Das Abendmahl, auch Das letzte Abendmahl bezeichnet ein Wandgemälde von Leonardo da Vinci im Refektorium des Dominikanerklosters Santa Maria delle Grazie in Mailand. Das vorwiegend in Tempera grassa auf Putz ausgeführte 4,60 m × 8,80 m große Kunstwerk zeigt das letzte Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern und entstand in den Jahren 1495 bis 1497. Das wegen der ungeeigneten Technik schon bald nach seiner Fertigstellung schadhafte Bild wurde wegen seiner Komposition und malerischen Qualitäten dennoch bald berühmt. Im Zuge der aufwändigen, von Giuseppina Barcilon Brambilla geleiteten Restaurierung (1999 abgeschlossen) wurden die auf Leonardo zurückzuführenden Partien konserviert und spätere Übermalungen entfernt.
Entstehungsgeschichte Leonardo da Vinci stand seit den 1480er Jahren in den Diensten des Mailänder Herzogs Ludovico Sforza. Nachdem er die beauftragten umfangreichen Arbeiten für ein monumentales Reiterdenkmal für diesen aufgeben musste – die Bronze wurde für Kanonen benötigt –, wandte er sich dem Entwurf des Abendmahls zu. Dessen Auftraggeber war wahrscheinlich ebenfalls Ludovico Sforza, der an dem Klosterkomplex von Santa Maria delle Grazie verschiedene Umbauten und Ausstattungen vornehmen ließ, um den Ort als Grablege für seine Familie herzurichten.Frank Zöllner: Leonardo da Vinci 1452 - 1519; Sämtliche Gemälde und Zeichnungen. Taschen Verlag 2003, ISBN 978-3-8228-5726-7, S. 230
Darstellungen des Abendmahls mit seinen Jüngern wie das von Domenico Ghirlandaio geschaffene Fresko in der Ognissanti-Kirche in Florenz waren Leonardo bekannt. Erste eigene Ideen für ein Abendmahl hatte er bereits auf einer Studie zu einer Anbetung der Könige skizziert, die eine Gruppe von Männern an einer Tafel zeigt. In der Rötelzeichnung ordnete er die Jünger zunächst noch in Zweiergruppen an und lehnte sich noch an die Abendmahlsdarstellungen Ghirlandaios und Andrea del Castagnos an. Judas sitzt hier noch von den übrigen Aposteln isoliert vor der Tafel. In sorgfältigen Einzelstudien, die sich heute in Schloss Windsor befinden, bereitete Leonardo ab Mitte der 1490er Jahre die Apostelköpfe vor und suchte nach einem geeigneten Modell für Jesus.
Nach den umfangreichen Vorarbeiten bemalte er die nördliche Stirnwand des Refektoriums des Klosters. Er stellte das Gemälde 1497 fertig. Matteo Bandello berichtete davon später aus eigener Anschauung: „Er kam oft früh zur Morgendämmerungszeit in den Konvent und ich konnte ihn bei seiner Arbeit beobachten. Eilends stieg er auf das Gerüst, arbeitete fleißig, bis ihn die Schatten des Abends zum Aufhören zwangen, und dachte nie daran, Nahrung zu sich zu nehmen, so sehr war er in seine Arbeit vertieft. Zu anderen Zeiten kam er drei oder vier Tage lang, ohne sein Bild anzurühren, und blieb nur ein paar Stunden mit verschränkten Armen davor stehen und blickte seine Figuren an (..).“Jack Wasserman: Leonardo da Vinci. DuMont, Köln 1977, ISBN 978-3-7701-0960-9.
Maltechnik und Komposition Leonardo führte seine Arbeit als Seccomalerei, also auf dem trockenen Putz aus. Er versuchte, die besonderen Effekte der Öltechnik für die Wandmalerei nutzbar zu machen. Auf einer Kreidegrundierung arbeitete er mit einer fetten Ei-Tempera. Er legte auf dem Untergrund eine grobe Kompositionsstruktur in rötlicher Farbe an, eine Vorzeichnung der Figurenumrisse in schwarzer Farbe sowie Ritzungen für einen Teil der Perspektivlinien.Frank Zöllner: Leonardo da Vinci 1452 - 1519; Sämtliche Gemälde und Zeichnungen. Taschen Verlag 2003, ISBN 978-3-8228-5726-7, S. 230
Darstellung mini|hochkant=1.2|Die Kopie des Abendmahl von Giampietrino, um 1520, Royal Academy of Arts (London) zeigt, wie das Bild einmal ausgesehen haben mag.
Das Gemälde zeigt Jesus und die Zwölf Apostel beim letzten Abendmahl. Sie sitzen alle jenseits eines langen, quer zum Betrachter verlaufenden Tisches. Die Jünger befinden sich in aufgeregtem Gespräch, während Jesus in der Bildmitte mit den Händen auf Brot und Wein weisend auf den Tisch herabblickt. Hinter ihnen weitet sich ein perspektivisch gezeichneter Raum in den Bildhintergrund, wo zwei Fenster und eine Türöffnung in die Landschaft blicken lassen. Das Licht, das die Tischszene ausleuchtet, kommt nicht von dort, sondern schräg von links wie das wirkliche Licht, das durch Fenster an der linken Wand des Refektoriums einfällt.
Nach überwiegender Meinung zeigt das Bild zum einen die Situation kurz nachdem Jesus enthüllte: „Einer von euch wird mich verraten“ , gleichzeitig die Einsetzung des Sakraments der Eucharistie in Brot und Wein. Im Unterschied zu bis dahin üblichen Darstellungsweisen des Abendmahls fehlen in Leonardos Werk Kelch und Hostie wie auch Heiligenscheine. Den Judas positioniert er nicht räumlich von den anderen Jüngern isoliert. Er zeigt die Apostel in ungewöhnlicher Emotionalität, auch körperlich sichtbarer Bewegtheit nach der Verratsankündigung.Frank Zöllner: Leonardo da Vinci 1452 - 1519; Sämtliche Gemälde und Zeichnungen. Taschen Verlag 2003, ISBN 978-3-8228-5726-7, S. 231
Leonardo gruppiert die Apostel jeweils zu dritt, wie sie auf unterschiedliche Weise auf seine Enthüllung reagieren. Nach verbreiteter Identifizierung sind dies (am linken Rand) Bartholomäus, Jakobus der Jüngere und Andreas in der Überraschung des Moments. Daneben beugt sich Simon Petrus zu Jesu Lieblingsjünger Johannes, der den Kopf geneigt hat. Der Verräter Judas Iskariot, erkennbar an einem Geldsäckchen, hält zu beiden Distanz. Sein Blick geht hinter dem Kopf Jesu in die Ferne. Spekulative Interpretationen besagen, dass es sich bei der Darstellung des Johannes um Maria Magdalena handle.
Jesus in der Tischmitte mit rotem Gewand und blauem Überwurf scheint in Richtung seiner nach oben gedrehten linken Handfläche zu blicken. Die rechte Hand liegt auf dem Tisch. Durch die Zentralperspektive und den Lichteinfall wird seine Bedeutung hervorgehoben. Die rechte Hand ist tätig-schöpferisch gezeichnet, die linke Hand nach oben geöffnet empfangend-darbringend dargestellt."Christ in Leonardo da Vinci's Last Supper where Jesus creates the world with is right hand and offers it to God with this left, for the One be all in all." Paolo Dall'Oglio: In Love with Islam, believing in Jesus, Oxford Peter Lang, ISBN 978-1-78997-996-1, S. 134. In der Figurengruppe rechts von Jesus breitet Jakobus der Ältere seine Arme aus und bildet dadurch eine Barriere, die den fragenden Gesten von Thomas (mit erhobenen Zeigefinger) und Philippus (beide Hände zeigen auf seine Brust) Einhalt gebietet. Ganz rechts wenden sich Matthäus und Thaddäus fragend zu dem am Bildrand sitzenden Simon Zelotes.
Perspektive mini|Fluchtpunktlinien der Bildkomposition
Bei der im Abendmahl angewendeten Raumkonstruktion handelt es sich um eine zentralperspektivische Darstellung. Ihr Augpunkt befindet sich in der Schläfe der Christusfigur. Bei den letzten Restaurierungsarbeiten wurde auch das Loch des Nagels gefunden, von dem aus die Perspektivlinien gespannt wurden.Peter O. Chotjewitz: Alles über Leonardo aus Vinci. […] Nach bestem Gewissen erl. und in feiner literarischer Manier präsentiert. Europa Verlag, Hamburg 2004, gebunden, ISBN 978-3-203-75975-3, Rezension. Ladwein formuliert die These, dass die Gesamtkomposition des Bildes mit den Linien der Zentralachse einen kreuzförmigen Heiligenschein um das Haupt Jesu andeute.Michael Ladwein, Leonardo Da Vinci, the Last Supper: A Cosmic Drama and an Act of Redemption, [Originally published in German under title: Leonardo das Abendmahl, Weltendrama und Erlösungstat (Pforte Verlag, 2004)] Temple Lodge Publishing, 2006, ISBN 978-1-902636-75-7, S. 64, .
Leonardo da Vinci hielt im Codex Madrid umfassende Überlegungen zur Perspektive und ihrer Anwendung bei seiner Abendmahls-Darstellung fest.
Raumumgebung mini|Das Gemälde an der Nordseite des Refektoriums, 2017
Das Wandgemälde befindet sich an der nördlichen Stirnseite des Refektoriums, welche es beinahe ganz ausfüllt. Es erweckt durch die starke Perspektivzeichnung den Eindruck eines das Refektorium erweiternden dreidimensionalen Raums. Studien zum idealen Betrachterstandpunkt hinsichtlich der Perspektivkonstruktion verorten diesen etwa 4 bis 4,5 m oberhalb des Bodens des Refektoriums in 8,80 m bis 10,29 m Abstand vom Gemälde. Oberhalb von diesem befinden sich drei ebenfalls von Leonardo ausgemalte Lünetten. Die mittlere zeigt den Wappenschild Ludovico Sforzas und seiner Frau Beatrice d’Este. Die Seitenwände des Refektoriums tragen weitere figürliche Bemalungen und Inschriften, darunter fast nicht mehr sichtbare Stifterportraits. An der dem Abendmahl gegenüberliegenden Wand befindet sich das Fresko Kreuzigung Christi mit Stiftern von Giovanni Donato Montorfano (1495).
Zeitgenössische Rezeption Das Abendmahl erhielt schon zu Lebzeiten Leonardos viel Aufmerksamkeit. Unter anderem Matteo Bandello, Giovanbattista Giraldi und Giorgio Vasari würdigten es in Schriften. Bandello, dessen Onkel der Prior des Klosters war, hatte Leonardo häufig beim Malen des Abendmahls beobachtet. Während der folgenden Jahrzehnte wurden zahlreiche Kopien angefertigt, die zum Teil noch erhalten sind und einen Eindruck davon geben, wie das Abendmahl ursprünglich ausgesehen haben mag. Die wichtigsten sind zwei Versionen von Gianpetro sowie eine in der Abtei Tongerlo, vermutlich von Andrea Solari.
Der französische König Franz I. hätte das Bild gern von der Wand ablösen lassen, um es nach Frankreich bringen zu lassen.Silvio A. Bedini: Leonardo. Forscher, Künstler, Magier. Bassermann, München 2006, ISBN 978-3-8094-1848-1. Als sein späterer Nachfolger Heinrich II. im Jahr 1533 Caterina de’ Medici heiratete, ließ ihm Franz I. eine Kopie von Leonardos Abendmahl als Gobelin anfertigen.
Spätere Geschichte und Restaurierungen Wegen der Feuchtigkeit der Mauer und des Gebrauchs experimenteller organischer Farben, die sich bald als Fehlgriff erwiesen, erlitt das Gemälde noch zu Lebzeiten Leonardos schwere Schäden durch feine Risse. Im Laufe der Zeit blätterte Farbe über weite Flächen ab. Durch eine später in die Wand eingelassene Tür verschwanden die Füße Jesu. mini|Zustand in den 1970er Jahren Das Abendmahl wurde mehrfach restauriert, durch Bellotti (1726), Mazza (1770) und Berezzi (1819) sowie 1903–1908, 1924, 1947–1952 und 1977–1999. In der Zeit der Besatzung Mailands durch Napoleon Bonaparte wurde das Refektorium als Pferdestall genutzt.
Im Jahr 1943 überstand das Gemälde Leonardos einen Bombenangriff, der die Südwand des Refektoriums zum Einsturz brachte. Es blieb unversehrt, da es von den Brüdern des Klosters vollständig mit Sandsäcken geschützt worden war.H.P.L.: Leonardos Abendmahl heute. In: Die Zeit. 25. Juni 1953, Nr. 26.The true Last Supper. In: Time. 4. Oktober 1954, nur Artikelanfang.
1980 wurde die Kirche gemeinsam mit dem Gemälde von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt.
Erst im 20. Jahrhundert gelang es mit modernen Techniken, den Verfall des Bildes aufzuhalten. Die Restauratorin Giuseppina Barcilon Brambilla arbeitete an der Restaurierung zwanzig Jahre bis zum Abschluss 1999, unterstützt vom zuständigen Mailänder Soprintendenten Carlo Bertelli und dem Kunsthistoriker Renzo Zorzi.Ada Masoero: «Sono una lombardaccia». Pinin Barcilon Brambilla, la restauratrice del Cenacolo, rievoca malignità e difficoltà. In: Giornale dell'Arte, März 2015, Nr. 351, Interview mit Pinin Barcilon Brambilla.Pietro C. Marani: Il Cenacolo di Leonardo e i suoi restauri: Nella Milano fra il XV e il XX secolo fra arte e fede, propaganda politica e magnificenza civile [= Das Abendmahl von Leonardo und seine Restaurierungen: Im Mailand vom 15. bis zum 20 Jh. zwischen Kunst und Glaube, politischer Propaganda und bürgerlicherlicher Pracht], in: Villa I Tatti Studies in the Italian Renaissance, Band 7, Harvard Center for Italian Renaissance Studies, The University of Chicago Press 1997, doi:10.2307/4603705, S. 191–229, . Aus konservatorischen Gründen ist eine Besichtigung heute nur in kleinen Gruppen möglich. Die Raumluft wird mit Klimatechnik stabil gehalten.