Der Begriff Wertewandel kennzeichnet einen Wandel gesellschaftlicher und individueller Normen und Wertvorstellungen.

Bleibende und sich wandelnde Werte Die Wertvorstellungen der Menschheit haben sich im Laufe der historischen Entwicklung zu allen Zeiten verändert. Ein Beispiel ist das Vergeltungsprinzip bei Körperverletzungen, wie es im Alten Testament aufgestellt wird („Auge um Auge, Zahn um Zahn“): Während heute mit einer Körperverletzung rechtlich und – auch was die moralische Einschätzung betrifft – ganz anders umgegangen wird, stellte der Grundsatz „Auge für Auge“ seinerseits bereits einen Wendepunkt dar. Er wirkte strafmildernd und sollte ausufernde Blutrache vermeiden.

Wertvorstellungen sind dann relativ dauerhaft, wenn sie sich zwingend aus Gründen der Selbst- und Existenzerhaltung zu ergeben scheinen.

Mit sich ändernden Denkstilen werden alte Begründungen als unlogisch, als „nur“ religiös begründet oder als nutzlos empfunden, und entsprechende Wertvorstellungen (zum Beispiel Schamhaftigkeit, Feiertags­heiligung, Nahrungstabus) entfallen im Laufe der Zeit bzw. werden neben abweichenden neuen allenfalls toleriert.

Die essentiellen Inhalte zu den Begriffen „Wert“ und auch „Norm“ werden in den Disziplinen der Humanwissenschaften wegen ihrer jeweiligen Methode und Terminologie unterschiedlich definiert. Variierende Interpretamente treten auch innerdisziplinär auf. Das Denkmodell „Wertewandel“ ist davon folgerichtig betroffen: Bei seinen philosophischen Arbeiten zur Theorie der Sittlichkeit negierte Walter Heistermann, Rektor der Pädagogischen Hochschule Berlin, die bereits 1966 benannte Krise der sittlichen Werte. Mit dieser Ablehnung zog er auch einen Wandel dieser Werte nicht in Betracht. Sie „sind krisenfrei und eindeutig wie der Sinn von ja und nein.“ Das auch später weiterhin untersuchte Problem einer diesbezüglichen Krise sah er dagegen in den „Haltungen, die von einer bestimmten Produktionsweise und einem bestimmten sozialen Gefüge der Gesellschaft abhängig sind.“W. Heistermann: Das Problem der Norm. In: Zeitschrift für philosophische Forschung. 1966, S. 200 f. 2006 konstatierte Rupert Lay, dass „Werte verloren gegangen“ seien. Er belegte die Entstehung dieses Zustandes durch Ereignisse einer langfristigen „Verschiebung der Werteordnung“ bis zu einem „Verfall der Werte“. Mit seinem wirtschaftsethischen Plädoyer forderte er in praktischen Empfehlungen zu einer „neuen Redlichkeit“ mit wertorientierter Wirkung auf.Rupert Lay: Die neue Redlichkeit. Werte für unsere Zukunft. Posé, Ulf [Co-Autor], Frankfurt am Main 2006, (Campus-Verl.) ISBN 3-593-37924-4, S. 7 und 49 ff.

Eine Theorie über die Änderung der Werte in einer Gesellschaft kann nicht ohne die Betrachtung der psychologischen Verhaltensmuster der handelnden Personen und ihrer Auswirkungen auf die Kultur aufgestellt werden. Auf der Grundlage stammesgeschichtlicher Daten und mit psychiatrischer Analyse beschrieb Otto W. Haseloff 1959 die der Orientierung nützende Ordnungsfunktion von Kultur und die Kulturdynamik als verändernde „lebensdienliche Gestaltung objektiver Sachverhalte“.Haseloff, 1959, 171 ff. In diesem Prozess stehen die für die Existenz notwendige und unterschiedliche Integriertheit des Menschen in kulturelle Normsysteme („Gefüge moralischer Elemente“) und seine Kultur schaffenden Gestaltungsmöglichkeiten in Relation zu den Parametern individuelles Lebensalter, Größe der zugehörigen Gruppen und Struktur der Wohngegend als Bedingungen für die Bedürfnisregulation. Alexander und Margarete Mitscherlich untersuchten mittels eines Rückgriffs auf den von Freud verwendeten Begriff der Kultureignung – neu definiert z. B. als Fähigkeit der Einfühlung in andere – die Wechselwirkungen und Bedingungen, von denen in der individuellen Persönlichkeitsentwicklung die kindliche Weiterentwicklung der von den Eltern vermittelten Wertdeutung, ihre Ablehnung oder eine – wenn auch korrigierende – Akzeptanz der elterlichen Wertvorstellungen abhängt. Nach einer 20 Jahre dauernden Analyse veröffentlichten sie 1967 die Beschreibung eines dynamischen Ursache-Wirkung-Komplexes, der beispielsweise für die Kindergeneration der Nachkriegszeit Deutschlands trotz der Erschütterung der Wertgefühle in weiten Kreisen der Gesellschaft zu der Voraussetzung wurde auf die diffus empfundenen Werte der Elterngeneration labil fixiert zu sein.Mitscherlich, 1967, S. 87 ff., 100 ff. und 262–265.

Auf sozialpsychologischer Grundlage erklärte Erich Fromm 1976 mit seinem Ansatz einer philosophischen Anthropologie Haben oder Sein die Entwicklung einer neuen Gesellschaft, in der Menschen den „Antagonimus durch Solidarität ersetzen“. Werthafte Ziele formulierte er in der Bedeutung von „Idealen“ eines gesellschaftlichen Arrangements als „das menschliche Wohlergehen und die Verhinderung menschlichen Leids“.Fromm, 1976, S. 111–115, 197, 156. Die wechselseitige Beeinflussung von Psychologie und Soziologie erbrachte bereits in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts Ergebnisse. Untersuchungen über die Mentalität des Menschen und zugleich über seine dynamischen gesellschaftlichen Verflechtungen wurden bereits in den 1930er Jahren von dem deutsch-britischen Soziologen Norbert Elias in seinem Hauptwerk Über den Prozeß der Zivilisation durchgeführt. Einen anderen Ansatz wählte in den 1950er Jahren der US-amerikanische Psychologe Clare W. Graves, der eine Theorie der zyklisch auftauchenden Ebenen der Existenztheorie veröffentlichte. In jüngster Zeit wurde diese Theorie im Konzept der Spiral Dynamics des amerikanischen Psychologen Don Beck weiter ausgebaut und kann als Beschreibungsmodell des Wertewandels heutiger Gesellschaften dienen.

Soziologische Modelle des Wertewandels Bei den soziologischen Untersuchungen des Wertewandels hinsichtlich der Richtung des Wertewandels in der „heutigen Zeit“ konstituiert sich eine Situation dergestalt, dass zwei Extrema und eine differenzierte Position vertreten werden: Einerseits findet nach Ronald Inglehart seit den 1970er Jahren eine Abwendung von materiellen Werten und eine Zuwendung zu postmateriellen Werten statt. Inglehart sieht im Wertewandel den Wandel hin zu einer humanistischeren Gesellschaft, die sich durch eine höhere Bereitschaft zu Engagement und durch die verstärkte Orientierung an Autonomie, Freiheit und Emanzipation auszeichnet. Andererseits gibt es nach Elisabeth Noelle-Neumann seit 1968 einen kontinuierlichen Werteverfall. Als Symptome werden Bedeutungsverluste von Kirche und Religion, Autoritätsverluste, sowie die Erosion zahlreicher vermeintlicher Tugenden (jetzt eher als „Sekundärtugenden“ gesehen), abnehmender Gemeinsinn und ein sinkendes politisches Engagement genannt. Die differenziertere Position bezieht Helmut Klages mit seinem „Konzept der Wertesynthese“. Eine postulierte Annahme geht dabei davon aus, dass Wertewandel ein Erfordernis moderner Gesellschaft ist und ein Zwang zur Individualisierung herrscht.

Ronald Inglehart: Die stille Revolution Als Stille Revolution bezeichnete Ronald Inglehart im Jahre 1977 den durch einen sozioökonomischen Modernisierungsprozess bedingten Wandel von materialistischen zu postmaterialistischen Werten.

Zu den materialistischen Werten zählen das „Streben nach Wohlstand“, das Verlangen nach physischer und wirtschaftlicher Sicherheit und die Orientierung an Recht und Ordnung. Materialistische Werte stehen in Zusammenhang mit ethnozentrischen Einstellungen und einem niedrigeren Niveau an Vertrauen und Toleranz.

Zu den postmaterialistischen Werten zählen Selbstverwirklichung, die stärkere Orientierung an Freiheit, Emanzipation und Lebensqualität und das Verlangen nach „Zugehörigkeit, Ansehen und intellektuelle(r) und ästhetische(r) Zufriedenheit“. Postmaterialistische Werte, auch als Selbstentfaltungswerte bezeichnet, fördern zudem die Geschlechtergleichheit, den Umweltschutz und das Verlangen nach Partizipation.

Die Theorie der Stillen Revolution basiert auf den folgenden zwei Schlüsselhypothesen:

Die Mangelhypothese: „Die Prioritäten eines Individuums reflektieren die sozioökonomische Umwelt. Den höchsten subjektiven Wert mißt man solchen Dingen bei, die relativ knapp sind.“ Die Sozialisationshypothese: „Die Beziehung zwischen sozioökonomischer Umwelt und Wertprioritäten stellt man nicht regelmäßig her: sie geschieht mit erheblicher Zeitverzögerung, denn die nicht hinterfragten Werte eines Menschen spiegeln im hohen Maße die Bedingungen wider, die in seinen Entwicklungsjahren herrschten.“

Die Mangelhypothese ist angelehnt an die hierarchische Rangordnung von Bedürfnissen nach Abraham Maslow und besagt, dass die Orientierung an höheren Bedürfnissen wie Individualbedürfnissen und Selbstentfaltung erst möglich ist, wenn die grundlegenden physiologischen Bedürfnisse befriedigt sind. Laut Inglehart messen Menschen, die in Armut und Unsicherheit leben, materialistischen Orientierungen wie Prosperität und Sicherheit z. B. einen höheren Wert zu als postmaterialistischen Werten wie ästhetischer Zufriedenheit oder Selbstentfaltung. Die Herausbildung von Werten, die sich aus der Mangelhypothese ergibt, ereignet sich nach der Sozialisationshypothese Ingleharts in den Entwicklungsjahren eines Menschen und die herausgebildeten Werte bleiben dann für den Rest des Lebens relativ stabil.

Inglehart untermauerte diese Hypothesen mit Umfrageergebnissen der World Values Survey Association, der er als Präsident vorstand. Die Ergebnisse belegen, dass kurzfristige Werteveränderungen auf Veränderungen des sozioökonomischen Umfelds zurückzuführen sind. Inflation, politische Unsicherheiten oder Kriminalität in einem Land führen zu Zunahmen materialistischer Werte in der Bevölkerung. rechts|590px

Der langfristige Anstieg postmaterieller Werte in der Gesamtbevölkerung sei hauptsächlich darauf zurückzuführen, dass junge Geburtenkohorten ältere Geburtenkohorten ersetzen. In Europa weisen die Geburtenkohorten, die während der Weltkriege und in der Nachkriegszeit sozialisiert wurden, geringere Ausprägungen an postmaterialistischen Werten auf als jüngere Geburtenkohorten, die in zunehmendem Wohlstand und sichereren politischen Verhältnissen aufgewachsen sind, was als Beleg der Mangelhypothese angesehen werden könne.

Bei internationalen Umfragen konnte auch ein starker Zusammenhang zwischen wirtschaftlichem Wohlstand und der Ausprägung postmaterialistischer Werte festgestellt werden. Gebildete Menschen weisen tendenziell auch höhere Ausprägungen an postmaterialistischen Werten auf, während Bildung laut Abramson und Inglehart aber auch ein Indikator für den sozioökonomischen Status ist. Zudem konnte ein positiver Zusammenhang zwischen dem Wohlstand und der Säkularisierung einer Gesellschaft festgestellt werden.

Die Ergebnisse der World Values Surveys zeigen, dass sozioökonomischer Wohlstand und wirtschaftliches Wachstum international zu höheren Ausprägungen an postmaterialistischen Werten führen. Laut Inglehart und Welzel sei dieser Prozess aber weder determiniert oder linear, noch führe er zu einem uniformen globalen Wertesystem, da Werte nicht nur durch sozioökonomische Entwicklungen, sondern auch durch Religion, Tradition, Philosophie, Migration und andere Faktoren beeinflusst werden. So handele es sich beim Wertewandel auch nicht um eine Verwestlichung der Welt. Außerdem gehen Abramson und Inglehart davon aus, dass der Trend zum Postmaterialismus mit zunehmender sozioökonomischer Modernisierung schwächer werden wird.

Modernisierung, Wertewandel und Demokratie Inglehart und Welzel sahen im Wertewandel, der durch sozioökonomischen Fortschritt bedingt wird, eine Entwicklung hin zu einer humanistischeren Gesellschaft. Durch die zunehmende Ausprägung von Selbstentfaltungswerten könne der universelle menschliche Wunsch nach Autonomie erfüllt werden und so lasse sich der Modernisierungsprozess weniger als eine Rationalisierung der Autoritäten nach Max Weber, sondern vielmehr als eine Emanzipation von Autoritäten verstehen.