mini|Dionysos mit Thyrsos auf dem Panther reitend, Mosaik aus Pella Der Dionysoskult ist der Kult um Dionysos, griechischer Gott des Weins und der Fruchtbarkeit, und einer der zahlreichen Mysteriengötter der antiken Welt, deren Kulte sich gegenseitig beeinflussen und deren Wesen nicht genau abgegrenzt werden kann.

Ein Gott Diwonusos kommt schon um 1250 v. Chr. im mykenischen Griechenland vor, er war schon damals eng verbunden mit dem Wein.Hans Kloft: Mysterienkulte der Antike, München 2003, S. 26. Beziehungen des Dionysoskultes zur Religion der Thraker und Phryger sind unbestreitbar, können aber statt durch Import auch durch Export erklärt werden. Martin Persson Nilsson hält den Dionysoskult für rein griechisch.Martin P. Nilsson: Dionysiac Mysteries of the Hellenistic and Roman Age, Lund 1957Walter F. Otto: Dionysos, Mythos und Kultus, Frankfurt am Main 1933, S. 51. Es scheint, dass ursprünglich selbständige Götter an verschiedenen Orten Griechenlands, zum Beispiel in Theben, Athen und auf Kreta, im Laufe der Zeit den Namen des Dionysos annehmen konnten, weil sie mit dem Wesen des Fruchtbarkeitsgottes vereinbar waren.

Vorstellungen zu Dionysos Der antike Gott Dionysos – von den Griechen auch Bakchos, von den Römern Bacchus genannt – hat eine exoterische und eine esoterische Erscheinungsform. Der exoterische Dionysos ist ein lustiger, harmloser Gott des Weines, der esoterische Dionysos dagegen ist ein Gott fundamental ernster Dimension. Er ist das Gegenstück zum Gott der Unterwelt: Denn wäre es nicht Dionysos, dem sie den Umzug machen und das Lied singen vom Phallos, sonst ist es ganz schamloses Treiben. Ein und derselbe aber sind Hades und Dionysos, dem sie toben und feiern, sagt Heraklit.Heraklit: Fragmente Offenbar, weil Dionysos ein Gott der Unterwelt ist, wurde er von den Griechen auch mit dem ägyptischen Osiris gleichgesetzt.Herodot: Historien, II, 42, 48, 61, 132, 144, 170. Allerdings scheint Dionysos ähnlich wie die Unterweltsgöttin Persephone periodisch auf- und abzusteigen (siehe unten), und so ist Dionysos letzten Endes ein typischer sterbender und auferstehender Gott an der Seite einer Großen Mutter, wie er auch im Mittelpunkt anderer Mysterienkulte steht.

Da es verschiedene lokale Formen des Dionysoskultes gab, hat auch die Partnerin, mit welcher Zeus den Dionysos zeugte, verschiedene Namen. Mal heißt sie Semele, mal Europa, mal Demeter, mal Rhea. Es gibt daher verschiedene, jeweils nur bruchstückhaft überlieferte, mehr oder weniger widersprüchliche heilige Geschichten.

Orphisch-bakchische Goldplättchen

alternativtext=Kleines goldenes Plättchen beschriftet mit griechischem Text|mini|352x352px|Orphisch-bakchisches Goldplättchen mit Anweisungen für die Unterwelt, aus der westlichen Nekropole von Hipponion, ca. 410 v. Chr.

Die sogenannten orphisch-bakchischen Goldplättchen geben als eine der zentralen Quellen über die dionysischen Mysterien einen Einblick in die Kultpraktiken und Jenseitsvorstellungen. Die nur wenige Zentimeter großen Plättchen aus Gold wurden in Gräbern in Griechenland und Italien gefunden. Auf einigen von ihnen sind griechische Inschriften, oft im Hexameter, mit Anweisungen zur Unterwelt zu finden: eine Quelle bei einer weißen Zypresse soll gemieden werden, stattdessen ein Becken der Mnemosyne (Erinnerung) aufgesucht werden und auf eine rituelle Befragung mit den Worten "Ich bin ein Kind der Erde und des sternenreichen Himmels" (eine Adaption von Hesiod, Theogonie 105-105) geantwortet werden. Die aktuelle wissenschaftliche Forschung kennt 53 solche Plättchen aus dem Zeitraum des 5. Jahrhunderts v. Chr. bis in das 3. Jahrhundert n. Chr.

Christian Zgoll entwickelt ein Doppelspiegelszenario zum Verständnis der Texte: Während der Einweihung in die dionysischen Mysterien erlebten die Initianden einen rituellen Tod, der den tatsächlichen Tod am Lebensende vorwegnimmt; zugleich spiegeln sich im rituellen Tod auch Vorstellungen über den tatsächlichen Tod und die Ankunft in der Unterwelt. Dadurch gehen ritueller und realer Tod in den Goldplättchen eine unzertrennliche Einheit ein. Dabei wird auch der Zweck der Plättchen deutlich: Im Zentrum der Einweihung stand eine Vergöttlichung der Eingeweihten bereits zu deren Lebzeiten. Die Plättchen funktionieren anschließend bei der Ankunft in der Unterwelt ähnlich wie moderne Reisepässe: Sie sind Nachweis über die Einweihung und damit auch über den göttlichen Status der Verstorbenen und erlauben den Eintritt in die Unterwelt.

Der attische Dionysoskult mini|Dionysostempel Stoibadeion auf Delos.

Besonders in Athen spielten die Dionysien im Zentrum des Dionysoskults eine tragende Rolle, die durch den Hellenismus und attischen Seebund auch Auswirkung auf die übrigen hellenischen Kulturen hatte. Es gab die Kleinen und die Großen Dionysien sowie andere im attischen Festkalender überlieferte Kultakte.

In seinem Drama Die Bakchen – heute das wichtigste Dokument zum Verständnis des Dionysoskultes – stellt Euripides das übliche Treiben der Bacchantinnen im Kithairongebirge nahe Theben dar. Sie singen:

O Lust für den, der im Bergwald in rasendem / Lauf stürzt hin auf den Grund, / Gehüllt ins heil’ge Hirschkalbfell, dürstend nach / Blut des getöteten Böckleins, nach rohem GenusseEuripides: Die Bakchen

Aber hier werden nicht nur kleine Rehböcke zerrissen, die Bacchantinnen zerreißen auch Pentheus, den König von Theben. Es ist sogar die Mutter, die zusammen mit ihren beiden Schwestern als Bacchantin ihren eigenen Sohn zerreißt. Pentheus ruft umsonst:

Erbarm dich, Mutter, töte … nicht dein Kind! / Die aber, Schaum vorm Mund, die Augen hin und her wild rollend … hörte nicht auf ihn. / Und packend mit den Händen ihm den linken Arm, / Gegen die Rippen tretend des Unseligen, / Riss sie heraus die Schulter … Ino war auf der anderen Seite tätig

Als die Mutter endlich aus ihrer dionysischen Raserei erwacht, hält sie schon den abgerissenen Kopf ihres Sohnes in der Hand.

In diesem Drama erleidet Pentheus das gleiche Schicksal wie Dionysos. Dieses Schicksal wird ihm seltsamerweise von Dionysos zugefügt, aber entweder gilt Pentheus als der Prototyp des Novizen, der ja immer die Leiden seines Gottes miterleiden muss, oder er ist ein älterer Gott, der mit Dionysos verschmolz, weil beide dasselbe Schicksal erlitten. Jedenfalls wurde die Zerreißung des Pentheus ebenso wie die Zerreißung des Orpheus als eine dramatisierte – vielleicht auch wegen des Geheimhaltungsgebotes verhüllte – Form der Zerreißung des Dionysos selbst verstanden.

Dionysos und Kybele mini|Bronzebüste der Kybele mit Mauerkrone und Füllhörnern Im Drama Die Bakchen betrachtet Euripides nicht nur den thebanischen und den kretischen Dionysoskult, sondern auch den Dionysoskult insgesamt und den phrygischen Kybele- und Attiskult als vollkommen identisch. Ihm scheint überhaupt die Große Mutter Kybele als die eigentliche Partnerin des Dionysos vorzuschweben, denn der Chor singt in seinem Einzugslied gleich am Anfang des Dramas:

Selig, wer im hohen Glück / Um der Götter Weihen weiß … / Wer sich haltend an der Großen / Mutter Kybele hohen Festbrauch, / Mit des Thyrsos wildem Schwingen / Sich – das Haupt eppichbekränzt – weiht / Ganz dem Dienst des Dionysos Die wichtigste Erscheinungsform der Großen Mutter im Dionysoskult ist ihre Erscheinungsform in dreifacher Gestalt als die drei Erinnyen, Eumeniden, Musen, Moiren, Mütter usw.

Der delphische Dionysoskult Im Lied des Chores in der Antigone des Sophokles werden als die Lieblingsorte des Dionysos genannt: Theben, Eleusis (das heißt praktisch Athen), Delphi, Euboia und Italien (d. h. Großgriechenland in Unteritalien).Sophokles, Antigone 11115 ff. Nach Theben und Athen gilt also Delphi als eine der wichtigsten Stätten des Dionysoskultes, und das überrascht, weil Delphi kein gewöhnlicher griechischer Stadtstaat, sondern im Wesentlichen ein gesamtgriechisches Heiligtum war. Der Tempel in Delphi mit seinem berühmten Orakel, dem Omphalos und dem ewigen Feuer der Hestia galt als ein Apollontempel, näher betrachtet aber erweist er sich als ein Tempel sowohl des Dionysos als auch Apollons. Beide Götter galten als verschiedene Aspekte des Gottes (ohne Eigennamen) von Delphi. Es gab jedenfalls ein Grab des Dionysos im Tempel; es befand sich wahrscheinlich unter dem Omphalos, wie der frühchristliche Schriftsteller Tatian berichtet. Man glaubte, dass der Tempel im Winter von Dionysos und im Sommer von Apollon bewohnt würde. Ein Vasenbild zeigt, wie sich Dionysos und Apollon über dem Omphalos die Hand reichen.Georges Roux: Delphi, Orakel und Kultstätten, München 1972. Man könnte meinen, dass sich in Delphi Dionysos und Apollon verhielten wie Osiris und Horus in Ägypten – die beiden Götterpaare wurden tatsächlich gleichgesetzt –, dass also der eine als der Herr der Unterwelt und der andere als der Herr der Oberwelt betrachtet wurde (vgl. Isis- und Osiriskult).

Eines der wichtigsten Feste in Delphi war die alle zwei Jahre zur Zeit der Wintersonnenwende veranstaltete Trieteris, bei der sich die Thyiaden Athens und Delphis zu einer gemeinsamen nächtlichen Feier in den Bergwäldern des Parnass vereinigten. „Dieses (Fest) begann mit Tänzen und mit der Oribasie, dem ausgelassenen Lauf durch das Gebirge, in der Nacht bei Fackelschein … Dann verleibten sich die Thyiaden ihren Gott (Dionysos) durch … die Omophagie ein, indem sie das rohe Fleisch eines lebendig gevierteilten Opfers – gewöhnlich einer jungen Ziege – verschlangen“. Gleichzeitig brachten die Priester im Tempel dem Dionysos ein geheimes Opfer dar,Plutarch: Über Isis und Osiris, 35. das vermutlich mit dem Aufstieg des Gottes aus der Unterwelt zusammenhängt.

Die Trieteris wurde als die Erweckung des Liknites, d. h. als die Erweckung des Dionysoskindes in der Getreideschwinge bezeichnet, wie Plutarch berichtet. Der 53. orphische Hymnos zeigt, dass dieser Erweckung ein zweijähriger Schlaf des Dionysos in der Unterwelt voranging. Es heißt hier: „Ich rufe dich, Bakchos, der du in jedem zweiten Jahr erscheinst, den chthonischen Dionysos …, der du im heiligen Haus der Persephone eine heilige bakchische Zeit von zwei Jahren schläfst …“. Dionysos steigt also periodisch auf und ab. Seltsamerweise steigt er aber alle zwei Jahre aus der Unterwelt auf, nur um sogleich von den Thyiaden, seinen Ammen, bei lebendigem Leibe zerrissen und verschlungen zu werden.

Eine Bemerkung Plutarchs deutet auf einen alten Zusammenhang des Tempels in Delphi mit der Pubertäts- und Stammesinitiation. Plutarch berichtet von Theseus: Da es damals noch Sitte war, dass die Knaben beim Übertritt ins Mannesalter nach Delphoi gingen und dem Gott[!] ihr Haar darbrachten, so ging auch Theseus nach DelphoiPlutarch: Große Griechen und Römer, Theseus 6 (vgl. Isis- und Osiriskult zum Phänomen der Haarlocke des Knaben). Demnach scheint der Tempel in Delphi in archaischer Zeit so etwas wie das Zentrum der griechischen Pubertäts- und Stammesinitiation gewesen zu sein.

Das Theater in Delphi mini|250px|Das Theater in Delphi