Chungking Mansions () ist ein Wohnkomplex an der Südspitze von Kowloon am Anfang der Nord-Süd-Hauptverkehrsader Nathan Road im Stadtteil Tsim Sha Tsui von Hongkong. Es ist bekannt für die kulturelle Vielfalt der Bewohner und Besucher – etwa 10.000 Besucher täglich – sowie für die preisgünstigen Unterkünfte. Der Bau, mit vielen Ethnien aus der ganzen Welt auf engem Raum, wird von den Einheimischen und Bewohnern des Gebäudes auch liebevoll Little United Nations (etwa: „die kleine UN“) genannt. Manchmal wird die Atmosphäre im Gebäude mit der 1993/94 abgerissenen Kowloon Walled City verglichen und aufgrund der vielen afrikanischen Kleinhändler und Geschäftsleute als Hongkongs inoffizielles afrikanisches Viertel beschrieben.

Etymologie Das Gebäude ist nach dem „Chongqing-Markt“ () benannt, einem kleineren eingeschossigen Gebäude, der sich bis in die Fünfzigerjahre an diesem Standort befunden hatte. Dessen Name verweist wiederum auf die chinesische Großstadt Chongqing – nach der veralteten Transkription der Chinesischen Post Chungking geschrieben. Während des Zweiten Weltkriegs zur Zeit der japanischen Besetzung Hongkongs wurde das Gebäude kurzzeitig in Chuko-Markt /> () umbenannt.

Gebäude und Nutzung Das Gebäude mit Mischnutzung besteht aus fünf Blöcken (A bis E) mit jeweils 17 Etagen mit insgesamt 770 Wohnungen, von denen sich die Einkaufspassagen über die untersten beiden Etagen und das Untergeschoss erstrecken. Diese Einkaufspassagen bestehen aus verschiedenen kleinen Läden und Wechselstuben. Die oberen Etagen der fünf Blöcke werden von jeweils zwei Aufzügen bedient und sind nicht miteinander verbunden. Ein Aufzug bedient die Geschosse mit geraden Zahlen, der andere die mit ungeraden Zahlen. Neben Wohnungen befinden sich dort einfache Restaurants, wie beispielsweise afrikanische Bistros, nepalesische Restaurants, kleine indische, pakistanische Familiengastronomie für Curryspeisen, Gastronomie der südostasiatische Küche sowie Hostels und Hotels der untersten Preiskategorie. Die kleinen Läden verkaufen oft Mobiltelefone sowie zugehörigen Dienstleistungen und Zubehör, wie beispielsweise SIM- und Telefonkarten, o. Ä. Daneben finden sich dort auch viele Läden für Bekleidung (z. B. Saris), spezielle Snacks und Kiosks sowie verschiedene Waren des Grauen Markts insbesondere für den Retail- und Exporthandel nach Südostasien und Afrika.

Die verschiedenen Einkaufspassagen des Chungking Mansions haben im Gebäude jeweils einen separaten Eingang. Sie sind baulich voneinander getrennt und intern nur über Fluchtwege miteinander verbunden. Alle Einkaufspassagen haben jeweils ihren Hauptzugang auf der Hauptfassadenseite des Gebäudes auf der Nathan Road.

Cke Die Einkaufspassage Cke () kann auch über einen separaten Eingang an der Seitenstraße der Nathan Road betreten werden. Sie befindet sich auf einem Teil der zweiten und dritten Etage, besitzt jedoch außer Fluchttüren keinen regulären Durchgang zum Rest des Gebäudes. Im Vergleich zur Einkaufspassage im Erdgeschoss ist das Cke optisch ansprechend gestaltet und sauber gehalten, besteht jedoch ebenfalls aus engen Gängen und kleinen Läden, die eher untypisch für ein Hongkonger Einkaufszentrum in dieser prominenten Lage sind.

WK Square Eine weitere Einkaufspassage ist das 2014 eröffnete WK Square (), ehemals Wood House (, November 2009–2013), im Untergeschoss des Gebäudes, das über einen separaten Eingang auf der Nathan Road betreten werden kann. Im Cke und WK Square ist das Verhandeln um Preise – anders als im restlichen Gebäude – eher unüblich und man kann dort auch hochwertige Waren erwerben.

Geografie

Das Chungking Mansions befindet sich im geschäftigen Yau Tsim Mong Distrikt am südlichen Ende der Halbinsel Kowloon an der Kreuzung von Nathan Road und Peking Road. Es liegt in direkter Nachbarschaft zu Tsim Sha Tsui-Ost (, , meist kurz ), nahe der Kreuzung der beiden Hauptverkehrsstraßen Salisbury Road und Nathan Road.

Lage und Umgebung In unmittelbarer Nähe liegen die MTR-Bahnhöfe Tsim Sha Tsui bzw. East Tsim Sha Tsui und höherpreisige Hotels und Einkaufszentren. Das Kowloon Mosque and Islamic Centre, der Kowloon Park und das Tsim Sha Tsui Public Pier von Star Ferry sind in fußläufiger Entfernung. Das Hochhaus ISQUARE mit Einkaufszentren ist direkt gegenüber. Ebenfalls in der Nähe ist das Hochhaus Mirador Mansions, das von der Bewohnerschaft und dem Gebäudezustand an das Chungking Mansions erinnert, jedoch kleiner und weniger bekannt ist. Um die Ecke auf der Salisbury Road direkt am Meeresufer, parallel zum Victoria Harbour, befinden sich der Tsim Sha Tsui Clock Tower, das Peninsula-Hotel und das Hong Kong Cultural Centre Complex, ein Ensemble verschiedener Museen und Kultureinrichtungen (z. B. Hong Kong Cultural Centre, Hong Kong Museum of Art, Hong Kong Space Museum, Salisbury Garden, Avenue of Stars).

Geschichte Das ehemalige eingeschossige Vorgängergebäude Chungking Mansion hieß „Chongqing-Markt“ (). Zur Zeit der japanischen Besetzung Hongkongs (1941–1945) hieß das Gebäude kurzzeitig „Zhongxing-Markt“ (), nach der japanischen Aussprache „Chuko-Markt“ (). Der Bau der heutigen Chungking Mansions begann 1959 und wurde am 11. November 1962 als gehobenes Wohn- und Geschäftshaus fertiggestellt. Es war eines der höchsten Gebäude im Stadtbezirk. Daher stammt der Name Mansions, was so viel wie Herrenhaus bedeutet. Die Bewohner und Ladenbetreiber im Chungking Mansions waren überwiegend chinesischer und zum Teil indischer Herkunft. Die unübersichtliche Innenarchitektur und einfachste Bauweise führte zum schnellen Wertverfall der Wohneinheiten, die sich im Besitz von mehreren hundert Eigentümern befanden. Amerikanische Soldaten (GIs), die sich während des Vietnamkriegs (1955–1975) in Hongkong aufhielten, suchten gegen Ende der 1960er Jahre Prostituierte im Chungking Mansions auf.Mathews 2011, S. 33f.

Immer mehr Wohnungseigentümer verließen das Gebäude und viele Wohnungen wurden zu Hostels mit kleinen Zimmern umgebaut. Ende der 1970er Jahre war das Chungking Mansions ein beliebter Beherbergungsort für Rucksacktouristen und wurde von den Lonely-Planet-Reiseführern empfohlen. Die große Anzahl Bewohner und Besucher belastete die Infrastruktur des Gebäudes, die nicht für die vielen Gästezimmer ausgelegt war. Es gab häufig Brände im Gebäude. Im Jahr 1966 und 1971 kam es zu zwei Großbränden, 1971 wurden dabei 14 Menschen verletzt. Zwischen 1985 und 1988 wurden 29 Brandmeldungen gezählt. Im Februar 1988 verunglückte ein dänischer Tourist, als er versuchte, durch ein Fenster vor einem Feuer zu flüchten. Im Juli 1993 kam es aufgrund einer Überlastung zu einer Explosion und einem Brand im Hausanschlussraum für Strom. Die Elektrizitäts- und Wasserversorgung fiel für zehn Tage und Nächte aus. Nachdem das Chungking Mansions bei der Hongkonger Bevölkerung ohnehin schon in Verruf war, nahmen nun die Forderungen zu, die Missstände abzuschaffen. Die Lizenzbestimmungen für Gasthäuser wurden verschärft und mehrere Dutzend Gasthäuser geschlossen. Die Polizei führte Razzien durch und verhaftete illegale Migranten.Mathews 2011, S. 35ff. Die Eigentümerschaft stellte Geldmittel zur Renovierung und Verbesserung der technischen Gebäudeausrüstung bereit (bis 1999 über 13 Mio. HKD).

In den fünf Jahren der ersten Phase des Verbesserungsprogramms gab es mehrere Maßnahmen, um das Gebäude aufzuwerten. Eine Videoüberwachungsanlage mit 204 Videokameras wurde bis 2004 im gesamten Gebäude installiert und 2013 auf 303 Kameras erweitert. Die Kameras decken etwa 70 Prozent der relevanten Flächen ab. Künftig soll die Zahl der Kameras etwa 80 bis 90 Prozent der relevanten Flächen abdecken. Ein privater Sicherheitsdienst wurde engagiert, der rund um die Uhr im Gebäude Streife geht. Zentral überwachte Brandmelder wurden installiert.Mathews 2011, S. 37. Die feierliche Inbetriebnahme zum Abschluss der ersten Phase der Instandsetzung und Renovierung wurde mit einem Löwentanz gefeiert. In der zweiten Phase wurden die Außenfassaden instand gesetzt (incl. Abbau der Klimaanlagen an der Hauptfassade). Im Gebäudeinneren wurden Aufzugsanlagen technisch optimiert und überholt, Lobbys vor den Aufzügen renoviert, die Beleuchtung der Flure sowie elektrische Leitungen erneuert. Am 11. November 2011, zum Ende der zweiten Phase, wurde die Renovierung der gesamten Außen- und Frontfassade inklusive Medientafel und Beleuchtung zur Nathan Road fertiggestellt und mit einem Lichteffekt als Blickfang ausgestattet. Die Gesamtkosten der Maßnahmen beliefen sich auf rund 19 Millionen HKD (ca. 2,0 Mio. Euro). Sie wurden zum 50. Jubiläum des Chungking Mansions feierlich abgeschlossen.

Bewohner und Eigentümer

mini|Sehr kleines Zimmer der Gästehäuser – Nasszelleneinheit mit Dusche und WC, 2013 Der Anthropologe Gordon Mathews () von der Chinesischen Universität Hongkong besuchte über mehrere Jahre regelmäßig das Chungking Mansions und schrieb darüber wissenschaftliche Aufsätze. Jeden Tag halten sich geschätzt 4000 Menschen im Chungking Mansions auf, hauptsächlich aus Indien, Pakistan, Nepal und anderen südasiatischen sowie afrikanischen Ländern. Mathews zählte 129 Nationalitäten in den Gästebüchern der rund 90 Gasthäuser mit insgesamt 1000 Betten. Insgesamt gibt es 380 Geschäfte, Gasthäuser und davon rund 20–30 Restaurants.

Mathews beschreibt das Chungking Mansions als Beispiel für die Globalisierung der unteren Klasse („low-end globalization“). Geschäftsreisende aus Entwicklungsländern nutzen die liberalen Einreisebestimmungen Hongkongs, um günstig an Waren zu gelangen, die sie in ihrer Heimat verkaufen können. Nach Mathews’ Schätzung basierend auf den Absatzzahlen für Mobiltelefone verschiedener Händler, wurden 20 % der Mobiltelefone in Afrika südlich der Sahara im Chungking Mansions gehandelt.Mathews 2011, S. 105f. Zwar gäbe es auch Drogenmissbrauch, Prostitution und gelegentlich ethnische Konflikte, die meisten Bewohner würden jedoch friedlich im Chungking Mansions leben, um ungestört Geld verdienen zu können. Dennoch sind nicht alle Aktivitäten legal. So werden zum Beispiel Produktfälschungen von Mobiltelefonen, Computern und anderen Waren gehandelt. In den oberen Etagen sollen laut Mathews einige Restaurants und Gästezimmer ohne Lizenz betrieben werden. Einige Angestellte reisen als Touristen oder Asylbewerber ohne Arbeitserlaubnis ein, oder haben ein legales Arbeitsverhältnis als Haushaltshelfer, werden statt im Haushalt des Arbeitgebers jedoch in einem Gasthaus eingesetzt. Die Gasthäuser und Restaurants sind angewiesen auf billige, illegale Arbeitskräfte, um den niedrigen Preis für ihre Kundschaft mit geringer Kaufkraft halten zu können.Mathews 2011, S. 41ff.

Im Jahr 2007 besaßen 920 Eigentümer Wohn- und Geschäftseinheiten im Chungking Mansions. Man schätzt, dass rund 4.000 Bewohner im Gebäude leben. Entgegen der Länderverteilung in der Bewohnerschaft sind die Eigentümer zu 70 % Chinesen und 30 % Südasiaten.Mathews 2011, S. 38. Trotz des schlechten Gebäudezustands ist der Wert der Einheiten aufgrund der ausgezeichneten Lage und der vielen Besucher in den letzten Jahren gestiegen. Ein gut besuchtes Restaurant in den oberen Etagen hatte im Jahr 2007 einen Wert von 2,5 Mio. HKD (ca. 270.000 EUR), eine 65 m² große Wohnung 1,4 Mio. HKD (ca. 150.000 EUR).Mathews 2011, S. 41. Die Eigentümer profitieren von der Wertsteigerung und von laufenden Einnahmen durch Vermietung und Verpachtung, so dass ein Neubau für einen potentiellen Investor wenig rentabel erscheint.Mathews 2011, S. 217.

Beherbergungsbetrieb