mini|Henry E. Sigerist, um 1928/1929

Henry Ernest Sigerist, latinisiert auch Henricus E. Sigerist (* 7. April 1891 in Paris; † 17. März 1957 in Pura, Kanton Tessin), war ein schweizerisch-US-amerikanischer Medizinhistoriker. Er wirkte vor allem in Leipzig und in Baltimore.

Biografie Henry E. Sigerist war der Sohn des Schaffhauser Kaufmanns Ernst Heinrich Sigerist (1860–1901) und der Zürcherin Emma Wiskemann (1865–1954). Er besuchte Schulen in Paris und (ab dem 10. Lebensjahr) in Zürich die renommierte Privatschule der Familie von Beust. Er studierte zunächst Orientalistik (1909–1912 in Zürich und in London), dann Medizin (1912–1917 in Zürich und in München). 1917 wurde er in Zürich bei Max Cloëtta zum Dr. med. promoviert.Titel seiner Dissertation: Experimentelle Untersuchungen über die Einwirkung chronischer Kampherzufuhr auf das normale und pathologische Herz. 1916 heiratete er Emmy Escher aus Zürich. Die beiden Töchter Erica und Nora wurden 1918 und 1921 geboren.Elisabeth Berg-Schorn: Henry E. Sigerist (1891–1957). Medizinhistoriker in Leipzig und Baltimore (= Arbeiten der Forschungsstelle des Instituts für Geschichte der Medizin der Universität Köln. Band 9). Köln 1978, S. 5. Am 13. September 1943 erhielt Sigerist die US-amerikanische Staatsbürgerschaft.Bruno Gebhard: H. E. Sigerist – ein enttäuschter Amerikaner? In: Medizinhistorisches Journal. Band 4, 1969, S. 89–98, hier: S. 96.

mini|Bad Homburg 1927. Karl Sudhoff und William H. Welch mini|Leipzig 1929. Von links nach rechts: Stephen d’Irsay, Arnold C. Klebs, Henry E. Sigerist, Karl Sudhoff, Friedrich Wilhelm T. Hunger, Owsei Temkin

1958 erinnerte sich der Sigerist-Schüler Milton I. Roemer: „If future historians attempt to assign a nationality to Henry Ernest Sigerist, they will have a hard time of it. It is true he was born of Swiss parents. But his birth and early schooling were in Paris, his later studies in Zürich, London and Munich; his early teaching in Germany, his later teaching in America; his travels almost everywhere. … Henry Sigerist wrote, acted, and lived as a citizen of the world.“Milton I. Roemer: Henry Ernest Sigerist: Internationalist of Social Medicine. In: Journal of the History of Medicine. Band 13, 1958, S. 229–243. „Wenn zukünftige Generationen von Historikern sich bemühen, Henry-Ernest-Sigerist eine Nationalität zuzuschreiben, so wird ihnen das Mühe bereiten. Von Schweizer Eltern abstammend, wurde er in Paris geboren und er verbrachte dort seine ersten Schuljahre. Später studierte er in Zürich, in London und in Paris. Er lehrte zunächst in Deutschland, dann in Amerika. Seine Studienreisen führten ihn fast überall hin. … Henry Sigerist schrieb, handelte und lebte als Weltbürger.“

Leipzig 1919 besuchte Sigerist Karl Sudhoff in Leipzig. Danach verlegte er seinen Arbeitsschwerpunkt auf das Gebiet der Medizingeschichte und habilitierte sich 1921 in Zürich mit einer Arbeit über frühmittelalterliche Antidotarien (Rezeptsammlungen).Henry E. Sigerist: Studien und Texte zur frühmittelalterlichen Rezeptliteratur. Barth, Leipzig 1923 (= Studien zur Geschichte der Medizin. Band 13); Neudruck Vaduz 1977

Nach dem ersten Internationalen Kongress für Medizingeschichte in Antwerpen wurde 1921 die «Société Internationale d’Histoire de Médecine» gegründet.Internationale Kongresse für Medizingeschichte 1920-1938: Antwerpen 1920, Paris 1921, London 1922, Brüssel 1923 (als Teil des Internationalen Historikerkongress), Genf 1925, Leiden-Amsterdam 1927, Oslo 1928 (als Teil des Internationalen Historikerkongress), Rom 1930, Bukarest 1932, Madrid 1935, Jugoslawien 1938Statuten der „International Society of the History of Medicine“. In: Annals of Medical History. B. Hoeber, New York, Band 4, 1922, S. 388–389 (). Starke Kräfte in dieser Gesellschaft erwirkten einen Boykott gegen Deutschland und gegen die mit Deutschland im Krieg alliierten Nationen. Betroffen von diesem Boykott waren vor allem Karl Sudhoff in Leipzig und Max Neuburger in Wien. Daraufhin boykottierte Sigerist zusammen mit den angelsächsischen Medizinhistorikern Fielding Hudson Garrison, Arnold C. Klebs, Victor Robinson und Charles Singer den 1925 in Genf stattfindenden Kongress der «Société Internationale d‘Histoire de Médecine».Victor Robinson: Henry Sigerist: an appreciation. In: Medical Life. Band 30, (New York) März 1923, S. 124–126 (Digitalisat) Der an diesem Genfer Kongress teilnehmenden amerikanischen Restgruppe gelang es, eine Resolution zu verabschieden, die bestimmte, dass alle Nationen in Zukunft Mitglieder der Internationalen Gesellschaft sein konnten.

Im Jahr 1925 übernahm Sigerist als ordentlicher Professor den Lehrstuhl für Geschichte der Medizin in Leipzig von Karl Sudhoff. Zu seinen Mitarbeitern in Leipzig zählten Johann Daniel Achelis, Ernst Hirschfeld, Walter Pagel, Stephen d’Irsay, Erwin H. Ackerknecht und Owsei Temkin.Anjana Shrivastava: Sozialist im weißen Kittel. Der Arzt Henry E. Sigerist war einer der Protagonisten der Sozialgeschichte der Medizin und setzte sich zudem für ein öffentliches und nicht an Profit orientiertes Gesundheitswesen ein – mit weltweiter Wirkung. In: ND – die Woche vom 8./9. Mai 2021, S. 18

1926 wurde der erste Lehrstuhl für Medizingeschichte in Amerika an der Johns Hopkins University (Baltimore) mit William Henry Welch als Lehrstuhlinhaber eingerichtet. 1927 unternahm Welch eine Studienreise nach Europa. Dort machte das medizinhistorische Institut in Leipzig den tiefsten Eindruck auf ihn. 1928 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der Pariser Académie internationale d’histoire des sciences.Eintrag im Mitgliederverzeichnis der Académie. 1930/31 absolvierte Sigerist einen Forschungsaufenthalt in den USA mit Schwerpunkt in Baltimore. Während dieser Zeit übertrug er Temkin die interimistische Leitung des Leipziger Instituts. 1932 holte Welch Sigerist als seinen Nachfolger nach Baltimore.Elisabeth Berg-Schorn: Henry E. Sigerist (1891-1957). Medizinhistoriker in Leipzig und Baltimore (= Arbeiten der Forschungsstelle des Instituts für Geschichte der Medizin der Universität Köln. Band 9). Köln 1978, S. 83–84. Aus Leipzig nahm Sigerist Owsei Temkin mit. Dazu Marcel H. Bickel (2002): „Beide, der Nazifeind Sigerist und der Jude Temkin, hätten in Deutschland schon ein Jahr später keine Zukunft mehr gehabt.“Marcel H. Bickel. Owsei Temkin (1902-2002): ein Medizinhistoriker des 20. Jahrhunderts. In: Gesnerus. Swiss Journal of the history of medicine and sciences. Band 59, Nr. 3–4, 2002, S. 224–241, hier: S. 226 (e-periodica.ch Digitalisat).

mini|Baltimore 1933. Von links nach rechts: William Henry Welch, Fielding H. Garrison, John Rathbone Oliver, Owsei Temkin, Henry E. Sigerist mini|Studienreise in Europa 1934

Baltimore Von 1932 bis 1947 war Sigerist als Nachfolger von Welch Inhaber des Lehrstuhls für Geschichte der Medizin in Baltimore. 1933 gründete er das Bulletin of the History of Medicine, das in den ersten sechs Jahren als Organ des Instituts unter dem Namen Bulletin of the Institute of the History of Medicine erschien.

Durch seinen engen Kontakt zu Welch war Sigerist zu dessen Lebzeiten eine Art persona grata. Das änderte sich mit dem Zeitpunkt, zu dem Sigerist öffentlich zu kontroversen Diskussionen und zu aktuellen Ereignissen Stellung zu nehmen begann. Schon in Leipzig hatte er Medizingeschichte als Teil der allgemeinen Kulturgeschichte aufgefasst und diese über die begrenzende Darstellung der Entwicklung einer Fachdisziplin hinausgehoben. In den Jahren in Amerika verfolgte er diese Richtung weiter und nahm nun auch soziale, ökonomische und politische Gegebenheiten auf, die das Geschehen der Medizin beeinflussen. Dadurch gelangte er zu einer problematisierenden und kritischen Darstellungsweise der Entwicklungen in der Medizin und zu deren Einreihung in den allgemeinen Geschichtsprozess.

New Deal – National health insurance Sigerist betreute von 1932 bis 1947 den Lehrstuhl für Medizingeschichte in Baltimore. 1933 bis 1945 war die Zeit des New Deal Roosevelts.

Als Sigerist 1932 nach Amerika kam, hatte das «Committee on the Costs of Medical Care» (CCMC) die Ergebnisse einer Untersuchung, die von ihm durchgeführt worden war, in einem Bericht veröffentlicht. Dieser Bericht brachte eine Zusammenfassung über die Möglichkeiten der Gesundheitsversorgung in den USA und eine beeindruckende Beschreibung der Ungleichheiten des Versorgungssystems. Als Reaktion darauf wurden Pläne entwickelt, die die Zielvorstellung hatten, dass die Medizin für die gesamte amerikanische Bevölkerung in gleichem Maße zur Verfügung stehen müsse. Die Diskussion um jenen Bericht sowie um eine nationale Krankenversicherung war in vollem Gang. Sigerist hat in diesen Kontroversen Stellung bezogen und ist für eine obligatorische nationale Krankenversicherung eingetreten.Henry E. Sigerist. Socialized Medicine. In: The Yale Review. Frühjahr 1938, S. 463–481. Abgedruckt in: Milton I. Roemer (Hrsg.): Henry E. Sigerist on the Sociology of Medicine MD Publishing. New York 1960, S. 39–53.

Unter Roosevelt wurde 1935 der Social Security Act mit Richtlinien für Alterspensionen, Arbeitslosenversicherung und Hilfsprogrammen für Bedürftige verabschiedet. Eine nationale Krankenversicherungsgesetzgebung war in diesem Verwaltungsakt nicht enthalten. Sie wurde erst 2010 im Patient Protection and Affordable Care Act (Obama Care) realisiert. Wesentlicher Hemmschuh war die Opposition der mächtigen American Medical Association (AMA), die alle Versuche in Richtung einer nationalen Krankenversicherung als Übergriffe des Staates im Bereich des Arzttums ansah und mit den Etiketten „state medicine“ (verstaatlichte Medizin) und „un-American“ versah – waren zu stark. Bereits 1930 hatte die AMA die sozialpolitischen Forderungen des «Verbands sozialistischer Ärzte in den USA» als „made in Germany“ diffamiert.

Während des Spanischen Bürgerkriegs vertrat Sigerist die republikanische Seite und er arbeitete im «Bureau for Medical Aid for Spain» mit. Er beteiligte sich an der Organisation der «American Soviet Medical Society», für deren Journal er Herausgeber wurde. Während der antikommunistischen Hetzkampagnen unter McCarthy bildete Sigerists Bekanntschaft mit Owen Lattimore eine zusätzliche Quelle der Diffamierung als Kommunist und Propagandist. Schließlich wurde er sogar zu einer minuziösen Untersuchung der «Civil Service Commission» vorgeladen, wo er sich zu angeblicher kommunistischer Tätigkeit und zu Kontakten äußern musste. mini|Henry E. Sigerist. Socialised Med. in the Soviet Union. London 1937

Sowjetunion In den Jahren 1935, 1936 und 1938 besuchte er die Sowjetunion und veröffentlichte 1937 ein Werk über das sowjetische Gesundheitssystem, das er als das zu dieser Zeit fortschrittlichste System beschrieb. Dabei übernahm er russische Statistiken ohne kritische Überprüfung und ließ sich nach dem Urteil seines Schülers Erwin Heinz Ackerknecht Potemkinsche Dörfer vorführen.Elisabeth Berg-Schorn. Henry E. Sigerist (1891–1957). Köln 1978, S. 116Brief Richard Kochs an Henry E. Sigerist vom 30. 07.1945. Hrsg. von Frank Töpfer und Urban Wiesing. Universität Tübingen, Tübingen 2005, Einleitung der Herausgeber (hdl.handle.net Volltext). Bei seinem Aufenthalt 1938 besuchte er seinen Freund, den jüdischen Arzt und Medizinhistoriker Richard Koch im kaukasischen Badeort Jessentuki, in den die Familie Koch 1936 ausgewandert war. Sigerist unterstützte die Familie Koch und war wahrscheinlich auch an deren Emigration beteiligt gewesen. Koch schrieb jedenfalls 1946 an seinen Sohn, dass Sigerist «in der Stunde der Not so viel für uns getan hat».Postkarte Richard Kochs an seinen Sohn Friedrich vom 2. Juni 1946, im Tübinger Koch-Nachlass. Zitiert nach: Brief Richard Kochs an Henry E. Sigerist vom 30.07.1945.

mini|Sarajevo 1938. 11. Int. Kongr. für Geschichte der Medizin

Jugoslawien