Rolf Friedrich Reuter (* 7. Oktober 1926 in Leipzig; † 10. September 2007 in Berlin) war ein deutscher Dirigent und Hochschullehrer, der sich am Anfang seiner Karriere auch kompositorisch und pianistisch betätigte. Er wirkte zunächst an den Opernhäusern Eisenach (1951–1955), Meiningen (1955–1961), Leipzig (1961–1979) und Weimar (1979–1981). Den Höhepunkt seines musikalischen Schaffens hatte er ab 1981 als Generalmusikdirektor an der Komischen Oper Berlin, deren Ehrenmitglied er 1993 wurde. Weitere Akzente setzte er in den 1970er und 1980er Jahren als Gastdirigent an der Deutschen Staatsoper Berlin.
Reuter pflegte ein breites Repertoire vom Barock bis zur Neuen Musik, wobei er insbesondere dem romantischen Genre (Wagner, Pfitzner v. a.) zugeneigt war. Darüber hinaus leistete er einen verdienstvollen Beitrag als Mozart-Interpret und machte sich um die Aufführung zeitgenössischer Musikwerke verdient, so brachte er die Opern Guayana Johnny von Alan Bush und Judith von Siegfried Matthus zur Uraufführung, außerdem setzte er sich für die Musik seines Vaters Fritz Reuter ein.
Wegen kompromittierender Vortragstätigkeiten geriet der Bundesverdienstkreuzträger kurz vor seinem Tod in die öffentliche Kritik.
Leben Sächsische Herkunft und Studium Rolf Friedrich Reuter wurde 1926 als Sohn des Musikwissenschaftlers, Musikerziehers, Komponisten und Kapellmeisters Fritz Reuter (1896–1963) und der SängerinH.L.: Jugendkonzerte im Stundenplan. Weg und Wirken des Generalmusikdirektors Rolf Reuter. In: Neue Zeit, 14. April 1962, Jg. 18, Ausgabe 89, S. 3. Erna Sophie, geb. Votteler (1896–1968), in Leipzig geboren.Erich H. Müller (Hrsg.): Deutsches Musiker-Lexikon. W. Limpert-Verlag, Dresden 1929. Er entstammte „einer liberalen, weltoffenen Familie“. Seinen ersten Musikunterricht erhielt er durch seine Eltern;Axel Schiederjürgen (Red.): Kürschners Musiker-Handbuch. Solisten, Dirigenten, Komponisten, Hochschullehrer. 5. Ausgabe, Saur, München 2006, ISBN 3-598-24212-3, S. 379. der Vater lehrte seinerzeit am Landeskonservatorium, am Kirchenmusikalischen Institut und an der Universität Leipzig..
Aus beruflichen Gründen zog die Familie Ende der 1930er Jahre nach Dresden. Dort besuchte Reuter das humanistische Kreuzgymnasium, wo der nachmalige Opernsänger Theo Adam zu seinen Klassenkameraden gehörte.Georg Antosch: Mit Inspiration und Leidenschaft. Das Künstlerporträt: Generalmusikdirektor Rolf Reuter. In: Neue Zeit, 27. November 1976, Jg. 32, Ausgabe 283, S. 4. Zeitweise war er unter Kreuzkantor Rudolf Mauersberger Mitglied des Dresdner Kreuzchors. Ab dem dreizehnten Lebensjahr erhielt er durch den Dresdner Klarinettenvirtuosen Karl Schütte Unterricht. Außerdem spielte er Klavier und widmete sich dem Jazz.Christine Hartlieb: Um ein Haar den Arztberuf ergriffen. Rolf Reuter dirigiert das Weimarer Hochschulorchester. In: Thüringische Landeszeitung, 15. November 2000. In Dresden begründete er ein Laienensemble.
Nach dem Zweiten Weltkrieg holte er sein Abitur nach. Von 1948 bis 1951 absolvierte er auf Anraten seiner Lehrer ein Musikstudium mit dem Hauptfach Dirigieren an der Staatlichen Akademie für Musik und Theater daselbst. Neben Ernst Hintze (Dirigieren) gehörten zu seinen Lehrern u. a. Fidelio F. Finke (Komposition) und Herbert Viecenz (Kontrapunkt/TonsatzRolf Reuter, Wolfgang Lange: Auftakt. Gespräche mit Dirigenten: Rolf Reuter im Gespräch mit Wolfgang Lange. In: Theater der Zeit 5/1981, S. 13–15, hier: S. 13.), Karl Schütte (Klarinette), Theo Other (Klavier) und Herbert Winkler (Gesang).Alain Pâris: Klassische Musik im 20. Jahrhundert. Instrumentalisten, Sänger, Dirigenten, Orchester, Chöre. 2., völlig überarbeitete Auflage, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1997, ISBN 3-423-32501-1, S. 648. Von 1949 bis 1951 gewann ihn die Ausdruckstänzerin und Tanzpädagogin Gret Palucca als pianistischen Improvisator für die staatliche Fachschule für künstlerischen Tanz in Dresden, wodurch er sich sein Studium finanzieren konnte. Nach eigenen Angaben war er als ehemaliger Kruzianer in seiner Studienzeit eher an Kammermusik interessiert gewesen, wandte sich aber im Zuge seiner späteren Kapellmeisterverpflichtungen mehr und mehr dem Operndirigat zu.Günter Görtz, Rolf Reuter: Unsere Musik soll die Menschen in ihrer Zukunftsgewißheit stärken. ND-Gespräch mit Professor Rolf Reuter, Komische Oper. In: Neues Deutschland, 28. Juni 1983, Jg. 38, Ausgabe 150, S. 4.
Berufliche Anfänge in Thüringen mini|Landestheater Eisenach (1953) Nach dem Staatsexamen begann er 1951 seine künstlerische Karriere als Solorepetitor mit Dirigierverpflichtung am Landestheater Eisenach in Thüringen. Er vertrat den Chordirigenten, komponierte Märchen- und Bühnenmusiken wie Was ihr wollt und Der widerspenstigen ZähmungHerbert A. Frenzel, Hans Joachim Moser (Hrsg.): Kürschners biographisches Theater-Handbuch. Schauspiel, Oper, Film, Rundfunk. Deutschland, Österreich, Schweiz. de Gruyter, Berlin 1956, S. 594. und studierte die Solopartien ein. In einer „resignativen Phase“, wie er später preisgab, kündigte er allerdings und schrieb sich kurzerhand für ein universitäres Medizinstudium ein. Wohl empfand er seine Verpflichtung als Operettendirigent als zu einseitig. Der musikalische Oberleiter Horst Förster, der ihn wie auch der damalige Intendant Karl Köther förderte, überredete ihn zu einer letzten Opernaufführung. So debütierte er 1952 als musikalischer Leiter der Bizet-Oper Carmen. Mit dieser Aufführung überzeugte er so sehr, dass er dem Musikbetrieb weiterhin treu bleiben sollte. Von 1953 bis 1955 amtierte er als zweiter Kapellmeister für Oper und Operette.
Danach wurde er erster Kapellmeister für Oper und Operette am Meininger Theater. Nach der Premiere von Verdis Falstaff stieg er zum musikalischen Oberleiter auf. 1961Georg VK: Kulturnachrichten aus aller Welt. In: Berliner Zeitung, 30. März 1961, Jg. 17, Ausgabe 89, S. 6. erfolgte seine Ernennung zum Generalmusikdirektor.Wilhelm Kosch: Deutsches Theater-Lexikon. Biographisches und bibliographisches Handbuch. Band 3: Pallenberg – Singer . De Gruyter, Berlin 1992, ISBN 3-317-00456-8. Sowohl in Eisenach als auch in Meiningen legte er nach eigenen Angaben ein Fundament für seine späteren Aufgaben. Einerseits pflegte er das klassisch-romantische Repertoire (Albert Lortzing, Richard Wagner, Giuseppe Verdi und Richard Strauss u. a.), andererseits ließ er zeitgenössische Werke von Paul Dessau, Jean Kurt Forest und Erzsébet Szőnyi spielen. So brachte er 1958Heinz Wegener: Bibliographie Fritz Reuter. In: Ders. (Red. Bearb.): Gedenkschrift Fritz Reuter (= Wissenschaftliche Zeitschrift der Humboldt-Universität zu Berlin. Gesellschafts- und sprachwissenschaftliche Reihe 15 (1966) 3). S. I-VIII, hier: S. V. in Meiningen die 3. Sinfonie A-Dur seines Vaters zur Uraufführung. Ferner förderte er Jugendkonzerte und arbeitete mit Laienchören zusammen. Darüber hinaus integrierte Reuter die nahegelegene Freilichtbühne Steinbach-Langenbach als Spielstätte. Rückblickend konnte er sich in seinen Thüringer Jahren ohne Reiseverpflichtungen und auftreibender Repräsentation „absolut auf die künstlerische Arbeit konzentrieren“. Allerdings existierte „eine irritierende provinzielle Selbstgenügsamkeit und ein provinzielles Herabschauen auf großes Theater“, so Reuter. Dennoch hielt er das Vorhandensein von kleinen Orchestern in der DDR für ein Zeichen „einer breiten Musikkultur“ und „für etwas ganz organisch aus der nationalen Tradition Erwachsenes“.Rolf Reuter, Wolfgang Lange: Auftakt. Gespräche mit Dirigenten: Rolf Reuter im Gespräch mit Wolfgang Lange. In: Theater der Zeit 5/1981, S. 13–15, hier: S. 14.
Reuter trat bis 1956 dem Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) bei.
Generalmusikdirektor in Leipzig Gewandhauskapellmeister Franz Konwitschny, ein Schüler seines Vaters, holte ihn dann nach Leipzig.Rolf Richter: Erzmusikant und penibler Arbeiter. In: Leipziger Volkszeitung, 12. September 2007, S. 11. Zunächst erhielt er im November 1961 eine Einladung für die Aufführung der Strauss-Oper Der Rosenkavalier, die wie auch Salome und Arabella bereits zu seinem Bühnenrepertoire in Meiningen gehörte. Danach erhielt er eine Verpflichtung als Kapellmeister und stellvertretender Generalmusikdirektor am Städtischen Theater (Opernhaus) Leipzig.[Ohne Titel]. In: Neue Zeit, 4. März 1962, Jg. 18, Ausgabe 54, S. 4. 1963 wurde er Nachfolger des verstorbenen Generalmusikdirektors Helmut Seydelmann. Somit war er von 1964 bis 1973 neben dem reaktivierten Paul Schmitz einer von zwei Generalmusikdirektoren.Fritz Hennenberg: 300 Jahre Leipziger Oper. Geschichte und Gegenwart. Langen Müller, München 1993, ISBN 3-7844-2432-5, S. 153. In Leipzig trat Reuter insbesondere als Dirigent italienischer Opern hervor,Rolf Reuter, Wolfgang Lange: Auftakt. Gespräche mit Dirigenten: Rolf Reuter im Gespräch mit Wolfgang Lange. In: Theater der Zeit 5/1981, S. 13–15, hier: S. 15. interpretierte aber auch Werke von Gustav Mahler und Anton Bruckner.Horst Seeger: Das grosse Lexikon der Oper. Über 12000 Stichwörter und Erklärungen. Pawlak, Herrsching 1985, ISBN 3-88199-243-X, S. 465. Obwohl zeitgenössische Opern seinerzeit aus Repertoiregründen wenig Beachtung fanden, oblag ihm 1966 mit dem Gewandhausorchester die Uraufführung der Oper Guayana Johnny des englischen Komponisten Alan Bush, korrespondierendes Mitglied der Deutschen Akademie der Künste zu Berlin.Manfred Schubert: Eine wahre Volksoper. Alan Bushs „Guayana Johnny“ in Leipzig uraufgeführt. In: Berliner Zeitung, 5. Januar 1967, Jg. 23, Ausgabe 5, S. 6. Die Gastinszenierung übernahm Fritz Bennewitz. Aus England reisten prominente Gäste an wie der Generalsekretär der Kommunistischen Partei Großbritanniens, John Gollan, und der Präsident der Royal Academy of Music, Sir Thomas Armstrong.Opernuraufführung. In: Berliner Zeitung, 13. Dezember 1966, Jg. 22, Ausgabe 342, S. 6. So förderte Reuter auch den sängerischen Nachwuchs wie die bulgarische Sopranistin Anna Tomowa-Sintow. Später hob er hervor, dass er mit Ausnahme der Gastspiele des Ensembles 15 Jahre lang keiner Auslandsverpflichtung nachgekommen sei, was bei ihm „Spuren im künstlerisch-psychologischen“ hinterlassen habe.
Ab 1965 verantwortete er die Orchesterleitung und die Dirigierausbildung an der Hochschule für Musik „Felix Mendelssohn Bartholdy“ Leipzig. Während seiner Amtszeit gab es pro Jahr zwölf Orchesterengagements für Schulkinder. Außerdem war das Hochschulorchester in vier Abonnementskonzerte eingebunden, die zusammen mit dem Gewandhausorchester und dem Rundfunk-Sinfonieorchester Leipzig abgehalten wurden.Christian Fanghänel, Heike Bronn: Von der „Orchesterschule“ zum Hochschul-Sinfonieorchester. In: MT-Journal. Zeitschrift der Hochschule für Musik und Theater "Felix Mendelssohn Bartholdy" Leipzig, Nr. 26 (2009), Beilage, S. 1–5, hier: S. 4. In Leipzig wirkte er Hochschulorchester u. a. am Internationalen Bachfest mit.Dieter Lösker: Wirkungen eines reichen Werkes. Bilanz des II. Internationalen Bachfestes. In: Neue Zeit, 24. September 1970, Jg. 26, Ausgabe 226, S. 4. 1976 erhielt er eine Professur.