mini|Bucciali TAV-8 Torpédo breveté von Saoutchik (1930) mini|Delahaye Type 175 S Roadster Saoutchik für den Pariser Automobilsalon 1949
Saoutchik war ein französischer Stellmacherbetrieb, der in Neuilly-sur-Seine bei Paris ansässig war. Das Unternehmen zählte in den 1920er- und 1930er-Jahren zu den bekanntesten Karosserieherstellern Frankreichs und gilt, gemeinsam mit Figoni & Falaschi und Franay, als bedeutendster Vertreter des „Barock“-Stils im französischen Karosseriebau der 1930er und 1940er Jahre.
Iakov Saoutchik Iakov Saoutchik (1880–1957) wurde, je nach Quelle, in der Ukraine oder in Minsk (Weißrussland) geboren; beides damals Teilstaaten des Russischen Kaiserreichs. Die Familie wanderte 1899 nach Frankreich aus, wo Iakov eine Lehre als Kunsttischler abschloss und in diesem Beruf bis 1906 arbeitete.
Früh an der Spitze mini|Mercedes-Benz 680S Torpedo Roadster von Saoutchik (1927)
In diesem Jahr 1906 heiratete er und machte sich als Karosseriebauer selbständig. Er gehörte damit zur Minderheit der Carrossiers ohne Wurzeln im Kutschenbau. Die Werkstätte lag an der rue Dulud.
Saoutchiks Ehrgeiz war es, durch höchste Qualität und eigenständiges Design zu den führenden Anbietern einzeln angefertigter Karosserien aufzusteigen. Angeblich war bereits das erste Fahrgestell, das er einkleidete, ein exklusiver Isotta Fraschini. Belegt ist ein Rolls-Royce 40/50 hp "Silver Ghost" (Nr. 2442), den Saoutchik 1913 als Tourer einkleidete; das Fahrzeug ist erhalten und trägt die älteste bekannte Saoutchik-Karosserie.
Sein Ziel erreichte Saoutchik in nur wenigen Jahren und er hielt sich bis zum Niedergang des individuellen Karosseriebaus nach dem Zweiten Weltkrieg auch international an der Spitze. Dabei ging er durchaus respektvoll mit den Traditionen des Kutschenbauhandwerks um, probierte aber früh auch eigene Lösungen aus.
Innovationen und Mut zum Risiko mini|Minerva Type AK Berline Transformable von Saoutchik (1927) mini|Mercedes-Benz 24/100/140hp Berline Transformable von Saoutchik (1928) Saoutchik gehörte zu den ersten, die Transformables herstellten. Das sind große und sehr komplexe Viertürer mit komplett zu öffnendem Verdeck und vollständigem Wetterschutz durch versenkbare Seitenscheiben; darin unterscheiden sie sich vom Torpedo oder Phaeton. Im Gegensatz zur Cabriolimousine gibt es auch keine fest stehenden Seitenscheibenrahmen oder Dachholme. Diese in den USA Convertible Sedan genannten Aufbauten stellen die Karosseriebauer daher vor besondere Anforderungen bezüglich Stabilität, Steifigkeit und Bedienbarkeit des Verdecks.
Zweifellos zählte Saoutchik in den 1920er- und 1930er-Jahren zu den bekanntesten Karosserieherstellern Frankreichs. Es entstanden einige Aufsehen erregende Aufbauten auf großen Mercedes- und Mercedes-Benz-Fahrgestellen. Neben Transformables waren dies auch Torpedo breveté genannte Roadster (breveté bedeutet "patentiert"). Auf der Suche nach "visueller Magie" begann Saoutchik, die Hauptlinien seiner Entwürfe durch vernickelte, später verchromte und gelegentlich hölzerne Appliken zu unterstreichen. Saoutchik kleidete auch einige Hispano-Suiza, Panhard & Levassor und Renault 40 CV ein; diese meist etwas konservativer, aber immer sehr elegant. Bemerkenswert ist ein erhalten gebliebener Rolls-Royce Phantom II (68 GN), den Saoutchik 1930 äußerst zurückhaltend als Cabriolet de Ville (ein Synonym für Transformable) einkleidete. Das Fahrzeug ist schwarz lackiert und weist dezente Art-Déco-Verzierungen auf; im Inneren fallen Brokatverkleidungen an den hinteren Türen und aufwendige Ornamente und Appliken auf. Schwer zu glauben, dass Saoutchik sich hier nicht auf angestammtem Territorium bewegte; die Kundschaft für diese Repräsentationsfahrzeuge bevorzugte eher Carrossiers wie Binder, Felber, Kellner, Million-Guiet oder Hibbard & Darrin respektive Fernandez & Darrin.
Später ging Saoutchik gestalterisch auch Risiken ein. So war er einer der Vorreiter extrem niedriger Karosserien. In den frühen 1930er Jahren erregte er Aufmerksamkeit mit solchen Entwürfen, die sich allerdings etwas verspielter präsentierten als die konzeptionell ähnlichen, formal aber strengen Aufbauten zeitgenössischer Voisin, die vom Architekten Le Corbusier in der Bauhaus-Tradition gezeichnet wurden.
Bentley 6 ½ Litre (1929) Ein vermuteter Saoutchik-Aufbau auf einem Cadillac V16-Fahrgestell um 1930 ließ sich noch nicht verifizieren, hingegen findet sich ein Bentley 6 ½ Litre von 1929 mit kurzem Fahrgestell, den ein US-amerikanischer Kunde bei Saoutchik einkleiden ließ. Der gewählte Aufbau war ein Dreipositionen-Cabriolet, bei dem das Verdeck sich ganz oder halb (nur über den Vordersitzen) öffnen ließ, außerdem gab es bereits einen integrierten Kofferraum. Saoutchik arbeitete sowohl französische wie britische Stilelemente ein und verwendete Appliken aus Neusilber.
Bucciali "Fleche d’Or" mini|Bucciali TAV8-32 Berline "Fleche d’Or" Ein extremes Beispiel für den formal strengen und niedrigen Stil dieser Jahre ist die 1932 auf einem Bucciali-Fahrgestell realisierte, spektakuläre Berline TAV 12 „Flèche d’Or“, die bei einer Länge von 6,36 Metern nur 1,48 Meter hoch war. Technisch ließ sich das damals nur mit Frontantrieb lösen. Dadurch entfiel die Kardanwelle und damit der Hauptgrund für den großen Abstand des Fahrzeugbodens zur Straße. Bucciali war neben Tracta einer der Pioniere dieses Konzepts in den 1920er Jahren, aber der TAV8-32 (auch TAV12 genannt wegen des ursprünglich vom Kunden bestellten V12-Schiebermotors von Voisin mit 4886 cm³ Hubraum) war der bis dato größte gebaute Fronttriebler, der auch die (in Serie gebauten) amerikanischen Cord L-29 und Ruxton deutlich übertraf. Wie bei den meisten frühen Frontantriebskonstruktionen, bis hin zum Renault R4, war das Getriebe vor dem Motor angeordnet. Das Getriebe selber war teils unter einer Abdeckung zwischen den Vorderrädern und teils unter der nach vorn geschwungenen Kühlermaske verborgen. Fast die Hälfte der Fahrzeuglänge nahm die Motorhaube in Anspruch. Die Absicht des ultraniedrigen Aufbaus wurde unterstützt durch riesige Räder; die Scheiben waren eher Sehschlitze. Es gab (wegen ihres Profils so genannte) "helmförmige" Kotflügel und keine Trittbretter. Um die Linie nicht zu stören, wurden die beiden Ersatzräder im Heck mitgeführt, dass dies die Traktion des Fahrzeugs verschlechterte, wurde in Kauf genommen. Seitlich gab es über die ganze Länge der Motorhaube Ornamente in Form eines fliegenden Storchs, fast eine Antithese zum strengen Formalismus des übrigen Aufbaus.
Die ursprünglichen Zeichnungen des Flèche d’Or ("Goldener Blitz") gehen auf Paul-Albert Bucciali zurück.
Neuorientierung Saoutchik erkannte Anfang der 1930er Jahre, dass diese niedrigen Kreationen aus der Mode kamen. Während Gabriel Voisin, unterstützt und beraten von seinem Künstlerfreund Le Corbusier, diesen Weg weiter verfolgte und dabei auf intelligente Lösungen wie die hellen Lumineuse-Aufbauten mit viel Glasfläche (und auch auf einige etwas skurrile) kam, die sich zunehmend schlecht verkauften, "erfand" sich Saoutchik sozusagen neu: Die dezente Zurückhaltung wich zunehmend opulenten Formen und die Ornamentik trat immer mehr in den Vordergrund.
Der Wettstreit mit Figoni & Falaschi Mit dem anderen großen Kreateur dieser barocken Formensprache, Figoni & Falaschi, entstand ein respektvoll ausgetragener Konkurrenzkampf um die raffinierteste Kreation der jeweiligen Saison, deren Höhepunkt jeweils der Pariser Automobilsalon war. Die nun bevorzugten Marken waren Delahaye und Talbot-Lago, für deren Fahrgestelle auch Figoni & Falaschi zahlreiche Aufbauten realisierte.
Einige Jahre lang prägte dieser Wettstreit die Auto-Mode und die Entwicklung des französischen Individual-Karosseriebaus, über dessen "Amerikanisierung" sich Jacques Saoutchik 1935 beklagte. In der Tat sind diese Einflüsse an Fahrzeugen etwa von Renault, Mathis oder Rosengart gut zu erkennen. Die Antwort der französischen Carossiers führte allerdings ebenso zu gelegentlichen Exzessen mit Formen, die heute als schwülstig und übertrieben empfunden werden. Sowohl Saoutchik wie auch Figoni & Falaschi gewannen in dieser Zeit viele Preise an Concours d’Elegance für ihre Kreationen und hielten sich, trotz der Wirtschaftskrise, gut im Geschäft.
Hispano-Suiza J12 und K6 mini|Sehr zurückhaltend geformte Berline Transformable auf Fahrgestell Hispano-Suiza J12 (1935)
Der Hispano-Suiza J 12 war zweifellos eines der exklusivsten Fahrzeuge ihrer Zeit. Saoutchik hat einige davon eingekleidet; sie sind nach dem konservativen Geschmack der Kundschaft eher zurückhaltend gezeichnet. Die meisten J12 erhielten repräsentative Aufbauten – Chauffeur-Limousinen, Landaulets oder Transformables. Für einen französischen Industriellen entstand ein zweisitziges Cabriolet mit "Schwiegermuttersitz". Es war trotz seiner enormen Größe von zeitloser, zurückhaltender Eleganz. Das Fahrzeug war danach lange im Besitz von Pablo Picasso. In den 1970er Jahren war es Vorbild für ein Modell, das der italienische Hersteller Rio herausbrachte.
2010 wurde eine Transformable von Saoutchik auf einem Fahrgestell J12 von 1936 (#28543 43) für US$ 1,54 Mio. versteigert.
1935 entstand ein sehr elegantes Cabriolet auf dem "kleinen" Hispano-Suiza K6, das erhalten geblieben ist.
Der "Trossi-SSK" mini|Mercedes-Benz SSK (W-06) "Trossi" (Fahrgestell 1930, Aufbau 1934)
Der italienische Aristokrat und Autorennfahrer Graf Carlo Felice Trossi (1908–1949) ließ 1934 einen Mercedes-Benz SSK von 1930 nach eigenen Ideen neu einkleiden. Gemäß einer einzelnen Quelle erfolgte die Umsetzung bei Saoutchik. Die Restauratoren des Fahrzeugs ermittelten, dass das Auto zuvor einen Roadster-Aufbau der Carrozzeria Touring trug.
Der "Trossi-SSK" ist ein sehr bekanntes und spektakuläres Fahrzeug, sodass es erstaunt, dass sich für Saoutchiks Urheberschaft kaum weitere Quellen finden.
"Pantograph"-Türen Jacques Saoutchik patentierte Mitte der 1930er Jahre ein neuartiges Scharniersystem, das er, in Anlehnung an das Zeichengerät, "Pantograph" nannte. Bei dieser besonderen Form der Schiebetür wird die Türe von Streben getragen und geführt. Beim Öffnen wird sie erst seitlich ausgezogen und, wenn sie weit genug von der Karosserie absteht, parallel an dieser entlang nach vorn oder hinten gezogen, bis sie die Türöffnung ganz freigibt. In geschlossenem Zustand ist die besondere Funktionsweise der "Pantograph"-Türe nur an der ungewöhnlichen Position des Türgriffs mittig in der optischen Längsachse des Türblatts erkennbar. Sehr wenige Fahrzeuge wurden mit diesem Türsystem ausgestattet. Bekannt sind zwei sonst eher konservative Cabriolets; das eine auf dem Fahrgestell eines Delage D8-120 von 1939 konnte vor Kriegsausbruch nicht mehr fertiggestellt werden und wurde erst 1945 an den Élysée-Palast geliefert. Es diente Präsident Charles de Gaulle als erstes Regierungsfahrzeug. Das ursprünglich, wie alle Regierungsfahrzeuge, schwarz lackierte Fahrzeug ist erhalten geblieben und präsentierte sich lange in einem rot-bronzenen Farbton. Obwohl diese Änderung wohl nicht von Saoutchik vorgenommen wurde, steht sie in seiner Tradition; er war einer der ersten französischen Carrossiers, der mit Metallicfarben arbeitete. Heute ist das Auto in silber über schwarz gehalten.
Das andere bekannte Cabriolet mit "Pantograph"-Türen scheint nicht mehr zu existieren. Saoutchik baute es auf dem Chassis des Achtzylindermodells Renault Suprastella für den späteren General und Kriegshelden Marie-Pierre Kœnig (1898–1970). Kœnig war Kommandeur der Force Français Libre in Großbritannien und der Forces françaises de l’intérieur (FFI) und danach Militärgouverneur von Paris. Nach Kriegsende war er gleichzeitig Oberbefehlshaber der französischen Besatzungstruppen in Deutschland und Militärgouverneur der französischen Besatzungszone.
Dubonnet Xenia (1938) mini|Dubonnet Xenia, Hochleistungsfahrzeug und Versuchsträger auf einem überarbeiteten Fahrgestell Hispano-Suiza H 6 (1938)