Die Kirche St. Peter und Paul in Wittelbach, einem Ortsteil von Seelbach im Schuttertal (Ortenaukreis), ist eine der letzten für die Ortenau einst typischen Chorturmkirchen. Die ursprüngliche romanische Kirche wurde 1132 eingeweiht. Der frühgotische Turm stammt aus dem 13. Jahrhundert. Bei der Innenrenovierung 1974 wurden im Chorraum Fresken aus der Zeit um 1420 entdeckt und freigelegt. mini|hochkant=1.4|Die Kirche von Wittelbach 2007, im Jahr des 875-jährigen Jubiläums der Kirchweihe
Vorgeschichte und Weihe der Kirche Wittelbach als Teil des Bistums Straßburg und der Herrschaft Ettenheimmünster Die Geschichte der Wittelbacher Kirche reicht zurück bis in die Zeit der Christianisierung der Ortenau. Ausgangs- und Mittelpunkt des Christentums am Oberrhein war Straßburg, das römische Argentoratum („Silberstadt“), das 12 v. Chr. als römisches Heerlager gegründet wurde und Standort mehrerer Legionen war, mit einem Kastell von 500 × 400 m.
Eine frühchristliche Gemeinde mit einem Bischof bestand in Straßburg schon im 4. Jahrhundert. Erstmals erwähnt ist ein Straßburger Bischof namens Amandus als Teilnehmer an der Synode von Sardika (343). Die älteste Kirche, St. Peter, stand vor den Mauern des Lagers.
Als die Römer abgezogen waren, wurde Straßburg im Jahr 406 von den Alemannen erobert, aber nicht zerstört. Nach dem Sieg der Franken unter König Chlodwig I. über die Alemannen in der Schlacht bei Zülpich (496) besetzten die Franken Straßburg und errichteten eine Martinskirche vor dem Kastell.
Im 7. Jahrhundert war der aus fränkischem Geschlecht stammende heilige Arbogast Bischof von Straßburg (ca. 670 bis 678). Er baute die erste Straßburger Kathedrale, eine Marienkirche, im ehemaligen Kastell, wo heute das Münster steht. Arbogast bemühte sich tatkräftig um die Missionierung. Der Heilige ist Hauptpatron des Bistums Straßburg (Fest: 21. Juli).
Zum weltlichen Besitz des Bistums Straßburg gehörten später viele Ländereien links und rechts des Oberrheins, fast das ganze Unterelsass und ein großer Teil Mittelbadens. Es reichte im Süden bis zur Bleich, im Norden bis zur Oos und im Osten bis Büchereck, Brandenkopf und Kniebis.
Straßburgisch war auch die Herrschaft Ettenheimmünster, benannt nach dem von Bischof Heddo (Etto) von Straßburg gegründeten „Monasterium Ettonis“ (Kloster des Etto), zu dessen Besitzungen von 1363 bis 1803 auch Wittelbach zählte. Deshalb ist die Geschichte der Kirche und des Dorfes Wittelbach eng verknüpft mit Ettenheimmünster und Straßburg.
Bevor Wittelbach aber zum Territorium des Klosters Ettenheimmünster gehörte, hatte das Kloster St. Trudpert hier Besitzrechte. In einer päpstlichen Schirmbulle von 1144 bestätigt Papst Lucius II. (1144–1145) dem Abt Eberhard von St. Trudpert die Rechte und Besitztümer des Klosters St. Trudpert, darunter solche in „Wittilunbach“. Auch dieses Kloster, obwohl im Bistum Konstanz gelegen, stand in enger Verbindung zu Straßburg, weil Bischof Erkanbald von Straßburg (965–991) das Kloster nach einem Brand um das Jahr 975 wieder hatte aufbauen lassen, St. Trudpert deshalb sein „Eigenkloster“ war und er somit das Patronat über das Kloster besaß, das auch seine Nachfolger beanspruchten.
Die Klöster erfüllten damals neben ihrem religiösen Auftrag der Missionierung auch politische, wirtschaftliche und kulturelle Aufgaben. Sie waren sowohl kirchliche Mittelpunkte als auch Verwaltungszentren und zugleich Pflegestätten abendländischer Kultur.
Und da es vom 7. bis zum 9. Jahrhundert in keiner Landschaft am Oberrhein so viele Klöster gab wie in der Ortenau, war deren Wirken in dieser Gegend besonders segensreich. Geordnet wurde hier das Klosterwesen von Pirmin, dem Begründer des berühmten Klosters Reichenau. Er gilt wegen seiner gewaltigen organisatorischen Leistung als der Vater des benediktinischen Mönchtums am Oberrhein.
Die Vorgeschichte der Klöster Ettenheimmünster und St. Trudpert ist dargestellt in den legendenhaften Lebensgeschichten der Heiligen Landelin und Trudpert.
Das Kloster Ettenheimmünster veranlasst den Bau der Wittelbacher Kirche
Bischof Etto, der Namensgeber des von ihm gegründeten Benediktinerklosters Ettenheimmünster, war ab 734 Bischof von Straßburg. Davor hatte er als Abt und Nachfolger des hl. Pirmin das Kloster Reichenau geleitet.
Zu den Hauptaufgaben der Mönche von Ettenheimmünster gehörten die Erschließung, Missionierung und kirchliche Betreuung des Münstertales und des hinteren Schuttertales. Die Benediktiner rodeten den Urwald, bekehrten die letzten Heiden und bauten Klosterhöfe. Den Bauern errichteten sie an geeigneten Punkten Kirchen und Kapellen, so am Fuß des Hünersedels das Kirchlein St. Roman in Schweighausen, eine Kirche zu Ehren Johannes’ des Täufers in Dörlinbach und, noch weiter ins Tal vorgeschoben, das Kirchlein in Wittelbach.
Dass beim Bau der Wittelbacher Kirche auch das Kloster St. Trudpert beteiligt war, ist wegen seiner Besitzrechte stark anzunehmen.
Die Weihe der Wittelbacher Kirche durch Bischof Ulrich von Konstanz
In einem Kopialbuch des Klosters Ettenheimmünster aus dem Jahr 1584Generallandesarchiv (GLA) Karlsruhe, 67/597. findet sich folgender Eintrag: mini|links|Kopialbuch von 1584
TITULI CONSECRATORUM ALTARIUMAnno MCXXXII. imperante Wernhero Abbate, dedicatae sunt Ecclesiae, a venerabili Udalrico Constantiensis Ecclesiae Episcopo, in honore S[anctae] Individuae Trinitatis. Witilinbach, quidem et Derlinbach una die, hoc e[st] VII. Idus Iulii […].BEKANNTMACHUNGEN VON ALTARWEIHENIm Jahre 1132 sind im AuftragDie korrekte Übersetzung von „imperante“ lautet nicht „auf Bitten“, sondern „im Auftrag“ oder „auf Initiative von“. Eigentlich war der Bischof von Straßburg für die Weihe zuständig. Der Abt von Ettenheimmünster hatte aber das Privileg, auch den Bischof einer anderen Diözese damit beauftragen zu können (vgl. Anm. 3). des Abtes Werner von dem ehrwürdigen Ulrich, Bischof des Bistums Konstanz, zu Ehren der Hl. Ungeteilten Dreifaltigkeit die Kirchen in Wittelbach und Dörlinbach an einem Tag geweiht worden, und zwar am 9. Juli […]. Wie es in der Quelle weiter heißt, weihte derselbe Bischof am 10. Juli „die Kapelle des hl. Cyriak im Turm von St. Peter“ in Ettenheimmünster und am 11. Juli 1132 „die Kirche zu Ehren des hl. Märtyrers Romanus in Schweighausen“.
Der greise Bischof Ulrich II. von Konstanz, der von 1127 bis 1138 regierte, weilte damals bei „seinem Bruder“ Werner, dem Abt des Klosters Ettenheimmünster (von 1124 bis 1141). Dieser hatte vor seiner Wahl zum Abt als Mönch in St. Blasien gelebt, wohin er sich nach 17-jähriger Amtszeit in Ettenheimmünster wieder zurückzog und wo er auch starb. Bischof Ulrich scheint ebenfalls Mönch in St. Blasien gewesen zu sein. Abt Werner war demnach wohl kein leiblicher Bruder, sondern ein Mitbruder (confrater) aus dem gleichen Orden und Kloster.
Es bleibt aber eine merkwürdige Tatsache, dass die Wittelbacher Kirche nicht vom zuständigen Straßburger Diözesanbischof geweiht wurde, sondern von Bischof Ulrich von Konstanz. Dieser weihte im Jahr 1132 außerhalb seiner Diözese noch eine ganze Reihe von Kirchen, 1134 sogar eine Kirche in Schellbronn bei Pforzheim, das damals zum Bistum Speyer gehörte.Ursprünglich, d. h. zur Zeit der merowingischen Reichskirche (im 6. Jh.), durfte kein Bischof außerhalb seiner Diözese Kirchen weihen. Mit der Gründung des Klosters Luxeuil (Haute Saône) durch den Iren Columban wurde der Diözesanzwang aufgehoben. Die Privilegien und Freiheiten für das Kloster Luxeuil wurden zum Vorbild und Muster für die späteren irischen Klostergründungen. So bestätigte Bischof Widegern von Straßburg, der die „cella monachorum“ (Münchweier) gegründet hat, dem Kloster Murbach im Elsass 728 das Recht, mit bischöflichen Aufgaben („actus pontificales“) auch einen anderen Bischof betrauen zu dürfen. Das Kloster Arnulfsau (826 nach Schwarzach verlegt) erhielt von Bischof Heddo dasselbe Privileg. Man darf also annehmen, dass Bischof Heddo bei der Gründung seines Klosters in Ettenheimmünster dieses ebenfalls mit einem solchen Vorrecht ausstattete. Alle cluniazensischen (Hirsauer) Reformklöster im 10. und 11. Jh. beanspruchten u. a. die Befreiung (Exemtion) der Klöster von der Abhängigkeit vom zunächst auch für sie zuständigen Diözesanbischof und seiner Jurisdiktion.
Die Kirchenpatrone Die ersten christlichen Kirchen wurden über Märtyrergräbern erbaut. Daraus entwickelte sich der Brauch, Reliquien im Altar aufzubewahren, die Kirche nach Heiligen zu benennen und unter deren Schutz zu stellen. Da manche Kirchenpatrone zu bestimmten Zeiten besonders beliebt waren, kann man oft vom Patron auf das Alter der Kirchen schließen. Sehr alt sind meist Peters-, Michaels- und Martinskirchen.
Viele Peterskirchen verdanken der cluniazensischen bzw. Hirsauer Reformbewegung ihren Patron. Durch das Petrus-Patrozinium wurde die enge Verbundenheit mit Rom demonstriert.
Wahrscheinlich wurde die Wittelbacher Kirche bereits 1132 dem heiligen Petrus geweiht. Die Formulierung „zu Ehren der heiligen ungeteilten Dreifaltigkeit“, die ähnlich in den Weiheurkunden der Kirchen von Burgheim und Münchweier vorkommt, sagt nichts aus über den Kirchenpatron. Die Hochaltarbilder von 1655 zeigen Petrus allerdings zusammen mit der Hl. Dreifaltigkeit.
Im Kirchenvisitationsbescheid des Landkapitels Ettenheim aus dem Jahr 1619 heißt es: „Wittelbach ist eine Filiale der Mutterkirche in Schweighausen. Himmlischer Patron ist der hl. Apostelfürst Petrus, Kollator und Zehntherr ist der Abt von Ettenheimmünster.“
Paulus kam als Kirchenpatron also erst nach 1619 hinzu.
Die große Glocke von 1681 trug ein Bild von Petrus und Paulus. Auch die Glocke von 1761 ist laut Inschrift Petrus und Paulus geweiht. Bei der Patroziniums-Prozession am 29. Juni werden eine große und eine kleine rote Peter-und-Paul-Fahne mitgetragen.
Der Standort der Kirche
Man hat seinerzeit den Bauplatz der Kirche offensichtlich sehr sorgfältig gewählt. Sie steht an der östlichen Talseite, etwa 100 m entfernt vom Dorfbach und etwa 250 m von der Schutter auf einer mit eiszeitlichem Löss und Schwemmlöss (Lösslehm) bedeckten Niederterrasse der Schutter, d. h. auf einer natürlichen Bodenerhebung, die von der Schuttertalstraße durchbrochen wird. Die Oberkante der Türschwelle des Westportals liegt und damit 2 m höher als die Straße und 6 m höher als die „Kirchmatt“ und die Schutterniederung (Talaue), die früher überschwemmungsgefährdet und vielfach versumpft war. Der feinsandige Lösslehm bildet einen festen und trockenen Baugrund. Da der darin ursprünglich enthaltene Kalk ausgewaschen wurde, ist der Boden bis in 1,50 m Tiefe kalkfrei.
Viele alte Kirchen stehen sinnvollerweise erhöht, manchmal auf so genannten Kirchbergen, und sind über Treppen zu erreichen.Dies hat auch symbolische Bedeutung: Die Kirche ist als Haus Gottes das erhabene Heiligtum des Allerhöchsten, die Gottesburg, die „Stadt auf dem Berg“ , zu der man hinaufsteigt wie auf den Tempelberg in Jerusalem.
Baugeschichte der Kirche Die romanische Kirche von 1132 bis ca. 1250 mini|Rekonstruktion der Kirche von 1132
Die romanische Kirche von 1132 bestand aus einem knapp 10 m langen und 7,50 m breiten Langhaus mit Eingang im Westen und einem drei Stufen höheren 3,40 × 4,20 m großen Altarraum (Chorraum).
Zwischen Schiff und Chor wölbte sich der bis heute erhaltene romanische Chor- bzw. Triumphbogen, der als Symbol des Himmelsgewölbes, des Eingangs in den Himmel oder als Stadttor zum himmlischen Jerusalem gedeutet werden kann. Die Kämpfersteine des nicht profilierten Bogens sind sehr altertümlich und nicht symmetrisch gestaltet. hochkant=0.7|links|mini|Türsturz von 1132 hochkant=0.5|mini|Reliquiar hochkant=0.7|links|mini|Romanisches Rundbogenportal mit Halbkugelverzierungen (Westeingang) hochkant=0.5|mini|Silberpfennige hochkant=0.5|mini|Münzgefäß