 720 in St. Gallen, im 12. Jahrhundert in Köln, Gent, Brüssel und Passau.
Im Jahr 789 erneuerte Karl der Große nochmals das Edikt von König Rothari und ordnete die Absonderung von Leprakranken an („[…] ut se non intermisceant alio populo“). Das Dritte Laterankonzil beschloss 1179 ein als karitatives Krankenrecht in die Zuständigkeit der Kirche fallendes Aussätzigenrecht, das auf Aussonderung, Ehe- und Existenzsicherung der Leprösen bedacht war. Auch wurde beschlossen, dass es Leprosorien erlaubt sein solle, eigene Kapellen bzw. Kirchenräume zu errichten sowie eigene Priester zu haben, solange sie andere Pfarreien nicht beeinträchtigen. Beizusetzen waren die Aussätzigen auf abgesonderten Friedhöfen. Sie wurden außerdem vom Zehnt befreit. Bis dahin waren die Leprosorien im Heiligen Römischen Reich auf die Bischofsstädte im Westen beschränkt gewesen. Aussätzige in anderen Gegenden hatte man sich selbst überlassen. Der Beschluss des Laterankonzils legte die Grundlage für eine Etablierung des Leprosenwesens. Allerdings war mit einer Übersiedlung ins Leprosenhaus auch eine rechtliche „Für-tot-Erklärung“ (der Aussätzige wurde tamquam mortuus, „gleichwie tot“, weiterhin aus der Gemeinschaft ausgesondert) verbunden.Klaus Bergdolt: Die Meditatio Mortis als Medizin. Betrachtungen zur Ethik der Todesangst im Spätmittelalter und heute. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 9, 1991, S. 249–258, hier: S. 251. Mit dem Aufblühen der Städte im 12. Jahrhundert und dem allgemeinen Bevölkerungswachstum bis ins 13. Jahrhundert nahm die Zahl der Leprakranken zu (Im 13. Jahrhundert eröffnete ein Leprosorium in Aachen und um 1300 verfügte das Bistum Würzburg bereits über sieben „Aussätzigenhäuser“). Darüber hinaus förderten die Enge der Städte und die oft mangelhaften hygienischen Verhältnisse die Verbreitung von Infektionskrankheiten. Die Leprosorien wurden in der „seuchenfreien“ Zeit oft zu Krankenhäusern umfunktioniert und dienten den ärmeren Bevölkerungsschichten als Hospiz.
Die Versorgung der Kranken oblag in erster Linie der Kirche, die sich um Nahrung und Kleidung für die Kranken kümmerte. Damit die Kranken als solche erkannt wurden, mussten sie besondere Kleidung tragen, häufig auch Hörner, Schellen oder mussten (wie etwa in einer Würzburger Bettelordnung von 1490Peter Kolb: Das Spital- und Gesundheitswesen. In: Ulrich Wagner (Hrsg.): Geschichte der Stadt Würzburg. 4 Bände, Band 1: Von den Anfängen bis zum Ausbruch des Bauernkriegs. 2001, ISBN 3-8062-1465-4, S. 386–409 und 647–653, hier: S. 402. vorgeschrieben) mit hölzernen Klappern (Lazarusklappern) oder durch das Rufen von „Aussatz! Aussatz!“ auf sich aufmerksam machen. Letzte Zuflucht der lebenden Leichen, Der Spiegel, Nr. 17 / 23.04.2022.
Um die Bürger der Städte zu schützen, befanden sich die Leprahäuser außerhalb der Stadt, häufig an Wasserläufen, die stadtauswärts flossen, aber meist an Hauptverkehrsstraßen oder Pilgerwegen, damit die Kranken, deren einzige Einnahmequelle die Mildtätigkeit ihrer Mitbürger war, bessere Möglichkeiten zum Betteln vorfanden.