Schwarze Spiegel ist eine Erzählung des deutschen Schriftstellers Arno Schmidt (1914–1979). Die 1951 zuerst im Band Brand’s Haide zusammen mit der Erzählung Brand’s Haide veröffentlichte Erzählung wurde später gemeinsam mit Aus dem Leben eines Fauns und Brand’s Haide als letzter Teil der Trilogie Nobodaddy’s Kinder neuveröffentlicht. Die Erzählung handelt vom Vagabundieren eines der letzten Menschen nach der großen Katastrophe des Dritten Weltkriegs, der die Menschheit fast vollständig vernichtet hat. Das Ich baut sich in der Lüneburger Heide ein Haus und begegnet dort schließlich – nach sieben Jahren ohne menschliche Gesellschaft – doch noch einem anderen Menschen.

Inhalt Der erste Teil der Erzählung beginnt am 1. Mai 1960, fünf Jahre nach der atomaren Zerstörung der Zivilisation im Dritten Weltkrieg, der einen Großteil vor allem des menschlichen Lebens auf der Erde ausgelöscht hat. Der namenlose Erzähler streift allein – er hat „seit den fünf Jahren“BA I/1, S. 201. Alle Zitate aus Schwarze Spiegel künftig nach der Bargfelder Ausgabe (BA). Auch die ungewöhnliche Typographie ist von dort übernommen. In eckige Klammern gesetzte Schrägstriche [/] markieren Übergänge zwischen den „Rastern“. keinen lebenden Menschen mehr gesehen – auf einem Fahrrad durch die Lüneburger Heide. Er gelangt ins Heidedorf Cordingen (bei Walsrode), wo er in einem nur noch von menschlichen Skeletten und einem Fuchs bewohnten Haus übernachtet. Am nächsten Tag erkundet er den menschenleeren Ort und besichtigt die Überreste der Zivilisation – er echauffiert sich über Illustrierte, Schlager und Beamte und besichtigt das Postamt.

Der Ich-Erzähler, der unverkennbar Züge von Arno Schmidt trägt (z. B. Geburtsdatum), fährt mit dem Fahrrad und einer primitiven Überlebensausrüstung durch eine von Massenvernichtungswaffen menschenleer gewordene Welt. Ein Grund für sein eigenes Überleben wird nicht genannt. Die Katastrophe, die sich aus der Sicht des als Zeitpunkt der Erzählung angenommenen Jahres 1960 „vor fünf Jahren“ ereignet hat, scheint vor allem die Menschen betroffen zu haben – die Pflanzenwelt ist weitgehend unberührt, die Tierwelt dezimiert, aber noch vorhanden. Über die Reste der Zivilisation breitet sich wieder die Natur aus. Unmittelbarer Ort der Handlung ist – typisch für Arno Schmidt – die Lüneburger Heide, durch die der letzte Überlebende, nach einer langen Reise von Italien herkommend, vagabundiert, bevor ihn der Zufallsfund eines ehemaligen britischen Verpflegungslagers dazu animiert, sesshaft zu werden und ein Holzhaus zu errichten. Zu dessen Ausstattung – mit Büchern und Bildern – unternimmt er eine Fahrradfahrt ins zerstörte und menschenleere Hamburg, wo er Museen und Bibliotheken plündert.

Oft erklärt der Erzähler, über das Ende der Menschheit nicht unglücklich zu sein – diese habe sich als überwiegend vernunftlos und destruktiv erwiesen, und letztendlich sei es „besser so“. Die Menschenleere projiziert er ins Transzendente und verbindet „eine kluge Gedankenspielerei“ mit seiner Wahrnehmung, und in diesem Zusammenhang erscheint der Titel der Erzählung: Die graphische Darstellung des Einheitskreises als „schicklichstes Symbolum von Mensch im All […], in dem sich Alles spiegelt“ und verkürzt, „wobei die Unendlichkeit […] zum tiefsten inneren Mittelpunkt“ wird, assoziiert er mit seiner Betrachtung des Nachthimmels: „(Kurz draußen). Mond: als stiller Steinbuckel im rauhen Wolkenmeer. Schwarze Spiegel lagen viel umher“. Der Einsamkeit entgegenwirkend, personifiziert der Erzähler immer wieder die unbelebte Natur; im Alkohol-Rausch durch die Vegetation taumelnd, erscheinen ihm Büsche, Bäume und Wind als Gefährten, die ihn berühren und zu denen er manchmal sogar spricht. Mehrfach unternimmt er „in den leeren Schalen der Häuser“ Kommunikationsversuche mit verstorbenen Menschen. Z. B. schreibt er vom Postamt an Herrn Klopstock: „Anbei den Messias zurück“. Höhepunkt des ersten Teils ist der Beweis der seit dem 17. Jahrhundert ungelösten Fermatschen Vermutung: „Die schwarze Kuppel der Nacht: aus dem kreisrunden Oberlicht im Zenit kam es giftigklar und so hohnhell, dass der Schnee Augen und Sohlen brannte. Ich setzte mich auf die oberste meiner beiden Holzstufen und schrieb auf einen großen Bogen: Das Problem des Fermat. In soll, die Ganzzahligkeit aller Größen vorausgesetzt, N nie größer als 2 sein können. Ich bewies es mir rasch so: (1) […] Flink zogen sich die Symbole aus dem Bleistift, und ich murkste munter so weiter; das muss man sich mal vorstellen: ich löse das Problem des Fermat! (Aber die Zeit verging vorbildlich dabei).“ Leider ist der Beweis fehlerhaft, erst 1994 konnte der endgültige Beweis durch Andrew Wiles erbracht werden.

Der zweite Teil verbindet eine Liebesepisode mit philosophischen Gedanken über die Menschen. Zu Beginn, am 20. Mai 1962, schreibt der Erzähler einen Brief an den amerikanischen Professor Stewart, in dem er dessen vor dem Atomkrieg in seinem Buch Man. An Autobiography veröffentlichte Auffassungen über die Menschheitsgeschichte scharf kritisiert („in aufrichtiger Verachtung“) und entwirft anschließend einen anspruchsvollen literarischen Test. Er wandert wie im ersten Teil in der Gegend herum und wird, als er wie Robinson Crusoe „am Waldrand so für [s]ich hin[geht]“, plötzlich beschossen. Ihm gelingt es aufgrund seiner Geländekenntnis, in den Rücken des Schützen zu kommen und ihn niederzuschlagen. Dass es sich dabei um eine Frau handelt, ist für den Ich-Erzähler ein regelrechter Schock. Er beschließt, ihre Waffen während ihrer noch andauernden Bewusstlosigkeit heimlich zu entladen und ihr nach ihrem Aufwachen die Gelegenheit zu geben, sein Angebot eines „Waffenstillstands“ aus der vermeintlich stärkeren Position anzunehmen. Es stellt sich heraus, dass ihre Schüsse auf einem Missverständnis beruhten: Aus großer Distanz hat sie sein Fernglas für eine Waffe gehalten und wollte sich verteidigen. Lisa Weber, so der Name der Frau, hat bei ihrer Wanderung von Osteuropa her nur einzelne Menschen getroffen, die jedoch allesamt umgekommen sind. Sie zieht in sein Haus mit dem warmen Ofen und den leckeren Nahrungsmitteln ein und der Einsiedler findet so eine Gefährtin. Es folgt eine kurze Phase spielerisch spontanen Zusammenlebens und sexuellen Rauschs („Golden und hitzig strömte der Nachmittag“), die den Ich-Erzähler für eine Adam-und-Eva-Boheme in idyllischer Natur begeistert und ihn zugleich zum bürgerlichen Pläneschmieden motiviert, mit Gartenbau („‚Nächste Woche machen wir Kartoffeln raus‘ mahnte ich nörgelig, aber sie rümpfte indigniert die Geburtstagsnase“) und gemeinsamem Haushalt („Das brauchen wir jetzt Alles doppelt“). Aber sie lässt vorsichtig ihre Zukunft offen („Woher wissen Sie denn, daß ich bleibe?“). In den Ruhepausen zwischen den Liebeleien diskutieren sie das Ende der Zivilisation und er hält ihr mit den Worten Wielands einen langen Vortrag über die „menschliche Gattung“, die „von Natur aus mit Allem versehen“ ist, „was zum Wahrnehmen, Beobachten, Vergleichen und Unterscheiden der Dinge nötig ist“, doch dessen „Allen ungeachtet, drehen sich die Menschen seit etlichen tausend Jahren immer in dem nämlichen Zirkel von Torheit, Irrtümern und Mißbräuchen herum, werden weder durch fremde noch eigene Erfahrungen klüger, kurz, werden, wenns hoch in einem Individuum kommt, witziger, scharfsinniger, gelehrter, aber nie weiser.“ Als Höhepunkt seines Vertrauens gibt er ihr seine intimste literarische Arbeit, die Memoiren über seine einsame, in seine Phantasiewelt eingesponnene Kindheit zu lesen („steif und mattsilbern stand in der Ferne der Zauberpark und wartete…“). Diese Lektüre ist für sie der Wendepunkt. Sie sagt ihm, dass sie nicht immer bleiben könne und noch mehr Menschen finden müsse. Seine Verneinung ihrer Fragen, ob er auch für Leser schreibe und ob er als Schriftsteller irgendeine propagandistische oder sittliche Aufgabe spüre, lässt sie seine egozentrische Persönlichkeit erkennen („es ist gerade noch Zeit, ehe ich ganz behäbig werde. Du bist mir zu stark“). „Ich muß! erklärt[-] sie entschlossen“ und begründet ihren Abschied mit ihrem Zigeunergeist („Mir gehts zu gut bei Dir“) und ihrer Entwurzelung durch drei Kriege. Der Ich-Erzähler versucht vergeblich sie zu halten. Er bleibt allein zurück: „der letzte Mensch. Noch einmal den Kopf hoch: da stand er grün in hellroten Morgenwolken. Auch Wind kam auf. Wind.“

Entstehung und Veröffentlichung Die Idee zu Schwarze Spiegel stammt bereits aus dem Jahr 1945, als Schmidt sie in britischer Kriegsgefangenschaft als längeres Gedankenspiel entwickelte.Arno Schmidt, Berechnungen II, in: Bargfelder Ausgabe. Werkgruppe III: Essays und Biografisches, Band 3: Essays und Aufsätze 1, S. 275–284, S. 278. Wiederbelebt wurde die Idee aber erst 1951; Schmidt wohnte damals in Gau-Bickelheim nahe Mainz. Laut dem Tagebuch seiner Frau Alice fasste er am 6. Januar des Jahres das erste Mal einen genaueren Plan, wie die Idee auszuführen sei, und begann schon am folgenden Tag mit den Notizen. Er selbst notierte später auf dem Manuskript von Schwarze Spiegel:

„Materialsammlung: 7.1.1951, 20 Uhr – 19.5.51, 10 Uhr Niederschrift: 1. Teil 1.5.51, 10.40 – 12.5.51, 9.15 2. Teil 13.5.51, 7.30 – 20.5.51, 12.30 3. Teil entfällt“

Während der Niederschrift kamen Schmidt plötzlich Zweifel an seinem Werk: Alice Schmidt vermerkte am 2. Juni 1951 in ihrem Tagebuch: „A. klagt, sein Schwarzer Spiegel würde nichts. Ist ganz verzweifelt, er könne nichts mehr. Ich tröste ihn […]“, kurz darauf hatte er sich aber beruhigt: „A. meint jetzt, es wäre etwas besser als Brands Haide“ (Tagebuch vom 12. Juni). Am 21. Juni sah Schmidt das Manuskript noch einmal durch und tippte es vom 22. bis 24. Juni in Reinschrift, die er am nächsten Tag an seinen damaligen Verlag Rowohlt schickte. Kurt W. Marek, Rowohlts Lektor, kritisierte, dass der bisherige Schluss keiner sei und schlug vor, der Autor solle sich einen neuen ausdenken, wogegen Schmidt heftig protestierte. Daraufhin nahm Heinrich Maria Ledig-Rowohlt am 21. Juli 1951 die Erzählung ohne Änderungen zur Veröffentlichung an. Er schlug vor, Schwarze Spiegel zusammen mit Brand’s Haide zu veröffentlichen. Schmidt stimmte zu, so dass das Buch im Oktober 1951 unter dem Titel Brand’s Haide. Zwei Erzählungen erscheinen konnte.Zur Entstehung und ersten Veröffentlichung vgl. Bernd Rauschenbach, Editorisches Nachwort zur Entstehung der Trilogie, in: Arno Schmidt, Nobodaddy’s Kinder, Haffmans, Zürich 1991, S. 245–247 (zitiert bei Schwier, Niemand, S. 306f.).

Bereits 1953 betrachtete Schmidt Schwarze Spiegel als Teil einer Trilogie, als deren andere Teile Brand’s Haide und der in diesem Jahr erschienene Kurzroman Aus dem Leben eines Fauns fungierten.

Erzähltechnik