mini|Albrecht Dürer, Christus am Kreuz
Die Sühnopfer- oder Sühnetheologie ist eine in der christlichen Theologie grundlegende Sinndeutung des Todes von unschuldigem Leben. Sie spielt auch eine Rolle in der christlichen Lehre von der Erlösung des Menschen (Soteriologie). Der Kreuzestod Christi kann dabei vor dem Hintergrund christlicher Auslegungen der alttestamentlichen Texte zu Sünden, Reue und Umkehr als Menschenopfertod zur Versöhnung des christlichen Gottes mit den Menschen und als Vergebung der Erbsünde gedeutet werden.
Christentum Das Wort „Sühnopfer“ hat sich in der theologischen Diskussion eingebürgert, kommt aber in der jüdischen Bibel nicht vor. Der Begriff „Sühne“ selbst entstammt dem germanischen Sprachraum.„Sühne fem.: Genugtuung, Vergeltung, Strafe für begangenes Unrecht, Versöhnung. Herkunft ungeklärt … hat keine außergermanischen Anknüpfungsmöglichkeiten“ (Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, DTV 1997, S. 1395). Er wird dort im juridischen – also nicht im kultischen – Zusammenhang verwendet.
Christliche Bibel Altes Testament Mit „sühnen / Sühne schaffen“ wird in verschiedenen deutschen Bibelausgaben das hebräische Wort kippär übersetzt. Die Grundbedeutung des hebräischen Wortstammes ist jedoch „bedecken“.Vgl. Ludwig Köhler, Walter Baumgartner: Lexicon in Veteris Testamenti Libros. Leiden 1958, S. 451. In der hebräischen Bibel kommt kippär vor allem im kultischen, aber überhaupt nicht im juridischen Zusammenhang vor.70 von 101 Belegen entfallen auf die Priesterschrift, vgl. Christian Eberhart: WiBiLex. „Sühnerituale“ sollen im Kult die Begegnung zwischen Menschen, die sich verfehlt haben, und Gott ermöglichen.
Dabei beschreibt kippär nicht einen konkreten kultischen Vollzug, sondern fasst das Ziel unterschiedlichster Rituale zusammen: „Es bedecke über ihm der Priester vor seiner Versündigung, ihm wird verziehen“ – Lev 4,20 (Übersetzung: Martin Buber). Die mit kippär beschriebenen Rituale reichen dabei von Tieropfern und vegetabilen Opfer , durch die eine gestörte Gottesbeziehung von Menschen wieder in Ordnung gebracht wird, bis zur Weihe des Altars und die Reinigung eines „aussätzigen“ Hauses .
Dass vegetabile Opfer genauso „Sühne“ bewirken , zeigt, dass weder der (stellvertretende) Tod eines Tieres noch die Verwendung von Blut eine Voraussetzung für die Wiederherstellung der Gottesbeziehung ist.
Trotzdem hat das Blut von Opfertieren, das in manchen dieser Rituale auf Menschen oder Gegenstände appliziert wird, eine bedeutende Funktion. Zum Verständnis der Bedeutung des Blutes im alttestamentlichen Kult lässt sich heranziehen: „Denn das Leben des Fleisches ist im Blut, und ich [sc. JHWH] habe es euch für den Altar gegeben, um für euer Leben zu sühnen, denn das Blut ist es, das durch das Leben sühnt“.Übersetzung von Christian Eberhart: WiBiLex. „Sühne durch Blutapplikationsriten lässt sich daher als Weihegeschehen beschreiben, welches durch das im Blut befindliche Leben ermöglicht wird.“Michael Rau: Im Blut ist Leben! – Eine kritische Nachfrage nach der biblischen Begründung des theologischen Denkmusters vom „stellvertretenden Sühnetod“. In: Deutsches Pfarrerblatt, 3/2002, S. 121–124, hier S. 123, online S. 4. Eine kritische Replik zu dieser Position gab Thomas Pola.Thomas Pola: Stellungnahme zum Artikel „Im Blut ist das Leben!“ In: Deutsches Pfarrerblatt, Heft 7/2002.
Leben im Alten Testament ist jedoch nicht das individuelle, biologische Leben eines Menschen (griech.: biós) oder Tieres. Für das Alte Testament ist und bleibt alles Leben Teil von Gottes eigener schöpferischer Lebenskraft (griech.: zoé): „Siehe, alles Leben ist mein“ . So ist im Blut Gott selbst präsent. „Hier ist die Erklärung des Sühneritus gegeben: Durch das im Blut enthaltene Leben kann die durch die Sünde geminderte Lebenskraft erneuert werden“.Walter Kornfeld: Leviticus (= Die Neue Echter Bibel. Kommentar zum Alten Testament, Bd. 6). Echter-Verlag, Würzburg 1983, S. 68.
Die Verwendung des Begriffes „Sühne“ für den alttestamentlichen Kult ist nach diesem Befund problematisch. Denn der deutsche Begriff „Sühne“ beinhaltet immer die Vorstellung einer Wiedergutmachung von Seiten des schuldig Gewordenen, während die Vergebung der Schuld im alttestamentlichen Kult viel eher durch Kontakt mit der Heiligkeit Gottes – vermittelt durch das göttliche Leben, das sich im Blut findet – zustande kommt.Michael Rau: Im Blut ist Leben! – Eine kritische Nachfrage nach der biblischen Begründung des theologischen Denkmusters vom „stellvertretenden Sühnetod“. In: Deutsches Pfarrerblatt, 3/2002, S. 121–124, hier S. 124, online S. 6f.
Neues Testament In den Schriften des Neuen Testamentes wird der Tod Jesu Christi übereinstimmend als heilswirksames Handeln Gottes interpretiert. Neben anderen Modellen zur erklärenden Beschreibung dieser Heilswirkung findet sich im Neuen Testament auch die Interpretation des Todes Jesu als sühnendes Opfer, durch das analog zu den Opfern im Alten Testament die Sünde bzw. ihre Auswirkungen beseitigt werden.Wilfrid Haubeck: Art. Sühne b: biblisch. In: Evangelisches Lexikon für Theologie und Gemeinde. Band 3: R–Z. 2. Auflage, R. Brockhaus, Wuppertal 1998 Besonders ausdrücklich findet sich diese Vorstellung des Sühnopfers zum einen in :
Für Sühneort verwendet Paulus das Wort hilasterion (ἱλαστήριον), welches die LXX für kaporä (hebräisch: כַּפֹּרֶח) dem Deckel der Bundeslade benutzt. Am großen Versöhnungstag wurde dieser mit dem Opferblut bespritzt gemäß Lev 16,14. Ein weiteres Beispiel für die Sühneinterpretation findet sich in :
Des Weiteren wird dies unter anderem von bezeugt:
sowie von und von .
Theologische Diskussion Die theologische Diskussion um den Begriff des Sühnopfers befasst sich unter anderem mit der Frage, worin genau die sühnende Wirkung des Todes Jesu besteht, wieso also sein gewaltsamer Tod die Kraft habe, Sünden und Sündenwirkungen aufzuheben. Einflussreich ist in diesem Zusammenhang die sogenannte Satisfaktionslehre des mittelalterlichen Theologen Anselm von Canterbury.Eberhard Hahn: Art. Sühne c: systematisch-theologisch. In: Evangelisches Lexikon für Theologie und Gemeinde. Band 3: R–Z. 2. Auflage, R. Brockhaus, Wuppertal 1998. Satisfaktionslehre und Sühnopfervorstellung werden in manchen Fällen fälschlich identifiziert und damit Anselm als der Erfinder der Sühnopfervorstellung ausgegeben. Anselm versuchte, die sühnende Wirkung des Todes Jesu mit dem Modell der Wiedergutmachung (Satisfaktion) zu erklären, die nötig sei, um die verletzte Herrscher-Ehre eines Fürsten wiederherzustellen. Dieser im mittelalterlichen Gesellschaftsbild zentrale Ehrbegriff ist unserem heutigen Weltbild und Menschenbild fremd, weshalb die Satisfaktionslehre in populär-theologischen Diskussionen bisweilen als Beispiel für theologische Fehlentwicklungen im Bereich der Sühnopfervorstellungen angeführt wird.
Neben der Diskussion um das „Wie“ einer sühnenden Wirkung des Todes Jesu wird in der neueren theologischen Diskussion auch grundsätzlich darüber gestritten, ob die Sühnopfervorstellung als angemessene Interpretation des Todes Jesu beibehalten werden oder zu Gunsten anderer Interpretationen vollständig zurücktreten sollte. Die Kritiker der Sühnopfervorstellung wenden ein, dass Gott in seiner Freiheit auch ohne Tötung eines Menschen Sünden vergeben könne. Die Sühnopfertheologie sei in der Bibel nur unzureichend zu belegen und tatsächlich wesentlich erst durch Anselm von Canterbury geprägt worden. Zu den Vertretern dieser Ansicht gehören unter anderem die Theologen Wolfgang Huber, Nikolaus Schneider, Eugen Biser, Klaus-Peter Jörns und Burkhard Müller.Warum starb Jesus Christus am Kreuz? Welt online, 23. März 2009.Warum Theologen am Sühnetod Jesu zweifeln. Welt online, 28. März 2009. (PDF; 137 kB) WDR, 2. April 2010.
Judentum Das Wort „Sühnopfer“ hat keine Entsprechung in den ursprünglichen Sprachen der biblischen Schriften des Judentums.
Jüdische Bibel Das Judentum kennt das Reinigungsopfer oder Sühnopfer (hebr. „Chatat“; 3. Mose 4) in der jüdischen Bibel. Es wurde bei Sünden gegeben, die unabsichtlich begangen wurden.W. Gunther Plaut (Hrsg.): Die Tora in jüdischer Auslegung. Band 3: Wajikra = Ṿa-yiḳra = Levitikus. Autorisierte Übersetzung und Bearbeitung von Annette Böckler. 3. Auflage (1. Auflage der Sonderausgabe), Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2008, ISBN 978-3-579-05494-0, S. 13ff. und 50ff.Die Ausnahme stellt die, wohl eher bewusst erfolgte, Verweigerung eines Rechtszeugnisses (3. Mose 5,1.5) dar.
Reinigungsopfer (Chatat) ohne echte Umkehr und Reue waren ungültig (, , Prov 18.8: „Das Opfer der Frevler ist Gott ein Greuel“). Die rituelle Opferung kann als psychologisch sehr entlastend für das Gewissen gedacht werden, da unabsichtlich begangene Sünden, zum Beispiel durch Unfälle, Unwissenheit, Achtlosigkeit, Menschen verstören können. Bis heute bitten Juden am jährlichen Versöhnungstag (hebr. Jom Kippur; 3. Mose 16) im Gebet um Vergebung „für die Verfehlungen, die wir vor dir begangen haben unter Zwang oder aus freiem Entschluß (..), oder unwissend oder absichtlich“. Auch die moderne Rechtsprechung unterscheidet die bewusste von der unwissenden Fahrlässigkeit.
Formal unterscheidet sich das Reinigungsopfer Sühnopfer der jüdischen Bibel durch die rituelle Behandlung des Opfertierblutes von allen anderen Opferformen. Handelte es sich bei dem unwissentlichen Sünder um einen gesalbten (d. h. Messias)Auch König David und viele weitere Personen waren „Gesalbte“, d. h. jeder ein Messias. Neben Bar Kochba und Schabtei Zwi gilt Jesus im Judentum als ein falscher Messias unter vielen: Sie alle haben gemein, dass sie gestorben sind und keine der biblisch geforderten notwendigen Prophezeiungen erfüllten, etwa den universellen Weltfrieden und den Wiederaufbau des Jerusalemer Tempels. Priester, dann wurde das Blut in das Heilige gebracht; etwas wurde gegen das Allerheiligste gesprenkelt und etwas an die Hörner des goldenen Räuchertisches gestrichen. Der Opfertierkadaver wurde außerhalb des Lagers verbrannt. War der unabsichtliche Sünder ein weltlicher Fürst, König oder aus dem Volk, so wurde das Blut an die Hörner des Hauptaltars gestrichen und das Fleisch von den Priestern gegessen. Die Fettbestandteile der Opfertiere wurden in beiden Fällen im Tempel verbrannt.
Im Tempel Ezechiels, dem dritten Jerusalemer Tempel, wird der erst noch kommende jüdische Mashiach das Chatat, das Reinigungsopfer oder Sühnopfer, darbringen.
Vergleich mit anderen Religionen Von allen Opferriten und -praktiken der das Volk Israel umgebenden antiken Völker und auch heutiger nicht-jüdischer Religionen, auch des Christentums, waren die kultischen Prozesse im Stiftszelt und im Jerusalemer Tempel immer deutlich unterschieden. Die jüdische Bibel geht an keiner Stelle davon aus, dass Gott – oder die Menschen – die blutigen Opfer nötig hätte und betont wiederholt das Gegenteil (Psalmen: 50.12–13, 40.7, 51.19). Das „Opfer des Herzens“, das ist das Gebet und Umkehr zu Gott, war und ist wichtiger als das Opfer im Tempel je gewesen war.
Das israelische Opfer war eine Art demokratischer Akt der Verbindung mit Gott. Der König war nie Hauptnutznießer an den Einkommen des Tempels und seines Opferdienstes und die Priesterschaft wurde regelmäßig und stetig unterhalten, wenn es auch gelegentlich zu Vorteilsnahmen gekommen war. Überwiegend waren der Opferritus Freude und Verbundenheit mit Gott. Die bekannteste Opferform war mit einem gemeinschaftlichen Festmahl verbunden (3. Mose 3; Freudenopfer Sewach Schlamim). Oftmals konnte teure fleischliche Nahrung von ärmeren Personen oder Familien nur im Zusammenhang mit Tieropfern gegessen werden, im Gegensatz zu unserer modernen Welt des Übermaßes an Fleischkonsum in den meisten Ländern. Ärmere Teile der Bevölkerung konnten jederzeit auch kostengünstigere Opfergaben benutzen (zum Beispiel Weizenmehl).
Rolle der Synagoge und des Gebets