mini|Sepp Allgeier mit Filmkamera bei Dreharbeiten für den Film Der Kampf ums Matterhorn auf dem Gipfel des Matterhorns, 1928 mini|hochkant|Sepp Allgeier, 1934
Josef „Sepp“ Allgeier (* 6. Februar 1895 in Freiburg-Wiehre; † 11. März 1968 in Freiburg-Ebnet) war ein deutscher Bergsteiger, Skiläufer, Skispringer, Kameramann, Fotograf, Drehbuchautor, Filmdarsteller und Regisseur. Er gilt als Pionier und Star-Kameramann des Berg-, Sport-, Ski- und Naturfilms,Ski erobern den Schwarzwald – Die Erfolgsgeschichte des Wintersports (SWR-Dokumentation). In: Südwestrundfunk, 12. Januar 2018, 20:15 Uhr, auf: swr.deThomas Goebel: Sepp Allgeier war Teil der NS-Filmpropaganda-Maschinerie. In: Badische Zeitung vom 29. Oktober 2016, auf: badische-zeitung.deLisa Blitz: Freiburg als Wiege des deutschen Bergfilms, 17. Juli 2017, Ausstellung im Museum für Stadtgeschichte, Freiburg im Breisgau, auf: freiburg.de zusammen mit Arnold Fanck als Erfinder des Bergfilms.Winfried Lachauer: Skier erobern den Schwarzwald - Die Erfolgsgeschichte des Wintersports, SWR-Dokumentation, 89:41 Min., Erstsendung am 12. Januar 2018, 20:15 Uhr. Allgeier wirkte an wegweisenden filmischen Highlights ebenso wie an propagandistischen Filmproduktionen mit.Kay Weniger: Das große Personenlexikon des Films – Die Schauspieler, Regisseure, Kameraleute, Produzenten, Komponisten, Drehbuchautoren, Filmarchitekten, Ausstatter, Kostümbildner, Cutter, Tontechniker, Maskenbildner und Special Effects Designer des 20. Jahrhunderts. Bd. 1 A–B. Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2001. ISBN 3-89602-340-3.Rudolf Vierhaus (Hrsg.): Deutsche Biographische Enzyklopädie (DBE). Bd. 1. Walter de Gruyter/Saur, Berlin 2011. ISBN 978-3-11-184343-8.Liz-Anne Bawden / Wolfram Tichy (Hrsg.), Ulrike Schimmelschmidt: Buchers Enzyklopädie des Films. Bd. 1. Bucher, Luzern und München 1983. ISBN 978-3-7658-0422-9.
Sepp Allgeier gehörte zur Freiburger Schule,Johannes von Moltke: No Place Like Home – Locations of Heimat in German Cinema. University of California Press, Oakland, CA, 2005. ISBN 978-0-520-93859-5, S. 45.Frieda Grafe: Sieg des Willens und der Duldung. In: Die Tageszeitung Nr. 6262 vom 5. Oktober 2000, auf: taz.de drehte den ersten deutschen Hochgebirgsfilm, den weltweit ersten abendfüllenden Skifilm und den vermutlich ersten Lehrfilm über das Bergsteigen. Er war wohl der erste Kameramann, der im Schnee auf Skiern, von einem Luftfahrzeug aus und in der Arktis drehte. Er entwickelte eine eigene Bildsprache und war maßgeblich an der hohen bildlichen Qualität ästhetischer und spektakulärer Bergfilme der 1920er Jahre beteiligt.Kommission zur Überprüfung der Freiburger Straßennamen: Abschlussbericht der Kommission zur Überprüfung der Freiburger Straßennamen vom 18. März 2016, (PDF-Datei; 345 kB), S. 46–48, auf: freiburg.de
Leben Familie Sepp Allgeier, am Annaplatz in Freiburgs Stadtteil Wiehre in ein römisch-katholisches Elternhaus geboren, war der Sohn des aus Sinsheim an der Elsenz stammenden Maurermeisters Philipp Allgeier (1858–1933) und dessen Ehefrau Margarete (1862–1943), geborene Hasenfuß, aus Zeutern bei Bruchsal. Sepp hatte zwei Geschwister, Albert und Margarete.Renate Liessem-Breinlinger: Sepp Allgeier. In: Bernd Ottnad: Baden-Württembergische Biographien, herausgegeben im Auftrag der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg, Bd. 2, Kohlhammer, Stuttgart 1994, S. 2–4.Allgeier, Sepp. In: Landesarchiv Baden-Württemberg, auf: leo-bw.de Der Vater nahm den fünfjährigen Sepp mit in den Schwarzwald, wo den Jungen die verschneiten Bergkuppen und Nadelbäume nachhaltig begeisterten.Marius Buhl: Der Bilderjäger: Sepp Allgeier filmte Ski-Akrobaten – und Hitler. In: Badische Zeitung vom 11. März 2018, auf: badische-zeitung.de Der Schwarzwald blieb zeitlebens Allgeiers große Liebe.Kurt Hochstuhl, Staatsarchiv Freiburg, April 2014; Findbuch T 1 (Zugang 2005/0058): T 1 Nachlass Allgeier, Sepp
Sepp Allgeier heiratete im Jahr 1931 in Freiburg im Breisgau Bertha (1910–1998), geborene Ebenho. Aus dieser Ehe gingen zwei Kinder hervor, darunter der 1943 geborene spätere Kameramann Hans-Jörg Allgeier.Stadtarchiv Freiburg: D. StA. VIII, 104; K 1/26 Schachtel 40 Nr. 1.
Schule und Ausbildung mini|Die Freiburger Lessingschule (Bildmitte rechts), damals Volksschule, besuchte Sepp Allgeier von etwa 1902 bis 1910 Nach dem Abschluss der Volksschule, der Freiburger Lessingschule, begann er 1910 eine Lehre zum Textilzeichner bei der Weberei & Textilhandel August Gotthart in Freiburgs Schusterstraße. Dort lernte der 15-jährige Allgeier Stoffmuster zu entwerfen und wurde mit dem Rotationsdruck vertraut gemacht. Mit diesem Ausbildungsweg wurde er jedoch nicht recht glücklich, auch nicht als kurzzeitiger städtischer Mitarbeiter im Wohnungswesen. Es zog ihn vielmehr in die Natur; er wurde schon als Jugendlicher ein passionierter Bergsteiger und Skiläufer.Ines Walk: , auf: film-zeit.deMarius Buhl: Freiburg streitet über das Andenken an einen legendären Kameramann. In: Der Tagesspiegel vom 11. Juni 2018, auf tagesspiegel.de Das Geld für seine ersten Schneeschuhe (so wurden Skier damals genannt), einen Schneeanzug und einen Rucksack verdiente er sich durch Botengänge für ein Geschäft in Freiburgs Kaiserstraße. Er betrachtete die Landschaft, zeichnete, malte, besaß ein gutes Auge und räumliches Vorstellungsvermögen, geeignete Voraussetzungen für einen späteren Kameramann und Fotografen.
Berufliche Entwicklung mini|Zeitungsinserat der Express Films Co.m.b.H. in der Schusterstr. No. 5 in Freiburg i. Br. Ab dem Jahr 1911 wurde er 16-jährig als Operateur (Kameramann) bei Bernhard Gottharts (1871–1950) Firma Express Films Co. m.b.H., die auch als Redaktion und Verlag »Der Tag im Film« – Erste deutsche tägliche kinematographische Berichterstattung, Freiburg i. Br. firmierte, tätig. Diese unterhielt für ihre tägliche Berichterstattung Agenturen in Amsterdam, Berlin, Budapest, Helsingfors, Kopenhagen, Kristiania, London, Moskau, Paris, Rostow am Don, Sofia, Stockholm und Wien. Der Unternehmer Bernhard Gotthart, der zwischen 1916 und 1919 mit Sepp Allgeiers Schwester Margarete verheiratet war, betrieb Lichtspielhäuser und wandte sich ab etwa 1908 auch der Filmproduktion zu. Mit Sepp Allgeier verband ihn eine Leidenschaft – der Skisport.
Am 1. Januar 1911 drehte Allgeier in Berlin den Aufstieg eines Luftschiffs von Schütte-Lanz und von diesem aus die Kaiserparade auf dem Tempelhofer Feld. Am 1. Januar 1912 durfte der noch nicht einmal 17-jährige Allgeier in Berlin bereits Kaiser Wilhelm II. und dessen sechs Söhne filmen, wobei er die sieben Herren des Hauses Hohenzollern erstmals vor einer laufenden Kamera zum Lachen gebracht haben soll. Grund dafür sei die unkonventionelle Bekleidung Allgeiers gewesen. Allgeier habe einen (vermutlich geliehenen) Frack und Zylinder mangels Geld mit einer knabenhaft wirkenden kurzen Hose kombiniert.
Im selben Jahr drehte er als einer der Pioniere des Genres der Bergfilme den ersten deutschen Hochgebirgsfilm Alpine Technik des Kletterns im Fels, den vermutlich weltweit ersten Lehrfilm über das Klettern im Hochgebirge. Vor ihm hatte nur ein Brite seine Kamera mit auf das Matterhorn genommen, aber Aufnahmen mitgebracht, die weder ästhetisch noch erhaben wirkten.Thea Dorn, Richard Wagner: Die deutsche Seele. Albrecht Knaus Verlag, München 2011. ISBN 978-3-8135-0451-4.
mini|Der 18-jährige Sepp Allgeier (im Vordergrund) filmt im Mai 1913 das vom Packeis eingeschlossene Schiff Løvenskiold, mit dem er und Bernhard Villinger an der von Polarforscher Theodor Lerner organisierten Hilfsexpedition teilnahmen, um den vermissten Herbert Schröder-Stranz zu retten 1913 nahm er mit Rudolf Biehler, Gerhard Graetz (1890–1977)Gerhard Hirschfeld, Gerd Krumeich, Irina Renz (Hrsg.): 1918 – Die Deutschen zwischen Weltkrieg und Revolution. Ch. Links Verlag, Berlin 2018. ISBN 978-3-86153-990-2, S. 287. und Bernhard Villinger an einer Hilfsexpedition des in Frankfurt am Main ansässigen Polarforschers Theodor Lerner nach Spitzbergen zur (vergeblichen) Rettung von Herbert Schröder-Stranz teil, die er trotz Kälte vier Monate lang filmisch dokumentierte.Die Tragödie der Schröder-Strantz-Expedition, auf: filmportal.de Auch dort betrat er als Kameramann filmisches Neuland. Danach schrieb die renommierte Frankfurter Zeitung über ihn: „Mehr als alle Lobsprüche verrät die vorzügliche Filmaufnahme, dass der 18-jährige Allgeier mit aller Überlegung und mit all seiner großen Kunst bei der Sache war.“
Im selben Jahr lernte er während einer Besteigung des Monte Rosa in den Walliser Alpen den enthusiastischen Geologen Arnold Fanck kennen. Als dieser als vorübergehender Teppichhändler seine erste eigene Filmkamera finanzieren konnte, brachte ihm Allgeier, längst ein Meister auf diesem Gebiet,Audrey Salkeld: A Portrait of Leni Riefenstahl. Random House, New York City 2011. ISBN 978-1-4464-7527-0. deren Bedienung bei.Arnold Fanck, auf: filmportal.de Fanck engagierte Allgeier später für seinen Bergfilm Die Besteigung des Monte Rosa – 4628 Meter hoch auf Skiern, einer filmtechnischen Herausforderung unter vielen Gefahren.Karin Wieland: Dietrich und Riefenstahl – Der Traum von der neuen Frau. Carl Hanser Verlag, München 2011. ISBN 978-3-446-23770-4.
Ebenfalls 1913 soll Allgeier eine filmische Reise durch Balkanländer unternommen haben, möglicherweise als Operateur bei Robert Isidor Schwobthaler (1876–1934)Robert Isidor Schwobthaler, auf: filmportal.de und Albert Herr (1890–1943), die durch den griechischen König Konstantin I. beauftragt worden waren, Film- und Fotoaufnahmen der Balkankriege zu machen. Dagegen wird seitens des Staatsarchivs Freiburg explizit ausgeführt, dass sich Allgeier zur Zeit des Zweiten Balkankrieges noch auf dem Rückweg von der Arktisexpedition befunden habe und daher nicht zeitgleich am Balkan gewesen sein könne.
Im Ersten Weltkrieg meldete sich der 19-jährige Allgeier freiwillig und wurde als FrontfotografSepp Allgeier: Die Jagd nach dem Bild – 18 Jahre als Kameramann in Arktis und Hochgebirge. Engelhorn Nachf., Stuttgart 1931, S. 44. dem Generalkommando der 5. Armee unter Kronprinz Wilhelm von Preußen zugeteilt, das an der Westfront kämpfte. Dort fotografierte er Kameraden, damit diese die Aufnahmen an ihre Familien, Freundinnen und Ehefrauen versenden konnten, und dokumentierte in Flandern, in der Champagne und bei VerdunBarbara Hales, Mihaela Petrescu, Valerie Weinstein: Continuity and Crisis in German Cinema 1928–1936. Boydell & Brewer, Martlesham, Suffolk, 2016. ISBN 978-1-57113-935-1, S. 186. auch Soldatengräber, bevor diese von Granaten zerstört wurden. 1916 wurde Allgeier zum Gefreiten befördert und erhielt später das Eiserne Kreuz.
mini|Briefkopf mit Bildmarke der Berg- und Sport-Film G.m.b.H., 1920er Jahre mini|Sprung über eine tiefe Fels- oder Gletscherspalte – Standbild aus dem Stummfilm Im Kampf mit dem Berge (1920) von Arnold Fanck, Kamera: Sepp Allgeier und Arnold Fanck, Musik: Paul Hindemith mini|Sepp Allgeier (rechts) an einer Lyta-Kamera, der weltweit ersten Spiegelreflexkamera, die auf Anregung von Arnold Fanck durch die Lytax-Werke der Apparatebau Freiburg G.m.b.H. gefertigt wurde Nach Kriegsende zunächst arbeits- und mittellos, dann als Technischer Zeichner in einem Freiburger Architekturbüro angestellt, fungierte Allgeier zwischen 1920 und 1923 als Erster Kameramann der in Freiburg neu begründeten Berg- und Sport-Film G.m.b.H.Heidi Ossenberg: Freiburg – Geburtsstadt des Bergfilms In: Badische Zeitung vom 21. März 2009, auf: badische-zeitung.de mit Sitz in der Röderstraße 9.Adressbuch der Hauptstadt Freiburg im Breisgau 1922, S. II 18. Deren Gesellschafter waren Rolf Bauer, Arnold Fanck, Odo Deodatus Tauern und ab 1921 auch Bernhard Villinger.