Der Wolkenatlas, englischer Originaltitel Cloud Atlas, ist ein 2004 erschienener Roman des englischen Schriftstellers David Mitchell.
Aufbau Wie bei David Mitchell üblich, wählt er auch für Der Wolkenatlas eine unkonventionelle Erzählstruktur. Der Roman ist ein literarisches Kaleidoskop, das eine Zeitspanne von beinahe 1000 Jahren Geschichte umspannt. Wie auch in Chaos werden verschiedene Geschichten und Schicksale ineinander verwoben, um am Ende ein großes Ganzes zu bilden. In Der Wolkenatlas sind es sechs solcher Geschichten, die jeweils in einer anderen Zeit handeln und in einem jeweils eigenen Stil geschrieben sind. Die Kapitel teilen sich wie folgt auf:
Das Pazifiktagebuch des Adam Ewing In den 1850ern (es wird keine genaue Zeit genannt, jedoch wird der Goldrausch in Kalifornien erwähnt); im Stile der Zeit verfasstes Tagebuch; Briefe aus Zedelghem 1931; ein Briefzyklus; Halbwertszeiten. Luisa Reys erster Fall 1975; ein Kriminalroman/Thriller; Das grausige Martyrium des Timothy Cavendish In der heutigen Zeit (keine genaue Zeitangabe); Memoiren/Essay, als Vorlage für ein Drehbuch zur Verfilmung; Sonmis Oratio In einer dystopischen Zukunft (um 2100); ein Protokoll/Dialog; Sloosha’s Crossin’ un wies weiterging In einer fernen Zukunft; eine Erzählung/Monolog
Außerdem wird jeder Teil bis auf den sechsten ab ca. der Hälfte unterbrochen und mit der nächsten Geschichte fortgesetzt. Die zweite Hälfte findet sich dann in der rückwärtigen Reihenfolge ab dem Ende des sechsten Teils im Buch. Würde man die Teile durchnummerieren, ergäbe sich also folgendes Schema: 1(1) – 2(1) – 3(1) – 4(1) – 5(1) – 6 – 5(2) – 4(2) – 3(2) – 2(2) – 1(2), was in der klassischen Formenlehre einer Bogenform entspricht. Die Geschichten enden dabei abrupt und werden in der nächsten auf irgendeine Weise aufgegriffen.
Handlung Das Pazifiktagebuch des Adam Ewing Adam Ewing, ein Notar aus San Francisco, der im australischen New South Wales eine Erbsache zu regeln hatte, reist auf dem Schoner Prophetess nach Hause. Sein Tagebuch setzt kurz nach Beginn der Rückreise ein, als die Prophetess wegen Sturmschäden auf den Chatham-Inseln überholt wird. Auf einer Erkundungstour über die Insel freundet er sich mit dem Arzt Henry Goose an, den er neben sich selbst als einen der wenigen Gebildeten in diesem Teil der Welt betrachtet. Ewing hört von einem Inselbewohner die Geschichte der eingeborenen Moriori, die von eingewanderten Weißen und Māori unterdrückt und missioniert werden. Auf der Weiterfahrt versteckt sich ein Moriori namens Autua als blinder Passagier in Ewings Kabine und bittet ihn um Hilfe. Obwohl der Kapitän und die Besatzung Ewing unverhohlene Abneigung entgegenbringen, schafft er es, dass Autua nicht über Bord geworfen, sondern in die Crew aufgenommen wird. Ewing hat indes ganz andere Probleme: Goose diagnostiziert bei ihm einen tropischen Wurm, der sich in seinem Hirn eingenistet hat. Trotz Gooses Medizin geht es Ewing immer schlechter. Das Tagebuch bricht abrupt auf Seite 57 ab.
Briefe aus Zedelghem Der junge und überaus talentierte Musiker Robert Frobisher schreibt in Briefen an seinen Liebhaber Rufus Sixsmith, wie er eine Anstellung bei einem unter Syphilis leidenden, erblindeten, alten Komponisten namens Vyvyan Ayrs findet. Ayrs wohnt mit seiner Familie in Belgien im Schloss Zedelghem. Im Laufe der Zeit entwickelt sich eine künstlerische Symbiose zwischen den beiden: Ayrs braucht das junge Talent, um seine Werke zu vollenden, und Frobisher nutzt seine Anstellung, um eigene zu komponieren. In permanenter Geldnot sucht er im Schloss nach Büchern, die er einem Händler verkaufen kann. Dabei findet er ein Tagebuch des Notars Adam Ewing; ab Seite 57 fehlen jedoch die Seiten. Er beauftragt Sixsmith, den fehlenden Teil zu finden. Währenddessen fängt Ayrs’ Frau Jocasta an, mit Frobisher anzubandeln – ganz im Gegensatz zu Ayrs’ Tochter Eva, die in Frobishers Augen eine verzogene Giftschlange ist. Der letzte Brief erzählt davon, dass Jocasta und er eine Liebesaffäre haben.
Halbwertszeiten. Luisa Reys erster Fall Die Journalistin Luisa Rey steckt in einem Fahrstuhl zusammen mit Rufus Sixsmith fest. Der betagte Wissenschaftler gibt ihr eine Fährte für eine Top-Story. Ein neuer Atommeiler soll abseits der Stadt Buenas Yerbas erbaut werden, auf Swanneke Island. Der „Hydra-Reaktor“ weist jedoch nach Sixsmiths Bericht gravierende Fehler auf. Der korrupte Vorsitzende des Unternehmens lässt Sixsmith aus diesem Grund von dem Attentäter Bill Smoke ermorden. Sixsmith schafft es im letzten Moment, eine Kopie des Berichts in einem Flughafenschließfach und die alten Briefe seiner Jugendliebe Robert Frobisher in einer Hotelbibel zu verstecken. Luisa Rey indes gelingt es, eine Kopie von Sixsmiths Bericht auf dem Reaktorgelände zu ergattern. Bill Smoke kommt ihr jedoch zuvor und in einer Verfolgungsjagd wird sie mit ihrem Auto von einer Brücke gestoßen.
Das grausige Martyrium des Timothy Cavendish Dem alternden Verleger Timothy Cavendish gelingt der große Wurf mit dem Buch Faustfutter: Der Autor dieses Buches hat einen Kritiker vom Dach geworfen, woraufhin er im Gefängnis landet. Das Buch verkauft sich dank der Popularität hervorragend. Mit den Erlösen befreit sich Cavendish von seinen Schulden. Unglücklicherweise wird er von den Brüdern des Autors heimgesucht, die horrende Summen von ihm wegen des Publikationserfolgs verlangen. Cavendish bittet seinen Bruder Denholme, ihn zu verstecken. Auf der folgenden Odyssee reist er quer durch England (während der Reise liest er den vorhergehenden Thriller um Luisa als Roman einer gewissen Hilary V. Hush), um dann vor „Haus Aurora“, der Empfehlung seines Bruders, zu halten. Er nimmt sein Zimmer im Glauben, in einem Hotel zu sein. Die schreckliche Wahrheit offenbart sich ihm dann zu spät: Sein Bruder hat ihn in ein Altenheim eingeschrieben. Gerade als er flüchten will, hat er einen Schlaganfall.
Sonmis Oratio Der fünfte Teil spielt in einer dystopischen Zukunft in Korea (Nea So Copros). Der weibliche Klon Sonmi~451 wird des Verbrechens angeklagt, ein Mensch sein zu wollen. In der herrschenden Konzernokratie wurde sie erschaffen, um in einem Fast-Food-Restaurant zu bedienen. Lange Zeit ist das Restaurant ihr Zuhause und das Maskottchen ihr Gott. Ihr wurde versprochen, nach zwölf Jahren ins Elysium zu gelangen. Jedoch passiert der bis dato erst zweite Aufstieg eines „Duplikanten“ und sie kann von Wissenschaftlern aus dem unterirdischen Restaurant geschleust werden. Die neue Freiheit erschlägt sie förmlich, ähnlich der Katharsis im Höhlengleichnis. Während ihres Aufstiegs studiert sie an einer Universität und gelangt dank ihrer verbesserten biologischen Fähigkeiten zu massivem Wissen. Gerade als sie sich einen alten Film aus dem 21. Jahrhundert anschaut (es handelt sich um eine Dramatisierung der Erlebnisse von Cavendish), stürmen Polizeikräfte die Uni. Die letzte Szene, die Sonmi~451 sieht, ist die, in der Cavendish einen Schlaganfall bekommt. Ihr wird klar, dass ihr neu gewonnener Freund Hae-Jo Im nur vorgab, ein Student zu sein, um ungestört seiner tatsächlichen Berufung nachgehen zu können.
Sloosha’s Crossin’ un wies weiterging Der Ziegenhirte Zachry erzählt als alter Mann seine Abenteuer auf der Insel Hawaii. In dieser Erzählung ist die Erde in einem zeitlich weit entfernten, postapokalyptischen Zustand. Technik ist ein verschollenes Relikt und wird als „Clever der Alten“ bezeichnet. Die Menschen auf Hawaii sind in die Steinzeit zurückgefallen. In dieser einfachen Gesellschaft herrscht Tauschhandel. Zweimal pro Jahr erreicht die Insel ein technisiertes Volk, die „Prescients“, die das „Clever der Alten“ noch horten und verwenden können. Die Prescients schicken eine Frau namens Meronym auf die Insel, um Nachforschungen anzustellen. Zachry ist sofort misstrauisch und durchsucht ihre Sachen. Er findet dabei ein eiförmiges Gerät, einen Orator, das ein Mädchengesicht als Hologramm zeigt und eine ihm unverständliche Sprache spricht. Meronym und Zachry freunden sich trotz aller Differenzen an, da sie das Leben seiner Schwester rettet. Zachry begleitet und beschützt Meronym während ihrer Erkundung des Mauna Kea. Als dann ein kriegerisches Volk, die Kona, die friedlichen Völker von Hawaii angreift und versklavt, wird zunächst auch Zachry verschleppt, kann aber durch Meronym und eine Handfeuerwaffe gerettet werden. Gemeinsam sollen sie sich zur Küste durchschlagen, um von den anderen Prescients abgeholt zu werden. Zachry erfährt, dass die Prescients sein Volk erforschten, da es neben ihnen die letzte zivilisierte Gesellschaft der Erde ist – und nun durch Barbarei ausgelöscht wurde. Der endgültige Fall der Menschheit scheint besiegelt, da auch die Existenz der „Prescients“ von einer unheilbaren Krankheit bedroht wird. Allerdings wird die Erzählung mit einigen Worten von Zachrys Sohn beendet. Er erzählt von Meronyms Orator und „zeigt“ ihn am Schluss seinem Publikum. Das Mädchen im Hologramm ist Sonmi~451 und ihre Erzählung wird direkt im Anschluss beendet.
Sonmis Oratio Sonmi~451 flieht mit Hae-Jo Im vor dem Aufruhr. Hae-Jo eröffnet ihr, dass er und der sie betreuende Professor zu den revolutionären Abolitionisten gehört. Während der Flucht Sonmis gerät sie in ein „Facedesigner-Atelier“, um ein neues Gesicht zu erhalten und nicht erkannt zu werden. Das Ziel ihrer Flucht durch ein futuristisches Korea ist der Anführer der Abolitionisten. Sonmis Kommilitone Hae-Jo Im zeigt ihr die Brutkästen ihrer nicht aufgestiegenen Schwestern, ein verfallenes Buddhisten-Kloster (in dem Sonmi von den fast vollständig vergessenen Lehren Buddhas erfährt) und zufällig sehen sie einen Beamten, der einen Spielzeugduplikanten (eine Art lebende Barbiepuppe) wie Müll von einer Brücke wirft. Sonmis Erschütterung gipfelt letztendlich darin, dass sie ein Schiff ihres ehemaligen Konzerns und einige ihrer Schwestern sieht, die in das versprochene Elysium gelangen sollen. Sie kommen jedoch nie dorthin und werden industriell per Bolzenschuss geschlachtet. Sonmi will daraufhin das Schiff zerstören und schreibt ihre „Zwölf Erklärungen“, einen Aufruf zur Menschlichkeit und zum unvoreingenommenen Umgang miteinander. Bevor sie ihren Plan umsetzen kann, entpuppt sich Hae-Jo Im als Agent der Regierung. Die Rettung Sonmis und ihre Odyssee waren vollständig von der Konzernokratie inszeniert, um ein fiktives Feindbild zu erzeugen, damit keine realen entstehen. Sonmi bleibt nur der Trost, dass ihre Erklärungen erhalten bleiben und sie kurz vor ihrer Hinrichtung als letzten Wunsch den Film Das grausige Martyrium des Timothy Cavendish zu Ende sehen kann.
Das grausige Martyrium des Timothy Cavendish Nach seinem Schlaganfall ist Cavendish zunächst ans Bett gefesselt. Noch während seiner Genesung schmiedet er Fluchtpläne. Er ruft heimlich bei seinem Bruder Denholme an, um den Sachverhalt zu klären, erfährt aber, dass Denholme an einem Schlaganfall gestorben ist. Cavendish beginnt im Altersheim nach Gleichgesinnten zu suchen und findet in dem Schotten Ernie, dessen Frau Veronica und dem geistig verwirrten Mr. Meeks seine Komplizen. Sie schmieden den Plan, die dominante Oberschwester in Cavendishs Raum zu locken und einzusperren und das Auto eines regelmäßigen Besuchers zu stehlen. Der Plan gelingt zunächst, jedoch mit leichten Improvisationen. Mr. Meeks wird anders als geplant mitgenommen und das Gatter des Heims wird mit dem Auto gerammt. Die vier Flüchtlinge verstreuen sich und Cavendish baut seinen Verlag wieder auf. Sein erstes zu verlegendes Buch wird Halbwertszeiten. Luisa Reys erster Fall sein, dessen zweiter Teil ihm in sein selbstgewähltes Exil in Schottland gesandt wird.
Halbwertszeiten. Luisa Reys erster Fall