miniatur|hochkant=1.5|Illustration aus einem mittelalterlichen Manuskript (Kloster Werden, um 1000). Die Historia Apollonii regis Tyri („Geschichte von Apollonius, dem König von Tyros“) ist ein antiker Roman in lateinischer Sprache, der auf griechische oder lateinische Quellen zurückgeht. Sein Autor ist nicht bekannt, die Datierung fällt in das 3. Jahrhundert n. Chr.
Inhaltsangabe
Die Geschichte beginnt in Antiochia, wo König Antiochus ein inzestuöses Verhältnis mit seiner Tochter eingeht. Um sie für sich behalten zu können, stellt er ihren Freiern ein Rätsel, das diese lösen müssen. Gelingt es ihnen nicht, werden sie hingerichtet. Allein Apollonius, dem König von Tyrus, gelingt es, das Rätsel zu lösen: scelere vehor, maternam carnem vescor, quaero fratrem meum, meae matris virum, uxoris meae filium: non invenio. (Ich werde vom Verbrechen geführt, ich genieße das mütterliche Fleisch, ich suche meinen Bruder, den Mann meiner Mutter, den Sohn meiner Frau: [aber] ich finde [ihn] nicht.) Die Antwort ist die verbrecherische Beziehung zwischen Vater und Tochter. Erzürnt schickt Antiochus Apollonius fort und hetzt ihm einen Häscher hinterher, der ihn töten soll. Nun beginnt die Irrfahrt des Apollonius. In einem Seesturm verliert er sein Hab und Gut, kommt in der Folge an den Hof eines anderen Königs, wo sich dessen Tochter in ihn verliebt. Die beiden heiraten und begeben sich nach dem Tod des Königs Antiochus zurück nach Antiochien, um die Thronfolge anzutreten. Auf der Fahrt stirbt seine Frau nach der Geburt der gemeinsamen Tochter Tarsia. Apollonius lässt den Körper seiner Frau am Strand zurück, damit sie an Land bestattet werde. Doch seine Frau ist nur scheintot, wird gerettet und zu einer Priesterin.
Apollonius fährt weiter und gibt seine Tochter in die Obhut von Zieheltern. Danach ist er einige Jahre verschollen. Tarsia wächst heran und wird eines Tages von Seeräubern gefangen, die sie an einen Bordellbesitzer verkaufen. Es gelingt ihr, die Freier abzuwehren und sie wird dabei zum Objekt der Begierde eines jungen Prinzen. Apollonius segelt in dem Glauben, seine Frau und Tochter seien tot, durch die Welt. Eines Tages kommt er in die Stadt, in der Tarsia lebt. Sie wird ihm zur Aufmunterung ins Schiff geschickt, wobei sich die beiden als Vater und Tochter wiedererkennen. Durch Zufall kommen sie in den Tempel, in dem Tarsias Mutter als Priesterin lebt. Die Familie ist glücklich vereint und Tarsia heiratet den jungen Prinzen.
Entstehungstheorien
Da die Herkunft der Historia Apollonii im Unklaren ist, haben sich in der Historia-Apollonii-Forschung im Wesentlichen zwei Theorien durchgesetzt, die den Ursprung der HA nachzuzeichnen versuchen. Dabei geht es um die Frage, ob es sich bei der HA um eine Übersetzung eines verlorenen griechischen Originals oder um eine lateinische Erzählung handelt.
Das griechische Original
In einigen griechischen Romanen finden sich Sätze, die mit Passagen aus der HA übereinstimmen. Im Folgenden werden einige Beispiele analysiert:
Beispiele
1) HA 1, 3-4
"...natura exerrat..."
η του κοσμου φυσις αμαρτανει = Die Natur der Weltordnung fehlt/sündigt
Brief von Philostratus
οπου μεν γαρ τι ημαρτηθη τη φυσει... = Denn wo auch immer wahrlich der Natur etwas fehlte...
Roman von Chariton "Chaireas und Kallirrhoe von Syrakus" (Eine der griechischen Quellen)
ην γαρ το καλλος ουκ ανθρωπιον, αλλα θειον = Denn die Schönheit war nicht menschlich, sondern göttlich.
2) HA 1, 4-5
"multi eam in matrimonium petebant" = zur Hochzeit bitten/fordern
Longus Roman "Daphnis und Chloe" (griechische Quelle)
προς γαμον αιτουντες αυτην
Bei Heliodoros (griechische Quelle)
προς γαμον αιτωμεν
3) HA 1,4-5
Que dum ad nubilem pervenisset aetatem
Bei Heliodoros
Ηλθε και εις ωραν γαμου = Sie kam in die Zeit der Hochzeit
Ähnlichkeiten mit dem griechischen Roman
HA Anfang: Es handelt von einer übernatürlichen Schönheit eines Mädchens, das alle Männer heiraten möchten. Später treten Apollonius und die Tochter des Archistratus als Liebespaar auf: Symptome der Liebeskrankheit treten bei der Tochter auf: Schlaflosigkeit, Mattigkeit und innere Unruhe. Das Paar ist dann glücklich vereint und wird plötzlich getrennt – Apollonius denkt seine Frau sei gestorben → entspricht ziemlich der Handlung im Liebesroman des Chariton.
Motive: Irrfahrten, Schiffbruch, Verkauf eines Mädchens ins Bordell, Wahrung der Keuschheit, glückliche Vereinigung des Paares am Schluss.
Unterschiede zum griechischen Roman
Sprachduktus der Inschriften entspricht demjenigen lateinischer Inschriften.
Romantext enthält Zitate aus Werken lateinischer Literatur.
Im gr. Roman handelt es sich um ein bürgerliches Ambiente, in der HA stammen alle von königlichem Geschlecht ab.
Im gr. Roman sind die Haupthelden ein jugendliches Liebespaar, in der HA wechseln die Protagonisten.
In der HA hat Apollonius Selbstmordgedanken, als er glaubt, seine Tochter sei tot, im griechischen Liebesroman hat der eine Partner des Liebespaares Todessehnsucht, wenn er vom angeblichen Tod des oder der Geliebten erfährt.
In griechischen Romanen ist diese Liebe des jungen Paares von heftiger Leidenschaft gekennzeichnet, in der HA werden die erotischen Elemente stark reduziert – auch der Treueschwur und die Erprobung der Treue fehlen in der HA.
Aus einem Liebesroman wird ein Familien- und Wiedererkennungsroman, indem es primär über das Verhältnis von Vätern und Töchtern geht. Die Inzestpassage ist als notwendiger Teil in die Gesamthandlung eingebunden und dient als negatives Beispiel einer Vater-Tochter-Beziehung. Hingegen sind Archistrates und Apollonius gute Väter – eine Rolle als Liebhaber spielt der Hauptheld Apollonius jedoch nicht. Man geht also davon aus, dass die HA einen vorwiegend lateinischen Ursprung hat und nicht einen griechischen.
Das lateinische Original
In der heutigen Forschung wird also größtenteils angenommen, dass der Text auf ein lateinisches Original zurückgeht, das im 3./4. Jh. geschrieben wurde. Zudem gibt es noch weitere Theorien, wonach die HA ein christlicher Text oder ein Konglomerat von verschiedenen Kurzgeschichten sei. Diese aber werden in der Forschung aufgrund der dünnen Argumentation vernachlässigt. Die meiste Zustimmung findet jene von Elimar Klebs (Die Erzählung von Apollonius aus Tyrus: Eine geschichtliche Untersuchung, Berlin 1899).
Entstehungstheorie nach Klebs
Klebs nimmt den Ursprung der HA im 3./4. Jahrhundert an. Er will anhand der Münzangaben die Entstehungszeit der HA ablesen. Im Roman kommen 3 verschiedene Münzangaben vor: "auri" c.8, "talenta auri" c. 10 und "sestertia auri" c. 25 Durch die "sestertia auri" kann die Entstehungszeit auf das 3./4. Jhd. eingegrenzt werden. Denn die Rechnung nach Sesterzen war gegen Ende des 3. Jahrhunderts noch nicht ganz verschwunden. Zudem entspricht es dem Gebrauch dieses Jahrhunderts, dass den "sestertia" der Zusatz "auri" gegeben wird. Ab Konstantin dem Großen werden die Sesterzen zugunsten der auri aufgelöst. Das heißt, dass die lateinische Schrift jedenfalls vor Konstantin erschienen ist.
In den folgenden Beispielen wird gezeigt, warum die HA lateinischen Ursprungs sein soll:
Die Inschriften: Über sie will Klebs sehen, dass es sich bei der HA um keine Übersetzung aus dem Griechischen handeln könne, sondern sie von einem Lateiner frei entworfen worden sei, da sich die Formen und Formeln im typischen lateinischen Inschriftenstil bewegen. Bsp.: „D. M. CIVES TARSI TARSIAE VIRGINI BENEFICIIS TYRII APOLLONII“ – Es ist ein Kennzeichen für das Lateinische, dass Ehreninschriften im Dativ gehalten werden, im Griechischen dagegen im Akkusativ.
Einrichtungen und Gebäude: Den Schauplatz der Erzählung bildet die allgemeine hellenistisch-römische Kultur. Auffallend ist, dass keine griechischen Sitten erwähnt werden. Einiges deutet auf den römischen Ursprung der Erzählung hin.
Wenn Apollonius befiehlt, seine geborene Tochter aufzunehmen (c. 25 iussit infantem tolli), ist dies die römische Art, in welcher der Vater ein Kind anerkennt und den Willen ausdrückt, es aufzuziehen.
Die Figuren werden durch Standbilder mit Ehreninschriften geehrt, so wie es auch unzählige Male in der römischen Kultur geschah.
Im Gymnasium vergnügt sich König Archistrates beim Ballspiel, dann badet er und lässt sich abreiben. Ganz ebenso verhält sich Trimalchio (Petron 27/28).
Beim Mahl erfreut die Königstochter die Gäste durch musikalische Vorträge. Sie singt und spielt Lyra. So war es auch für die römische Zeit üblich.
Und wie jeder vornehme Mann der Kaiserzeit eine Bibliothek besitzt (Zeugnis u. a. bei Seneca), so studiert auch Apollonius die Philosophen und Astrologen, wenn er von Antiochus zurückkommt.
Die allgemeine Trauer, welche Apollonius’ Verschwinden hervorruft, wird so beschrieben: „maeror ingens nascitur – tantus vero amor circa eum civium erat ut multo tempore tonsores cessarent, publica spectacula tollerentur, balnea clauderentur, non templa neque tabernas quisquam ingrederetur.“ Damit wird die öffentliche Trauer geschildert, wie sie in Rom und im römischen Reich durch Schließung der Häuser und Kaufläden, durch Aufhebung der Schauspiele begangen wurde.
Gegen Ende der Erzählung rufen die Einwohner von Tarsus dem Apollonius zu „te regem, te patrem patriae diximus!“ Pater patriae war seit Augustus bekanntlich ein regelmäßiger Bestandteil der kaiserlichen Titulatur.
Sprache und Stil:
Hier werden markante Sprach- bzw. Stileigenschaften, die für einen lateinischen Ursprung sprechen, vorgestellt, wobei es relativ schwierig ist, Rückschlüsse auf den Originaltext zu ziehen, da dieser höchstwahrscheinlich im Laufe der Zeit entstellt und verdorben wurde.
Alliterationen: Bsp.: „mensas et ministeria“, „non templa neque tabernas“, „nudus naufragus“ „casta caraque“, ...
Endreime in Form von Flexionsreimen: „qui cum luctatur cum furore, pugnat cum dolore, vincitur amore“, „quaestionem regis soluisti, filiam eius non accepisti“
Wortspiele: „in artem incidit, sed non didicit“, „non Apollonium sed Apollinem“, „de arte tua nihil quereor, sed a rege Antiocho quaeror“, ...
weitere Stilfiguren: Anfügen eines Kompositums: „fugere quidem potest, effugere non potest“ mehrfach werden "scire" und "nescire" nebeneinander gestellt.
Intertextualität: Es ist interessant, die sprachlichen Einwirkungen lateinischer Autoren miteinzubeziehen, insbesondere solcher der augusteischen Zeit, Vergils und Ovids. Denn die starke Ähnlichkeit verschiedener Phrasen bzw. Passagen lässt vielleicht am meisten an ein lateinisches Original glauben. Beispiele:
HA c. 18: „Sed regina [sui] iam dudum saucia cura Apollonii figit in pectore vultus verba, cantusque memor credit genus esse deorum nec somnum oculis nec membris dat cura quietem.“
Vergil Aeneis 4,1 ff.:
Des Weiteren die poetische Beschreibung des Sturms: HA c. 11 „Hinc Notus, hinc Boreas, hinc Africus horridus instat“ → auffallende Ähnlichkeit zur Beschreibung der Winde bei Vergil
An derselben Stelle wird eine Passage von Ovid eingefügt: HA c. 11: „Ipse tridente suo Neptunus spragit harenas“ Ovid, Met. 1,260 ff.: „Ipse tridente suo terram percussit“
Die HA als christlicher Text
Die häufigen Wiederholungen von "deus", also "Gott" in der Einzahl, werden von einigen Forschern als direkte Anspielung auf den christlichen Gott interpretiert. Zudem kann die Betonung, die auf die Wahrung der Jungfräulichkeit gelegt wird, als christliches Element gewertet werden. Da aber auch die weitere Argumentation eher dünn ausfällt und die Forschung diese Theorie mit genügend Gegenbeispielen widerlegt hat, muss man wohl annehmen, dass der Roman aus dem 3./4. Jh. n. Chr. stammt und erst später mit christlichen Elementen versehen worden ist, zumal die älteste vorhandene Handschrift der Historia Apollonii auf das 9. Jh. zurückgeht und ungeklärt bleibt, welche – womöglich christlichen – Veränderungen der Text im Laufe der Jahrhunderte genommen hat.
Die Rätsel in der HA