Der Begriff Laienbuddhismus bezeichnet buddhistische Praxis und Lehre, wenn sie nicht von Mönchen oder Nonnen ausgeübt bzw. gelehrt wird. Lebensweise, Praxis sowie die Stellung von Laien und nichtordinierten Praktizierenden in der buddhistischen Gemeinschaft (Sangha) variieren sehr, je nach Ausrichtung der einzelnen Schulen.
Begriffsgeschichte Historischer Hintergrund Oft wird mit der buddhistischen Praxis eine rein monastische Lebensausrichtung in Verbindung gebracht: Buddha Shakyamuni selbst gab das Haushälterleben auf, zog sich in die Wälder zurück und folgte einem weltabgeschiedenen kontemplativen Leben. Auch ordinierte er einen Großteil seiner Schüler und sie folgten dem zölibatären, weltentsagendem Lebensstil.
Eine der Handlungen des Buddha war, sicherzustellen, dass vor seinem Tod, die vier Arten der Versammlung (der Schüler des Buddha) in Existenz kamen. Alle vier werden als Garant für Erhalt und Weitergabe der Lehren beschrieben. Sie bestehen aus den Laienanhängern, Laienanhängerinnen, Mönchen und Nonnen und werden unter dem Begriff Vierfache Gemeinschaft zusammengefasst.
Nach Buddhas Tod wurde die buddhistische Lehre hauptsächlich über Ordinierte weitergegeben, die sich ein ganzes Leben lang dem Studium und der Praxis der Lehren widmen konnten. Laien wiederum unterstützten die Ordinierten und erhielten von ihnen Unterweisungen. So wurde der Buddhismus hauptsächlich in Klöstern tradiert während Laien eine wesentliche Rolle in der materiellen Unterstützung der Klöster spielten.
Im 17. und 18. Jahrhundert kam es zu ersten Kontakten von westlichen Menschen mit dem Buddhismus durch christliche Missionare, die selbst mönchisch organisiert waren. So wurden die buddhistischen Lehren anfangs mit einer christlichen Interpretation in westliche Länder wie beispielsweise England und Deutschland vermittelt und die buddhistische Gemeinschaft aus der Perspektive der eigenen Organisationsform gesehen.G.W.Leibniz: Das Neueste von China, Novissima Sinica. Hrsg. Heinz-Günther Nesselrath und Hermann Reinbothe, Köln, 1979, S. 9Arthur Schopenhauer: „Über den Willen in der Natur“, Zürich, 1977, S. 205
Autoren wie der Soziologe Max Weber oder der britische Indologe Edward Conze kamen zu dem Schluss, es handle sich beim Buddhismus um eine „elitäre Mönchsreligion“. Sie bezogen sich dabei in erster Linie auf die Lehrreden des Buddha für Ordensmitglieder (Vinaya), welche einen Großteil aller Lehrreden, die in Drei Körben (Tripitaka) zusammengefasst sind, ausmachen. Der zweite Korb der Lehrreden des Pali-Kanons, der Suttapitaka, beinhaltet jedoch auch über 360 Lehrreden, die für die nicht ordinierten Schüler Buddhas bestimmt sind. Dazu gehört u. a. das „Buch der Hausväter“ (gahapativagga). Auch große indische Mönchs-Gelehrte und Tantriker, wie z. B. Nagarjuna verfassten zahlreiche Abhandlungen für Laien.
Begriffsbestimmung Die Ausdrücke „Mönch/Nonne“ und „Laie“ entstammen der abendländisch-christlichen Tradition und sind deshalb an sich schon problematisch zur Beschreibung der buddhistischen Gemeinschaft, die jeden Menschen umfasst, der Buddhas Lehre folgt. So wird im aktuellen „Wahrig. Deutsches Wörterbuch“ der Laie definiert als „jemand, der von einem bestimmten (Fach) nichts versteht“. Deshalb wird an mancher Stelle auch der Begriff „Nichtordinierte“ bevorzugt. Das Wort „Laie“ wird in der buddhistischen Literatur dennoch häufig verwendet (Richard Gombrich, Edward Conze u. a.), da der Begriff auch im christlich-religiösen Kontext nicht als Gegenwort zu „Fachmann“ verwendet wird, sondern als Gegenwort zu „Geistlicher“.
Buddha selbst verwendete für Nichtordinierte zwei Bezeichnungen: „gahapati“ (Hausvater) bzw. „gahapatikā“ (Hausmutter) und „upāsaka/upāsikā“, was wörtlich ein „Dabeisitzender“ ist, aber meist mit „Anhänger/Anhängerin“ übersetzt wird. Ebenfalls nicht zur Mönchsgemeinschaft, sondern zu den Laienschülern gehörten die Wanderasketen (Pali: samana), die in Hauslosigkeit lebten und materiellem Besitz entsagt hatten. Das konnten sogar Wanderasketen anderer philosophischer Schulen sein. Die sogenannten Laienschüler oder -anhänger waren also Hausleute und andere Laien, die Zuflucht zu Buddha und seinen Lehren (Sanskrit: Dharma) genommen hatten.Fritz Schäfer: Der Buddha sprach nicht nur für Mönche und Nonnen. Die ganze Lehre erstmals nach seinen Reden für Nichtasketen, Werner Kristkeitz Verlag, Heidelberg-Leimen (2002), ISBN 3-921508-80-0
Verschiedene Strukturen auf Grund unterschiedlicher Bedingungen Grundsätzlich wandte sich der historische Buddha Shakyamuni an alle Menschen. Auf Grund ihrer oft sehr verschiedenen sozialen, kulturellen und individuellen Bedingungen gibt es aber unterschiedliche Wege zum Ziel, der Erleuchtung. Der Buddhismus beansprucht, dass dieses Wissen um Weg und Ziel der Praxis und die Erfahrung von Befreiung und Erleuchtung unabhängig von kulturellen Rahmenbedingungen oder gesellschaftlichen Positionen vermittelt werden kann. Heute stehen buddhistische Praxiswege aus verschiedenen Epochen und Regionen in großer Vielfalt nebeneinander. Die sich je nach Schule und Tradition unterscheidenden Schwerpunkte bei Meditationen, Verhaltensregeln und theoretischen Erläuterungen bedeuten auch eine unterschiedliche Sicht auf die Nichtordinierten.
Trotz der Unterschiede in der Form, wie Buddhismus praktiziert wird, sind grundlegende Inhalte jedoch gleich, unabhängig davon, ob man als Laie oder Ordinierter praktiziert. Wichtiges Beispiel hierfür ist das Sich-Üben in den Tugenden der Paramitas, zu denen auch die Fünf Silas gehören.
Aspekte des Laienbuddhismus in unterschiedlichen Schulrichtungen und asiatischen Ursprungsländern
Theravada
Für die zum Theravada zählenden Schulen stehen die frühesten schriftlich überlieferten Belehrungen Buddhas im Mittelpunkt. Das Studieren der Texte und die Weitergabe von Belehrungen wurde fast ausschließlich von Ordinierten ausgeführt. Sie galten als „die“ Gemeinschaft der Praktizierenden schlechthin (Sangha). Die Funktion der Laien beschränkte sich im Alltag zu großen Teilen auf die Rolle eines „Dabeisitzenden“ (upāsaka), der das Mönchswesen unterstützte. Zu bestimmten Zeiten, wie z. B. den Uposatha-Feiertagen, war es für Laien üblich, nach den Anforderungen der Ordinierten zu praktizieren.
In Thailand ist es Brauch, dass junge Männer ein bis drei Jahre als Mönche leben, um anschließend wieder in den Laienstand zurückzutreten, und erst dann eine Familie gründen. Sowohl die Ordination, als auch die Rückkehr in den Laienstand, werden mit einem Fest begangen.
Nach der Lehrmeinung des Theravada ist der Eintritt in das Nirwana für einen Laien nicht möglich. Jedoch soll Wohltätigkeit in allen Lebensbereichen (Sanskrit:dāna) gute Bedingungen schaffen, um in einem nächsten Leben eine Wiedergeburt als Mönch zu erlangen, was als Grundvoraussetzung betrachtet wird, Erleuchtung im Sinne eines Arhat zu erlangen.
Mahayana
Nach den Lehren des Mahayana, zu denen auch Vajrayana, Zen und Chan gehören, ist es auch Nichtordinierten (Laien) möglich, Erleuchtung zu erlangen. Dies steht in enger Verbindung mit der Vorstellung des Bodhisattva-Ideals und dem des „Erleuchtungsgeistes“ (Bodhicitta). Demzufolge wird das eigene Bedürfnis, für sich selbst Erleuchtung zu erlangen, hintangestellt, um zum Besten aller Wesen zu wirken und ihnen somit zu helfen, ebenfalls aus dem Daseinskreislauf des Leidens (Samsara) herauszutreten.
Im Vimalakirti-Sutra, einem im Mahayana geschätzten Lehrtext, der von einem „Haushälter“, also Laien gegeben wurde, heißt es, man solle „das Glück der Weltabgeschiedenheit nicht für das höchste halten; sich nicht an das eigene Glück hängen, sondern an dem Glück anderer sich freuen“Vimalakirti-Nirdesha, Jakob Fischer, Yokota Takezo, Kawase Kozyun: Vimalakirti-Sutra, Angkor-Verlag, Neuaufl. (März 2005), ISBN 3-936018-31-6.
Ein Bodhisattva wird den Mahayana-Lehren zufolge letztlich den Weg wählen, auf dem er am meisten von Nutzen für andere sein kann und davon abhängig machen, ob er als Ordinierter oder Laie praktiziert.
Gerade die Haltung des Mahayana, dass das höchste Ziel des Buddhismus – die Erleuchtung – nicht nur Mönchen und Nonnen vorbehalten ist, trug in vielen Ländern zur Ausbreitung und Akzeptanz der buddhistischen Lehre mit bei, beispielsweise in China und Japan.
Laienbuddhismus in China Die Entwicklung des Buddhismus in China wurde beeinflusst durch die vorherrschende Sozialethik, dass zu den ersten Pflichten des Menschen die Familienfürsorge und ihr Erhalt gehören. Dadurch kam bereits in den Anfängen des chinesischen Buddhismus im 3. Jh. den Laien eine wichtige Rolle zu. Die Anzahl der Mönche und Novizen war dementsprechend eher gering.
Ein weiterer Grund für eine stärkere Ausrichtung am Laienbuddhismus war, dass ein Wachstum des Klerus von den Regierenden mehrfach in der Geschichte Chinas als der Wirtschaft abträglich wahrgenommen wurde. Sie sahen darin die Gefahr, zu hohe Verluste an Arbeitskräften und Steuereinbußen zu verzeichnen. Im Jahr 845, während der Tang-Dynastie, führte dies zu landesweiten Zerstörungen von Klöstern, Bücherverbrennungen, zwangsweiser Rückkehr Ordinierter in den Laienstand und sogar Hinrichtungen.Damien Keown: Lexikon des Buddhismus, Patmos-Verlag in Abstimmung mit Oxford University Press, Düsseldorf (2005), ISBN 3-491-72488-0
Laienbuddhismus in Japan In Japan entwickelten sich im Mittelalter verstärkt buddhistische Laiengruppierungen, mitunter aufgrund politischer Hintergründe. Eine bedeutende Rolle spielten hierbei die erstmals im 11. Jahrhundert in großen Zahlen aufkommenden, sogenannten Hijiri (; wörtl. „Heilige“), Laien oder ehemalige ordinierte Mönche, die ohne Anerkennung durch die Regierung als Wandermönche durch das Land und die Städte zogen, um ihre oft eklektischen Lehren unter dem gemeinen Volk zu verbreiten.Dennis Hirota: „Plain Words on the Pure Land Way“, in: George J. Tanabe, Jr. (Hrsg.): Religions of Japan in Practice, Princeton Readings in Religions, Princeton University Press, Princeton 1999. ISBN 0-691-05788-5. S. 268.
Eine im sino-japanischen Raum (China, Korea, Japan, Taiwan, Vietnam, Singapur) weit verbreitete Schulrichtung mit vielen Laienanhängern ist der Amidismus. Dieser teilt sich in mehrere Unterschulen auf, deren größte die von Shinran Shōnin (* 1173; † 1263) gestiftete Jōdo-Shinshū ist (dt.: Wahre Schule des Reinen Landes). Sie wird fälschlicherweise häufig als „reine Laienbewegung“ dargestelltu. a.:Frank Reiner Scheck; Manfred Görgens: Buddhismus, DuMont-Verlag, Köln, 4. Auflage (2004), S. 141f., ISBN 3-8321-3601-0. In ihr wird jedoch großer Wert auf das Prinzip des „hisō hizoku“, „weder Mönch noch Laie“, gelegt. Ihren Tempeln steht eine Priesterschaft vor, die nicht zölibatär ist. Die Vorsteherschaft der größten Jōdo-Shinshū-Sekten wird an leibliche Kinder vererbt.
Sowohl im Amidismus, als auch in den von Nichiren geprägten neuen Religionen in Japan spielen die altbuddhistischen Lehren eine untergeordnete Rolle, weshalb einige Religionswissenschaftler und Buddhologen teilweise von einer „Verflachung“ des Buddhismus sprechen.Unter anderem: Helwig Schmidt-Glintzer: Der Buddhismus;Heinz Bechert, Richard Gombrich (Hrsg.): Der Buddhismus. Geschichte und Gegenwart
Laienbuddhismus in Tibet In den tibetisch-buddhistischen Schulen der Nyingma, Sakya und Kagyüpa zählen seit jeher sowohl Ordinierte als auch Laien zu den wichtigsten Lehrern. Das gilt auch für die Gelugpa-Schule, obwohl sie stark monastisch orientiert ist.