Die Erzählperspektive eines erzählenden Textes (Epik) ist eine Antwort auf die Frage „Wo sieht und spricht der Erzähler?“ oder auch „Was kann der Erzähler wissen?“. In der Literaturwissenschaft gibt es, entsprechend den verschiedenen Erzähltheorien, auch zahlreiche Modelle von Erzählperspektiven. Die Erzählperspektive kann von der Erzählhaltung unterschieden werden. Die Erzählperspektive beschreibt, wie und aus welcher Sicht erzählt wird, die Erzählform sagt, wer erzählt bzw. in welcher Person erzählt wird.Erzählpositionen, Erzählformen. Wolfgang Münchenhagen 1992,

Grundlagen Erzählen ist für den Menschen eine grundlegende Form der Wirklichkeitserfahrung. In jeder Erzählung wird ein Segment der Wirklichkeit zu einer Geschichte zusammengefügt und in perspektivierter Form, etwa als fiktionale RealitätWährend die faktualen Erzählungen der Wirklichkeit, „Wirklichkeitserzählungen“, in ihrer textuell generierten Realität einen starken referentiellen Anspruch erheben, siehe Christian Klein, Matías Martínez (Hrsg.): Wirklichkeitserzählungen. Felder, Formen und Funktionen nicht-literarischen Erzählens. J.B. Metzler, Stuttgart/Weimar 2009, ISBN 978-3-476-02250-9, S. 6, wiedergegeben und damit im sozialen Raum transportiert. Das bedeutet, dass die Auswahl und Darstellung des Geschehens als den Teil der Wirklichkeit stets vom metaphorisch gesprochenen „Blickwinkel“ bzw. der „Sicht“ oder „Sichtweise“ sowie dem „Wissen“ der jeweiligen Erzählinstanz (= dem versprachlichenden Subjekt) abhängen müssen. Eine Wirklichkeitserfahrung, die versprachlicht reproduzierbar wurde, ist ohne Perspektive nicht denkbar.Christian Klein, Matías Martínez (Hrsg.): Wirklichkeitserzählungen. Felder, Formen und Funktionen nicht-literarischen Erzählens. J.B. Metzler, Stuttgart/Weimar 2009, ISBN 978-3-476-02250-9, S. 1

Der Autor kreiert einen Erzähler, der dem Leser die Erzählung versprachlicht präsentiert. Dabei ist die Beziehung des Erzählers zur erzählten Geschichte bedeutsam. In der deutschsprachigen Narratologie werden die Termini „Standpunkt“ oder „Blickpunkt“ verwendet, durchgesetzt hat sich aber der Begriff „Erzählperspektive“.Wolf Schmid: Erzählperspektive. 3. März 2004 ( auf icn.uni-hamburg.de) hier S. 1 Seit dem Beginn der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts findet der von Gérard Genette (1972)Gérard Genette: Figures III. Editions du Seuil. Paris 1972, ISBN 978-2-02-002039-8. geprägte Begriff der „Fokalisierung“ weite Verbreitung. Boris Andrejewitsch Uspenski (1970)Boris Andrejewitsch Uspenski: Poetik der Komposition. Struktur des künstlerischen Textes und Typologie der Kompositionsform. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1975, ISBN 3-518-00673-8. entwarf für die Perspektive ein Stratifikationsmodell, ein Modell, das die Perspektive sich auf mehreren Ebenen manifestieren lässt, etwa Ebene der Wertung und Ideologie, der Phraseologie, der raum-zeitlichen Charakteristik und der Psychologie.

Begriffe Die Erzählperspektive ist ein zentraler Begriff der Narratologie (), er wurde von Henry James (1884) in dessen Essay „The Art of Fiction“ eingeführt. Es war Percy Lubbock (1921) der in seinen Vorwörtern zu James den Begriff präzisierte und systematisierte. Wolf Schmid: Elemente der Narratologie. Walter de Gruyter, Berlin 2005, ISBN 3-11-018593-8, S. 113. In der Erzähltheorie oder Narratologie ist die Erzählperspektive meist eine von mehreren Kategorien, die man zur Analyse eines erzählenden Textes braucht. Stanzel unterscheidet etwa zwischen Person, Modus und Perspektive. Der Begriff der Erzählperspektive betrifft das Verhältnis des Erzählers zu der Hauptfigur und der erzählten Welt, der Autor spielt in diesem Zusammenhang keine Rolle.

Bei einer Ich-Erzählung ist die Frage nach der Erzählperspektive scheinbar leichter zu klären. Die betonte Subjektivität markiert einen eingeschränkten Standpunkt, denn ein Ich-Erzähler kann nicht alles über die erzählte Welt wissen. Demgegenüber hat ein auktorialer, also allwissender Erzähler unbegrenzten Zugang zu allen Informationen der erzählten Welt, wie in Goethes Wahlverwandtschaften.Er oder Ich? Wer erzählt? In vielen Abhandlungen wird unter Perspektive sowohl räumliche und zeitliche Distanz als auch Subjektivität und Objektivität, also nicht nur Zugang zu Informationen, sondern auch Wertung verstanden. Trennschärfer ist daher das Modell der Fokalisierung von Genette, der strikt unterscheidet zwischen Modus (Wer sieht) und Stimme (Wer spricht).

Im Englischen wird die Erzählperspektive auch als point-of-view bezeichnet. Der point-of-view in der Literaturwissenschaft muss dabei aber deutlich vom filmischen Point-of-View-Shot unterschieden werden, denn jener bezeichnet eine Einstellung, die den Blick einer Figur wiedergibt, in der Literatur dagegen wird unter dem point-of-view die Perspektive für ganze Szenen oder den ganzen Text verstanden. Im Unterschied zur Beobachterperspektive fällt bei der Erzählperspektive das Augenmerk nicht nur darauf, was ein Beobachter wahrnimmt, sondern auch darauf, was er wie berichten will.

Der Begriff Perspektive ist eine Metapher, denn in der Literatur wird tatsächlich nur mit Worten erzählt. Das Medium Literatur kann jedoch nicht nur „erzählen“ (telling bzw. berichtende Darstellung), sondern auch „zeigen“ (showing bzw. szenische Darstellung).Franz K. Stanzel: Theorie des Erzählens, Vandenhoeck und Ruprecht Verlag, Göttingen, 6. unveränderte Auflage 1995, ISBN 3-8252-0904-0, S. 70, 162f., 191ff., S. 204f Durch eine dialogische Darstellungsform oder eine detailgenaue Schilderung einer Umgebung kann also beim Leser der Eindruck bzw. die Illusion entstehen, als „sehe er es selbst“ oder nehme selber direkt am Geschehen teil ohne eine vermittelnde Erzählinstanz. Roland Barthes nennt dies den „Wirklichkeitseffekt“, Genette bezeichnet es als „Mimesis-Illusion“, da sich Mimesis nach Platon im eigentlichen Sinne nur auf die Nachahmung von wörtlicher Rede beziehen kann.Gérard Genette: Die Erzählung. UTB, Stuttgart 1998, S. 118. Vgl. dazu auch die Ausführungen von Peter Freese: Zur Methodik der Analyse von Short Stories im Englischunterricht der Sekundarstufe II. In: ders. et al., Die Short Story im Englischunterricht der Sekundarstufe II · Theorie und Praxis, Schöningh Verlag, Paderborn 1979, S. 51.

Jedes Geschehen, also die chronologische Gesamtsequenz aller Geschehnisse und Ereignisse, wird von einer Erzählinstanz vermittelt. Sie nimmt den Erzählgegenstand unter bestimmten Wahrnehmungsbedingungen auf und gibt ihn dann für den Leser in Form einer Geschichte, versprachlicht auf eine spezifische Art und Weise, wieder.Silke Lahn, Jan Christoph Meister: Einführung in die Erzähltextanalyse. J.B. Metzler, Stuttgart 2008, 3., aktual. Aufl. 2016, ISBN 978-3-476-02598-2, S. 115; 218 Für diesen Gesamtkomplex aus Wahrnehmen und versprachlichten Weitergeben benutzt Schmid den Begriff der Erzählperspektive.

Für Mair (2016)Meinhard Mair: Erzähltextanalyse. Modelle, Kategorien, Parameter. ibidem Verlag, Stuttgart 2016, ISBN 978-3-8382-0719-3, S. 167 geht die Analyse der Erzählperspektive mit wesentlichen Fragestellungen an den erzählten Text einher, etwa: Wo steht der Perspektiventräger; liegt die Perspektive des Erzählers außerhalb der Geschichtevergleiche die Terminologie von Gérard Genette hier die heterodiegetische Position; im Gegensatz zur homodiegetischen Position, in dem, der Erzähler Teil der Diegese (der erzählten Welt) ist. und damit der erzählten Welt oder liegt sie innerhalb der erzählten Welt? Was nimmt der Perspektiventräger wahr? Wie viel narratives Wissen über die erzählte Welt, den Text und seine Figuren vermittelt der Erzähler dem Leser weiter? Wer nimmt die erzählte Welt wahr, der Erzähler oder die Figur? Wie distanziert positioniert sich der Erzähler zur erzählten Welt, den Figuren und der Geschichte? Der außerhalb der erzählten Welt stehende Erzähler berichtet aus der Erzähler- oder Figurenperspektive? Danach kann die Untersuchung von Erzähltexten in einem „Zwei-Ebenen-Modell der Erzähltextanalyse“ erfasst werden: die Ebene des Dargestellten („Was“ der Darstellung); es ist die Analyse der erzählten Welt, die Ebene des Inhalts und die Ebene der Darstellung („Wie“ der Darstellung); es ist die Analyse der Strukturen des Erzähltextes, wie dem Erzähler (u. a. auch die Erzählperspektive), der Form, Stil und Aufbau.Meinhard Mair: Erzähltextanalyse. Modelle, Kategorien, Parameter. ibidem Verlag, Stuttgart 2016, ISBN 978-3-8382-0719-3, S. 6; 127 f.; 167 Dabei ist der Erzähler und die Erzählerintention nicht gleichsetzbar mit dem Autor eines Erzähltextes und der Autorintention. Die Perspektive führt zu einem Ergebnis aus dem (metaphorisch) beschriebenen BlickpunktBlickpunkt; metaphorisch Punkt, von dem aus geblickt wird, Gesichtspunkt, Stellung, dem BlickwinkelBlickwinkel; metaphorisch der Winkel, um den sich das Auge dreht, wenn der Blick von einem Objekt zum andern wandert und der BlickdistanzBlickdistanz; metaphorisch Entfernung für ferne oder nahe Sehdistanzen sowie vor allem der Wahrnehmung. Ferner dem Wissen und Wissenshorizont des Erzählers, der Introspektion in das Figurenbewusstsein hinein und die Wertungen und Haltungen des Erzählers. Für Mair wird die Perspektive zu einer Spezifik in einer erzählerischen Vermittlung im Hinblick auf Auswahl (Selektion), Präsentation und Wertung des Dargestellten. Die Einstellungen oder Parameter der Perspektive sind: Blickpunkt Blickwinkel Wahrnehmung Wissenshorizont Introspektion Wertung. Ihnen können attributiv qualitative Eigenschaften zugeordnet werden, etwa dem Blickpunkt externer oder intern, dem Blickwinkel breit oder eng, der Blickdistanz fern oder nah, der Wahrnehmung Erzähler oder Figur, dem Wissenshorizont unbeschränkt oder beschränkt, der Introspektion Außensicht oder Innensicht und der Wertung neutral oder nichtneutral. Die Innenperspektive ist die Position des homodiegetischen (i.S. von Genette) oder diegetischen Erzählers (i.S. von Schmid), er erzählt und berichtet aus der Perspektive der Figur heraus, indem er Selbsterlebtes und Eigenes als nicht „Fremdes“ versprachtlicht. Der heterodiegetische oder nichtdiegetische Erzähler (primär, sekundär etc.) erzählt in einer Außenperspektive „Fremdes“, also aus einer Position des nicht Selbsterlebten, des nicht Eigenem.Meinhard Mair: Erzähltextanalyse. Modelle, Kategorien, Parameter. ibidem, Stuttgart 2016, ISBN 978-3-8382-0719-3, S. 172

Ansätze Die Kunst des Erzählens ist es gerade, mit unklaren Standpunkten zu spielen. Häufig begegnen sich widersprüchliche Erzählerstandorte wie die Gleichzeitigkeit von Innen- und Außenperspektive (Mise en abyme). Daher können Versuche, Erzählperspektiven einzuordnen und mit Modellen und Typologien festzuhalten, immer nur teilweise gelingen. Als Verständnishilfe können solche Abstraktionen allerdings sinnvoll sein.

Erzählperspektive bei Stanzel Ein verbreitetes Schema ist das typologische Modell der Erzählsituationen von Franz K. Stanzel. Es unterscheidet, ob Erzählerfiguren eine Innen- oder Außenperspektive innehaben (Perspektive), ob der Erzähler mit der Figur identisch ist oder nicht (Person) und ob eine Erzählerfigur deutlich in Erscheinung tritt (Modus). Auf der Ebene des Modus unterscheidet er daher auch den Erzähler von einer Reflektorfigur, womit meistens die Hauptfigur gemeint ist, aus deren Perspektive sich die Geschichte entfaltet.

Ein konkretes Beispiel, das sich in Stanzels Typenkreis sehr nahe an dem idealtypischen Modell der Personalen Erzählung orientiert, wäre die erlebte Rede, in der keine Erzählerstimme von der Figurenrede zu unterscheiden ist. Hier wäre der Erzähler zwar nicht mit der Figur identisch, wie in der Ich-Erzählung, hätte aber eine Innenperspektive.