mini|Besetzte deutsche Gebiete nach dem Ersten Weltkrieg, Stand 1. Juli 1923, unter besonderer Berücksichtigung der rechtsrheinischen Gebiete Als Freistaat Flaschenhals bezeichnete sich selbstironisch ein trotz der alliierten Rheinlandbesetzung unbesetzt gebliebenes schmales Gebiet zwischen den besetzten Brückenköpfen Koblenz und Mainz sowie zwischen dem Rhein und dem unbesetzten Teil der preußischen Provinz Hessen-Nassau, das nach Ende des Ersten Weltkrieges aufgrund seiner Lage bis Sommer 1920 vom übrigen unbesetzten Deutschland abgeschnitten und damit politisch wie wirtschaftlich auf sich selbst gestellt war. Um einen Staat im völkerrechtlichen Sinne handelte es sich dabei nicht.

Die Entstehung des Flaschenhalses Nach Kriegsende wurde im Waffenstillstand von Compiègne die Besetzung des linksrheinischen Gebietes durch die Alliierten und zusätzlicher Brückenköpfe mit einem Radius von 30 km um Köln (britisch), Koblenz (US-amerikanisch) und Mainz (französisch) angeordnet. Ein vierter – kleinerer – Brückenkopf wurde 1919 unter französischer Besatzung als Brückenkopf Kehl eingerichtet.Einen guten Überblick über das Gebiet dieses Brückenkopfes und dessen Grenzverlauf gibt eine Karte auf der Webseite des Museums- und Geschichtsvereins Ortenberg e. V.: Brückenköpfe und Besetzungsgebiete 1923.

Zwischen dem US-amerikanischen Brückenkopf von Koblenz, bei dem sich der Mittelpunkt des Kreissegments auf der Pfaffendorfer Brücke befand, Hessisches Hauptstaatsarchiv: (HHStAW): HHStAW Bestand 405 Nr. 5278: Grenzen des besetzten Gebietes (1920–1929), Blatt 128 (Abschrift auf dem Briefbogen des Ministers des Innern vom 7. November 1926 an den Regierungspräsidenten in Wiesbaden) und dem französischen Brückenkopf um Mainz, bei dem der Mittelpunkt des Kreissegments die Adresse des damaligen Mainzer Rathauses, Stadthausstraße 18, war,Sven-Felix Kellerhoff: „Freistaat Flaschenhals“. Blanke Hintern blitzten im Licht der Suchscheinwerfer. Die Welt, 28. Juni 2021 (Online auf welt.de) blieb ein schmaler Streifen zwischen dem Rheintal und Limburg an der Lahn unbesetzt, der wegen seiner Lage zwischen zwei sich einander fast berührenden Kreisbögen die Form eines Flaschenhalses hatte.Über den Link https://www.freemaptools.com/radius-around-point.htm kann eine zoombare Karte erzeugt werden, in der die beiden Brückenköpfe Koblenz und Mainz gleichzeitig angezeigt werden. Auf der Webseite müssen zuerst zwei Parameter eingetragen werden: Radius Size = 30 KM; Place radius by location name = Stadthausstraße 18, Mainz. Mit „Draw Radius“ wird der erste Kreis erstellt. Danach muss im Eingabefeld nur noch die Mainzer Adresse durch den Eintrag „Pfaffendorfer Brücke, Koblenz“ ersetzt und erneut der Button „Draw Radius“ betätigt werden. Nun erscheinen beide Kreise in einer Karte, die sich im Vollbildmodus anzeigen und beliebig zoomen lässt. Mit welchem Kreis man beginnt, ist nicht relevant.

Wie es zu diesem besatzungstechnischen Vakuum zwischen den beiden Brückenköpfen kommen konnte, wird von Zibell so erklärt:

Der Flaschenhals zwischen den Brückenköpfen Koblenz und Mainz war allerdings nicht das einzige besatzungstechnische Vakuum im Rheinland.

Erste Kritik an dem unbesetzten Gebiet zwischen den Brückenköpfen Koblenz und Mainz kam aus Frankreich selber. Der französische General Jean Jules Henri Mordacq (* 12. Januar 1868 in Clermont-Ferrand; † im April 1943)„Mordacq machte als Offizier in der Dritten Republik Karriere, nahm an Kampagnen in Algerien und Tonkin teil. Den Ersten Weltkrieg begann er als Oberst und erreichte 1917 den Rang eines Generals. Er wechselte als Stabschef in das Kriegsministerium und wurde Kabinettschef unter Ministerpräsident Clemenceau. 1920 übernahm er das Kommando über das 30. Armeekorps mit Sitz in Wiesbaden. Er verfasste mehrere Monographien zu politischen und militärischen Themen, darunter ein Buch über seine Zeit als Befehlshaber am Rhein. Académie septentrionale: Membres titulaires – Membres correspondants, Lille 1951, S. 314 und Livre d’or de la Sabretache. 1914–1918, Bd. 1, Paris 1923, S. 73.“ (Marius Munz: „Wiesbaden est boche, et le restera.“ Die alliierte Besetzung Wiesbadens nach dem Ersten Weltkrieg 1918–1930. Wiesbaden 2018 (Online auf hebis.de, S. 178, Anmerkung 755)) reklamierte den Flaschenhals als französische Besatzungszone, stieß damit aber auf Widerstand bei den übrigen Alliierten.Stephanie Zibell, Peter Josef Bahles: Der Freistaat Flaschenhals. Historisches und Histörchen Allerdings forderte auch der Wiesbadener Regierungspräsident Wilhelm von Meister die Eingliederung des Flaschenhalses in die französische Besatzungszone, wenngleich aus anderen Gründen als Mordacq. Von Meister befürchtete im Dezember 1918, dass es aufgrund der Verkehrssituation für die Bevölkerung im Flaschenhals zu starken Versorgungsproblemen kommen könnte, weshalb eine Angliederung an die französische Besatzungszone notwendig sei. Die Waffenstillstandskommission lehnte diesen Vorstoß allerdings im Januar 1919 ab und kam damit auch dem Wunsch der Flaschenhals-Bewohner nach. Als deren Vertreter hatte der Lorcher Bürgermeister Edmund Pnischeck die Waffenstillstandskommission aufgefordert, dafür zu sorgen, „dass zwischen Bonn und Mainz wenigstens noch ein Streifen wirkliche[n] deutschen Rheins verbleiben soll, frei von jedem direkten oder auch indirekten welschen Einfluss“.

Die Entstehung des Freistaats Der Flaschenhals, der sich nordöstlich von Laufenselden so weitete, dass eine weitgehend störungsfreie Verbindung zum restlichen unbesetzten Gebiet in Richtung Limburg bestand, blieb also unbesetzt. Von Laufenselden an in südwestlicher Richtung blieben aber 11 Ortschaften des Flaschenhalses aufgrund ihrer besonderen Lage zwischen den beiden Besatzungszonen von dem übrigen unbesetzten Gebiet isoliert. Sie hatten bis zur Grenzziehung für die Brückenköpfe drei unterschiedlichen Kreisverwaltungen innerhalb der preußischen Provinz Hessen-Nassau unterstanden. Gemeinden und ursprüngliche Zuständigkeiten im Freistaat FlaschenhalsAlle Angaben nach: Preußisches Statistisches Landesamt: Besetzte Gebiete Deutschlands GemeindeKreisAmtsgerichtFläche/haBewohner am08.10.1919LorchRheingaukreisRüdesheim2.4522.206LorchhausenRheingaukreisRüdesheim836679KaubSankt GoarshausenSankt Goarshausen1.1351.807SauerthalSankt GoarshausenSankt Goarshausen357330RanselRheingaukreisRüdesheim722728WollmerschiedRheingaukreisRüdesheim553243WelterodSankt GoarshausenSankt Goarshausen994420ZornUntertaunuskreisBad Schwalbach618321StrüthSankt GoarshausenSankt Goarshausen465304EgenrothUntertaunuskreisBad Schwalbach384181LaufenseldenUntertaunuskreisBad Schwalbach2.101987Total10.6178.206Eine in manchen Quellen zu findende Einwohnerzahl von etwa 17.000 Bewohnern lässt sich durch die Zahlen des Preußischen Statistischen Landesamtes nicht verifizieren. Auf sie kommt man allenfalls für die Besatzungszeit ab 1923, wenn man Orte oberhalb von Laufenselden in die Zählung mit einbezieht. Die verwaltungstechnische Zuständigkeit der drei Kreisverwaltungen über die elf unbesetzten Flaschenhals-Gemeinden bestand formell weiterhin, sie konnte aber aufgrund von deren isolierter Lage nicht mehr oder nur noch sehr eingeschränkt ausgeübt werden, so dass im Flaschenhals auf der Verwaltungsebene ein Notstand eintrat, der zur Selbstverwaltung zwang. Dieser Zwang zur Selbstverwaltung begründete das, was als „Freistaat Flaschenhals“ in die Geschichte einging. Er wurde am 10. Januar 1919 von Pnischeck bar jeglicher staatsrechtlicher Relevanz für unabhängig erklärt.Peter Maxwill: Niemandsland im Rheintal Pnischeck, der für dieses Gebilde ohne „Verfassung, eine demokratisch legitimierte Regierung und ein Staatsvolk“ eine bedeutsame Rolle spielte, „war lediglich der Sprecher der verschiedenen, in dem Gebiet unfreiwillig zusammengefassten Gemeinden“, deren Überbau – der selbsternannte Freistaat – „seine Hochphase […] zwischen Januar 1919 und Juni 1920 [erlebte], als die traditionellen Verwaltungsstrukturen, die Verkehrswege und die Kommunikationsmöglichkeiten sowohl zum besetzten als auch zum unbesetzten Teil des Deutschen Reiches gekappt worden waren“.

Die Situation im Freistaat Isolierte Lage Die Gemeinden zwischen Laufenselden und den Rheinanliegern Lorch, Lorchhausen und Kaub waren nicht nur verwaltungstechnisch isoliert. Der Flaschenhals hing zwar geographisch immer noch mit dem übrigen unbesetzten Deutschland zusammen, doch infolge der engen Grenzziehung gab es zunächst keine Wege mehr, auf denen die Flaschenhals-Orte – etwa von Limburg aus – erreichbar gewesen wären. Es gab keine direkte Straßenverbindung zwischen Laufenselden und den restlichen zum Rhein hin gelegenen Gemeinden, und teilweise hatten diese auch untereinander keine Straßenverbindung. Alle Verbindungswege führten über eines der beiden Brückenkopfgebiete und waren an deren Grenzen blockiert und nur mit einem speziellen Pass nutzbar. Die schmalste Stelle lag in bewaldetem Gebiet zwischen den Dörfern Zorn und Egenroth und war noch nicht einmal einen Kilometer breit. Zwischen Wollmerschied und Strüth und bei Zorn und Egenroth existierten überhaupt keine Straßen, weshalb allmählich über Feldwege und Waldschneisen eine Verbindung hergestellt werden musste.Edmund Pnischeck: Der Freistaat Flaschenhals Diese neu geschaffenen Verbindungswege zwischen den elf Orten waren allerdings nicht unbedingt sicher. Die Besatzungsmächte nahmen gelegentlich Grenzverschiebungen vor, die erst nach mühsamen Verhandlungen wieder rückgängig gemacht werden konnten.

Eisenbahnzüge auf der rechtsrheinischen Strecke durften weder in Kaub noch in Lorch halten, Schiffe nicht anlegen.

Selbstverwaltung mini|hochkant|50-Pfennig-Notgeldschein aus dem „Freistaat Flaschenhals“ Mit Erlass des preußischen Oberpräsidiums Kassel vom 3. Januar 1919 wurde die kommunale Verwaltung des Gebietes pro forma auf den Landrat des Kreises Limburg übertragen; Limburg an der Lahn war die nächstgelegene nicht besetzte Kreis- und Gerichtsstadt. Da die Orte des Flaschenhalses, insbesondere dessen De-facto-Hauptstadt Lorch, von Limburg aus jedoch kaum zu erreichen waren, wurde Pnischeck als Vertreter des Limburger Landrats Robert Büchting mit weitgehenden Vollmachten ausgestattet, um die Region zu verwalten. Pnischeck war damit das politische Oberhaupt des Flaschenhalses und veranlasste wegen der weiterhin relativ isolierten wirtschaftlichen Lage die Herausgabe eines eigenen Notgeldes, das in den besetzten Nachbargebieten bald einen erheblichen Wert gewann. Viele Motive der nun in Umlauf gebrachten lokalen Geldscheine stammten von dem in Kaub wohnenden Künstler Erich Nikutowski. mini|230x230px|Inoffizielle Flagge des „Freistaat Flaschenhals“ Als Teil Preußens gehörte der „Freistaat Flaschenhals“ bis zum 22. November 1919 noch dem Regierungspräsidium Wiesbaden an, wurde dann aber einer neu gegründeten Abteilung beim Oberpräsidium in Kassel unterstellt.

Die Franzosen versuchten ihrerseits, durch Schikanen den Widerstand der Bevölkerung im Flaschenhals zu brechen, um doch noch dessen Anschluss an das von ihnen besetzte Gebiet zu erreichen. Zu diesen Schikanen zählte auch, die Arbeit der Verwaltung zu torpedieren, um diese in den Augen der Bewohner zu diskreditieren. Zu diesem Zweck wurden Telefon- und Telegrafenverbindung zwischen dem Flaschenhals und Wiesbaden gekappt und der Briefverkehr unterbunden. Vermutlich war auch dies ein Grund dafür, weshalb der behördliche Schriftverkehr nicht mehr an das im besetzten Wiesbaden gelegene Regierungspräsidium gerichtet wurde, sondern an das Oberpräsidium in Kassel. Direkte Kontakte zwischen der Verwaltung vor Ort und dem Oberpräsidium in Kassel waren jedoch eher selten, da schon die Reise in das etwa 60 km entfernte Limburg einen Tag beanspruchte und eine Reise nach Kassel vier Tage.

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