Die Göttinger Gruppe Vermögens- und Finanzholding GmbH & Co. KGaA und ihre Hauptgesellschaft Securenta Göttinger Immobilienanlagen und Vermögensmanagement AG gehörten zu den größten Kapitalanlagegesellschaften, die auf dem Grauen Kapitalmarkt in Deutschland tätig waren. Beide sind insolvent. „Kapital in Höhe von einer Milliarde Euro ist verschwunden. Über 250.000 Anleger sind geschädigt und um ihre Altersvorsorge gebracht worden.“ Download auf test.de
Geschichte Der Ursprung des Unternehmens liegt in der Securenta AG, die 1986 von Erwin Zacharias und vier weiteren Aktionären gegründet worden war. 1987 erfolgte der Start des Vertriebskonzepts für das (neben anderen Beteiligungsformen) Anlagemodell „atypisch stille Beteiligung“, das später als Persönlicher Sachwert-Plan (PSP) und ab 1994 als Pensions-Spar-Plan verkauft wurde. Die Göttinger Gruppe hatte sogenannte atypische stille Beteiligungen als Altersvorsorge angeboten. Bei dieser Art der Beteiligung sind Anleger nicht nur am Gewinn beteiligt, sondern haften auch für Risiken des Unternehmens. Zacharias erfand die „SecuRente“ (früher „Persönlicher-Sachwert-Plan“), ein Steuersparmodell für den kleinen Mann, das sich in den neunziger Jahren zum Verkaufsschlager entwickelte. Im August 1990 erwarb die Gruppe die SFR-Bank, welche zwei Jahre darauf in Securenta Bank AG umfirmierte. 1992 wurden das Unternehmen sowie die dazugehörigen Tochterunternehmen in Göttinger Gruppe umbenannt. In diesem Jahr hatte das Unternehmen nach eigenen Angaben ein Eigenkapital von über 100 Mio. DM sowie einen Umsatz in gleicher Höhe. Ebenfalls 1992 wurde der Nachrichtensprecher Werner Veigel als Repräsentant gewonnen. Ein Jahr darauf stieg das Unternehmen in das Versicherungsgeschäft ein und die Gutingia Lebensversicherung AG wurde gegründet. 1994 erfolgten die Gründungen der Göttinger Beteiligungs-AG und der Göttinger Immobilien Beteiligungs-AG. Bundesweit bekannt wurde die Göttinger Gruppe 1997 als Hauptsponsor des Fußballvereins VfB Stuttgart, auf dessen Trikots bis 1999 der Namenszug des Unternehmens zu sehen war.Die üblen Kerle aus Göttingen FAZ vom 11. Juni 2007, abgerufen am 18. November 2014VfB Stuttgart trennt sich von fragwürdigem Sponsor Die Welt vom 26. Februar 1999, abgerufen am 18. November 2014
Zum 31. Dezember 2000 wurde der Vertrieb der Securente eingestellt,8. November 2001: Jahresabschluss und Lagebericht der Securenta AG 1999, S. 20 wegen Laufzeiten von bis zu 40 Jahren zahlten Anleger in die Verträge weiter ein. Ab 2004 wurde der Master Star Fund mit neu gegründeten Firmen vertrieben. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) erließ im April 2005 ein Zahlungsverbot wegen unerlaubter Bankgeschäfte der Göttinger GruppeJürgen Gückel: „“. In: Göttinger Tageblatt, 31. Mai 2012, Seite 9. Onlineversion mit kürzerem Titel vom 30. Mai 2012, abgerufen am 1. Juni 2012. und im Juni 2005 die Abwicklung des Master Star Funds. Am 31. Oktober 2006 übernahm der Fortis-Konzern die Gutingia Lebensversicherung AG. Anfang Juni 2007 verlegte die Göttinger Gruppe ihren Sitz von Göttingen nach Berlin,handelsblatt.com 16. Juni 2007 Insolvenzverfahren gegen Securenta eröffnet und bot ihre Göttinger Liegenschaft zum Verkauf an.n-tv.de; 170 Haftbefehle gegen Manager Göttinger Gruppe in Not, 1. Juni 2007.
Staatsanwaltschaft Die Staatsanwaltschaft Braunschweig hielt das Kapitalanlagesystem des Master Star Fund für strafbar, kam bei der Securenta allerdings nicht zum gleichen Ergebnis. Sie erhob gegen die Vorstandsmitglieder Anklage wegen Insolvenzverschleppung und Untreue.
Weil das Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen ein betrügerisches Schneeballsystem vermutete, forderte Anfang 2000 dessen damaliger Präsident Wolfgang Artopoeus von Niedersachsens Justizminister Wolf Weber, ein Ermittlungsverfahren wegen Kapitalanlagebetrugs, Untreue und Betrugs einzuleiten.Göttinger Tageblatt, 16. Juni 2007, S. 14 Die SchwerpunktstaatsanwaltschaftJürgen Gückel: „Neue Welle von Securenta-Klagen überschwemmt Landgericht“. In: Göttinger Tageblatt, 9. Februar 2008, S. 9. Braunschweig stellte das Verfahren 2002 ein. ARD, [plusminus, 5. Juni 2007: Stellungnahme der Staatsanwaltschaft Braunschweig 21. Januar 2003 Staatsanwaltschaft Braunschweig stellt Ermittlungen gegen Göttinger Gruppe ein. Dies mit der Begründung, dass das Betreiben eines „modifizierten Schneeballsystems“ nicht strafbar sei. „Taten“ vor 2005 seien inzwischen (2009) verjährt.Jürgen Gückel: „Prüfbericht offenlegen. Wenzel: ‚Justiz tut sich schwer mit Securenta‘“. Göttinger Tageblatt, 22. Dezember 2009, Seite 7. Die Staatsanwaltschaft habe überdies die Geschäftszahlen „regelmäßig“ überprüft und Zahlungsfähigkeit festgestellt, weshalb keine Anklage erhoben wurde.
Im Februar 2010 hat die Staatsanwaltschaft Braunschweig einen Teil der seit Juni 2007 laufendenJürgen Gückel: „“. In: Göttinger Tageblatt, 19. Dezember 2009, Seite 12. Weblink abgerufen am 19. Dezember 2009. Ermittlungen gegen die Vorstände der Göttinger Gruppe eingestellt.Jürgen Gückel: „“. In: Göttinger Tageblatt, 22. Februar 2010, Seite 9. Weblink abgerufen am 24. Februar 2010.Jürgen Gückel: „Göttinger Gruppe schon 2005 zahlungsunfähig“. Kasten „Strafrecht“, „Zivilrecht“. In: Göttinger Tageblatt, 22. Februar 2010, Seite 9. Ein Schneeballsystem könne nicht festgestellt werden, da ausscheidende Anleger ihr Geld aus den Rateneinzahlungen anderer alter Gesellschafter und nicht von neuen Gesellschaftern erhielten. Zudem sei auf Nachschusspflichten und das Risiko eines Totalverlusts hingewiesen worden, bestimmte Renditen seien nicht versprochen worden. Ein für einen Kapitalanlagebetrug sprechender Sachverhalt ging aus den verwendeten Prospekten weder zum Renditeversprechen noch dem Verschweigen von Tatsachen hervor. Betrug konnte nicht festgestellt werden, da es keine Hinweise darauf gab, dass Vermittler spezifisch geschult worden seien, verkaufstreibende, falsche Angaben zu machen. Die Erfüllung des Tatbestandes der Untreue verbot sich, da Fehlinvestitionen wie Vermögensverschiebungen zwischen den Gesellschaften und Sponsorengelder (wie im Falle von Tennis Borussia Berlin) allenfalls vom unternehmerischen Risiko erfasst seien, aber nicht strafbar.
Nach der Insolvenz der Partin-Bank wurde die Göttinger Gruppe Ende Dezember 2005 zahlungsunfähig, was Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Braunschweig ergaben.Jürgen Gückel: . In: Göttinger Tageblatt, 30. September 2011, Seite 7. Weblink abgerufen am 30. September 2011. Im September 2011 erhob die Staatsanwaltschaft Braunschweig gegen die Vorstandsmitglieder Jürgen Rinnewitz und Marina Götz Anklage wegen Insolvenzverschleppung und Untreue, weil Verfügungen nach Eintritt der Zahlungsunfähigkeit vorgenommen worden waren und ermittelt gegen weitere Verantwortliche.Jürgen Gückel: . In: Göttinger Tageblatt vom 1. Oktober 2011, S. 9. Weblink abgerufen am 1. Oktober 2011.Jürgen Gückel: „“. In: Göttinger Tageblatt, 10. Mai 2012, Seite 11. Weblink mit leicht anderem Titel abgerufen am 10. Mai 2012. Rinnewitz wirft der Bafin vor, dass ihr Zahlungsverbot rechtswidrig gewesen sei und die Sanierungsbemühungen der Göttinger Gruppe zunichtegemacht habe.
Das Landgericht Braunschweig hat Jürgen Rinnewitz und Marina Götz im September 2013 vom Vorwurf des Kapitalanlagebetrugs und der Untreue freigesprochen, jeweils im Zusammenhang mit der MSF Master Star Fund Deutsche Vermögensfonds I AG & Co. KG/Germanicum Beteiligungstreuhand GmbH.Jürgen Gückel: „“. In: Göttinger Tageblatt, 12. September 2012, Seite 9. Webartikel vom 11. September 2012 mit kürzerem Titel abgerufen am 12. September 2012.Jürgen Gückel: „“. In: Göttinger Tageblatt, 18. September 2012, Seite 8. Webartikel vom 17. September 2012 mit anderem Titel abgerufen am 18. September 2012.Jürgen Gückel: „“. In: Göttinger Tageblatt, 21. September 2012, abgerufen am 16. August 2014. Der Bundesgerichtshof bestätigte den Freispruch unter Verweis auf „viel Grauzone“.Jürgen Gückel: „“. In: Göttinger Tageblatt, Webartikel vom 11. Dezember 2013, abgerufen am 16. August 2014.Bundesgerichtshof: Urteil vom 11. Dezember 2013, Aktenzeichen 5 StR 162/13 Allerdings wurden sie wegen der falschen Angabe, ein „Exclusivvertrieb“ vertreibe den Fonds, zu je 4500 Euro wegen Kapitelanlagebetrugs verurteilt.Jürgen Gückel: „“. In: Göttinger Tageblatt, 22. September 2012. Webartikel vom 21. September 2012 mit anderem Titel abgerufen am 5. Oktober 2012.>
Der ehemalige Konzernchef Erwin Zacharias wurde im Januar 2006 zu 16 Monaten Bewährungsstrafe sowie einer Bewährungsauflage von 400.000 Euro verurteiltZacharias hinter Gitter. Göttinger Tageblatt, 4. August 2007, S. 9Jürgen Gückel: „Erwin Zacharias verhaftet“. In: Hannoversche Allgemeine Zeitung, 59. Jg. Madsack, Hannover 2007. 19./20. Juli 2007., da er 1991 bis 1996 fast eine Million DM Steuern auf private Einnahmen aus Immobilienvermietungen und -verkäufen an die Göttinger Gruppe hinterzogen hatte. Die Staatsanwaltschaft Braunschweig hat weitere Ermittlungen gegen ihn eingestellt, da er schon 2001 aus der Göttinger Gruppe ausgeschieden war.
Rückzahlungen „Die Finanzlage der SECURENTA AG war im Geschäftsjahr 2004 und auch 2005 angespannt. […] Vorübergehende Zahlungsstockungen lagen vor.“ auf archive.org
Zum 1. Januar 1998 verschärfte der Gesetzgeber das Kreditwesengesetz mit dem Ziel der „Bekämpfung des grauen Kapitalmarkts“.Bundesratsdrucksache 963/96bundesgerichtshof.de Urteil des Bundesgerichtshofs vom 21. März 2005, II ZR 149/03, S. 10–11. Daraufhin verpflichtete sich die Göttinger Gruppe gegenüber dem Bundesaufsichtsamt für Kreditwesen in einem Prozessvergleich, das Auseinandersetzungsguthaben den Anlegern in einer Summe auszuzahlen, und nicht wie vertraglich vereinbart in monatlichen Renten mit 7%iger Verzinsung des Restguthabens.bundesgerichtshof.de Urteil des Bundesgerichtshofs vom 21. März 2005, II ZR 149/03, S. 4.
Der Bundesgerichtshof entschied deshalb im Jahr 2005, dass alle SecuRente-Anleger ihren Vertrag sofort kündigen können, und ihnen bei nachgewiesener Falschberatung vor Vertragsschluss und bei allen nach dem 1. Januar 1998 geschlossenen Verträgen alle eingezahlten Gelder als Schadenersatz zustehen.bundesgerichtshof.de Pressemitteilung 51/2005 und Urteile des Bundesgerichtshofs vom 21. März 2005, II ZR 124/03, II ZR 140/03, II ZR 149/03, II ZR 180/03 und II ZR 310/03. Dies brachte das Unternehmen in den folgenden Jahren in erhebliche Zahlungsschwierigkeiten. Zudem entschied der Bundesgerichtshof am 3. Dezember 2007, dass die Vorstandsmitglieder grundsätzlich wegen fehlerhafter Prospekte persönlich haftbar gemacht werden könnten.bundesgerichtshof.de Bundesgerichtshof: Urteil vom 3. Dezember 2007, II ZR 21/06; Pressemitteilung Nr. 183/07 vom 3. Dezember 2007.
Im Oktober 2006 berichtete Finanztest von Zahlungsschwierigkeiten der Securenta: Wegen Pfändungen über 4,6 Millionen Euro kündigte die Volksbank das Geschäftskonto, Zahlungen wurden erst kurz vor Abgabe der eidesstattlichen Versicherung geleistet. test.de, 25. August 2006. Nachdem der Gerichtsvollzieher die Rückzahlungsansprüche von Anlegern mehrmals nicht vollstrecken konnte, erließ das Amtsgericht Göttingen in 170 bis 200 Fällen Haftbefehl gegen lediglich „eine Handvoll Verantwortlicher“, um die Zahlung oder Angaben über die Vermögensverhältnisse (eidesstattliche Versicherung) zu erzwingen. test.de, 4. Juni 2007.
„Rund 90.000 Geschädigte der Göttinger Gruppe Finanzholding müssen mit dem Totalverlust ihrer Einlagen rechnen.“ test.de Update, 16. August 2007., Insolvenzbekanntmachung vom 7. September 2007, 36g IN 2621/07.