mini|Spare Seife! … aber wie? Poster des Kriegsausschusses für Oele und Fette, das auffordert, Seife und Öle zu sparen und Vorschläge unterbreitet, wie das zu tun ist
Der Erste Weltkrieg unterschied sich nicht zuletzt auch dadurch von früheren europäischen Kriegen, dass es sich um den ersten Krieg handelte, der zwischen weitgehend industrialisierten Ländern stattfand. Die wirtschaftlichen Potentiale der beteiligten Staaten wurden daher auch zu entscheidenden Faktoren für den Ausgang des Krieges (Materialschlacht).Friedrich-Wilhelm Henning: Das industrialisierte Deutschland 1914 bis 1976. 2. Auflage. Paderborn 1974, S. 32.
Die deutsche Kriegswirtschaftspolitik hatte vier grundlegende Ziele: das Herstellen von ausreichend Kriegsmaterial (Munition, Waffen, sonstige Ausrüstung) für die neue Kriegsform der Materialschlachten, zu diesem Zweck vor allem die Sicherung der Rohstoffversorgung, die Aufteilung von Arbeitskräften beziehungsweise Soldaten zwischen Armee und Wirtschaft, vor allem Rüstungsbetrieben, um beide funktionsfähig zu erhalten, das Erhalten des sozialen Friedens durch Ausgleich zwischen den Interessen von Unternehmern, Arbeitern und dem kriegführenden Staat, das Sicherstellen der Nahrungsmittelversorgung trotz der von den Alliierten verhängten Wirtschaftsblockade.
Die verschiedenen staatlichen Eingriffsmaßnahmen lösten keines dieser Probleme. Zum Kriegsende vereinigten sich die Einzelprobleme zu einer umfassenden Krise, in der die sozialen Fragen eine herausragende Bedeutung erhielten.
Dazu kamen die Herausforderungen der Finanzpolitik: 1918 betrugen die Kriegsausgaben des Reiches 50 Milliarden Mark. Das war mehr als das Elffache der Reichsausgaben des letzten Friedensjahrs. Da aus unterschiedlichen Gründen, unter anderem wegen der Aufrechterhaltung des sozialen Friedens, die Kriegsfinanzierung nicht durch Steuern, sondern durch Kreditaufnahmen erfolgen sollte, kam es von Anfang an zu massiven Eingriffen in die Finanzwirtschaft. Zudem zog dieses Vorgehen alle negativen Folgen nach sich, die man von einer auf Schulden basierenden Volkswirtschaft kennt.Friedrich-Wilhelm Henning: Das industrialisierte Deutschland 1914 bis 1976. 2. Auflage. Paderborn 1974, S. 42–43.
Kriegswirtschaftspläne vor Kriegsbeginn Die wirtschaftlichen Maßnahmen waren anfänglich noch unter der Voraussetzung getroffen worden, dass der Krieg – entsprechend den Erfahrungen aus den Kriegen von 1866 und 1870/71 – in wenigen Monaten beendet sein würde. Auch international gingen Politik und Wirtschaft davon aus, dass ein moderner Staat nicht in der Lage sei, über eine lange Zeitspanne Krieg zu führen. Man vermutete, dass die damit verbundenen wirtschaftlichen Einschränkungen eine Seite schnell zur Aufgabe zwingen würde. Zudem erwartete man als Folge dieser Wirtschaftsflaute eine steigende Arbeitslosigkeit, die den Nachschub an Soldaten für die Armee sicherstellen sollte. Eine weitere falsche Annahme war die Erwartung umfangreicher Rohstoffbeute aus den eroberten Gebieten.
Entsprechend gab es beim Ausbruch des Krieges keinerlei Behörden, die sich mit der Kriegswirtschaft befassten. Im Deutschen Reich war zudem die zivile Wirtschaftsverwaltung zwischen den Reichsbehörden und den Behörden der einzelnen Teilstaaten aufgeteilt. Aufgrund des Belagerungszustands, der im August 1914 ausgerufen wurde, begannen sich militärische Stellen verstärkt in die Wirtschaftsverwaltung einzumischen. Diese Aufgabe lag vor allem bei den stellvertretenden kommandierenden Generälen der Armeekorps. Bei ihnen handelte es sich um die Kommandeure derjenigen Teile eines Korps, die in der jeweiligen Heimatregion zurückblieben. Diese stellvertretenden kommandierenden Generäle erhielten mit dem Belagerungszustand nahezu diktatorische Vollmachten. Ihre Zuständigkeit war weit gefasst und wurde immer stärker ausgeweitet, indem sie immer neue Bereiche der Wirtschafts- und Sozialverwaltung als „kriegswichtig“ deklarierten und an sich zogen. Parallel dazu und teilweise überschneidend gab es verschiedene andere Behörden mit ähnlichen Aufgaben, darunter als wichtigste das militärisch geführte preußische Kriegsministerium, das reichsweit für die Ausrüstungs- und Personalbeschaffung der Feldarmee zuständig war. Doch auch dabei gab es Ausnahmen: so fiel die Zuständigkeit für Pioniermaterial anfangs unter die Hoheit der bayerischen Militärverwaltung. Diese unklaren Abgrenzungen führten zusammen mit dem mangelnden wirtschaftlichen Fachwissen im Militär und den nicht deckungsgleichen zivilen und Korpsbereichsgrenzen schnell zu einem zunehmenden Verwaltungschaos.
Kriegswirtschaft 1914 bis 1916 Militärische Güter mini|Munitionswerk, 1916 Allerdings begannen bereits kurz nach Kriegsbeginn Bemühungen um eine Reform der Wirtschaftsverwaltung. Anlass war die sich abzeichnende Munitionskrise. Die Armee hatte zu Kriegsbeginn der deutschen Rüstungsindustrie eine ausreichende Versorgung zugetraut. Bereits im August 1914 machten die AEG-Vorstandsmitglieder Walther Rathenau und Wichard von Moellendorff den neuen Generalstabschef Erich von Falkenhayn darauf aufmerksam, dass die britische Seeblockade unerwartet effektiv sei und die Stickstoffversorgung für die Sprengstoffproduktion zusammenzubrechen drohe. Die Vorräte reichten zu diesem Zeitpunkt nach Einschätzung der Industriellen nur für ein halbes Jahr. Angesichts dieser Lage gründete das Kriegsministerium am 13. August die Kriegsrohstoffabteilung (KRA). Dort arbeiteten Fachleute aus der Wirtschaft, womit das Kriegsministerium erstmals in größerem Umfang Zivilisten einstellte. Die KRA stieß seit ihrer Gründung auf heftige Ablehnung von Teilen der Privatwirtschaft, da sie massiv in das Wirtschaftsgeschehen eingriff. Ihre Hauptaufgabe sah sie in der Versorgung der Privatwirtschaft mit den benötigten Rohstoffen. Dazu wurden diese zentral bewirtschaftet, was auch Beschlagnahmung und Neuverteilung umfasste. So wurden rund 750.000 t gelagerter stickstoffhaltiger Stoffe beschlagnahmt. Diese Vorräte sollten nun vor allem der Munitionsproduktion zugeführt werden und standen nicht mehr als Dünger in der Landwirtschaft zur Verfügung. Am 8. August 1914 hatte die Industrie zur Umstellung der Rüstungsproduktion und zu ihrer Interessenvertretung, den „Kriegsausschuss der deutschen Industrie“ als gemeinsames Gremium des Centralverbandes deutscher Industrieller und des Bundes der Industriellen gegründet. Dieser forderte als Kriegsziele die Annexion von Belgien, der Nordküste von Frankreich bis Calais, des Erzbeckens von Longwy, von Polen sowie großer Teile des Baltikums.Johannes Bähr, Christopher Kopper: Industrie, Politik, Gesellschaft. Der BDI und seiner Vorgänger. Göttingen 2019, S. 26 ff.
Die Munitionskrise verschärfte sich zunächst weiter: Anfang November stand nur noch Munition für sechs Tage zur Verfügung. Danach begann die Wirtschaftssteuerung zu greifen und die Versorgungslage im deutschen Militär entspannte sich langsam. Um die totale Abhängigkeit von den inzwischen unterbrochenen Salpeterimporten aus Chile aufzuheben, nahm Falkenhayn direkte Verhandlungen mit der Industrie auf, aus denen das sogenannte Salpeterversprechen hervorging. Daraus folgten massive Forschungsanstrengungen, um das Haber-Bosch-Verfahren zur Gewinnung von Salpeter aus Luftstickstoff reif für die industrielle Massenproduktion zu machen. Zudem wurden die deutschen Chemiefirmen zu einem Syndikat, der Kriegs-Chemikalien-Gesellschaft, zusammengeschlossen. Dennoch blieb die Versorgung mit Munition nach Auffassung des Militärs mangelhaft. Der Industrie gelang es kaum, sich auf den ständig wechselnden Bedarf an verschiedenen Munitionsarten an der Front einzustellen. Die Unternehmen steigerten ihre Produktionskapazitäten nur langsam, weil sie sich angesichts der erwarteten kurzen Kriegsdauer nur wenig Profit versprachen. Erst später nutzte die Rüstungsindustrie den Krieg, um dem Reich hohe Preise für ihre Produkte aufzuzwingen.
Die KRA gründet schnell eine Reihe von Einzelgesellschaften für verschiedene Rohstoffe. Sie waren private Aktiengesellschaften unter strenger staatlicher Aufsicht. Diese Verbindung privatwirtschaftlicher Elemente mit staatlicher Organisation wurde von Zeitgenossen als „Staatssozialismus“ bezeichnet. Die Rohstoffgesellschaften stießen auf massiven Widerstand in Wirtschaft, weil die in ihrem Aufsichtsrat vertretenen Unternehmensvertreter die eigenen Firmen bei der Verteilung bevorzugen. Zu Kriegsbeginn wurde nur in wenigen Fällen zum Zwangsmittel der Rohstoffzuweisung gegriffen, im weiteren Verlauf jedoch im größeren Umfang. Im Herbst 1914 begann die KRA zudem, in die Preisgestaltung der Industrie einzugreifen. Insgesamt gelang es, den drohenden Rohstoffkollaps abzuwenden.
In den Beschaffungsabteilungen des Kriegsministeriums herrschten weiter chaotische Strukturen. In den mehr als 40 Beschaffungsstellen war zudem Korruption verbreitet. Ab Anfang 1915 trat das Kriegsministerium dem mit strikter Kontrolle entgegen: Firmen, die sich um Heeresaufträge bewarben, mussten Einblick in ihre Kalkulation gewähren. Die darauf geschlossenen neuen Verträge konnte das Ministerium knapp kalkulieren, da es nun über die Abläufe und Kostenstrukturen der Produktion informiert war. Mit diesem Schritt sollten die Ausgaben begrenzt und auch eine Inflation verhindert werden, doch letzteres gelang nicht, siehe Deutsche Inflation 1914 bis 1923.
Der Zwang zur Offenlegung führte zu erneuten Protesten der Wirtschaft.
Friedrich Zunkel konstatiert für die Zeit des Ersten Weltkrieges, dass bei der Auswahl von Sachverständigen und Ratgebern aus der Wirtschaft durch die Reichsämter und preußischen Ministerien Vertreter der Großindustrie und des Großgrundbesitzes neben Vertretern des handwerklichen Mittelstandes und der organisierten Arbeiterschaft bevorzugt herangezogen wurden. Andere Wirtschaftszweige wie besonders Handel und Klein-Landwirtschaft blieben nur ungenügend vertreten. Umgekehrt wurden höhere Beamte in die Direktion oder Vorstand des Unternehmens aufgenommen. Der daraus resultierende Informationsaustausch, der einzelne Firmen oder Industriezweige begünstigte, rief in der Wirtschaft bald zunehmende Proteste über parteiische Unterrichtung und einseitige Maßnahmen der Staatsverwaltung hervor.Friedrich Zunkel: Industrie und Staatssozialismus. Der Kampf um die Wirtschaftsordnung in Deutschland 1914-18. Düsseldorf 1974, S. 109 f.
Arbeitskräfte Auch zur Arbeitskräfteverteilung zwischen der zivilen und militärischen Produktion sowie der Rekrutierung für die Armee hatte es vor dem Krieg keine Pläne gegeben. Zunächst wurden gerade die qualifiziertesten Arbeiter einberufen, was wiederum eine Flut von Anträgen aus der Industrie zur Zurückstellung nach sich zog. Dieses Ansinnen war in der Militärverwaltung jedoch nicht vorgesehen und es gab kein geordnetes bürokratisches Verfahren dafür. Darauf drohte die Industrie mit der Verweigerung von Heeresaufträgen.