Vor Sonnenaufgang ist ein 1889 von Gerhart Hauptmann verfasstes Sozial-Drama.
Hintergrund mini|Vor Sonnenaufgang 1889 Die durch die Freie Bühne am Lessing-Theater veranstaltete Uraufführung am 20. Oktober 1889 bedeutete den Durchbruch des Naturalismus im deutschen Theater und die feste Etablierung eines bis dahin fast unbekannten Autors als Dramatiker. Hauptmann hatte für das Stück den Titel Der Säemann vorgesehen, entschied sich dann aber aufgrund eines Vorschlags von Arno Holz für Vor Sonnenaufgang. Zentrale Bedeutung für die Konzeption des Dramas, das unverkennbar in der Nachfolge von Ibsens analytischem Drama Gespenster steht, hat die naturalistische Determinationslehre: Der Mensch ist nicht selbstbestimmt und frei in seinen Entscheidungen und Möglichkeiten, sondern entscheidend geprägt und begrenzt durch die Faktoren Vererbung, Milieu und Erziehung.
Biographischer Hintergrund seines ersten Dramas ist zum einen der Einfluss von Hauptmanns Freunden wie Alfred Ploetz und Ferdinand Simon, die beide Medizin studierten und dem Alkohol abschworen. Hauptmann selbst wurde allerdings nicht wie sie zum Abstinenzler, denn er schrieb später in seinen Erinnerungen Das Abenteuer meiner Jugend: Weiteren Einfluss auf sein Erstlingswerk hatte der Naturapostel Johannes Friedrich Guttzeit, dem er Pfingsten 1888 in Zürich begegnet war. Außerdem verarbeitet Hauptmann darin auch negative Erfahrungen, die er selbst in seiner Kindheit in einem pietistischen Milieu gemacht hatte (und die ihn – nach eigener Aussage – fast in den Selbstmord getrieben hatten), aber auch die seiner ersten Ehefrau Marie Thienemann, die in einer herrnhutischen Erziehungsanstalt zu einem eher ängstlichen, schwermütigen, depressiven Menschen geworden war.
Eine Quelle Hauptmanns war Gustav von Bunges Schrift Die Alkoholfrage, aus der er wörtlich eine Figur – Alfred Loth – zitieren lässt.
Das Stück wurde im August 1889 von dem Berliner Verleger Paul Ackermann auf Empfehlung von Theodor Fontane herausgebracht. 1892 nahm der Verleger Samuel Fischer das Drama in sein Verlagsprogramm auf.
Widmung »Bjarne P. Holmsen, dem konsequentesten Realisten, Verfasser von ›Papa Hamlet‹, zugeeignet, in freudiger Anerkennung der durch sein Buch empfangenen, entscheidenden Anregung. Erkner, den 8. Juli 1889. Gerhart Hauptmann.«Titeltext (www.projekt-gutenberg.org), abgerufen am 14. Mai 2023 (der dreiteilige Erzählband Papa Hamlet wurde 1889 von Arno Holz und Johannes Schlaf unter dem Pseudonym „Bjarne P. Holmsen“ veröffentlicht und gilt neben Hauptmanns Erzählung Bahnwärter Thiel von 1887/88 als Musterfall naturalistischer Prosa)
Aufbau Der Aufbau des Dramas orientiert sich weitgehend am klassischen Vorbild und besteht aus 5 Akten. Das Geschehen schildert einen Tag im Leben der Bauernfamilie KrauseVgl. Metzlers Deutsche Literaturgeschichte. S. 348 und hat nur den Hof bzw. das Zimmer der Krauses als Schauplatz. Die Handlung ist geschlossen und hält die drei Einheiten von Ort, Zeit und Handlung ein. Jedoch ist keine der Figuren adlig, die Ständeklausel wird also aufgehoben. Der tektonische Aufbau des Dramas wird eingehalten – das Bekenntnis der Liebe Helenes bildet den Höhepunkt im 3. Akt und der Suizid die Katastrophe am Ende.
Inhaltsangabe
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Handlungsüberblick
Das naturalistische Schauspiel will die Degeneration einer Bauernfamilie aufzeigen, die durch Kohlefunde reich geworden ist. Viele Mitglieder der Familie, vor allem Bauer Krause und seine Tochter Martha, sind daraufhin alkoholsüchtig geworden. Marthas erstes Kind hat bereits zum Alkohol gegriffen und sich an den Scherben einer Essigflasche, in der sich vermeintlich sein „geliebter Fusel“ (S. 117) befindet, tödlich verletzt. Marthas zweites Kind wird im Schlussakt des Dramas tot geboren. Nur die weibliche Hauptfigur, Helene Krause, unterscheidet sich von ihrem Milieu, denn sie ist auf Wunsch der Mutter, die „am Kindbettfieber“ (S. 98, Z. 18) starb, in einem Herrnhutischen Pensionat erzogen worden (vgl. S. 24, 57, 64, 94, 96); sie grenzt sich somit vom Rest der Familie hinsichtlich Bildung und Gewohnheiten ab. Infolge ihrer Andersartigkeit leidet sie unter dem Trinkermilieu des elterlichen Hauses. Als Alfred Loth, ein Jugendfreund ihres Schwagers Hoffmann, zwecks volkswirtschaftlicher Milieu-Studien zu Besuch kommt, verlieben sie sich. Es kommt, ähnlich wie in Goethes Faust, in einer Gartenlaube zu Annäherungen, zu Liebesbekenntnissen und dem gemeinsamen Wunsch, zusammen ein neues Leben anzufangen. Helene wird jedoch von Loth ohne Zögern zurückgewiesen und verlassen, als er von der Trunksucht der Familie erfährt. Er hat Sorge um seine zukünftigen Kinder, da er von der Vererblichkeit des Alkoholismus überzeugt ist. Die empfindsame Helene nimmt sich daraufhin das Leben.
Inhalt der fünf Akte I. Akt (im „Zimmer“ des Wohnhauses)
Bei seiner Reise ins schlesische Witzdorf, wo er einen Bericht über die dortigen Verhältnisse der Bergarbeiter zu schreiben beabsichtigt, erfährt der Volkswirt Alfred Loth, dass sein alter Studienfreund Hoffmann in eine ortsansässige Bauernfamilie eingeheiratet hat, die über den Verkauf von kohlereichen Ländereien zu Reichtum gelangt ist, und besucht ihn. Im ersten Gespräch zwischen Hoffmann und Loth stellt sich heraus, dass beide in ihrer Jugend offenbar sozialistische Ideale verfolgten, Loth jedoch der einzige ist, der diesen immer noch nacheifert und sich immer noch für eine gerechte Güterverteilung einsetzt. Im Gegensatz dazu hat Hoffmann jene Ideale und Moralvorstellungen weitgehend verworfen und führt nun ein luxuriöses Leben. Vor und während des gemeinsamen Abendessens mit der Bauernfamilie wird Loths Abneigung gegenüber dem Alkohol thematisiert. Er untermauert seine Aversion, indem er die Begegnung mit einem volltrunkenen Bauern im örtlichen Wirtshaus schildert, ohne jedoch zu wissen, dass es sich dabei um Bauer Krause – das Oberhaupt der Bauernfamilie – handelt. Alle Anwesenden am Tisch sind peinlich berührt. Helene, Krauses Tochter aus erster Ehe, die eine gewisse Sympathie für Loth zu entwickeln beginnt, verlässt beschämt den Raum.
II. Akt (Auf dem Gutshof, am nächsten Morgen um vier Uhr)
Am Morgen nach Loths Ankunft auf dem Hofe wankt Bauer Krause betrunken vom Wirtshaus zurück auf den Gutshof. Unfähig, alleine zu gehen, lässt er sich von seiner Tochter Helene helfen, wobei er sie „mit der Plumpheit eines Gorillas“ umarmt und „einige unzüchtige Griffe“ (S. 43) macht. Helene stößt ihn von sich und trägt ihn mit Hilfe des Arbeitsmannes Beibst ins Haus. Kurz darauf tritt Wilhelm Kahl, der Neffe von Frau Krause, Bauer Krauses zweiter Ehefrau, aus dem Hauseingang, und es wird ersichtlich, dass er eine sexuelle Affäre mit ihr hat. Anschließend kommt es zu einem Gespräch zwischen Loth und Helene, bei dem sie sich einander annähern. Aber sie wird immer unsicherer und befürchtet schließlich, dass Loth schlecht von ihr denke, sodass sie überstürzt die Konversation beendet. Helene streitet sich daraufhin mit Frau Krause, da diese beabsichtigt, eine Magd zu entlassen, die sie mit dem Großknecht im Bett ertappt hat. Doch Helene kann ihre Stiefmutter letztlich davon überzeugen, die Magd auf dem Hof zu behalten, indem sie ihr droht, deren Affäre mit Wilhelm Kahl – dem eigenen Neffen – publik zu machen.
III. Akt (im „Zimmer“ des Wohnhauses, einige Minuten später)
Hoffmann und Dr. Schimmelpfennig, ein – wie sich später herausstellen soll – ehemaliger Kommilitone Loths, beraten sich im Wohnhaus des Gutshofs über die bevorstehende Niederkunft von Hoffmanns Frau. Schimmelpfennig rät Hoffmann, das Kind nach der Geburt von der Mutter zu trennen und es lieber in die Obhut seiner Schwägerin Helene zu geben, um dem Kind eine gesunde Entwicklung zu gewähren, da dessen Mutter ebenfalls dem Alkoholismus verfallen ist. Helene, bestürzt über die sozialen Missstände und das Milieu, in dem sie sich wiederfindet, betritt weinend den Raum, nachdem Dr. Schimmelpfennig diesen verlassen hat. Hoffmann nutzt die Gelegenheit, um sich Helene, unter dem Vorwand des Tröstens, körperlich zu nähern und sie zu verführen. Helene wartet zunächst ab, durchschaut dann allerdings das Vorhaben ihres Schwagers und ist empört. Es kommt zu einem heftigen Streit, der nur durch Loths Eintreten unterbrochen wird. Bei einem anschließenden Frühstück versucht Hoffmann herauszubekommen, was der Grund für den Besuch seines Schulfreundes auf dem Lande ist. Loth erzählt ihm, er sei hier, weil er die Lage der ansässigen Bergleute studieren wolle. Hoffmann lenkt das Gespräch in die Richtung der Frauen, und Loth offenbart Hoffmann, welche Kriterien seine zukünftige Frau erfüllen muss. Dieses Gespräch wird passiv von Helene verfolgt, welche Loth nach dem Verschwinden Hoffmanns ihre Liebe gesteht.
IV. Akt (auf dem Gutshof, eine Viertelstunde später)
Nach dem Streitgespräch mit Hoffmann beschließt Loth abzureisen, lässt sich aber schließlich von ihm selbst doch zum Bleiben überreden. Es folgt eine Unterhaltung zwischen Helene und Loth in der Gartenlaube, wobei die beiden sich näherkommen, sich küssen und gegenseitig ihre Liebe gestehen. Loth erfährt, dass Helene nicht – wie alle anderen Mitglieder der Familie – auf dem Hof, sondern in der Pension großgezogen wurde und große Schwierigkeiten hat, sich auf dem Hof erneut einzuleben. Allerdings erfährt er nicht die konkreten Gründe dafür, da Helene nicht den Mut aufbringt, ihm vom Alkoholismus ihrer gesamten Familie zu berichten, aus Angst, Loth könnte sie deswegen verlassen. Die Unterredung der beiden wird unterbrochen, als bei Helenes Schwester, Hoffmanns Frau Martha, die Wehen einsetzen. Helene geht, um den Arzt, Dr. Schimmelpfennig, zu holen.
V. Akt (im „Zimmer“ des Wohnhauses, zwei Uhr nachts bis „Sonnenaufgang“)
Loth und sein alter Studienkollege Schimmelpfennig treffen aufeinander, beginnen eine Konversation über alte Zeiten und tauschen sich über gegenseitige berufliche Absichten aus, wobei sie immer wieder unterbrochen werden, da der Doktor mehrmals den Raum verlassen muss, um sich um die gebärende Martha zu kümmern. Während dieser Unterbrechungen tritt Helene auf und vergewissert sich jedes Mal aufs Neue, dass Loth sie nicht alleine lasse und ohne sie fortgehe. Schimmelpfennig erzählt Loth zuletzt von der Degeneration der Witzdorfer und vom Alkoholismus der Bauernfamilie Krause, was Loth dazu bewegt, die Beziehung zu Helene zu beenden, da er an die Vererbbarkeit von Alkoholismus glaubt und die Gesundheit potentieller Kinder, die er mit Helene haben könnte, gefährdet sieht. Er schreibt einen Abschiedsbrief an sie und verlässt gleich darauf den Hof. Als Helene Hoffmann davon unterrichten will, dass sein Kind tot geboren wurde, entdeckt sie den Abschiedsbrief Loths, ist erschüttert und nimmt sich in ihrer Verzweiflung das Leben.
Beziehungen der Figuren untereinander
Diagramm der Beziehungen der Figuren untereinander
Einzelbetrachtung der Figuren Alfred Loth Der Volkswirt verkörpert die Prinzipien des Naturalismus. Nach dem Vorbild des französischen Schriftstellers Zola (1840–1902) ist der Mensch, wie eingangs erwähnt, aufgrund von Vererbung, Milieu, Erziehung determiniert. Loth hat ein äußerst engstirniges Menschenbild; er verlässt Helene, die er heiraten wollte (S. 114f), trotz seiner tief entfachten Gefühle für sie, als Dr. Schimmelpfennig ihn über den Alkoholismus in der Familie informiert: „Du wirst Helene Krause, glaub’ ich, nicht heiraten können.“ (S. 114). Obwohl der Arzt einräumt, es seien Fälle bekannt, „wo solche vererbete Übel unterdrückt worden sind“ (S. 119), ist Loth sofort entschlossen, auf Helene zu verzichten.